Wenn Familie Zukunft haben soll -
Ein Einspruch

Ein Beitrag von Karin Jäckel in dem Buch
"Familien haben Zukunft"
In Kooperation mit der Deutschen Liga für das Kind
J.Maywald, B.Schön, B.Gottwald (HSG.)
2000 Rowohlt Taschenbuch Verlag

Familie - was ist das heute überhaupt?

"Ein Auslaufmodell", sagen die einen und spielen darauf an, dass die Zahl der Ehescheidungen sowie die Zahl der ohne Trauschein Zusammenlebenden alljährlich steigt.

"Ein Dauerbrenner", sagen die anderen und verweisen darauf, dass allen Unkenrufen zum Trotz rund 10 Millionen traditionelle Familien mit Kindern in Deutschland leben.

"Familie ist das Wichtigste", sagen Kinder und Jugendliche. Die Shell-Studie 2000 zum Beispiel brachte es wieder einmal an den Tag.

Aber interessiert in der auf Konsum und Spaß reduzierten Dekadenz der Ich-Zuerst-Gesellschaft unserer Tage wirklich, was Kinder und Jugendliche sich jenseits von Geld wünschen? Beziehungsweise, wer ist schon in der Lage, ihnen auf Biegen und Brechen eine intakte Familie und viel Zeit füreinander zu schenken? Zeit ist Geld. Und ist nicht ein Idiot, wer zusammenbleibt, obwohl man sich "abgeliebt" hat und - wie ein deutsches "Superweib" - erst nach vier Kindern merkt, dass der Kindesvater nicht die große Liebe, sondern die große Schlaftablette des Lebens war?

Spätestens seit den 68ern ist doch klar, dass "wer zwei Mal mit demselben pennt" zum "Etablishment" gehört und die heile Familie der schwarze Stachel im roten Fleisch der Gesellschaft ist. Lehren wie die der Simone de Beauvoir, dem Urgestein der Frauenbewegung, und diejenigen Friedrich Engels, der Lichtgestalt sozialistischer Familienbildung, haben seither das Familienleben und das Verständnis von weiblicher Selbstverwirklichung auch der Frauen UND Männer geprägt, die nie etwas von Büchern wie "Das andere Geschlecht" und "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" gehört oder gelesen haben.

An aktuellen Postkartensprüchen wie "Eine Frau, die so gut sein will wie Männer, hat einfach keinen Ehrgeiz" hätte Simone de Beauvoir ihre helle Freude gehabt. Ihrer Meinung nach sollte jede Frau den Ehrgeiz entwickeln, mindestens so gut wie ein Mann zu sein. Denn einzig und allein Männer besäßen Transzendenz, diese Lebenssinn gebende Verankerung in der Unendlichkeit des Geistes. Und sie erwürben diese das Irdische besiegende Bewusstseinsebene allein mit Hilfe der Berufstätigkeit, welche den Verstand durch Leistung befähige, die biologische Endlichkeit zu überwinden. Frauen schienen der Beauvoir im Vergleich zu Männern erdverhaftete Sklavinnen der Mutterschaft und der Familienarbeit. Ihre Rettung lag folglich in der Zielsetzung, endlich wie Männer zu werden, Mutterschaft und Familienarbeit abzuschütteln und durch die Ausübung eines Berufes Transzendenz zu erlangen.

Inzwischen sind Frauen so transzendent, dass das Wort "Mutter" laut offiziellem UNO-Text der Pekinger Weltfrauenkonferenz als Diskriminierung gilt und durch die Umschreibung "Frauen während der Zeit der Kindererziehung" ersetzt werden muss.

Oder nehmen Sie Friedrich Engels. Wie viel haben Frauen wie Männer an Beauvoire'scher "Transzendenz" hinzugewonnen, seit wir seine Lehre immer vollständiger in die Tat umsetzen, ".dass die Befreiung der Frau zur ersten Vorbedingung hat die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie. Und dass dies wieder erfordert die Beseitigung der Eigenschaften der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft..."

Immerhin ist gegenwärtig laut Mitteilung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung fast jeder zweite Arbeitsplatz von Frauen besetzt. Zwei von drei neuen Arbeitsplätzen werden an Frauen vergeben. Ganz zu schweigen von der bundesweiten Fülle an Frauenfördereinrichtungen und Frauenförderprojekten des Staates, die alljährlich mit gigantischen Summen ausgestattet werden, um die Frauenerwerbsarbeit zu forcieren und Männern vermeintliche Privilegien zu entreißen. Eine Aufgabe, die laut Mitteilung der Bundesfamilienministerin Dr. Bergmann, die erste Pflicht ihres Ministeriums darstellt. Noch ist schließlich das Ziel, alle Frauen in die Erwerbsarbeit zu schicken, nicht erreicht. Noch begrüßen es nämlich laut Statistischem Bundesamt Wiesbaden (1997) rund 47 Prozent aller westdeutschen Frauen, wenn "der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert." Werte, die Peter Wippermann vom "Hamburger Trendbüro" mit der Veröffentlichung toppte, dass 60 Prozent der von ihm repräsentativ befragten Frauen sich ein "Zurück an den Herd" als reizvoll vorstellen könnten, wenn sie ohne eigene Erwerbsarbeit ein ausreichend großes Familieneinkommen zur Verfügung hätten.

