"Kindesentziehung ist Folter"
Karin Jäckel am 14. 10. 08
an Armin Laschet, Familienminister in NRW


Von: Karin Jäckel [mailto:karin.jaeckel(at)t-online.de]
Gesendet: Dienstag, 14. Oktober 2008 02:07
An: 'armin.laschet@mgffi.nrw.de'
Betreff: Jugendamt und Fachaufsicht

Sehr geehrter Herr Laschet,

mein Name ist Karin Jäckel. Ich bin Autorin von mittlerweile über 80 Büchern, deren Themenschwerpunkt im Erwachsenen- und Jugendbereich Gewalterfahrungen, Trennungserfahrungen und daraus folgende, das Leben junger Menschen überschattende Krisen sind. In diesem Zusammenhang bin ich eine von Hunderten Petent/innen, die sich vor dem Europäischen Parlament in Brüssel für eine Fachaufsicht über das Jugendamt einsetzen und zu diesem Zweck auch bereits mehrfach angehört wurden.

Während man Eltern und Kinder, die ihren Eltern durch das Jugendamt entrissen werden, in Brüssel ernst nimmt und der Vorsitzende der Petitionskommission in einem Zeitungsinterview ausführte, das Jugend wende "brutale Methoden" an, ignoriert man in Deutschland die wachsende Not von Eltern und Kinder durch unqualifizierte Entscheidungen von Jugendamtsmitarbeitern, obwohl bereits 1996 eine Tagung in Bad Boll dringendsten Handlungsbedarf zum Schutz des Kinderrechts auf ein Leben mit beiden Elternteilen ergab. Damals empörte sich eine Jugendamtsmitarbeiterin: "Wir sind doch keine Kinderklaubehörde.", so dass dieser Satz auf das Titelblatt des Tagungsreaders kam. Heute können Eltern nur bestätigen, dass das Jugendamt mehr Kinder entzieht, denn je, nämlich mindestens 77 pro Tag.

Selbstverständlich habe ich mich auch vor der deutschen Petitionskommission bereits für eine Gleichstellung von Müttern und Vätern im Grundgesetz stark gemacht. Angesichts dessen, dass es immer mehr allein erziehende Väter gibt, ist es überfällig, auch Vätern denselben Schutz der Solidargemeinschaft zu geben wie Müttern. In Zeiten der Genderforschung und Gleichstellungspolitik sollte dies selbstverständlich sein.
Meine Petition wurde dennoch verworfen. Grund: Man sehe keinen Anlass, den Schutz für Mutter zu verringern. Darum hatte ich auch gar nicht ersucht. Ich hatte Gleichstellung durch Anhebung des Väterschutzes auf Mutterschutzniveau gefordert.

Anlässlich meines Buches 2006 publizierten Buches "Nicht ohne mein Kinder", das die leidvollen Erfahrungen einer Mutter aus Wesel/NRW schildert, der das Jugendamt ihre beiden kleinen Söhne entzog, weil sie als multilinguale BWL-Fachfrau mit Diplom nicht arbeitslos von Sozialhilfe leben, sondern den Lebensunterhalt selbst verdienen wollte, gab ich in Bolzano eine Pressekonferenz. Auch Bundesfamilienministerin von der Leyen bat ich in diesem Zusammenhang, sich gegen Willkürentscheidungen im Jugendakt stark zu machen, um Kinder zu schützen. Auf meine eMail ließ sie mir antworten, sie sei mit ihren eigenen Kindern und ihrem Amt so ausgelastet, dass sie keine Zeit habe, sich meines Anliegens anzunehmen.

Vielleicht haben Sie als Familienminister in NRW diese Zeit? Immerhin sind Sie Familienminister des Bundeslandes, das nach meinen Recherchen die höchste Anzahl von Kindesentziehungen und Adoptionen der Bundesrepublik aufzuweisen hat.

Das Jugendamt spielt bei diesen Aktionen eine traurig-berühmte Rolle, denn obwohl die dort beschäftigten Mitarbeiter Entscheidungen treffen und durchsetzen oder Gerichtsbeschlüsse in ihrer Durchführung verweigern, die das Leben von Kindern und Eltern prägen wie Tod und Gewalt, existiert keine Fachaufsicht, die berechtigt und geeignet wäre, diese Entscheidungen zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Richter sind keine Fachaufsicht über diese Entscheidungen, die, laut schriftlichen Aussagen von Jugendamtmitarbeitern, "allein dem Gesetz, den Regeln des eigenen Hauses und dem persönlichen Gewissen verpflichtet sind".

