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Durch Zäune wachsen |
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25. september 2002, ab 20.00 Uhr Vortrag zur Semestereröffnung der Familienarbeit Zäune markieren Grenzen. Sie schließen ein, was uns kostbar ist. Sie schließen aus, was gefährlich scheint. Durch Zäune wachsen heißt, das Kostbare mit dem Gefährlichen vermischen, heißt Grenze überwinden, heißt Neugier und Abenteuer, Veränderung und Risiko zulassen, heißt Neumischungen gestatten, deren Frucht noch unbekannt ist. Durch Zäune wächst, was kraftvoll, jung und lebendig ist, was sich nicht an und durch Grenzen aufhalten lässt, was neugierig auf das Dahinter ist und weniger Sorge hat, Bewährtes zu verlieren, als Lust, Neues zu entdecken. Zugleich aber braucht das Wachsen Zeit, Zuversicht, Selbstvertrauen und eine Portion Glück. Nicht zu vergessen Geduld und Widerstandskraft, feste Wurzeln im Boden, Raum und Halt hinter dem Zaun und das Glück des Willkommenseins auf der anderen Seite. Von Anfang an ist der Mensch wie ein Kostbares inmitten von "Zäunen", die es nach und nach zu überwinden gilt. Die Zelle zuerst, deren schützender und umschließender "Zaun" durch den Eindringling des Spermafadens überwunden wird. Der Mutterleib sodann, durch dessen schützend umschließende "Zaun-Höhle" das Kind nach außen wächst. Der Zaun, durch den wir von Anfang an am Sehnsüchtigsten wachsen möchten, ist der Zaun zwischen einem Ich und einem Du. Mit dem ersten Blick des Ich, welcher sich auf ein Du richtet, wächst man durch den Zaun der eigenen Seele heraus und durch den Zaun des Du hinein in ein Wir. Warum aber, wenn dies die Sehnsucht unseres Lebens ist, scheitern wir so oft? In der Zeitschrift Brigitte hieß es unlängst, eine Frau sei erst dann eine Frau, wenn sie 250 Männer geliebt habe. Was passiert da an den Zäunen unserer Seelengärten? Wir sind als Menschen des Hier und Jetzt das Produkt der Schnelllebigkeit und des maschinellen Perfektionismus'. Auf der Suche nach dem "ultimativen Kick" in allen Lebensbereichen treiben uns Unzufriedenheit und Ungeduld voran. Wer da erst noch durch Zäune wachsen will, kommt zu spät; und den bestraft das Leben. Also weg mit den Zäunen und dem langsamen Hindurchwachsen! Her mit den Hürden, über die man im schnellen Lauf springen kann! Her mit den Glückhormonen, die dabei ausgeschüttet werden. Und weg mit den Bedenkenträgern, die vor Risiken warnen! Wir sind perfekt geschult, perfekt gestylt, perfekte Karrieristen, perfekte Lover, - Glückskinder. Wir haben ein Recht darauf, hinter dem Zaun ebenso perfekt geschulte, perfekt gestylte, perfekte Karrieristen, perfekte Lover zu treffen und mit ihnen das Glück zu verdoppeln. Erst der Sturz zersplittert die rosa Brille der Glückshormone. Niedergerissen ist die Hürde, an der man sich vielleicht hätte festhalten und aufrichten können. Und die nächste, über die es in eine neue Erfahrungsstufe ginge, ist für den, der am Boden liegt, nicht nur doppelt weit entfernt sondern auch doppelt hoch. Erst von dort unten aus, erkennen wir bewusst, was wir als Kinder fühlten, ohne es benennen zu können, dass nämlich "Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit", die drei großen Zauberworte Pestalozzis für eine beglückende Partnerschaft und Eltern-Kind-Beziehung, durch die drei großen "L" für "Leidenschaft, Lust und Labels" ersetzt worden sind. "Die einzige Moral, die zählt, ist das Geld", sagte mir unlängst ein erfolgreicher Unternehmer. Beweis: Die drei Z-Worte Pestalozzis könne nur verwirklichen, wer man Geld habe. Wer kein Geld habe, könne es sich nicht leisten, Zeit zu verschwenden. Zeit, lehrt speziell uns Frauen auch Ute Ehrhardt in ihrem Bestseller über die Erfolgsrezepte der "bösen Mädchen", hätten nur diejenigen, denen Zeit nichts wert sei. Nichterwerbstätige Frauen zum Beispiel, die ständig Zeit und ein offenes Ohr für andere zu verschenken haben. Kein Wunder also, dass die Hauptgründe für das Scheitern von Liebesbeziehungen anscheinend Zeitmangel und Geld sind. Dass wir keine Zeit mehr haben, einander zuzuhören. Dass Kinder uns zu teuer erscheinen. Dass Familien angeblich nichts mehr mit der Drei-Einigkeit aus Vater-Mutter-Kind zu tun haben, sondern "Familie ist, wenn alle aus demselben Kühlschrank essen" (Ulla Schmidt, SPD-Gesundheitsministerin). Dass hinter diesem Zeit- und Geldmangel sowie hinter der emotionalen Eiszeit im Familien-Kühlschrank vor allem der Mangel an "Zäunen" steht, durch die man wachsen muss, wenn man nicht an Hürden scheitern will, erkennt man meist erst, wenn selbst der jagendste Lauf nach dem Geld und das Kaufen, Kaufen, Kaufen nicht ausreichen, um mit den drei "großen L" die Löcher in unseren Seelen zu stopfen. Meine Mutter, die auf einem Bauernhof aufwuchs, lehrte mich, dass Rosen nur dann einen Rosenhag zum Duften bringen, wenn man die "geilen Triebe" entfernt. Es sind diese zu schnell, zu "geil" aufschießenden, seltsam wasserliliengrünen Ruten, die neben dem Wurzelstock aus dem Boden wuchern. Nur das rigorose, nachhaltige Ausbrechen dieser "geilen Triebe" kann die Edelrose retten. Doch das kostet wieder die "drei großen Z" der "Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung." Neue Rosenstöcke sind schneller gekauft. Wer Rosen kennt und liebt, weiß aber, dass der Duft der alten Rosensorten unvergleichlich süßer ist. In meinem Vortrag möchte ich mit Ihnen die verschiedenen Zäune betrachten, die um das Haus der Familien in Deutschland aufgerichtet wurden: Von uns als Individuen, aber auch von der Institution des Staates, als dessen Keimzelle die Familie gilt. |
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