Offener Brief an die Frauenministerin Birgit Fischer
des Landes Nordrhein-Westfalen

Frauenministerin Birgit Fischer
Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit
des Landes Nordrhein-Westfalen
Düsseldorf

Betreff: Millionen für Initiativen für konkrete Hilfe für Frauen und Mädchen in Not - 12.02.1999

Sehr geehrte Frau Ministerin Fischer,

laut Information vom 29. Januar des Jahres werden allein in Nordrhein-Westfalen dieses Jahr insgesamt 40 unterschiedlichste Initiativen zur Beratung und Unterstützung von Frauen in Not- und Krisensituationen mit einer Summe von DM 1,5 Millionen gefördert.

Als Frau und potentielle Nutznießerin dieses Angebotes bin ich von dieser Maßnahme begeistert und wünsche mir eine Fortsetzung oder sogar einen Ausbau der Förderung der entsprechenden Projekte.

Allerdings bleibt eine Frage für mich offen, die mich ebenfalls als Frau und zwar als Ehefrau und Mutter dreier Söhne beschäftigt. Und zwar die Frage:

WOHIN WENDEN SICH MÄNNER, DIE IN VERGLEICHBARE NOTSITUATIONEN GERATEN SIND UND HILFE BRAUCHEN ?

Ihr Ministerium steht, wie schon der Name sagt, "Frauen, Jugendlichen und Familien" offen.

Auf den ersten Blick ist zu erfassen: Männer sind ausgeschlossen. Sie werden allenfalls als getarnte Größen im Familienbund berücksichtigt.

Für mich als Bürgerin eines Staates, in dem die Forderung nach Gleichberechtigung speziell in aller Frauen Munde ist, stellt dieser ausdrückliche Ausschluß der Männer eben die Gleichberechtigung in Frage, nach der es uns Frauen doch verlangt.

Wie also soll ich diesen Ausschluß verstehen?

Etwa so? Frauen gibt es in unserer Gesellschaft als Individuen, als eigenständige Spezies Mensch, ganz unabhängig von Mutterschaft und Familie. Als erste Bezugsperson werden sie in den Namen des entsprechenden Ministeriums gestellt und jederfrau/mann als Bezugsberechtigte sichtbar herausgestrichen.

Männer hingegen existieren in unserer Gesellschaft nicht? Ist das Individuum Mann, die andere eigenständige Spezies Mensch, unabhängig von Vaterschaft und Familie ein Phantom?

Gibt es Männer etwa nur innerhalb von Familien? Alleinstehend gehören sie zu den zu vernachlässigenden Peanuts einer auf alleinstehende Frauen und alleinerziehende Mütter fixierten Helferszene?

Geraten Männer nicht in Not? Sind sie unverletzbar? Oder haben sie nicht in Not zu geraten? Wird von ihnen erwartet, als kernig-harte Naturburschen der berüchtigte "Krupp-Stahl" der jüngst vergangenen Epoche zu sein und wie der Indianer keinen Schmerz zu kennen?

Brauchen sie niemals Hilfe? Beratung? Förderung? Keine professionellen Begleiter, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, keine Selbsthilfegruppen, keine Wiedereinglieferungshilfen nach Arbeitslosigkeit und Krankheit und all die anderen Angebote, die Frauen so reichlich zur Verfügung stehen?

Oder Jungen, das Gegengeschlecht zu jenen Mädchen, denen ausdrücklich Stütze und Förderung, Hilfe aus aller Not jederzeit ganz selbstverständlich und großzügig zugemessen wird? Gibt es Jungen etwa nicht?

Ist der ihnen von Männern und Frauen als Tätern und Täterinnen nachweislich angetane sexuelle Kindesmißbrauch, der bei Mädchen so üppig getröstet wird, nicht existent? Ist ihre Seele nicht trostbedürftig? Ihr Körper durch Gewalt nicht geschunden? Ihre Not nicht himmelschreiend?

Werden sie niemals zu Gewaltopfern? Oft genug auch durch Frauen? Brauchen Jungen keine Hilfe? Beratung? Förderung? Keine professionellen Begleiter? Nichts von alle dem, was Mädchen brauchen? Haben sie sich Schmerz zu verkneifen, ihr Elend allein auszulöffeln? Verstoßen aus den Reihen der Schützenswerten allein deshalb, weil sie – wie heißt es doch in gewissen Frauenkreisen so grausam schön – "mit Tatwaffe geboren werden"?

Ich frage Sie, sehr geehrte Frau Ministerin, wer gibt irgendjemandem in diesem Land das Recht, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer so exorbitant ungleich zu behandeln und über dieses Unrecht auch noch tugendsam den Schutzmantel des Staates zu legen, der sich als Wächter der Gleichberechtigung wohl mit den verbundenen Augen der Justitia darstellt?

Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Wie ich bereits schrieb, ich habe drei Kinder, drei Söhne. Drei der Spezies Mensch, die von Ihnen als Vertreterin des Männer ausklammernden Ministeriums, aus dem sozialen Netz ausgeschlossen werden. Und das, obwohl sie eines Tages voraussichtlich die Renten derer zu finanzieren haben, von denen sie heute außen vor gelassen werden. Obwohl sie eines Tages voraussichtlich Väter sein werden und Frauen und Kind/er zu unterhalten haben, ganz egal, ob in der Ehe oder zum Zahlvater entwürdigt. Söhne also, die maßgeblich daran beteiligt sind oder doch sein werden, daß die Geldmittel zur Frauenförderung überhaupt zur Verfügung stehen und hoffentlich weiterhin stehen werden.