Zahlen wie Pfeffer. Leidenschaftlich der frauenbewegte Protest. Alice Schwarzer, Speerspitze der Hardliner-Emanzen, kartete nach. Die Umfrage sei unter alten Frauen durchgeführt worden. Von jungen Frauen unter 30 wolle lediglich jede Vierte gern ausschließlich Hausfrau und Mutter sein und selbst bei den bis zu 45-jährigen nur jede Dritte. Auf den ersten Blick könnte der Widerspruch zu den Zahlen des statistischen Bundesamtes nicht krasser sein. Doch schon auf den zweiten sind sie plausibel. Längst ist erwiesen, dass rund 30 Prozent aller Frauen lebenslang kinderlos bleiben und mithin kaum einen Anlass sehen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Ebenso bekannt ist, dass der Kinderwunsch der meisten Frauen heute frühestens um das 30. Lebensjahr herum einsetzt und bis dahin die berufliche Karriere im Vordergrund der Lebensplanung steht. Logisch also, dass die Mehrheit der unter 30-jährigen die Erwerbstätigkeit favorisiert. Da die meisten Familien mit Kindern heute mit einem Einkommen kein Auskommen mehr haben, ist es ebenso logisch, dass auch die älteren Frauen überwiegend erwerbstätig bleiben. Vor allem dann, wenn die Oma die Kinderbetreuung übernimmt, wie dies zu einem hohen Prozentsatz geschieht.

Ob alle Frauen und Mütter, die erwerbstätig sind, dies auch wären, wenn sie die freie Wahl hätten, ist jedoch mehr als zweifelhaft. Setzt man sich mit Familienfrauen auseinander, wie ich dies in meinem Buch "Die Frau an seiner Seite" versuchte, stellt man rasch fest, dass moderne, emanzipierte Frauen sich zu einem großen Teil schon längst nicht mehr trauen beziehungsweise es sich finanziell nicht leisten können, als Mutter und Hausfrau zu Hause zu bleiben. Und zwar vor allem deshalb nicht, weil NUR-Hausfrauen in der öffentlichen Meinung als Versagerinnen gelten. Schon 1989 schrieb die Soziologin Monika Jäckel in ihrem viel beachteten Buch Mütter an die Macht, dass jede Frau, die "sich nicht für die Dreifachbelastung im Namen der Emanzipation entscheidet", sondern von drei großen K wie Karriere, Kinder, Küche die Karriere streicht, "als faul, parasitär und unterjocht" gilt.

Aussagen, die Politikerinnen wie beispielsweise Heide Pfarr, die sich mit rotgrüner Rückendeckung als Berliner Ex-Senatorin, hessische Frauenministerin und Initiatorin des hessischen Gleichstellungsgesetzes einen Namen machte, nur unterstreichen würden. Stellvertretend für ihre Parteigenossinnen und -genossen leerte sie am 23.8.1992 im "Wiesbadener Kurier" im Zusammenhang mit der Frage nach einem staatlichen Gehalt für Familienfrauen den ideologischen Schmutzkübel aus, indem sie sagte: "Also die Hausfrau, die sich mein Kollege zu Hause hält, um mit mir besser konkurrieren zu können, weil ich mir so was nicht halte, die unterstütze ich weder steuerlich noch sonst irgendwie. Überhaupt null. Auch wenn sie sagt: Ich bin aber so gern die Frau an seiner Seite, dies ist mein weiblicher Lebensentwurf - überhaupt nicht, null! Diesen weiblichen Lebensentwurf unterstütze ich nicht, sondern bekämpfe ihn, wo ich ihn treffe."

Gunhild Gutschmidt, promovierte Expertin für alleinerziehende Mütter und Frauenerwerbsarbeit, schob 1997 in EMMA die Behauptung nach: >"Wer reißt das Loch in die Rentenkassen? Die Frauen, die nicht genug Kinder kriegen? Im Gegenteil. Es sind die Männer, denen die Solidargemeinschaft die Hausfrau finanziert."

Eine diskriminierende Sichtweise par excellence, die sich bis in die jüngste Gegenwart zum Beispiel dadurch fortsetzt, dass die "Deutsche Hausfrauengewerkschaft" als anerkannt gemeinnütziger Verein auch im Jahr 2000 noch immer keine Aufnahme in den "Deutschen Frauenrat" fand.

Besonders die Kinder werden den frauenbewegten Aggressoren diesen Kampf gegen Familienfrauen schlecht danken. Denn während sie sich immer öfter vergeblich nach Geborgenheit innerhalb der eigenen Familie sehnen, befolgt die Gesellschaft der Erwachsenen wissentlich oder unwissentlich rote Ideen wie die Friedrich Engels, "die Pflege und Erziehung der Kinder" als "öffentliche Angelegenheit" zu betrachten, sodass "die Gesellschaft ... für alle Kinder gleichmäßig" sorgt, "seien sie eheliche oder uneheliche."

Mittlerweile vergeht fast kein Tag, an dem nicht lautstark nach mehr Fürsorge "vom ganzen System" verlangt wird. Abgesehen davon, dass der Bedarf nicht bundesweit flächendeckend ist, lässt die professionelle Betreuung des Nachwuchses außerhalb der Familie von der Kinderkrippe zum Ganztagskindergarten über die "verlässliche" Schule bis zur nachmittäglichen Hortbetreuung oder Ganztags- und Internatsschule nebst Freizeitbetreuung in den vielfältigsten Vereinen und Zusatzschulen kein Bedürfnis offen. Und dennoch ist es für viele Eltern noch immer nicht genug.

Ein Zeitungsartikel vom 23.6.2000 aus der "Mittelbadischen Presse" fällt mir ein, worin von einem jungen, gesunden Elternpaar von 22 und 27 Jahren die Rede ist, das ebenso gesunde Drillinge bekam. Statt glücklichen Elternstolzes strahlen beide zornigen Protest darüber aus, dass kein öffentlicher Träger ihnen eine Vollzeit-Haushilfe bezahlen will. Das Großziehen von Kindern, "eine öffentliche Angelegenheit,- es ist erreicht.

