Weltkindertag am 20. September 2004 in Bad Schwalbach

Dr.Karin Jäckel

Bad Schwalbach, ein 10000-Seelen-Städtchen vor den Toren Wiesbadens und bekannt für sein berühmtes Schlangenbad, welches schon Kaiserin Sissi das Gemüt aufhellen und die schwache Gesundheit kräftigen sollte, leistete seinen Beitrag zum Weltkindertag 2004 mit einer um 19.30 Uhr beginnenden öffentlichen Podiumsdiskussion zum Thema "Recht und Wohl des Kindes nach Trennung und Scheidung."

Veranstalter waren das Büro für Gleichstellungsfragen im Rheingau-Taunus-Kreis, die Frauenbeauftragte der Stadt Bad Schwalbach, sowie die Vereine des Kinderschutzbund Rheingau, des Kinderschutzbund Untertaunus und des Väteraufbruch für Kinder.
Gemeinsam hatten sie Klaus Döbbert, Familienrichter in Rüsselsheim, Ursula Kodjoe, Psychologin und Mediatorin aus Freiburg im Breisgau, Manfred Lengowski, Vertreter des Jugendamtes Cochem-Zell, Knut Petzel, Rechtsanwalt, Dr. Karin Jäckel, Autorin aus Oberkirch in der Ortenau, sowie Bernd Fritz, Redakteur der FAZ, als Podiumsgäste eingeladen, die nach einem jeweils mehr oder minder langen Statement für Fragen aus dem Publikum zur Verfügungen standen.

Ich, Karin Jäckel, erfuhr erstmals durch eine E-Mail meiner Lektorin im Deutschen Taschenbuchverlag von der Veranstaltung. Sie war von Peter Fuchs, Mitglied des Vereins Väteraufbruch und begeisterter Bad Schwalbacher, angeschrieben worden, da er mich nach der Lektüre meines im August 1997 beim DTV veröffentlichten erzählenden Sachbuches "Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt. Väter nach der Trennung" als Podiumsgast gewinnen wollte. Da mir die Idee gefiel, am Weltkindertag über die in Deutschland vernachlässigten Kinderrechte und die im internationalen Vergleich weit abgeschlagene deutsche Kinderfreundlichkeit zu diskutieren, sagte ich Peter Fuchs meine Teilnahme gern zu.

Wie ausgemacht, erwartete er mich rechtzeitig auf dem Wiesbadener Bahnhof, um mich die restlichen Kilometer in seinem privaten Fahrzeug nach Bad Schwalbach zu bringen. Der leere Kindersitz neben mir im Fond des Wagens schien mir wie ein Symbol für die anstehende Veranstaltung. Ursula Kodjoe, die bereits vor mir in Wiesbaden eingetroffen war, fuhr ebenfalls mit. Da ich noch nie zuvor in Wiesbaden war, genoss ich die Fahrt durch die von wunderbaren Jugendstil-, Biedermeier- und Gründerzeitstil-Häusern gesäumten Straßen und freute mich an den Hinweisen und Erklärungen, die Peter Fuchs in Fülle zu bieten hatte. Ganz sicher werde ich künftig immer an den Weltkindertag 2004 und die kurvige Berg- und Talfahrt hinauf und hinab nach Bad Schwalbach denken, wenn ich in den Kühlregalen irgendeines Kaufhauses "Schwälbchen-Milch-Produkte" sehe und mich daran erinnern, dass es isabellenfarbene Kühe und die Mehlschwalbe sind, die dem Produkt Qualität und Namen geben.

Bereits im Foyer vor dem Eingang zum Sitzungssaal der für eine 10000-Seelen-Stadt erstaunlich prachtvollen Stadthalle empfingen den Besucher neben einer gut sortierten Getränkebar mehrere Stellwände mit Hinweisen verschiedenster Art sowie Tische mit stapelweise Informationsmaterialien zum Mitnehmen. Wie Peter Fuchs ein wenig lachend, ein wenig stolz erklärte, hatte er Stunden mit der Zusammenstellung und Vorbereitung für diesen Service verbracht. Selbst das Österreichische Ministerium für Soziales hatte sich beteiligt, indem es neben anziehend gestalteten Aufklebern informative Broschüren gesandt hatte.
Ergänzend befand sich gleich hinter der einladend geöffneten Saaltür ein Büchertisch. Hier gilt mein besonderer Dank dem oder den Herren des Vereins Väteraufbruch für Kinder, die sich erbötig gemacht hatten, die Bücher - auch meine - zu präsentieren und auf Wunsch zu verkaufen.

