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Plädoyer für die
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Der Architekt 10/02Alle unter einem DachKinder wünschen sich vor allem eines: eine heile Familie, alle zusammen glücklich unter einem Dach und ganz viel Zeit mit Mama und Papa. Jugendliche träumen von einer eigenen Familie und der großen Liebe auf immer und ewig. Junge Paare unter 35 sehen ihr Zusammenleben ohne Trauschein meist als Probezeit im Hinblick auf eine Ehe an. 96 Prozent aller Hochzeitspaare halten den Hochzeitstag für den schönsten Tag im Leben. Und trotz des latenten Rückgangs der Eheschließungen seit 1991 ist die absolute Mehrheit aller Paare verheiratet. Dennoch wandeln vor allem Geldmangel, eine neue Liebe und unterschiedliche Auffassungen über Partnerschaft und Kindererziehung den einstigen Glückstraum immer öfter zum Alptraum um. Zwischen dem fünften und siebten Ehejahr hält fast jedes zweite Ehepaar es nicht mehr miteinander aus. Meist reichen die Mütter die Scheidung ein, nehmen die Kinder und lassen den Vater allein zurück. Jedes Jahr müßen rund 160 000 Scheidungskinder den Verlust ihrer heilen Familie hinnehmen. Zusammen mit den Kindern nicht verheirateter Eltern, die sich getrennt haben, erfuhren in den letzten zehn Jahren etwa zwei Millionen Minderjährige, daß Liebe nicht auf immer und ewig hält und Familie stets so aussieht, wie die Erwachsenen es wollen und nicht, wie die Kinder es sich wünschen. Ulla Schmidt, SPD-Gesundheitsministerin unter der Regierung Schröder, definierte Familie denn auch ganz locker so: „Familie ist, wenn alle aus demselben Kühlschrank essen." Kinder fühlen das freilich anders. Ihre Seelenbindung hat noch ganz eng mit der Verwurzelung in der Seele von „meiner Mama" und „meinem Papa" zu tun. Mit diesen Personen, die so eng als „mein" empfunden werden, wollen sie leben. Zu ihnen wollen sie gehören, von ihnen geliebt und beschützt werden. Kindern einen Elternteil zu entreißen, reißt ein Loch in die Kinderseele, das niemals heilt. Und nach meinen Erfahrungen entsteht dieses Loch schon dann, wenn Kinder, im wahrsten Wortsinn, zu wenig von ihren Eltern haben. Zeit ist GeldEs beginnt mit der gemeinsamen Zeit, die heute vor allem Geld ist, und mit der Menge des benötigten Geldes. Eine Flut direkter und indirekter Steuern, die auf Einkommen und Konsumgüter erhoben werden, soziale Abgabenlasten, der Verbrauch einer mehrköpfigen Lebensgemeinschaft für Wohnraum, Kleidung, Nahrung-Familien sind nicht nur kleine Privatunternehmen, die klug und mit Gefühl gemanaged werden müßen, um erfolgreich zu sein; sie sind auch die Melkkühe des Staates. Kinder wissen und verstehen das noch nicht. Sie wissen nur, daß fast alle Väter meistens erst abends nach Hause kommen, weil sie den ganzen Tag Geld verdienen müßen, und daß fast die Hälfte aller Mütter auch zur Arbeit geht. Zwei Drittel arbeiten wie die Väter Vollzeit, ein Drittel Teilzeit. Schwarzarbeit oder Nebenjobs kommen oftmals hinzu. Für Kinder bleibt da wenig Zeit. Und noch weniger Geduld und Nervenkraft, um die schon von Pestalozzi proklamierten Grundbedürfnisse von Kindern zu erfüllen, nämlich „die drei großen Z": Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit. Ein Defizit, das sich bemerkbar macht. Nicht umsonst erklärten befragte Kinder zum Beispiel in den Shellstudien der letzten Jahre, daß ihre Eltern zu wenig Zeit haben, um mit ihnen zu spielen oder ihnen etwas vorzulesen. Eine Erfahrung, die ich auch als Autorin von Kinderbüchern nur bestätigen kann. Der an mich aus den Verlagen herangetragene Wunsch nach möglichst kurzen Vorlesegeschichten entspricht dem Bedarf der Eltern nach Ein-Minuten-Geschichten. Für das Vorlesen so kurzer Geschichten reicht ihre Geduld und Zeit gerade noch aus. Gern wird behauptet, daß diese kurzen Geschichten dem Kinderwunsch oder der mangelnden Konzentrationsfähigkeit von Kindern entspricht. Tatsächlich aber sind Kinder fast immer unersättlich, wenn die Eltern sich ihnen zuwenden, ihnen etwas erzählen, vorsingen oder mit Vergnügen etwas vorlesen. Kinder verweigern das Lesen erst dann, wenn sie am Beispiel der Erwachsenen gelernt haben, daß Bücher nicht wichtig sind und sie für eigene Lesefehler getadelt, für braves Fernsehgucken aber gelobt werden. Elektronischer Lebensersatz, Fast-Food, Clique statt ElternOb Erzieherinnen im Kindergarten, Lehrkräfte an Grund- und weiterführenden