Wie Engels es vorausgesagt hatte, brachte die Verwandlung der "Privathaushaltung ... in eine gesellschaftliche Industrie" es mit sich, dass "die rückhaltlose Hingabe eines Mädchens an den geliebten Mann" in aller Sorglosigkeit geschehen konnte und "die Scheidung für beide Teile wie für die Gesellschaft zur Wohltat" wurde.

Wie reichlich die Gesellschaft mittlerweile mit derlei Wohltaten gesegnet ist, zeigen die alljährlich steigenden Scheidungszahlen und das blühende Wachstum einer staatlich gesteuerten Scheidungsindustrie, in der zahllose Juristinnen und Juristen, Richterinnen und Richter sowie allerlei Beratergruppen ihr sattes Auskommen finden. Spätestens seit der von Engels vorgegebenen Abschaffung des Schuldprinzips unter der Federführung der SPD als Regierungspartei im Jahr 1977, welches allen Beteiligten erspart, "durch den nutzlosen Schmutz eines Scheidungsprozesses zu waten", läuft die Sache wie am Schnürchen.

Kinder und Jugendliche wissen freilich von all diesen Wohltaten wenig. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die einander "abgeliebt" haben und froh sind, sich wieder loszuwerden, leiden sie unter dem ihnen aufgezwungenen Verlust. Und was für sie wirklich zählt, ist nicht der ideologische Plunder politischen Machtgerangels, sondern die heile Familie und die Zeit, die ihre Eltern mit ihnen verbringen.

Zeit - wenn Eltern oder Politikerinnen und Politiker das schon hören! Ist nicht Zeit Geld? Und schreibt nicht Ute Erhardt in ihrem seit Jahren die Hitlisten stürmenden Super-Bestseller von den "bösen Mädchen", die nicht nur "in den Himmel", sondern "überallhin" kommen, dass lediglich Hausfrauen und andere Arbeitslose Zeit umsonst zu verschenken haben, weil ihre Zeit nämlich nichts wert ist, sprich kein Geld bringt?

Dennoch bleibt die Frage: Haben wir Erwachsenen den Blick verloren für das Loch in der Seele der Kinder und Jugendlichen, das irgendwie gestopft werden muss, wenn es erst einmal in Folge von elterlichem Zeitmangel und Selbstverwirklichungswahn aufgerissen ist? Begreifen wir nicht, dass ihre unersättlich scheinenden Ansprüche, ihre öffentlich beklagten Aggressionen, ihre Leistungsverweigerung in der Schule, ihre Provokationslust, - dass all das nur Ersatzbefriedigungen darstellen für die eine Befriedigung, die nicht erfolgt? Die nämlich, dass die Familie zusammen, sich nahe ist, Zeit miteinander verbringt und diese so unverzichtbare Höhle der Geborgenheit bietet,die von keiner "gesellschaftlichen Industrie" ersetzt werden kann?

Anstatt die Wahrhaftigkeit in diesem Wunsch nach einer intakten Familie ernst zu nehmen und der Liebe Zeit zu lassen, sich zu bewähren, ehe Kinder in die Welt gesetzt werden, gilt allein das freie Lustprinzip, welches in jeder hoch dekadenten Gesellschaft das Menetekel an der Wand war. Es gilt als altmodisch, von Werten wie Moral und Ethik zu reden. Liebe wird gleichgesetzt mit körperlicher Attraktion und sexueller Befriedigung. Ist es damit vorbei, muss niemand "weinen, wenn man auseinander geht, weil an der nächsten Ecke schon ein anderer steht."

Und Kinder? "Ich lass mir doch von dem Balg nicht mein Leben kaputtmachen!", erklärte mir eine Mutter, die ich im Zusammenhang mit meinem Buch "Im Stich gelassen" kennen lernte. "In ein paar Jahren hat sie einen eigenen Freund und ich kann sehen, was aus mir wird. Jetzt bin ich an der Reihe und sie zieht mit. Kinder wissen doch gar nicht, was sie wollen."

"Familie ist, wenn alle aus einem gemeinsamen Kühlschrank essen", sagt die regierende sozialistisch rot und umweltfreundlich grün karierte Politik der Jahrtausendwende mit der Stimme von Ulla Schmidt, SPD-Mitglied des Bundestages seit 1990.

Statt wie einst um den eigenen warmen "Herd, der Goldes wert" versammelt die Frau von heute ihre lockere, vom Zufall, dem Arbeitsplatz, dem Geldbeutel und der gerade aktuellen Liebeslust bestimmte Zweckgemeinschaft um den Kühlschrank?

Der Gedanke an die Kälte in einem solchen Familiennest drängt sich auf, welche durch politische und feministische Rundumschläge wie "Väter als Täter" oder "Familie als Gefahrenplatz Nummer eins" suggeriert wird: "Sexueller Kindesmissbrauch" und "Gewalt gegen Kinder" - betroffen jedes dritte Mädchen; "Vergewaltigung in der Ehe" oder "häusliche Gewalt ist männlich" - betroffen jede dritte Frau; Ausbeutung von Frauen durch "faule Haushaltspaschas", Benachteiligung von Frauen durch Schwangerschaft und "das Aufziehen der Brut", - betroffen jede Frau.

Diese Negativ-Liste ist fast beliebig fortzusetzen. Rechtstatsächlich ermittelt ist zwar keine dieser Zahlen. Aber es macht sich gut in der Frauenpolitik, auf Schätzungen aus gut informierten, regierungsnahen Vereinen zu verweisen und mit Dunkelziffern zu operieren, die, einmal ausgesprochen, so oft nachgeplappert und abgeschrieben werden, bis sie den Charakter der Tatsache erhalten.