Zeigten die Veranstalter und Veranstalterinnen gegen 19.15 Uhr noch ein besorgtes Gesicht wegen des zu dieser Zeit eher tröpfelnden Besucheraufkommens, erwies sich der große Sitzungssaal eine halbe Stunde später als nahezu voll. Sogar ein Bundestagsabgeordneter, MdB Willsch, war gekommen und schien sich während der Diskussion die eine oder andere Notiz zu machen.
Vermisst wurden zum Bedauern der Veranstalter der so genannte "Arbeitskreis Kindschaftsrecht" der Stadt, welcher explizit eingeladen worden war. Dieser AK besteht aus Vertretern des Jugendamtes, der Erziehungsratungsstelle und verschiedenen Richtern. Wie im Kreis der Veranstalter vermutet wurde, missachteten die Herrschaften die Veranstaltung aus denselben Gründen, aus denen heraus sie es bisher auch ablehnten, Vertreter des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" als Mitglieder in ihre Reihen aufzunehmen, da sie diese als "befangen" und somit als untauglich für eine sinnvolle Zusammenarbeit ansehen.

Dass der Bad Schwalbacher mit dieser Abwehrhaltung gegenüber dem "Väteraufbruch" nicht allein steht, zeigte eine Bemerkung aus dem Zuhörerkreis. Es habe sich der Verein unlängst in einen vergleichbaren Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt einbringen wollen, sei jedoch rigoros abgelehnt worden. Da man dies nicht hinnehmen wollte, habe der Verein sich zu diesem Runden Tisch erfolgreich vor Gericht eingeklagt. Doch trotz des richterlichen Votums zur berechtigten Teilnahme habe der verantwortliche Landrat sich bisher immer noch geweigert und keine entsprechenden Einladungen an den "Väteraufbruch" verschickt.

Umso bemerkenswerter waren die Teilnahme des Jugendamtvertreters Manfred Lengowski aus Cochem-Zell/Eifel, der mit großem Engagement das nach dem Gerichtssitz Richter Rudolfs in Cochem benannte Erfolgsmodell gegen Elternausgrenzung vorstellte, und des Familienrichters Klaus Döbbert aus Rüsselsheim, der von sich meinte, er sei über sieben Ecken zur Podiumsdiskussion geladen worden, zeichne sich also im Vergleich zu Kolleg/innen durch nichts aus und stehe stellvertretend für seine Zunft.

Da Bernd Fritz von der FAZ, der als Berichterstatter in Sachen Väterfragen bekannt ist, Verspätung hatte, eröffnete Frau Dyllong, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, die Sitzung ohne ihn. Wenngleich sichtlich nicht mehr jung, würde doch niemand der mit jugendlichem Eifer engagierten Dame ihr tatsächliches hohes Alter zurechnen, wenn sie voller Überzeugungskraft von vernachlässigten Kinderrechten in Deutschland und der Würde des Kindes spricht, welche ebenso unantastbar wie die der Erwachsenen ist, deren Trennung und Scheidung gemeinsame Kinder fast immer als Aggression aus elterlicher Hand empfinden.

Als Bernd Fritz, der Moderator, schließlich kam, hatte Frau Dyllong ihre Rede bereits beendet und Klaus Döbbert sich als Familienrichter aus Rüsselsheim vorgestellt. Wenngleich er im Verlauf der Diskussion einräumte, dass auch er einem Vater schon das Sorgerecht entzogen und als alleiniges Recht der Mutter übertragen habe, um das Wohl des Kindes vor dem eskalierenden Streit der Eltern zu schützen, verwies er auf die Verantwortung und vorrangige Zuständigkeit der Eltern für eine rasche Einigung über ein möglichst gemeinsam ausgeübtes Sorgerecht und Umgangsrecht zum Besten des Kindes.

Ursula Kodjoe, die durch ihre Gemeinschaftsarbeit mit dem Rechtsanwalt Dr. Peter Köppel zum Themas PAS (krankhafte Elternentfremdung) international in den Kreisen verlassener Eltern und Großeltern bekannt gewordene Psychologin und Mediatorin, umriss in ihrem Statement u.a. die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf Kinder, die mit dem Verlust eines Elternteils auch der Hälfte ihrer Großfamilie beraubt würden. Es sei unmöglich, wenn ein solches Kind über seine sterbende Oma aus der verlorenen Teilfamilie sage: "Soll die Alte doch verrecken!", und die Mutter stehe billigend lachend daneben. Solche Kinder würden zu Monstern erzogen.

