"Familie und Jugend in der Krise"

Vortrag von Dr. Karin Jäckel

Eine Bestandsaufnahme zu
"Familie und Jugend in der Krise" mit einem Blick auf die Situation in den europäischen Nachbarländern gab Autorin Dr. phil. Karin Jäckel bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Europa-Union Oberkirch und dem Forum für Frauenfragen im "freche Hus".

Der Vorsitzende der Europa-Union Oberkirch, Dr. Otmar Philipp, moderierte und leitete die anschließende Diskussion.

Mittelbadische Presse

Von Roman Vallendor

Oberkirch am 12. November 2003

Ein Kaleidoskop von Problemen stürzt heute auf die moderne Familie ein, stellte Karin Jäckel, fest, die zu Beginn ihrer Ausführungen einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der Familie gab. Danach entwickelte sich die heutige Familie aus der Hausgemeinschaft mit den Bediensteten, der sogenannten "familia", in Frankreich des 18. Jahrhunderts. Was ist von der modernen Familie, wie sie sich in Deutschland entwickelte, übrig geblieben? fragte Jäckel? Die Antwort lieferten Begriffe, wie Einelternfamilie, Patchwork-Familie, Single-Familie oder gar die Definition "Familie ist, wenn alle aus demselben Kühlschrank essen". Dabei müsste die Familie mit Kindern als Keimzelle der Gesellschaft im Interessensmittelpunkt des Staates stehen, so Jäckel. Viele Ängste, die Hauptauslöser für immer weniger Kinder sind, haben die Geburtenrate von 1,29 Kindern pro Frau in Deutschland an das unterste Ende im EU-Vergleich sinken lassen. Aus gesellschaftspolitische und wirtschaftlichen Gründen müsste die Reproduktionsquote bei 2,1 liegen. Die Familie befinde sich im Supergau. Die jährlich 250 000 legal abgetriebenen Kindern in Deutschland würden für die Reproduktion ausreichen, folgerte Jäckel. Eine große Rolle spiele die Angst junger Eltern vor dem Versagen durch Überforderung. Hingegen entwickle sich durch die Versorgung im Hotel "Mama", wie in Italien und Spanien praktiziert, nur noch wenig Lust auf Partnerschaft.

Ein Dorn im Auge der Autorin ist die einseitige Frauenförderung durch das, schon der Name ist Programm, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Männer gäbe es anscheinend für diese politische Institution nicht. Falls doch, dann ausschließlich in der Rolle des gewaltätig werdenden Machos, vor dem die Frauen geschützt werden müssen. Jäckel wehrte sich gegen das Klischee, Männer seien häufig die Übertäter in der Familie. Weltweite Studien wiesen aus, dass Frauen gleichermaßen wie Männer häusliche Gewalt ausübten.

Kinder seien die Seismografen, die familiäre Probleme nur schwer verarbeiten könnten. Kinder erlebten wechselnde Partnerschaften, werden seelisch krank. "Hinter jedem seelisch geschädigten Kind, steckt eine Scheidungskrise" verdeutlichte die Referentin.

Was kann uns Europa lehren? fragte Jäckel nach Lösungen. Deutschland benötige eine andere Familiengesetzgebung mit der Gleichbehandlung beider Elternteile. Jäckel forderte mehr Familienförderung in den Betrieben, mehr professionelle, bezahlbare Kinderbetreuungsplätze sowie die Anerkennung der Leistung der Nichterwerbstätigen Mütter, die mit erwerbstätigen Frauen gleichgestellt werden müssten. Vonnöten sei ein Erziehungsgeld für Mütter, denn Kinder seien die Steuer- und Rentenzahler von morgen. Beispielgebend sei Frankreich mit einer Reproduktionsquote von 1,9. Das Aufkommen der Tagesmütter im Nachbarland sei größer. Zudem bestehe kein Öffnungszwang bei Kindergärten. Dies erleichtere eine individuelle Absprache. In der neuen europäischen Verfassung müsse ein für alle Mitgliedsländer gültiges Familienrecht seinen Niederschlag finden, forderte die Referentin.

Einig in der Diskussion waren die Teilnehmer, dass sich die Gesellschaft stärker am Wohl des Kindes orientieren müsse, die Option "Beruf und Familie" vereinbar und die Lebensplanung frei sein müsse. Auch müsse der Sicherheitsaspekt für die Familie an Bedeutung gewinnen.

Dr. phil. Karin Jäckel rückte die Familie als Keimzelle der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihres Vortrags.