Wen schert es da schon, dass rund 200 seriöse englischsprachige Studien nachweisen, dass auch Frauen keinen Heiligenschein mit Diamanten tragen? Ja, dass sie den Männern an rabiater Gewalt kaum nachstehen - aber überzeugt sind, sie als Frauen dürften schlagen, weil dies ein positives Zeichen weiblicher Emanzipation und innerer Stärke sei, während Männer, die schlagen, in den Knast gehören.

Nicht einmal die deutsche Studie über "Kriminalität im Leben alter Menschen" aus dem Jahr 1995 interessiert. Obwohl sie, passend zu den ausländischen Erkenntnissen, offen legt, dass im Vergleich zu 1,59 Millionen Männern, die gegenüber Frauen ihres engsten sozialen Umfeldes gewalttätig werden, 1,49 Millionen Frauen stehen, die vergleichbare Gewalt gegen ihre männlichen Familienangehörigen ausüben, und zwar besonders ungeniert gegenüber Pflegebedürftigen.

Für Hardlinerfeministinnen in den einschlägigen politischen Behörden und viele andere ist "häusliche Gewalt" nun mal allein männlich, sind Opfer immer nur Frauen und Kinder, unter ihnen vornehmlich die Mädchen.

Verwundert es bei derartiger Negativ-Propaganda, dass trotz der riesigen Sehnsucht nach einer heilen Familie, nach der großen Liebe auf immer und ewig und dem gemeinsamen Altwerden mit dem einen Menschen, mittlerweile fast jede zweite Familie scheitert und die Ehe zerbricht? Von den nicht ehelichen Gemeinschaften ganz zu schweigen, die nirgends registriert, aber trotz freier Liebe nicht gegen Trennung gefeit sind. Gerade im "Rosenkrieg", wenn die Nerven auf beiden Seiten blank liegen, zeigen sich die Auswirkungen der politisch-feministischen Männer-Schelte. Immer mehr Mütter trauen den Vätern alles Schlechte zu: Kindesentführung, Gewalttätigkeiten, erschreckend häufig sogar den sexuellen Missbrauch ihrer Kinder.

Niemand wird bestreiten, dass sexueller Kindesmissbrauch eines der bestgetarnten und schändlichsten Verbrechen ist und jede Täterin und jeder Täter weit härter bestraft werden sollte als dies bereits der Fall ist.

Doch Experten wie Professor Siegfried Willutzki vom Deutschen Familiengerichtstag stellten seit 1994 in mindestens 40 Prozent der strittigen Sorgerechtsfälle eine Falschaussagebereitschaft der Mütter fest. Alles Mütter als Megabiester? Wohl kaum. Weit eher als allein aus böser Absicht passieren derartige Verleumdungen aus Verunsicherung gegenüber dem Mann, in dem frau sich emotional so nachhaltig geirrt hatte, dass sie ihm nach dem Scheitern der Liebesbeziehung jede Gemeinheit zutraut, die Männern öffentlich angelastet werden. Mögen die Mütter in diesen Fällen die Gewinnerinnen des Sorgerechts und die Väter die Verlierer im Kampf um das Kind sein - die auf dem Schlachtfeld bleiben, sind die Kinder.

Früh heißt es für sie in einer Welt der Großen erwachsen zu werden, "Ab neun sind Kinder erwachsen", sagte mir die Mutter zweier Kinder eines amtierenden katholischen Priesters Anfang 1998, als sie mir erklärte, warum sie ihrem Sohn in diesem Alter das Geheimnis offenbart hatte, dass sein Vater kein Held wie Sean Connery, sondern der seit Jahren als ihr geistlicher Freund im Haus ein und aus gehende ältere Herr sei. In diesem Alter, führte sie aus, könnten Kinder alles verstehen, alles essen und auf sich gestellt überleben könnten. In anderen Kulturen müssten sie dann schon arbeiten und ihre Familien versorgen, oftmals bereits heiraten.

Auch wenn diese Meinung sicher nicht die der meisten Eltern ist, so ist doch zu beobachten, dass Kinder immer früher und selbstverständlicher sich selbst überlassen bleiben - müssen. Die auf Familien lastenden staatlichen und sozialen Abgabenzwänge sowie die nach dem Pro-Kopf-Aufkommen hohen Lebenshaltungskosten lassen Müttern wie Vätern immer seltener die freie Wahl zwischen Vollerwerbstätigkeit, Teilzeit- oder Familienarbeit zu Hause. Und die Erwerbstätigkeit beider Eltern lässt konsequenterweise wenig Zeit - sowie Nervenreserven.

Kinder aber lernen am elterlichen Vorbild. Ohne Zeit zum gegenseitigen Hinschauen, miteinander reden, zuhören, verstehen lernen und Kompromisse finden kann nichts Wesentliches einer Beziehung vermittelt oder gar eingeübt werden.

Eine der Lehren, die Kinder aus gescheiterten Ehen ziehen, ist, dass Familien keinen Bestand haben und die Flucht aus der Ehe ein Lösungsmuster ist. Diese Lehre nehmen sie ins Leben mit.

Nachweislich scheitern die Ehen von Kindern von Scheidungseltern mehrfach häufiger als diejenigen, die von Kindern aus intakten Ehen geschlossen werden. Nochmals potenziert dann, wenn beide Eheleute aus Scheidungsfamilien stammen. Und die Kinder aus Scheidungsehen vermehren sich alljährlich um rund 160000.

