copyright by http://www.karin-jaeckel.de

Meine Kindheit im Lorbachtal am Fuß der Burg Vogelsang über dem Urftsee in der Eifel bei Gemünd


 
Burg Vogelsang

www.lernort-vogelsang.de
copyright karl.pauly@t-online.de

Sommer 2006

Zufällig stieß ich heute in google auf die Seiten zu "Burg Vogelsang" mit wundervollen Luftbildern des großen Urftsees und seiner dicht bewaldeten Hänge. Sofort fühlte ich mich in meine frühen Kinderjahre zurück versetzt.

Die "Burg Vogelsang", der Urftsee und "unser" Haus im Lorbachtal, gegenüber der Burganlage am anderen Seeufer, waren für einige Kinderjahre mein Zuhause. Rückblickend waren es wohl meine schönsten Kinderjahre.

Mein Vater war damals ein junger Mann und auf der Burg als Hundeabrichter für die Hunde der belgischen Grenzposten und Zollbeamten eingestellt. Als Dienstwohnung teilte man ihm und seiner

Familie ein Haus im Lorbachtal an einem kleinen Steilufer gegenüber der Burg zu. Es war früher einmal ein Gasthaus gewesen, so dass es in fast jedem Zimmer ein Waschbecken gab. Das Schönste war freilich die große überdachte Veranda, von der aus man direkt auf den See blickte.

An der Rückseite des Hauses führte eine Treppe zum Wasser hinunter, wo es einen Anlegeplatz gab, von dem aus mein Vater alltäglich zur Arbeit und wieder nach Hause ruderte.

Meine Eltern und ich als ihr damals einziges Kind bewohnten dieses Haus zunächst lange Zeit allein. Später zog noch ein kinderloses Ehepaar ein. Doch allein fühlten wir uns nicht, denn ofmals kamen Freunde meiner Eltern, meine im nahen Gemünd wohnenden Großeltern, mein in Schmidtheim lebender Eisenbahner-Onkel mit seiner Frau und meinen drei Cousinen oder Kollegen meines Vaters zu Besuch.

Ich kann mir noch heute kein herrlicheres Kinderleben vorstellen als meines in dieser Zeit. Es war erfüllt von täglichen Abenteuern, die ich gemeinsam mit meinen Eltern und meinen besten Freunden, nämlich meinem Hund und meiner Katze, verbrachte. Langeweile konnte nicht aufkommen. Es gab ja immer etwas zu erleben, zu entdecken, zu lernen.

Angeln, Baden, mit Hund und Katze tollen und schmusen, auf Vaters Motorrad ins Gelände mitfahren, erste eigene Fahrübungen auf seinem Herrenrad, viele und weite Spaziergänge mit Beeren- und Pilzsuche im Wald, Klettern an steilen Schieferhängen oder winterliche Schlittenfahrten die hügeligen Streuobstwiesen hinab, nachts Besuch von Wildschweinen in Mutters Gemüsegarten. Und über allem die Freunde auf den Abend, wenn mein Vater kam und wir gemeinsam den Feierabend genossen. Seine Mundharmonika, unsere Lieder, das Vorlesen und Geschichtenerzählen, wenn es draußen dunkelte und in allen Ecken Märchengestalten zu lauschen schienen. - Ganz sicher war es nicht immer nur so zauberhaft und harmonisch, aber in meiner Erinnerung sind dies die Glanzlichter meiner glücklichsten Kinderzeit.

Für mich war das Leben in der Einsamkeit zwischen See und Wald, sechs Kilometer fern ab von jedem anderen bewohnten Haus, einfach nur schön. Es förderte meine Phantasie und gab mir etwas auf den Lebensweg mit, das wir heutigen medienüberfluteten und straßenverkehrsgegängelten Kindern nur mehr selten geben können: Ruhe, Selbstbesinnung und Schöpfen aus dem eigenen Innern.