Wenn ich mir dies so recht betrachte, muß ich mir als Frau und Mutter überlegen, ob ich meine Söhnen nicht besser so erzöge, wie es zu ihnen in den Wald hinein schallt, so daß sie die Löcher im sozialen Netz nicht stopfen sondern beizeiten vergrößern lernen, um besser hindurch schlüpfen zu können, wenn der Fiskus zum Schröpfen kommt.

Mit der Bitte um Antwort grüßt

Dr. Karin Jäckel

cc: Bundesfamilienministerium



Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen
40190 Düsseldorf - Tel. (0211) 86 18-47 14 Telefax (0211) 86 18-47 08

Auskunft erteilt: Frau Aßhorn-Waiz
Aktenzeichen (bei Antwort bitte angeben): II A 1 1180.1

29. März 1999

Initiativen für konkrete Hilfe für Frauen und Mädchen in Not

Ihr Schreiben vom Februar 1999

Sehr geehrte Frau Dr. Jäckel,

Frau Ministerin Birgit Fischer bedankt sich für Ihr Schreiben vom Februar 1999 und hat mich gebeten Ihnen zu antworten.

Sie fragen, wohin sich Männer in persönlichen Notlagen wenden können und vermuten, dass Männer von der Politik des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen werden. Neben den von Ihnen angesprochenen speziell an Frauen gerichteten Beratungsstellen besteht in Nordrhein-Westfalen ein vielfältiges psychosoziales Beratungsangebot, das sich gleichermaßen an Frauen und Männer richtet. Allein die allgemeinen Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern sowie Ehe- und Lebensberatungsstellen werden mit. 47 Mio. DM jährlich vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt.

Es werden zudem auch spezialisierte Beratungsstellen, zwei Kinderschutzambulanzen und zwei Kinderschutzzentren gefordert, bei denen auch von sexualisierter Gewalt betroffene Jungen sich an erfahrene Berater und Beraterinnen wenden können. Z. B. hat die Kontakt- und Informationsstelle des Zartbitter e.V. in Köln 1996 mit Unterstützung des Landes das Projekt "Überregionale Beratungsarbeit bei sexueller Gewalt gegen Jungen und bei komplexer sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen" begonnen.

Leider ist es notwendig, besonders Mädchen und Frauen qualifizierte Beratungsmöglichkeiten und Hilfe nach Gewalttaten anzubieten. Leider ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Schätzungen zufolge ist in jeder dritten Partnerschaft schon einmal Gewalt angewendet worden. Ganz überwiegend sind dabei Männer die Täter und Frauen und Kinder die Opfer. [Hervorhebung durch Fettschrift nachträglich eingefügt.] Auch werden sehr viel mehr Mädchen von sexualisierter Gewalt bedroht als Jungen. In Nordrhein-Westfalen ist es mit den bisher aufgebauten Hilfsangeboten mittlerweile gelungen, wenigstens einen Teil der Betroffenen zu erreichen.

Ihre Einstellung, dass die Kehrseite von Frauenförderung Männerdiskriminierung sei, kann ich nicht teilen. Es sind die Frauen, die wegen Kindererziehung aus dem Beruf ausscheiden mit allen materiellen Konsequenzen. Es sind Frauen, die im Durchschnitt ein Drittel weniger verdienen als Männer und kaum in Führungspositionen gelangen können. Es sind Frauen, die die unbezahlte soziale Arbeit m unserer Gesellschaft leisten. Frauenförderung ist somit erst einmal der Abbau von Männerbevorzugung. Zwei Beispiele mögen Ihnen verdeutlichen, dass Gleichstellungspolitik notwendigerweise auch an Verhaltensänderungen von Männern ansetzt, denn nur so werden wir das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft erreichen.

Das bereits 1997 und 1998 erfolgreich durchgeführte Initiativprogramm "Selbstbehauptung für Mädchen an Schulen" ist 1999 um Angebote für Jungen erweitert worden. Neue Forschungen zur Sozialisation von Jungen und jungen Männern haben ergeben, dass der unreflektierte koedukative Unterricht auch bei Jungen teilweise Entwicklungsmöglichkeiten unberücksichtigt läßt. Ziel der Kurse ist, Jungen und Mädchen zu gewaltfreier Konfliktbearbeitung zu belobigen und ihre Kommunikationsfähigkeit zu stärken.

Ein weiteres Beispiel, dass sich Frauenpolitik auch an Männer richtet, ist der Einsatz meines Hauses für eine bessere Vereinbarkeit: von Familie und Beruf. Mütter und Väter, Söhne und Töchter sollen davon profitieren, dass die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und hilfsbedürftige Angehörige weiter verbessert werden und dass z. B. familienfreundliche Arbeitszeitmodelle entwickelt und ausgebaut werden. Besonders wichtig ist mir dabei, dass auch Männer die Möglichkeit erhalten und sie nutzen, ihre Erwerbstätigkeit zugunsten von Familienaufgaben einzuschränken. Hier unterstützt Nordrhein-Westfalen z. B. die Initiative der Bundesregierung, Müttern und Vätern zu ermöglichen, den Erziehungsurlaub auch gemeinsam in Anspruch zu nehmen.

Ziel ist und bleibt das partnerschaftliche und gleichberechtigte Zusammenleben von Männern und Frauen. Die Rahmenbedingungen hierfür zu verbessern und die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen ist Leitlinie auch der Frauenpolitik in Nordrhein-Westfalen.

Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag

(Cornelia Prüfer- Storcks)


siehe dazu auch:
Offene Briefe an die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Frau Dr. Bergmann