Rechnen wir nur 10 Jahre zurück, so haben wir aus dieser Zeit 1,6 Millionen Kinder, deren eigene Ehe in Abhängigkeit zum Lebensalter entweder schon jetzt oder in ein paar Jahren nicht nur durchschnittlich, sondern erheblich gefährdet ist, oder die als gebranntes Kind das Feuer der festen Bindung gänzlich scheuen und lieber gleich ohne Trauschein leben. In Wahrheit aber sind es viel mehr als diese 1,6 Millionen, denn es wurden ja alle diejenigen nicht addiert, die bereits vor diesen 10 Jahren zu Scheidungskindern wurden und heute den Block derjenigen stellen, die bereits geschieden sind, Scheidungswaisen hervorbringen und Vorbilder für neue Scheidungen sind. Aller Sehnsucht nach Dauer zum Trotz schwindet die Hemmschwelle vor dem Bruch mit der Geschwindigkeit eines Flächenbrandes.

Prüft man die Liste der Scheidungsgründe, rangieren auf der Top-Ten Geldsorgen, Hausarbeitsfrust und berufliche Selbstverwirklichungsträume der Frau, Streit mit dem Vater der Kinder um Erziehungsmaximen sowie Neid auf das vermeintlich erfülltere Leben des Partners an erster Stelle. Vor allem Frauen fühlen sich von ihren Männern zunehmend unverstanden, ausgebeutet und allein gelassen.

Es fehlen Frauenleitbilder, postuliert eine Studie, die 1998 für Journal der Frau erstellt wurde. Die eigenen Mütter kämen kaum noch in Betracht, da sie ein Lebensmodell zeigten, das für moderne Frauen keine Gültigkeit mehr habe. Folglich müsste frau sich an den Titelbildern der Schönen und Reichen des Jetset orientieren.

Glaubt man Barbara Ossege, Psychologin auf einer im Februar 1998 in Berlin stattgefundenen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltensforschung, werden die von diesen Beispielen geprägten Frauen der Zukunft erstens "Gebär-Mütter" als lebende Laboreinrichtung für einen Fötus sein, zweitens "Erfolgsfrauen", die ihre Eizellen einfrieren und sich nach der Befruchtung aus der Samenbank im fortgeschrittenen Alter implantieren lassen oder eine "Gebär-Mütter" kaufen - am liebsten die der eigenen Mutter -, drittens die "Techno-Bitch", die Sex nur mehr als virtuelles Abenteuer schätzt, und viertens die "Rachegöttin", die Männer besiegen will.

Die "klassische männliche Sexualität brauchen wir tatsächlich nicht", verkündete die Psychologin Christine Schmerl auf derselben Tagung. Das Klonen sei als bessere Reproduktionsmethode vorzuziehen. Männer taugten allenfalls als "Schädlingsbekämpfungsmittel", wenn einmal jährlich "die Masern an den Nachwuchs gehen".

In der Tat ist die Realität derartiger Aussagen weniger fern, als man hofft. Im Mai 2000 konnte man lesen, dass ein englisches Supermodel mit seiner ebenfalls als Supermodel über den Laufsteg der Modewelt flanierenden Mutter einen Deal geschlossen habe. Und zwar werde die Mutter, die bereits 10 eigene Kinder geboren hat, für ihre Tochter ein Kind austragen, weil die Tochter sich so sehr ein Kind wünscht. Zu diesem Zweck wollen die Frauen sich eine Portion Samenzellen aus der Samenbank kaufen und der Mutter eine befruchtete Eizelle der Tochter implantieren lassen. Als Endvierzigerin fühle sie sich absolut fit zum Kinderkriegen, meinte die Mutter. Und selbstverständlich werde sie als Gebär-Mutter vom Augenblick der Geburt an vollkommen selbstverständlich zurücktreten und das Enkelkind sofort der Tochter schenken. Sie werde danach nur noch die Oma sein.

Ein Einzelfall, möchte man kopfschüttelnd sagen und sich seinen Teil dabei denken. Tatsächlich sei es die Zukunft, meint Matthias Horx, der als der deutsche Trend- und Zukunftsforscher schlechthin gilt. Männer seien das Hauptproblem der Zukunft, die zweifelsfrei den Frauen gehöre. Als arbeitslose, überflüssige Gewalttäter und Säufer würden sie alsbald die Gosse bevölkern und die "schöne Neue Welt" der Frauen gefährden.

Was also ist zu tun, wenn "Familie" eine Chance haben soll? Eine Frage, die ebenso sehr an Individuen wie an die Politik gerichtet sein muss. Als erste Aufgabe wäre, das Ende der feministischen Kriegsführung herbeizuführen, indem die massive Männer-Schelte der letzten Jahrzehnte und die einseitig parteiliche Frauenförderung zu Gunsten der in unserem Land längst gegebenen Gleichberechtigung der Geschlechter abgeschafft wird. Der künstlich hochgeschaukelte Paradigmenwechsel vom Patriarchat zum neuen Matriarchat bringt keine bessere Zukunft, sondern zerstört. Wie nachhaltig jede einseitige Staatsführung Gesellschaft und Leben vernichtet, mag uns die Geschichte der Amazonen lehren, die aus antiken Schriften überliefert ist. Geschichtsschreiber wie Herodot und Appolonius berichten, dass Knaben bei der Geburt entweder sofort getötet oder ihnen eine Hüfte zerschmettern wurde, damit sie als Hausdiener und künftige Spermalieferanten für die einmalige Sex-Orgie des Jahres erhalten blieben. Wenn dies auch, Gott bewahre, bisher in Deutschland nicht die Regel ist, so zeichnen doch die Zukunftsvisionen des Matthias Horx in seinem Buch Die acht Sphären der Zukunft eindeutig genug auf, welchen Weg Männer zwischen Samenbank und Gosse vor sich haben.