Seit Herbst 2005 genügen Denunziation und Verdacht, um die Maschinerie des Jugendamts in Aktion zu setzen und Kinder, oftmals ohne Gerichtsbeschluss, aus dem Kindergarten, der Schule oder andernorts abzuholen und auf Nimmerwiedersehen vor ihren Eltern zu verstecken. Nicht selten werden die Minderjährigen mit Polizeigewalt aus dem Elternhaus geholt. Mir sind Fälle bekanntgemacht worden, in denen sie in Handschellen abgeführt wurden, weil sie sich wie die Löwen gegen die Herausnahme aus dem Elternhaus wehrten.
Kindern wurde von Pflegepersonal des Jugendamts gesagt, die eigenen Eltern wollten sie nicht mehr haben, liebten sie nicht mehr, seien Mörder geworden oder tot. Jugendamtsmitarbeiter verweigerten entzogenen Kindern, ihren Eltern zu schreiben, richteten ihnen keine Grüße der Eltern aus, übermittelten keine Briefe. Den Eltern wurde der Aufenthaltsort der Kinder verschwiegen, kein Umgang ermöglicht.

Mir liegenTausende Fallbeispiele vor, aus denen derartiges Leid schreit, weil es sich um Eltern und Kinder handelt, die sich lieb haben und gegen die Trennung aufbegehren. Aber keiner will es wissen.

Klagt eine verzweifelte Mutter gegen die Kindesentziehung bei Gericht, heißt es, sie sei hysterisch und nicht erziehungsfähig. Reißt sie sich mit aller Macht zusammen, heißt es, sie sei gleichgültig. Versuchen Väter, ihre Kinder wiederzusehen, werden sie ausgegrenzt, weil die Mutter in ihrem Schutzanspruch (s. Grundgesetz) vorgeht und Kinder "ihre Ruhe brauchen", die durch den um sein ganz normales, natürliches Elternrecht ringenden Vater gestört werde.
Kürzlich erst sagte mir die Leiterin eines Mütterschutzzentrums im Kempten: "Vaterliebe zeigt sich im zahlenden Verzicht." Ein Kind gehöre zur Mutter, "weil eine Mutter ein Kind erst macht."

Kindesentziehung, wie sie mit Hilfe des deutschen Jugendamts praktiziert wird, ist psychische Folter. Isolation und Drohungen, Einschüchterungen, strafendes Langzeitschweigen, permanente Kritik oder Ablehnung haben ähnliche Folgen wie körperliche Misshandlungen, fanden Psychologen in London heraus, die in einer Studie die Folgen von Folter untersuchten. Die Folgen seelischer Qual zeigen sich in jahrelangen, oft lebenslangen posttraumatischen Belastungsstörungen mit Symptomen wie Albträume, Flashbacks, Schlafstörungen, Angst, körperlicher Schmerz und Panik. Symptome, die täglich mehr Kinder zeigen, die sich in psychologische, therapeutische Behandlung begeben müssen.
Deprivation oder der Entzug von Nestwärme stellt eine Form der Kindesmisshandlung dar. Wie sich die zwangsweise Heimeinweisung auf Kinder auswirkt, wurde auch in New York erforscht. Noch Jahre nach dem Trauma traten Spätfolgen auf und zwar auch dann, wenn die Kinder adoptiert wurden. Ihr Intelligenzquotient fiel rund 15 Punkte niedriger aus als der von Kindern ohne diese Erfahrungen.
Aus Sicht von Kinderpsychologen und Sozialwissenschaftlern sind emotionale und psychologische Folgen von seelischer Folter noch fast unerforscht. Und das, obwohl auch deutsche Psychologen wie etwa Ernst Pfeifer von der Berliner Charité aussagten, dass auf Kinder und Jugendliche ausgeübter psychischer und emotionaler Druck immense sozioökonomische Folgekosten von der Psychiatrie bis zum Jugendknast verursache und die Gesellschaft immense Summen koste. Willkürentscheidungen des Jugendamts, die Kinder zu Unrecht aus ihren Familien reißen oder Familien retten könnten, würde man ihnen besser und nachhaltiger zur Selbsthilfe verhelfen, anstatt die einfachere Methode der Trennung anzuwenden, tragen zu den seelischen Erkrankungen der Betroffenen maßgeblich bei.
Aber dennoch, ich wiederhole mich, gibt es keine Fachaufsicht über Jugendamtsentscheidungen.

Wie weit darf das Recht des kommunalen Mitarbeiters auf Unabhängigkeit auf dem Rücken von Kindern ausgetragen werden, die unter diesem Recht schlimmste seelische Folter erleiden, von der kaum jemand etwas weiß, weil sie im Namen des Kindeswohls geschieht?