Zu ihrem Beitrag meldeten sich im Verlauf der Diskussion mehrfach Großmütter zur Wort, die mit deutlich spürbarer emotionaler Betroffenheit über den Entzug ihrer Enkelkinder berichteten. Eine Ärztin unter ihnen beklagte die Belastung der Kinder durch Umgangsboykott, welcher zu 90 Prozent von Müttern ausgehe.

Manfred Lengoswki vom Jugendamt Cochem-Zell in der Eifel stellte in groben Zügen das Cochemer Modell vor, welches durch kurze Zeiträume und verschiedenste Hilfsangebote aller im Trennungs/Scheidungsfall zur Verfügung stehenden Professionen zuverlässig dafür sorge, dass Elternteile im Diskurs miteinander bleiben und eine gemeinsame, verbindliche Regelung des Sorgerechts und Umgangsrecht für ihre Kinder miteinander erarbeiten müssten. Manche Elternteile, so M. Lengowski, fühlten sich durch zeitlich eng terminierten Sitzungen am Runden Tisch mit Vertretern des Jugendamtes, der Rechtsberatung, des Gerichts und anderen Zuständigen so gestresst, dass sie freiwillig eine außergerichtliche Einigung erzielten. Diese elterliche Einigung sei das Ziel; wie es dazu komme, sei letztlich egal. Und wie sich zeige, komme es bei einer einvernehmlichen Elternregelung außerhalb des Gerichts weit seltener zu erneuten Klagen vor Gericht als bei einer richterlichen Anordnung auf Grund der Unfähigkeit der Eltern zur persönlichen Einigung.
Mehr Informationen über das "Cochemer Modell" findet man im Internet unter http://www.ak-cochem.de.

Knut Petzel, der in der Väterrechtsbewegung bekannte Rechtsanwalt, holte kräftig gegen die Richterschaft aus, welche nach seinem Ermessen bundesweit durch Versagen glänze und einen erheblichen Schuldanteil an der immer weiter um sich greifenden Elternentrechtung anständiger Väter und Mütter hätten. Er verwies nachdrücklich auf die mehrfache Verurteilung Deutschlands durch den Europäischen Menschenrechtegerichtshof in Straßburg wegen Menschenrechtsverletzungen an Elternteilen, denen deutsche Gerichte in allen Instanzen das Recht auf Fürsorge und Umgang mit ihren Kindern entzogen hatten. In diesen sich mehrenden Fällen wurde Deutschland jeweils zu hohen Schadenersatzleistungen und Herausgabe der Kinder an die zu Unrecht verurteilten Elternteile verpflichtet. Dennoch, so Petzel, sei es die Regel, dass die Kinder ihren Eltern auch dann unter entscheidender Mitwirkung des Jugendamtes weiterhin entweder langzeitig oder dauerhaft mit fadenscheinigen Begründungen eines nicht definierten Kindeswohls entzogen bleiben.

Ich selbst erklärte in meinem Statement, welches erstmals Protestgemurmel unter einigen Damen auslöste, die dann auch schon bald den Saal verließen, dass es nach Generationen der seit rund 200 Jahren erfolgreich um Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit kämpfenden Frauen der Frauenbewegung an der Zeit sei zu erkennen, dass durch die permanente einseitige Förderung und Stärkung von Frauen und Mädchen zu einer in die andere Richtung kippenden Benachteiligung gekommen sei und zwar zur Unterdrückung von Jungen und Männern. Daher sei es höchste Zeit, sich dieser anzunehmen, denn eine solche Ungleichbehandlung führe zu einer tiefen Verunsicherung beider Geschlechter. Diese wiederum münde in Trennungen und Scheidungen und stempele Kinder zum Machtmittel des Elternteils mit dem richterlich erteilten Aufenthaltsbestimmungsrecht ab.
Vor diesem Hintergrund sei es ein kein Wunder, dass mindestens ein Drittel junger und vor allem gebildeter Frauen kinderlos bleibe, sich immer mehr Männer bewusst der Vaterschaft verweigerten, der Gesetzgeber zur Anregung eines neuen Babyboom mit Sonderzahlungen für Akademikerinnen locke und das Kindergeld für das erste Kind senken, aber für weitere Kinder erhöhen wolle. Geld und Betreuungseinrichtungen allein seien jedoch keine Lösung. Vielmehr müsse der Gesetzgeber endlich eigene Kinderrechte einführen, in denen auch das Recht auf Mutter und Vater garantiert werde und zu diesem Zweck die bisherigen Vorbehaltsregungen zur UN-Kinderrechtskonvention aufheben. Kinder und Kinderrechte zu schützen müsse oberste Pflicht eines jeden Menschen und auch des deutschen Staates sein.