Als nicht minder wichtige Aufgabe wäre die Rehabilitierung der Familie aus Eltern und Kindern als sicherer Ort für Kinder und zugleich unverzichtbare Keimzelle des Staates zu betreiben. Dazu gehört nicht zuletzt die finanzielle Entlastung der Familien durch den Staat. Seit den Sechzigern werden Familien hier zu Lande immer ärmer. Noch im Jahr 1965 erhielt nur jedes 75. Kind unter sieben Jahren zeitweise oder dauerhaft Sozialhilfe. 1990 war es bereits jedes 11. Kind. Bis zur Gegenwart hat sich der Anteil der Kinder, deren Eltern nicht mehr für den Selbsterhalt ihrer Familien aufkommen und ihre Kinder nicht mehr versorgen können, durchschnittlich alle zehn Jahre verdoppelt.

Kein Wunder, schaut man sich die galoppierende Schwindsucht der Arbeitslosenzahlen an, die durch staatliche Maßnahmen wie Förderung der Frühpensionierung bei gleichzeitiger Streichung der frei gewordenen Arbeitsstelle sowie den eingetriebenen Lohnnebenkosten forciert werden. Noch weniger verwunderlich, lässt man die Liste der rund 30 verschiedensten Steuern an sich vorbeiziehen, die der Gesetzgeber zusätzlich zu den obligatorischen Steuern wie Einkommenssteuern/Lohnsteuern, Umsatz-/ Mehrwertsteuern, Mineralölsteuern, Gewerbesteuern, Solidaritätszuschlag, Tabaksteuern, Körperschaftssteuern, Ökosteuern abkassiert. Hätten Sie's gewusst, dass es Kirchensteuern, Kapitalertragssteuern, Versicherungssteuern, Kraftfahrzeugsteuern, Grundsteuern, Zinsabschlag, Zölle, private und kommunale Grunderwerbssteuern, Branntweinsteuern, Erbschaftssteuern, Lotteriesteuern, Kaffeesteuern, Biersteuern, Schaumweinsteuern, Feuerschutzsteuern, Vergnügungssteuern, Hundesteuern, Totalisatorsteuern, Jagd- und Fischereisteuern, Rennwettensteuern, Getränkesteuern, Kinosteuern, Börsenumsatzsteuern und Schankerlaubnissteuern gibt? Dass überdies die Zwangsabgaben für die Sozialversicherung und weitere erhebliche Summen für private Vorsorgeversicherungen anfallen, muss kaum eigens erwähnt werden.

Insgesamt geht es allein bei den Lohn- und Einkommenssteuern um etwa 300 Milliarden Mark und bei den Verbrauchssteuern um mindestens 400 Milliarden Mark. Mit über 700 Milliarden Mark Sozialabgaben schießen die Sozialversicherung den Vogel ab. Und immer noch ist von weiteren Abgabenerhöhungen und neuen Steuern die Rede. Immer noch wächst die Verschuldung des Staatshaushaltes explosionsartig, sind die Renten unserer Kinder und Kindeskinder schon heute verschwendet, ist der in Deutschland noch kürzlich als weltweit leuchtendes Beispiel gelobte Generationenvertrag geplatzt.

Für Expertinnen und Experten wie Jürgen Borchert, Richter am Hessischen Landessozialamt (siehe S. 190ff.), stellt sich denn auch die Frage, ob die Gleichbehandlung von Singles und Familien bei individuell pro Kopf aufzubringenden Verbrauchersteuern und der generell für Einzelpersonen und Singles gleich bleibenden, festen Summe der Sozialabgaben dem staatlichen Auftrag zum Familienschutz entspricht.

Tatsache ist, dass der alleinlebende Vorstandsvorsitzende eines Großunternehmens dieselbe Beitragssumme zur Sozialversicherung aufbringen muss wie ein Niedriglohnempfänger, und dass die mit einem Einkommen auskommende Mehrpersonenfamilie ebenfalls denselben Betrag abliefert. In Zahlen ausgedrückt:

Im Jahr 1999 blieben einer ledigen Person bei einem fiktiven Jahres-Bruttoeinkommen von 60000 Mark nach Abzug aller direkten Steuern und Sozialabgaben netto 33388 Mark auf dem Konto. Wurde von diesem Betrag das errechnete Existenzminimum in Höhe von 13 067 Mark abgezogen, blieb ein frei zu verwendender Restbetrag von 20 321 Mark übrig.

Im gleichen Zeitraum hatte ein kinderloses Ehepaar, das vom staatlichen Ehegattensplitting profitierte, ein nach eigener Lust und Laune auszugebendes Einkommen von 14419 Mark.

Ein Ehepaar mit zwei Kindern musste zu viert mit 7437 Mark vorlieb nehmen. Schafften sich die beiden ein drittes Kind an, blieben am Jahresende nurmehr 4284 Mark. Im Vergleich zu einem Single, der für sich allein monatlich 1698 Mark auf den Kopf hauen konnte, konnte diese 5-Personen-Familie für jedes Familienmitglied in rund 30 Tagen ganze 75 Mark verprassen, genau 2 Mark 50 pro Tag. Weniger als eine "Jumbo-Kugel" beim Eismann um die Ecke kostet, weniger als ein Kinobesuch, weniger als der Eintritt im Freibad, weniger als fast alles.

Von Gerechtigkeit der Sozialabgabenbelastung oder staatlicher Entlastung der Familien kann daher keine Rede sein. Schon gar nicht, wenn man berücksichtigt, dass Familien diejenigen sind, die heute nicht nur mit den realen Kosten für das Großziehen von Kindern weitestgehend allein gelassen werden, sondern überdies mit ihren Kindern die Rentenzahler von morgen und in diesem Zusammenhang auch die Renten der Singles finanzieren.