Schulen, sie alle beklagen den Fernsehkonsum. Viel zu lange schauen zu viele Kinder vom Vormittags- bis Spätprogramm alles, was gerade kommt. Allein oder in Gesellschaft von Eltern, die nicht durch Fragen, Geplapper oder Albernheiten gestört werden wollen. Oft schon im Kindergartenalter kommen die virtuellen Welten aus PC- und Videospielen hinzu. Da diese Geräte meist im eigenen Kinderzimmer stehen, verschlingt der elektronische Lebensersatz nicht nur täglich Stunden der Echtzeit, sondern auch die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Leben in einer Gemeinschaft. Lehrerinnen und Lehrer bemängeln, daß sich die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern sich zu selten um sie kümmern, kaum noch in der eigenen Muttersprache ausdrücken können. Immer weniger von ihnen sind imstande, ihre Gedanken in mehr als drei zusammenhängenden hochdeutschen Sätzen mitzuteilen. Vertrauter sind sie mit sinnleeren Comic-Floskeln und der Fäkaliensprache aus Spielfilmen im Bandenmilieu. Körpersprache ersetzt das Wort. Und immer öfter ist diese Sprache die der Gewalt. Die Polizei meldet das bundesweite Ansteigen der Kinder- und Jugendkriminalität. Immer jüngere Kinder werden straffällig. Immer mehr bekennen, daß ihnen die Clique mehr gibt als die Familie, weil die Clique immer für sie da ist, die Eltern jedoch nicht. Mediziner warnen, daß Kinder schon morgens ohne Frühstück aus dem Haus stürmen und nach der Schule vom Vorabend Aufgewärmtes oder in der Mikrowelle gegartes Fastfood verschlingen. Statt mit Gleichaltrigen draußen an der frischen Luft Knochen und Muskeln zu stärken, sind sich die Heranwachsenden in der leeren elterlichen Wohnung selbst überlassen, wo sie in stundenlanger Lethargie vor dem Fernsehapparat „abhängen". Sportunterricht und Wandertage der Schule werden immer öfter zur Qual für alle Beteiligten. Psychotherapeuten schlagen Alarm wegen der rapide steigenden Anzahl junger Patientinnen und Patienten, die durch Selbstmordversuche, Magersucht, Depression, Selbstverstümmelung oder Drogenkonsum auf ihre verzweifelte Lebenslage in ihren gestörten Familien aufmerksam machen wollen. Schon Dreijährigen wird die Psychopille Ritalin verschrieben, weil die Eltern mit ihren leicht erregbaren, unkonzentrierten, zappeligen Knirpsen überfordert sind. Hyperaktivität ist zum magischen Wort geworden. Doch läßt sich die in nur acht Jahren um das zwanzigfache gesteigerte Verordnung der „Konzentrationspillen" tatsächlich damit rechtfertigen, daß die Kinder in ganz Deutschland innerhalb dieser kurzen Zeit so dramatisch erkrankt sind? Oder haben nicht viel mehr die Eltern in Kanada und den USA Recht, die seit einigen Jahren Protestmärsche gegen Ritalin organisieren und verlangen, daß ihre Kinder wieder Kinder sein und sich kindlich zappelig benehmen dürfen? Diese und noch viel mehr seelische und körperliche Störungen und Verhaltensauffälligkeiten unserer Kinder landauf, landab sind bekannt. Die Pisa-Studie hat gezeigt, daß sie auch im internationalen Vergleich der Schulausbildung nicht mehr mithalten können. Und dennoch setzt die Bundesregierung in erster Linie auf den Ausbau der professionellen Kinderbetreuung und die noch stärkere Einbindung auch der Mütter in das Erwerbsleben. Kurz: auf den weiteren Entzug der Eltern. Ich persönlich plädiere dafür, Kindern mehr Mutter und Vater zu geben. Ein Erziehungsgehalt für Eltern, welches diesen ermöglicht, selbst für ihre Kinder da zu sein und sie nicht nur zur eigenen Freude sondern auch zum Nutzen der Gesellschaft persönlich groß zu ziehen, ist politische Pflicht. Das Verhalten und die gesundheitlichen Veränderungen unserer Kinder und Jugendlichen beweisen es klar: zwei voll erwerbstätige Eltern, der überwiegende Umgang mit bezahlten professionellen Bezugspersonen und der Verlust des Vaters oder der Mutter nach der elterlichen Trennung oder Scheidung führen zu einem Geborgenheitsdefizit, welches sich in kindlichen Verzweiflungstaten äußert, deren tieferer Sinn einzig und allein der Schrei nach mehr elterlicher Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit ist. In Familien, in denen ein Elternteil zumindest bis zum Ende der Grundschulzeit oder besser noch bis zum Ende der ersten Jahre einer weiterführenden Schule für die Kinder da und zuhause ist, wird dies bereits erkannt. Karin Jäckel Literatur:www.karin-jaeckel-autorin.de |
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