Offener Brief von Karin Jäckel
an Amnesty International

Pressemitteilung:
ai startet Kampagne zu Russland vom 28. 10. 2002

An Amnesty International

4.11.2002

To: presse@amnesty.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

als langjährige Unterstützerin diverser Projekte von Amnesty International sehe ich mir Ihre Aktionen und Kampagnen auch im Internet an.

Bei heutiger Gelegenheit entdeckte ich Ihre Ein-Jahres-Kampagne zum Schutz der Frauen, Kinder und ethnischen Minderheiten vor Gewalt und Folter im Kriegsgebiet Russlands.

Natürlich habe ich mir den Text sogleich angeschaut. Und - wenn ich das mal so salopp formulieren darf: ich bin fassungslos.

Ich frage Sie: Ist Ihnen bei dieser Kampagne nicht etwas ganz Wesentliches verloren gegangen? Oder doch fast verloren gegangen?

Gibt es in Ihrem Weltbild Männer? Wo, frage ich Sie, wo sind diese Männer auf Ihrer Liste der schützenswerten Mitmenschen geblieben?

Sind Männer im Krieg für Amnesty International tatsächlich nur Kriegsverbrecher, nur Täter, die es nicht zu schützen sondern zu bestrafen gilt?

Wer gibt Ihnen das Recht, die Männer in diesem Krieg aus jedem Mitgefühl und jeder Hilfe auszuklammern?

Glauben Sie wirklich, das ist im Sinne der Mitmenschlichkeit und Ihres internationalen Auftrags, den Sie mit Spendengeldern von Spendern beiderlei Geschlechts erfüllen dürfen?

Oder haben Sie wirklich vergessen, dass in jedem Krieg nicht nur Frauen, Kinder und enthnische Minderheiten leiden, sondern auch und gerade Männer?

Männer, die "dem Ruf des Vaterlands" folgen müssen, ob sie wollen oder nicht. Halbe Kinder oftmals noch, Wehrpflichtige, Berufssoldaten, die auf Befehl der regierenden Obrigkeiten zum Schutz von Frauen, Kindern und enthnischen Minderheiten in den Krieg ziehen müssen, obwohl sie im Privatleben keiner Fliege etwas Zuleide tun würden.

Militärisch schlecht ausgebildet und noch schlechter ausgerüstet werden sie zum lebenden Kanonenfutter der politisch-ideologisch motivierten Politiker-Elite, müssen mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben die Kriegsziele derer durchsetzen, die befehlen.

Nicht nur in Russland!

Glauben Sie vielleicht, dass das vom deutschen Bundesverfassungsricht legitimierte Tucholsky-Wort "Soldaten sind Mörder" Sie als Amnesty International dazu berechtigt, Männer in Kriegsgebieten generell als Mörder anzusehen und deshalb international von Ihrer Schutz-Kampagne auszuschließen?

Selbst wenn es so wäre, dass der mit der Waffe in der Hand durch die Waffe umkommen müsse, - haben Sie vergessen, dass in Kriegsgebieten nicht alle Männer Waffen tragen, nicht alle Männer schießen und noch viel weniger von ihnen foltern, vergewaltigen, morden?

Sind Männer in Kriegsgebieten wirklich keinen Schutz wert? Zählen ihre Schmerzen nicht, wenn sie im Kampf verwundet werden, in ihren herunter gekommenen Panzern verschmoren, auf Tretminen ihre gesunden Gliedmaßen verlieren, von Feuerwalzen geblendet und von Granaten verstümmelt werden? Darf man ihre Not ignorieren, wenn sie als Kriegsgefangene mit glühenden Zigaretten, Elektroschocks und brutalsten Schlägen gefoltert werden? Wenn sie, eingepfercht in Gefangenenghettos und Stacheldraht, jeder Würde beraubt, bei Hunger und Durst dahin vegetieren müssen?

Haben Sie die Bilder aus den Kriegsgebieten Jugoslawiens schon vergessen? Die ausgemergelten jungen Männer, die zwischen Qual und trotzigem Überlebenswillen wie uralte Greise aussahen? Oder die Anderen, die mit Gewalt zum Kampf rekrutiert wurden oder von den Siegern aus den Häusern geprügelt, zum Abschuss frei gegeben und in Massengräbern verscharrt wurden?

Erinnern Sie sich nicht mehr an die Mütter aus ganz Russland, die auszogen, ihre im Kriegsgebiet sterbenden, bereits umgekommenen oder verschollenen Söhne zu suchen und auf ihre Weise gegen den Krieg aufzustehen, der ihnen ihre Kinder raubte?

Ist für Amnesty International Folter und Gewalt gegen Männer etwa legitim?

Entscheidet bei Amnesty International das Geschlecht darüber, wer geschunden werden darf und wer nicht?

Haben Frauen das bessere Geschlecht, oder das alleinige "Schutzwürdigkeitsgen"?

Und was ist mit den Frauen, die Soldatinnen wurden, mit der Waffe in der Hand aktiv kämpfen? Sind sie dann auch automatisch Täter? Oder werden sie wegen ihres Geschlechts auch als Täterinnen zu schutzwürdigen Opfern?

Ich appelliere an Sie, Ihre Kampagne umgehend zu überarbeiten, um sie geschlechtsneutral und in bewusster Gleichberechtigung der Geschlechter zum Opferschutz für alle Kriegsgewalt-Opfer zu formulieren.

In Erwartung Ihrer Antwort
mit besten Grüßen
Karin Jäckel

Dr. phil. Karin Jäckel
Autorin
www.karin-jaeckel-autorin.de