Bernd Fritz, der Moderator in der Runde, stellte sich wegen seiner Verspätung auf den Podium als pünktlich zu jedem Umgangstermin mit seinem Sohn kommender Vater vor. Anschließend begann er vorbereitete Fragen an die einzelnen Podiumsteilnehmer zu richten und Fragen, die vor einem Saalmikrophon aus dem Publikum gestellt werden konnten, zu moderieren.

Als seine erste Frage an mich erging, wieso Fehlverhalten von Vätern zu riesigen Schlagzeilen und hohen Auflagen führe, das Fehlverhalten von Müttern aber kaum thematisiert werde. Meiner Meinung nach ist dies eine Frage der feministischen Öffentlichkeitsarbeit, welche die Opferrolle der Frau ins allgemeine gesellschaftliche Bewusstsein rückte und dadurch eine allgemeine, tief verinnerlichte und auch öffentliche Solidarität mit Frauen bzw. gegen Männer entstehen ließ. Eine Schlagzeile wie bei Bild "Der Gerichtsvollzieher will meine Kinder haben" wecke daher automatisch Solidarität mit der Mutter, während umgekehrt eine Kindeswegnahme vom Vater Solidarität mit denjenigen erzeuge, die ihm das Kind entzogen. Hinzu kommt, dass auch hier das Gesetz der Marktwirtschaft gilt. Wo eine große Nachfrage ist, wird eine hohe Auflage gemacht. Und da Frauen nachweislich das Gros der Leserschaft stellen und Männern allenfalls lesen, was ihnen Frauen ausgesucht oder geschenkt haben, sind Frauen interessierende Themen über böse Männer in und Themen über böse Frauen out. Für Verleger und andere Medienbosse oder Story suchende Journalisten sind, Buch, Zeitung oder Report in erster Linie Geschäft und Broterwerb. Wer ein durch die Medien aufgegriffenes Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und dieses langfristig wach halten und mit Hilfe anderer Medien immer weiter verbreiten will, kann dies, indem er dazu beiträgt, es zu einem Bestseller zu machen.

Als Ergänzung zur Fragestellung nach dem Medieninteresse war offensichtlich der Beitrag eines Vaters aus dem Plenum gemeint, der sich als Vertreter des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" vorstellte und auf die Sensationsgier der Medien hinwies. Seit es in England die spektakuläre Aktion eines als Batman verkleideten Vaters der Gruppe "Fathers-4-Justice" gegeben habe, der alle Sicherheitsvorkehrungen ausgetrickste und den Buckingham erkletterte, um gegen Kindesentzug zu protestieren, stehe beim "Väteraufbruch" das Telefon nicht still. Ständig werde von den verschiedensten Medien nachgefragt, ob die deutschen Väterorganisationen nicht ähnliche Aktionen planten. Wie man daran unschwer erkennen könne, basiere die Berichterstattung nicht auf dem Interesse an der guten Sache, sondern an der Sensation.

Ursula Kodjoe gab der Fragestellung eine weitere Wende, indem sie ausführte, es gebe in unserer Gesellschaft zwei prägende Vorurteile: Dass Väter verantwortungslos abtauchen und dass Mütter wichtiger für Kinder seien. Tatsächlich sei der Anteil derartiger Väter gering und Frauen durch die an sie gerichtete Erwartungshaltung zugleich überschätzt und überfordert. Väter, die sich ihrer Verantwortung für Kinder entzögen litten, so U.Kodjoe, an einer narzistischen Persönlichkeitsstörung. Und Frauen, die mit dem "Müttermythos" belastet würden, automatisch immer Güte, Wärme und Zuverlässigkeit ausstrahlen zu können, gerieten in eine Falle, aus der sie sich oft nur durch Rückzug aus einer Partnerschaft befreien könnten. Wenn eine Mutter den Vater aus dem Leben gemeinsamer Kinder ausgrenze, sei dies jedoch keine Frage des Geschlechts, sondern stets eine Frage der Macht. Wer das Aufenthaltsbestimmungsrecht habe, übe damit die Macht aus, dem anderen Elternteil gemeinsame Kinder zu entziehen. Dies werde in zunehmendem Maße auch von allein erziehenden Vätern getan.
Sie selbst habe in Freiburg die psychologische Betreuung einer Selbsthilfegruppe vom Umgang mit ihren Kindern durch Väter ausgegrenzter Mütter übernommen. Diese sei binnen kürzester Zeit durch eine kleine Zeitungsannonce einer Mutter entstanden, welche in ihrer Not nach Gleichgesinnten gesucht habe.