Ähnlich familienfeindlich bilanziert man bezüglich Steuererhöhungen. Familien sind nun mal kleine Wirtschaftsunternehmen und als solche selbst bei sparsamster Wirtschaftsweise Verbrauchs- und energieintensiv. Ohne Frage verzehren fünf Personen mehr als eine. Zwangsläufig benötigen fünf Personen auch mehr Kleidungsstücke und eine geräumigere Wohnung als eine Einzelperson, können sich aber viel zu oft nur eine kleinere leisten. Unvermeidlich fallen höhere Energiemengen und vor allem Benzin an, wenn man für fünf Personen kocht, wäscht, bügelt, putzt, duscht und mit drei Kindern unterschiedlichen Alters zwischen den jeweiligen Schulen, zusätzlichem Musikunterricht, dem Gesundheit förderlichen Sportverein und verschiedenen Ärzten das "Eltern-Taxi" betanken muss. Wie Jürgen Borchert ermittelte, musste eine vom ihm juristisch vertretene achtköpfige Familie mit durchschnittlichem Brutto-Einkommen 11 Prozent ihres unter dem Strich frei verfügbaren Resteinkommens allein für die Ökosteuer aufwenden.

Bürgerinnen und Bürger erfahren es hautnah, was endlich auch das Bundesverfassungsgericht in einem Aufsehen erregenden Urteil vom 7. 7. 1992 bekundete, "dass der Gesetzgeber den Schutzauftrag des Art. 6 Abs. l GG bisher nur unvollkommen erfüllt hat". Die steuertechnische Geringschätzung der Familienarbeit müsse daher abgeschafft und sehr viel höhere Kindererziehungsfreibeträge gewährleistet werden. Ehe der Gesetzgeber sich zu einer Verbesserung durchringen konnte, mussten Jahre vergehen, in denen die Regierungsparteien aller Couleur mit derselben Emsigkeit nach Schlupflöchern suchten.

Als "einen gewaltigen Schritt voran" kündigte das rotgrüne Bundesfamilienministerium im März 2000 das neue Bundeserziehungsgeldgesetz an, welches Familien nun endlich vom Verlierertreppchen holen solle. Mit einer Anhebung der Einkommensgrenzen um rund zehn Prozent, einer Aufstockung des Kinderfreibetrages sowie einer neuen Budgetierung des Erziehungsgeldes solle nunmehr der Bezug berechtigte Personenkreis erweitert werden. Nicht zu vergessen, dass künftig beide Eltern gleichzeitig Erziehungsurlaub nehmen und gesetzlich Anspruch auf einen 30-Stunden-Teilzeitjob geltend machen dürfen.

Ob die großen Worte einmal mehr die Luft nicht wert waren, die zur Aussprache nötig war, bleibt abzuwarten. Angesichts der vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden über die Lohnentwicklung 1999 sind Zweifel gestattet. Was nützen einerseits minimal angehobene Fördermittel des Bundes für Familien, wenn zeitgleich die Nettolöhne Dank Steuererhöhungen hinter den Erwartungen zurückbleiben, die Ausgaben für die Lebenshaltung aus dem gleichen Grund in die Höhe schnellen und der warme Regen aus der Öko-Steuer in die Rentenkassen den überfälligen Reformdruck auf die maroden Rentenversicherungen mildert?

Konrad Fischer aus Ratzeburg, Vater dreier Söhne und verheiratet, kann jedenfalls vom versprochenen Geldsegen keine Spur in seiner aktuellen Gehaltsabrechnung für Januar 2000 finden. Obwohl er bei seinem Einkommen und seiner Kinderzahl laut Fallbeispielen aus dem Bundesfinanzministerium mit einer steuerlichen Entlastung von über 1000 Mark im Jahr rechnen konnte, wurde ihm nicht ein Pfennig weniger Steuern abgezogen als bisher. Warum? Das Finanzamt ließ es ihn auf Anfrage gern wissen. Die auf Grund der höheren Kinderfreibeträge zu erwartende Steuerersparnis werde erst am Jahresende mit dem Betrag des ausgezahlten Kindergeldes verglichen. Fiele die mögliche Steuerersparnis des Familienvaters dann höher als das ausgezahlte Kindergeld aus, würde dies bei der Berechnung seiner Steuerschuld abgezogen. Allerdings sei bei seinem Jahreseinkommen kaum ein Plus zu erwarten.

Auch bezüglich der Anweisungen des Bundesverfassungsgerichts an den Gesetzgeber, keine Sozialabgaben mehr auf Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu erheben, wird Vater Fischer bei der Auszahlung des Juni-Gehalts voraussichtlich in die Röhre gucken. Nach dem Willen des Bundesarbeitsministers Walter Riester kann auf diese verfassungswidrige Abzockerei nicht generell verzichtet werden. Lediglich bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes werde eventuell eine Zäsur möglich sein. Mithin gehen Eltern als Normalverdiener einmal mehr leer aus.

Erinnern Sie sich an die Feststellung, dass Geldmangel auf der Top-Ten der Scheidungsgründe ganz oben steht? Dass Mütter trotz ihres Wunsches, zu Hause bei den Kinder bleiben zu können, mitverdienen müssen, um den Selbsterhalt der Familie zu sichern? Dass ihnen von Rechts wegen ein 5-prozentiges Taschengeld vom Einkommen des Ehepartners zusteht, aber in den meisten Familien kein Pfennig übrig bleibt, sondern immer mehr Schulden gemacht werden müssen? Ja, dass sogar einer wie Bundeskanzler Schröder unlängst in der BILD-Zeitung erklärte, wenn er seiner Ex-Frau Hillu und ihren Kindern nebst Pferden und Hunden weiterhin so viel Unterhalt zahlen müsse, werde er der erste Bundeskanzler sein, der von Sozialhilfe leben müsse.

