Offener Brief zum Tod
von Frank Dachtler

Ich habe Frank Dachtler nur per eMail, jedoch schon seit der Zeit gekannt, als er seine Strafe erwartete, mit der er fuer das Kidnapping seiner Kinder zu rechnen hatte.
Eine seiner ersten eMails, die er mir schrieb, war ein Aufschrei aus tiefster Verzweiflung, zugleich aber immer noch von der Hoffnung erfüllt, dass die Mutter seiner Kinder doch nicht so gemein sein koenne, ihn als Vater doch nicht einfach so ausradieren könne, doch irgendwie zur Vernunft kommen müsse, dass es doch um die Kinder ginge, die ja nichts dafür könnten, dass ihre Eltern sich nicht mehr lieben, dass die Richter dieses Spiel doch durchschauen müssten.

In der nachfolgenden Zeit erlebte ich mit, wie Frank Dachtler sich in diesem verzweifelten Kampf um die Kinder von einem leidenschaftlichen Hoffnungsträger mit grossem Siegeswillen in einen vor Schmerz, Wut und unerträglicher Ohnmacht brüllenden Michael Kohlhaas verwandelte. Seine Trauer, sein Aufbegehren gegen den Verlust seiner Kinder, sein Widerstand gegen die Paragraphenklauberei der Justizbeamten und seine in glühende Wut umgeschlagene einstige Liebe zu der Mutter seiner Kinder erschienen mir elementar. Zwischen den oft radikal wirkenden Zeilen, die er mir schrieb, um wenigstens durch diese Wutattacken und Aufschreie ein wenig von dem Druck abzulassen, unter dem seine Persönlichkeit litt, schwang sehr deutlich die suizidale Gefährdung mit.

Obwohl ich keine Psychologin bin, war er für mich ein lehrbuchhaftes Beispiel dafür, wie ein Mensch unter dem Pressdruck eines unabänderlich immer unerträglicher werdenden, scheinbar auswegslosen Lebens zu der einzigen, letztmöglichen freien Entscheidung findet, mit der er sich selbst und der Aussenwelt ein letztes Mal beweisen kann, dass er nicht hilflos, nicht ohnmächtig, nicht für immer und ewig unterdrückt ist. Zweimal gelang es mir, ihn kurz vor dem letzten Schritt zum Innehalten zu bewegen.

Selbstmord ist ja selten das Zeichen dafür, dass ein Mensch keine Wünsche mehr an das Leben hat und wirklich nicht mehr leben will. Es ist vielmehr das Zeichen dafür, dass ein Mensch so nicht mehr leben will, wie er zu leben gezwungen ist.
Sich selbst dieses Leben zu nehmen, heisst es aus eigenem Entschluss zu beenden und sich aus der Unerträglichkeit der erduldeten Fremdbestimmung zu befreien, indem ein allerletztes Mal eine selbstbestimmte Entscheidung getroffen und in einem allerletzten Kraftakt durchgeführt wird.

Für Frank Dachtler mag diese Entscheidung als der letztmögliche Schritt in die letztmögliche Freiheit erschienen sein. Für seine Kinder ist sein Schritt der erste Schritt in die lebenslange Qual der Warum-Fragen.

Warum-Fragen dieser Art habe ich hundertfach gehört, als ich meine Bücher "Der gebrauchte Mann", "Im Stich gelassen" und "Furcht vor dem Leben" recherchierte.

Warum-Fragen wie:
"Papa, warum hast du das getan?"
"Warum hast du mir das angetan?"
"Vati, warum war ich dir nicht wert, dass du leben wolltest?"
"Warum hast du vergessen, dass ich dich liebe und brauche?"
"Dad, warum bin ich nicht bei der Mutter weggelaufen, hin zu dir?"
"Warum bin ich am letzten Abend so böse mit dir gewesen?"
"Papi, warum habe ich dir nicht deutlich genug gezeigt, wie lieb ich dich habe?"
"Papa, warum hast du mich verlassen?"

Fragen, die niemand mehr beantwortet. Fragen, die quälen und ängstigen, sich auswirken auf die Sicherheit der Kinder im Leben, auf ihre eigene Liebesbeziehung und später auf ihre eigenen Kinder. Der Suizid des Vaters (ebenso wie der Mutter) ist eine Erfahrung, die Vertrauen zerstört und eine Angst vor dem Leben erzeugt, die Kinder und Jugendliche nur allzu oft den Lebensmut und jede Zuversicht in die eigene Kraft verlieren lässt und alle Energie in eine Spirale aus verzweifelt machtloser Aggressionen verwandelt. Traurig oft richtet sich diese gegen sich selbst.

Für Frank Dachtler war dieser Tage der Moment des Loslassens gekommen. Ob seine Kinder diesen Moment auf de Suche nach dem Vater und der eigenen Identität jemals finden, bleibt fraglich. Und ob es das war, was der Vater sich ersehnte? Ich kann es nicht glauben.

Gewiss ist, Frank Dachtler war ein verzweifelter Mann. Am Ende aller Hoffnung. Fertig von diesem Leben und mit diesem Leben, am Ende eines schweren Kampfes, ohne Hoffnung auf Besserung. Er hat sich allen Fragen entzogen, um endlich Ruhe zu finden.
Die Mutter seiner Kinder ist es, die eines Tages auf dem Prüfstein stehen wird und sich von ihnen fragen lassen muss: "Mama, warum hat Papa das getan? Warum hast du ihm das angetan? Warum hast du es uns angetan? Warum hast du uns nicht mehr geliebt?" Ob die Mutter darauf überzeugende Antworten hat? Ich glaube es nicht.

Nur die Verantwortlichen in der Justiz und in den sozialen Diensten werden ihre Hände in Unschuld waschen. Die in der Justiz haben die Verantwortung an Gutachter und Jugendamtsamtsexperten abgegeben. Schliesslich haben sie vom obersten Gericht die Anweisung erhalten, keinen Schritt von der Expertise der psychologischen und sozialen Experten abzuweichen. Die Experten aber haben nur nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und die Verantwortung an die Justiz abgegeben. Schliesslich ist ein Urteil zu fällen Sache des Gerichts. Die Schuld ist ein Chamaeleon. Sie färbt sich passend zu jedem beliebigen Hintergrund um. Und wer gewohnt ist, über die Schuld der Anderen zu richten, vergisst leicht die eigene.

Mein Gedanke an Frank Dachtler, den ich leider nicht mehr lebend antraf, als ich aus Washington DC zurückkam, wo ich für das Recht aller Kinder auf ihre beiden Eltern gekämpft habe, ist ein kleines Wortbild, an das sein Name mich erinnert. Dachtler, der Dochte Macher, dessen Docht heruntergebrannt und dessen Flamme erloschen ist. Im Geist werde ich ihm und meinen anderen Bekannten, die wie er an der Liebe gescheitert sind, manchmal, wenn ich spät nachts noch an meiner Arbeit sitze, eine Kerze anzünden.

Karin Jäckel
13. Juni 2001