Unlängst recherchierte ich zu meinem neuen Buchprojekt über Schulerfahrungen und las in diesem Zusammenhang auch das deutsche Reichsschulgesetz aus 1938 und dessen Korrekturen in den nachfolgenden Jahren unter Hitler.
In diesem Reichschulgesetz wurde erstmals eine unheilige Allianz zwischen Schule und staatlicher Fürsorgebehörde geknüpft, um die damals eingeführte Reichschulbesuchspflicht mit Hilfe der Polizei durchzusetzen und Kinder zum Zweck dieser Durchsetzung in geeigneten Heimen und Pflegefamilien unterzubringen. Die Entscheidung oblag der Fürsorgebehörde, die der Reichschulaufsicht zuarbeitete, um die Erziehung der Kinder im nationalsozialistischen Sinne zu garantieren.

Heute sind wir von diesem Gesetz gar nicht so weit entfernt.
Es besteht die Schulbesuchspflicht fort, die an eine staatliche oder staatlich legalisierte Schule geknüpft ist. Es besteht die mit Hilfe der Polizei durchzuführende Schulbesuchspflicht. Es besteht der staatlich verordnete Zwang zur Zusammenarbeit von Schule und Fürsorgebehörde Jugendamt und deren Recht auf polizeilich unterstützte Fremdunterbringung von Kindern zum Zweck der Durchführung des Reichsschulgesetzes. Und es besteht die Pflicht zur "staatsdienlichen Erziehung", wie aus Gerichtsurteilen der letzten Jahre hervorgeht.

Im Ausland klagen Eltern, denen ihre binationalen Kinder entrissen und vorenthalten werden, längst schon massiv bei ihren Politikern, dass es im heutigen Deutschland das vierte Reich gebe und der alte Lebensborn reanimiert wurde, um den Kindermangel durch Kinderklau zu dezimieren.
Aus Frankreich kam deshalb der Spruch von J. Chirac, das deutsche Familiengesetz sei das Gesetz des Dschungels. Auch Clinton führte massiv Klage, so dass Margot von Renesse sich veranlasst sah, den Provinzialismus deutscher Richter zu beklagen und Abhilfe zu geloben. Abhilfe gibt es bis heute nicht, wie die in Brüssel klagenden Eltern beweisen.

Im Inland geht die Angst vor dem Kinderklau durch das Jugendamt so massiv um, dass ich bei Lesungen in Schulen und bei Vorträgen zu hören bekomme, lieber werde man keine Kinder in die Welt setzen, als sie sich wegnehmen zu lassen und nie wiederzusehen. Lebensschicksale wie das der Familie Haase sind kein Einzelfall. Wer will, kann sich im Internet auf zahllosen Webseiten davon überzeugen. Dennoch wurde mir mitgeteilt, dass U. v. d. Leyen auf Befragen durch Rechtsanwalt S. Hambura zur Sache, anlässlich einer Tagung meinte, ihr Lachen müsse ihm als Antwort genügen.

Wie "Kinderklau" heute abläuft, möchte ich Ihnen an nur einem der mir bekannten Beispiele vom Januar 2008 zeigen, das Sie unter http://www.die-akte-nina.com vorfinden. Das dort aufgespielte Video über den vereitelten Besuchstermin eines Vaters bei seinem entzogenen Kind spricht für sich.
Dieses Beispiel handelt von einem jungen Akademikerpaar, er Journalist, sie Lehrerin, denen das Jugendamt die neugeborene Tochter entzog, weil die Mutter nach der Geburt erkrankte und das Jugendamt mit dem Familiengericht meinte: ""Eine Verbringung des Kindes zum Vater, der bislang die Betreuung eines neugeborenen Kindes noch nicht alleine bewältigen musste", hält das Gericht "für zu riskant."
Der Vater hatte dem Gericht Hilfsangebote von fünf (!) Tagesmütter-Vereinen präsentiert, diese wurden von der befassten Richterin noch nicht einmal zur Entscheidung angenommen.
Angesichts der Adressenliste meinte sie, sie sei doch keine Poststelle.
Als die Eltern Öffentlichkeit durch die benannte Webseite erzeugten, wurde ihnen der betreute Umgang mit dem Säugling verboten. Angeblich gab es keine Termine zum Umgang. Tatsächlich befanden sich die Jugendamtseltern mit dem Baby im Urlaub. Vater und Mutter sollen sich nachweislich wegen der Erzeugung von Öffentlichkeit einem psychiatrischen Gutachten zur Erziehungsfähigkeit unterziehen.

Ich bin gern bereit, mich mit Ihnen zu diesem Thema persönlich zu treffen.

Sie erreichen mich am besten per eMail, da ich beruflich oft auch längerfristig außer Haus bin, die ePost aber, im Gegensatz zum Telefon, auch dann abrufen kann.

In der Hoffnung auf Ihr Interesse und Ihre Empathie mit Kindern und Eltern, die zu Unrecht auseinander gerissen wurden und werden,

grüßt Sie
Karin Jäckel

Dr. Karin Jäckel
Autorin und Journalistin
http://www.karin-jaeckel.de