An Walter Lengowski erging u.a. die Frage, wie er sich die häufige Ausgrenzung eines Elternteils durch das Jugendamt erkläre. Er führte den Wandel der Aufgabenstellung ins Feld, den viele Jugendamtsmitarbeiter offenbar noch nicht vollzogen hätten. 1980 habe man nach dem geltenden Jugendwohlfahrtsgesetz bei Trennung und Scheidung im Auftrag des Gerichts nach dem "besseren" Elternteil suchen müssen. Dazu sei festgestellt worden, wer die größere Wohnung, die eindeutiger Ordnung und mehr Freizeit fürs Kind gehabt habe. Das neue Kindschaftsrecht aus dem Jahr 1998 werde oftmals immer noch unter diesem Aspekt angewandt. Dieser Fehler werde durch die unzureichende Ausbildung im Studium begünstigt, da man sich als Jugendsamtmitarbeiter vieles erst im learning-by-doing aneignen müsse. Hinzu komme eine erhebliche Überforderung durch Personalmangel und ständig nicht nur zunehmende, sondern auch veränderte Aufgabenstellungen. Er selbst sei froh, nicht mehr unter diesen Bedingungen arbeiten zu müssen, sondern mit dem "Cochemer Modell" eine Alternative anbieten könne, welche die elterliche Unabhängigkeit zur Entscheidung im Sinne ihrer Kinder fördere und mit dem Ziel arbeite, eine Lobby für Kinder, nicht vorrangig für Eltern zu bieten.

Es schloss sich eine Frage aus dem Plenum an Richter Walter Döbbel an, warum Richter Jugendamt und Gutachter so massiv in die Urteilsfindung einbezögen, statt ihrer Pflicht zu eigenen Recherchen nachzukommen, selbst Befragungen oder Sitzungen am Runden Tisch einzuberufen und die Möglichkeiten des Gesetzes zu Strafandrohungen oder Strafen wegen Umgangsboykotts auszuschöpfen. W. Döbbel tat sich schwer mit der Beantwortung, da er keine Lösung für auf die am persönlichen Beispiel des Fragestellers entwickelte Problemstellung hatte. Grundsätzlich könne er nur für sich sprechen, und er selbst müsse und wolle zwar Experten zuziehen, nehme sich der Sache aber auch immer mit eigenen Recherchen an.

Eine Rechtsanwältin aus dem Publikum nahm diese Antwort zum Anlass auf die generell von ihr beobachtete Führungs- und Entscheidungsschwäche von Richtern zu verweisen. Sie stelle fest, dass Richter trotz ihrer beruflichen Aufgabenstellung zu "richten" und kraftvolle Entscheidungen zu treffen, oftmals Angst vor Entscheidungen hätten und sich deshalb zu allerlei Helfern flüchteten sowie Entscheidungen durch Jugendamt und Gutachter vorgeben ließen, welche sie dann nur mehr in Juristendeutsch verpackten und als Beschluss vortrügen. Sie werte dies als Ergebnis einer unter Richtern weit verbreiteten Konfliktunfähigkeit, welche hinter Autoritätsgebaren versteckt würde.