Im Sandkasten, den mein Vater mir rund um den alten Kastanienbaum vor dem Haus gebaut und mit dem goldgelben Sand der Region gefüllt hatte, lernte ich erste Buchstaben schreiben. Meine ersten Tafeln waren ausgebrochene Schieferplatten aus dem schwarzen Berg am Weg nach Gemünd. Meine Lieblingskreiden bestanden aus den roten Ziegelresten, die sich rund um unser Haus in Hülle und Fülle fanden.

Wie oft saß ich unter den Zwillingsbirken auf dem kleinen Wiesenstück neben dem Haus auf der Bank am Tisch, die mein Vater aus Birkenzweigen für uns gezimmert hatte, und schrieb und malte und träumte von den Wichteln und Feen im Wald oder den Wasserfrauen im tiefen See, dessen Wellen bei Gewitter bis auf die roten Sandsteinplatten unserer Veranda klatschten.

Mit knapp fünf konnte ich lesen und schreiben. Mit sechs wusste ich, dass ich mal Schriftstellerin werden wollte. Und mit acht veröffentlichte ich meine erste eigene Geschichte. Mittlerweile habe ich 80 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder in verschiedenen großen Verlagen geschrieben und ein paar mehr sollen es schon noch werden.


© Hermann Schumacher

Trotzdem fand ich die Schule in Gemünd, auf die ich mich so gefreut hatte, bereits nach den ersten Tagen eher komisch; nannte Frau Wösler, meine Lehrerin, die mir längst bekannten Buchstaben doch nicht bei deren Namen. Statt dessen sollte etwa das kleine "f" ein Spazierstock sein und das kleine "i" ein Männchen.

Wäre nicht der Schulweg gewesen, hätte ich dieser Schule wohl gar nichts abgewinnen können. Doch der Schulweg am Seeufer entlang war wunderbar, denn ich hatte extra dafür ein eigenes Rad bekommen.

An vielen Tagen war der Weg uns freilich versperrt, weil die Belgier ihre Schießübungen abhielten und dabei vorzugsweise auf Ziele entlang der Straße schossen. Manchmal mussten meine Mutter und ich uns heimlich am Schilderhäuschen des Wachpostens und dem geschlossenen Schlagbaum vorbei schleichen, weil wir keine Passiererlaubnis erhalten hätten. Doch oftmals wussten wir auch gar nicht, dass gerade wieder Truppenübungen stattfanden. Dann hieß es auf dem Schulweg - ich besuchte die erste Klasse - "Volle Deckung" im Straßengraben nehmen und warten, bis Schießpausen eintraten, in denen wir dann mit "Täuschen und Tarnen" hinter den dicken Ginsterbüschen davon robbten, bis wir aus der Schusszone waren.

Auf Dauer fanden meine Eltern den Schulweg für zu gefährlich. Also hieß es im Sommer vor meinem zweiten Schuljahr umziehen.

Wie im Schock erlitt ich die Trennung von meinem Hund, den mein Vater auf die "Burg Vogelsang" mitnahm und zum Grenzhund abrichtete. Meine Katze wurde zu Bekannten meiner Eltern auf einen weit entfernten Bauernhof gebracht. Unser Ruderboot blieb kieloben am Seeufer zurück. Und meine Spinnensammlung wurde aus dem großen Einmachglas ins Freie entlassen.

Meine Eltern genossen anschließend das Leben in der Kleinstadt sehr wohl. Doch für mich waren der Umzug, die Langeweile in der Schule und das beengte Zusammenleben in einer kleinen Zweizimmer- Etagenmietwohnung mit Blick auf die vergitterten Zellenfenster des Gemünder Gefängnisses, wie die Vertreibung aus dem Paradies.

Mit vielen lieben Erinnerungen wünsche ich Vogelsang und "meinem" Urftsee-Paradies alles Schöne.

Karin




Zurück zu "Über die Autorin"