Inzwischen rufen selbst die Kirchen zum Widerstand gegen familiale Benachteiligung in der Gesellschaft auf. Die Gefahr der "Familienvergessenheit" greife um sich, mahnen die Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz. Diese führe dazu, dass Kinder immer mehr Menschen zutiefst fremd wären und die Bedürfnisse von Kindern nicht in angemessener Weise anerkannt würden. Es sei höchste Zeit, Politikerinnen und Politikern nachdrücklich klarzumachen, dass Familienbelange und Kindernöte mindestens ebenso wichtig seien wie die Standortbestimmung der Wirtschaft oder die nächsten Tarifverhandlungen.

Ein wenig Hoffnung wächst diesbezüglich momentan aus dem Ausland herüber. Hat schon Jacques Chirac als französisches Staatsoberhaupt die deutsche Familienpolitik und das deutsche Familienrecht als "Dschungel" bezeichnet, empören sich nun auch die USA. Massiv trat Präsident Clinton Bundeskanzler Schröder anlässlich seines Staatsbesuches in Berlin im Mai 2000 auf die Zehen. Deutschland, so ließ er wissen, versuche Kinder aus fremden Ländern mit allen Mitteln festzuhalten und verstoße speziell im Scheidungsfall gegen internationale Abkommen. Dies sei nicht länger hinzunehmen.

Schaut man sich die Entwicklung der deutschen Bevölkerung an, drängt sich ein Verdacht auf: Hat der Kindesentzug allen Dementis zum Trotz etwa System?

Tatsache ist: Deutschland veraltert. Der Staat mutiert zum Moloch, der seine eigenen Kinder frisst. In Folge von staatlicher Ausbeutung, wirtschaftlicher Erpressbarkeit und Geldnot, aus Zukunftsangst und blindem Egoismus, auf Grund extremen Konsumdenkens und boomenden Freizeitverhaltens sowie aus Lust am beruflichen Erfolg, aus Bindungsschwäche und Angst vor dem Zerbrechen der Paarbeziehung gestatten sich Eltern weniger Kinder. Rund 30 Prozent aller Frauen ist dauerhaft kinderlos. Zeitgleich nehmen legale und illegale Entsorgungsversuche durch Abtreibung oder Aussetzen und sogar Kindesmord zu.

Greift der Schutz des ungeborenen Lebens bis zur Geburt, muss das geborene Leben sehen, wie es zurechtkommt. Überspitzt ausgedrückt, zugegeben. Aber leider nicht so verkehrt. Nicht ohne Grund steigen die Selbstmordraten und der Drogenmissbrauch von Nikotin über Alkohol bis zu harten Drogen unter Kindern und Jugendlichen kontinuierlich an. Von der Beschaffungskriminalität bis zur Prostitution, von der Essstörung bis zur Leistungsverweigerung - zusehends mehr junge Menschen verabschieden sich der Gesellschaft, indem sie aus ihren durchaus nicht immer sozial schwachen Familien ausbrechen, in denen ihnen Lieblosigkeit, Gewalt und Überforderung begegnen. Das Leben auf der Straße sei hart, aber immer noch besser als das, was ihnen zu Hause geboten worden sei, sagen sie und altern früh auf ihren Schlafplätzen über einem Lüftungsschacht oder in einer Türnische.

Auf der anderen, der sozialen Schokoladenseite der Gesellschaft wandern die Kindern der neureichen Führungselite ins Ausland ab, durchlaufen dort in weniger Jahren als hier zu Lande die Schule, werden globalisiert und für die bürokratische Kleinkariertheit im deutschen Amtsstubenmief zu kosmopolitisch.

Die Ausfallquote unter Kindern ist hoch. Längst hat sich das traditionelle Schema des Bevölkerungsbaumes quasi auf den Kopf gestellt, sodass die dünne Spitze der Jugend in absehbarer Zeit unter der breiten Wucherung der unverwüstlich fitten Altengenerationen zusammenbrechen muss. Vorhersehbar ist, dass ca. 45 Prozent der zukünftig erforderlichen Renten nicht abgedeckt werden können, weil es an Kindern als künftige Beitragszahler mangelt. Deutschland braucht also Kinder.

Solle der soziale Supergau vermieden werden, müsse man jedes Jahr bis zu 3,4 Millionen Einwanderer aufnehmen, wies eine im Februar 2000 vorgestellte Studie der UNO nach. Eine interessante Information, vor deren Hintergrund die doppelte Staatsbürgerschaft für Kinder von ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine ebenso spezielle Bedeutung wie die Debatte um ein längst überfälliges Einwanderungsgesetz erhält. Kinder für Deutschland, egal woher? Vielleicht liegt ja hier sogar die tiefere Ursache des "Dschungels" deutscher Familienrechtsprechung und Familienpolitik, welche die Herausgabe von Kindern aus binationalen Ehen an den sorgerechtigten, doch im Ausland lebenden Elternteil verhindert?

Fakt ist:

Wenn Deutschland eine Zukunft haben soll, dann liegt diese nicht in der "industriellen Familie" und den angepriesenen "Wohltaten der Scheidung" der Epigonen des roten Friedrich Engels, noch in der Verweigerung von Mutterschaft und Familienarbeit zu Gunsten der Erwerbstätigkeit als geistiger "Transzendenz" im frauenrechtlerischen Sinne der Simone de Beauvoir. Ebenso wenig liegt sie in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit oder ohne Trauschein oder der medizinisch-technischen Perfektionierung ewig konservierbarer Ei- und Spermazellen, noch in der Optimierung künstlicher und der Legalisierung lebender Gebär- Mütter, geschweige denn im Klonen der eigenen Person. Nein, die Zukunft liegt allein im natürlichen Dualismus des "Prinzips Leben", und zwar in den Frauen und Männern, die miteinander Mutter und Vater werden und Kindern das bieten, was sie glücklich macht, nämlich eine Familie, eine Familie, eine Familie.

Karin Jäckel