Ihre anschließend an mich gerichtete Frage nach meiner Meinung zur Konfliktfähigkeit nahm ich zum Anlass, auf das von mir anlässlich meiner Recherchen ergründete große Schweigen zwischen Eltern und Kindern sowie Elternpaaren hinzuweisen, die gleichzeitig eine ungeheure Erwartungshaltung an ihre Kinder, Partner und Partnerschaft knüpfen. Die Familie oder Ehe/Lebensbeziehung wird im Innersten als Hort ewiger Opferbereitschaft, emotionaler und sexueller Hingabe und friedlicher Harmonie erwartet, in der das Ich automatisch und dankbar-glücklich zum Wir mutiere müsse, - in seiner persönlichen Erwartungshaltung aber gleichwohl das Ich bleibt, welches das Recht vorrangig bei sich selbst und die Pflicht beim Partner sieht. Sobald die vermeintlich berechtigte eigene Erwartung an die Pflichterfüllung des Partners, sei dies das Kind oder der Erwachsene, nicht oder unzulänglich oder selten erfüllt wird, gerät die gesamte Beziehung in die Schieflage oder scheitert.
Menschen, die sich im ständigen Diskurs über mehr als Einkauf, Hobby, Nachbarschaftsklatsch und Kinderfrechheiten befinden, so dass sie sich in der Tiefe ihres Wesens erkunden und verstehen lernen, haben seltener Probleme damit, bei anfallenden Konflikten Kompromisse als gemeinsame Lösung zu finden. Dieser Diskurs aber will geübt sein und zwar von Kindheit an. Es bedarf der elterlichen Zeit, Aufmerksamkeit und Sicherheit, dass man auch nach einem Fehler weiterhin geliebt und beschützt wird und Fehler gut zu machen sind, damit Kinder fähig werden, sich einem anderen Menschen anvertrauen zu können und das Risiko eingehen zu lernen, Verletzungen zu erfahren. Heutige Kinder lernen von ihren Eltern, dass Zeit Geld ist und die Medien dazu da sind, sich unterhalten und von unangenehmen Dingen ablenken zu lassen. Sie lernen, dass man Probleme mit sich selbst ausmachen oder am besten wegdrücken muss und Flucht aus "nicht mehr so geilen" Beziehungen die beste Lösung ist.
Vor diesem Hintergrund sind Kinder und Eltern immer seltener in der Lage, sich aufmerksam und in Ruhe gern aufeinander einzulassen, sobald erst mal das süße Baby- und Kleinkindalter überschritten ist und "Eltern schwierig werden", wie es in einem Erziehungsratgeber für Eltern Pubertierender heißt.
Mein Rat kann deshalb nur sein, das Ruder herum zu werfen und Kinder viel seltener vor TV, PC oder andere Medien zu setzen, und viel öfter gemeinsam, einander aufmerksam zugewandte Zeit zu verbringen, über Gott und die Welt, Träume und Probleme zu reden, einander ernst zu nehmen, zuhören zu wollen und zu können, sich darin zu üben, die Rede auch eines Kindes oder des Partners nicht ständig zu unterbrechen und auf Fehler zu korrigieren, wo es um Inhalte geht, Liebe nicht an Leistung und erfüllte Erwartungen zu knüpfen, sondern einfach da zu sein, wenn es gilt. All das auf die Partnerschaft angewandt, führt zu gelassener Konfliktfähigkeit, weil man sich nicht blind wie in der ersten Zeit der Verliebtheit vertraut, sondern aus der Erfahrung der Verlässlichkeit der Liebe auch in den Fällen vertrauen kann, wenn man nicht (mehr) und nicht immer der Erwartungshaltung des anderen entspricht.

Eine Meldung aus dem Publikum verwies auf das frauenpolitisch in den Vordergrund getriebene Vorurteil "Gewalt ist männlich" und die Häufigkeit des "Missbrauch mit dem Missbrauch". Wenngleich dies nicht zwingend mit der Themenstellung der Veranstaltung zusammenhing, griff ich diesen Aspekt gern auf, weil ich der Verunglimpfung "Väter sind Täter" seit vielen Jahren insofern öffentlich und mit meinen Arbeiten entgegentrete, als auch Mütter Täterinnen sein können und Gewalt aus der Hand einer Mutter keineswegs angenehmer ist als Gewalt des Vaters. Hier verwies ich auf die Tatsache, dass zwar in feministisch-politischen Kreisen aus dem Bundesjustiz- und dem Bundesfamilienminsterium immer noch um Männergewalt gegen Frauen gehe, sich jedoch allmählich das Bewusstsein durchsetze, dass auch Frauen nicht mit Heiligenschein geboren werden. Selbst I. Kavemann als eine der großen Initiatoren der Frauenbewegung gegen Kindesmissbrauch betreibt inzwischen Aufklärungsarbeit über Kindesmissbrauch durch Frauen und Mütter und wartete dazu schon vor längerer Zeit mit einer Broschüre "An eine Frau hätte ich nie gedacht" auf. Äußerungen wie: "Gehen Sie mal in die deutschen Haftanstalten, dann werden Sie sehen, dass Gewalt männlich ist!", welche die Richterin und Hamburger Justizsenatorin Lore Peschel-Gutzeit in Berlin aus Anlass einer Podiumsdiskussion zu mir sagte, sind ebenso in den Bereich des schweren Unsinns zu verweisen wie die Behauptung einer Psychologin eines Psychologenkongresses in Berlin, herkömmliche Väter seien im Vergleich zur künstlichen Befruchtung lediglich als "Schädlingsbekämpfungsmittel" brauchbar, da natürlich gezeugte Kinder weniger anfällig für Masern und andere Kinderkrankheiten seien.

Wellen lautstarken Protest schlugen hoch, als eine Anwältin im Plenum ans Mikrophon trat und mit starker Emotionalität auf die Fülle von Beratungseinrichtungen für Eltern in der Trennungs/Scheidungsphase verwies. Es sei skandalös, wie hier Anwalts- und Richterschelte betrieben werde. Schließlich habe es jeder selbst zu verantworten, ob die Beziehung gelinge oder nicht. Und es könne nicht Sache der Justiz sein, diese Beziehungen zu richten und Entscheidungen zu treffen, die von Eltern selbst zu treffen seien. Es gebe eine Fülle von Beratungseinrichtungen und Helfern. Diese müsse man nur aufsuchen und sich beraten lassen, dass sei das ganze Schimpfen und Jammern überflüssig. Sie selbst habe in ihrer langjährigen Praxiszeit nur 12 oder 15 Scheidungsfälle erlebt und könne die Richterschelte absolut nicht nachvollziehen. Man möge doch zum Jugendamt gehen, wo die Experten gern mit Rat und Tat helfen würden. Das Jugendamt als Reizwort kochte die Stimmung sogleich nochmals auf, so dass die Dame frustriert Platz nahm.

Schließlich gelang es Bernd Fritz, sich als Moderator durchzusetzen und zu betonen, dass er für eine einseitige Propagandaveranstaltung nicht zur Verfügung stehe und in der Diskussion selbstverständlich auch abweichende Meinungen vorgetragen werden sollten und dürften. Die gekränkte Dame trat an Mikrophon zurück und beendete ihre Ausführungen, wurde jedoch kurz darauf durch einen Rechtsanwaltskollegen belehrt, dass in seinem eigenen Fall alle von ihm in Anspruch genommenen Beratungsangebote und bewiesener guter Wille zu keinem Erfolg gegen die den Umgang verweigernden Mutter gemeinsamer Kinder geführt habe. Lediglich der Hartnäckigkeit seiner jüngsten Tochter sei es zu verdanken, dass er diese nicht, wie seine beiden älteren Kinder, gänzlich aus den Augen verloren habe.

Ich persönlich verstand zwar die Empörung im Saal, weil der Hinweis auf das Jugendamt und andere professionelle Elternberatungsstellen insofern nicht greift, als eine dort in Anspruch genommene Beratung nur allzu oft nicht hilfreich für beide Elternteils ist, sondern zu einer klaren Mütterbevorzugung führt und bei Gericht mindestens einen Elternteil, weit überwiegend den Vater, aus dem Leben des Kindes ausgrenzt.
Dennoch hätte ich eine sachlichere, nicht unwillkürlich die Faust ballende und vor allem mutigere Kontroverse, bei der sich der oder die betreffenden Wort führenden Väter ebenfalls ans Saalmikrophon begeben hätten, vorgezogen.
Sehr oft habe ich selbst in Kreis aus dem Leben ihrer Kinder ausgegrenzter Väter erlebt, dass ich als Frau für eine gegensätzliche Meinung als die in der Männerrunde vertretene oder gar eine Meinung zugunsten von Müttern mit hoher verbaler Aggression abgebügelt wurde. So verständlich es ist, dass ein ungerechtfertigt gedemütigter und seiner Kinder beraubter Mensch mit allen Mitteln um seine Kinder kämpft und sein Elternrecht verteidigt, so unklug ist es doch, sich nur mit Gleichgesinnten auszutauschen und ein starres Klassenfeindbild aufzubauen. Wer in einer verbalen Auseinandersetzung die Argumente anders Denkender nicht zulässt und ernst nimmt, ist nicht nur unfair, sondern verliert.

Rechtsanwalt Petzel wandte sich mit der provokativen Forderung an Richter Dölling, Richterbeschlüsse künftig so abzufassen, dass auch die von Trennung und Scheidung mitbetroffenen Kinder sie verstünden.
Dieses Ansinnen verwarf W. Dölling als völlig haltlos und unsinnig.
Rechtsanwalt Petzel korrigierte seine Forderung insofern, als er meinte, ein Richter, der einem Kind verbindlich und verständlich erklären müsse, warum es von nun an den Vater oder die Mutter nicht mehr sehen dürfe, obwohl das Kind diese liebe und geliebt werde, müsse an einer solchen Aufgabe scheitern und werde dadurch gezwungen sein, vernünftigere und richtigere Entscheidungen zum tatsächlichen Besten des Kindes zu treffen, anstatt die Bedürfnisse eines Elternteils zu befriedigen.

Thomas Opietz vom "Väteraufbruch für Kinder" trug mit der Vorstellung seiner Erfolgsidee "Betten für Väter" wesentlich zu einem harmonischen Ausklang der Debatte bei. Entstanden sei die Idee aus der Not, die bekanntlich erfinderisch macht, und zu dem Vorschlag führte, leer stehende Kinderzimmer im Leben eines verlassenen Vaters oder einer ausgegrenzten Mutter für Besuchskontakte anderer Elternteile in gleicher Situation zur Verfügung zu stellen. Da Kosten für Umgangskontakte nicht von den Unterhaltsleistungen und Steuern des steuerlich als Single veranschlagten unterhaltspflichtigen Elternteils abgezogen werden können, sei der Geldbeutel meist leer. Da könne ein kostenloses Quartier am Wohnort des Kindes eine große Hilfe sein. Derzeit habe er in seiner unter http://www.betten-fuer-vaeter.de zu findenden Bettenbörse ca. 300 Adressen. Jede weitere sei herzlich willkommen und werde dringend gebraucht. Ausdrücklich sei dieses Angebot auch für verlassene Mütter gedacht und werde von diesen bereits rege angenommen.

In ihrem Schlusswort bedankte Frau Dyllong, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bad Schwalbach, bei allem Gästen. Ihr Hinweis, dass die heutigen Erfolge der Frauenbewegung Ergebnis eines 200 Jahre währenden Befreiungskampfes seien, wird zwar heutigen Eltern wenig helfen, die lieber jetzt als nachher ihre Kinder endlich wieder sehen wollen und an den Hürden der einäugig blinden Frauenschützer/innen scheitern, die mir gegenüber "Frauenförderung als Entzug von Männerprivilegien" definierten. Gleichwohl ist es ein Licht am Ende des Tunnels, dass steter Tropfen auch diesen Stein höhlt wird.

Auch ich möchte den Müttern und Vätern, die ihre Kinder lieben, ihnen kein Leid antaten und alles daran setzen, mit ihnen zusammen sein zu dürfen, auf den Weg mitgeben, dass sie nicht allein in ihrem Kampf sind. Viele stehen ihnen bereits bei, auch ich, und weitere werden folgen, denn bei einer Scheidungsquote von fast der Hälfte aller Hochzeiten und einer mindest ebenso hohen Trennungsquote Lediger ist längst klar, was heute den einen mit dem Zerbrechen der Familie als Schicksalsschlag trifft, kann schon morgen einen von denen treffen, die sich davor gefeit glaubten. Auf Liebe gibt es leider mit und ohne Trauschein keine Garantie. Aber Elternschaft ist für immer. Das Recht darauf ist eine Pflicht und wert, geschützt zu werden. Von uns allen.

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Vor und auch im Anschluss an die Podiumsdiskussion kamen mehrfach Damen und Herren mit Fragen auf mich zu. Es tat mir leid, mich damit nicht in dem Maß beschäftigen zu können, wie ich dies gern gewollt hätte, da vor Veranstaltungsbeginn nur wenig Zeit blieb und ich anschließend noch am gleichen Abend nach Hause zurück fahren wollte, um den nächsten Vormittag nicht im Zug zu verlieren. Inzwischen war es schon spät, und ich hatte über drei Stunden Fahrtzeit vor mir. Aus diesem Grund war es mir leider auch nicht möglich, zum Abendessen zu bleiben.

Dr.phil. Karin Jäckel
am 24. September 2004