Leserbrief zu
"Pisa und die Folgen: Wer nicht liest, bleibt dumm"

SPIEGEL ONLINE - 03. Februar 2003
Pisa und die Folgen:
Wer nicht liest, bleibt dumm

Dass dumm bleibt, wer nicht liest, ist ungefähr so neu wie die Erfindung der Schubkarre. Ebenso bekannt ist, dass Erwachsene den Heranwachsenden immer seltener überzeugend vorleben, dass Lesen "Kino im Kopf" ist und mehr Spaß macht als "Kino aus der Kiste" sprich aus Fernsehen und Computer. Eltern, die Kinder nicht für das Lesen und für Bücher begeistern können, haben Kinder, die nicht lesen. Der Apfel fällt nun mal nicht weit vom Stamm.

Dass Belesenheit und Allgemeinbildung immer seltener werden, ist jedoch nicht nur auf das Vorbild der Eltern zurückzuführen. Mindestens ebenso entscheidend ist die politische und gesellschaftliche Wertschätzung des belesenen Leistungsträgers. Und dessen Abwertung begann spätestens mit den Hippies und all den Steine werfenden "Spontis" und Konsorten, die Bildung als "Bonzenprivileg" verteufelt haben und Leistung bis heute allenfalls bei denen als förderungswürdig ansehen, die aus den so genannten sozial schwachen Schichten kommen. Wer nicht aus sozial schwachen Schichten stammt oder gar hochbegabt ist und freiwillig liest, wird nur all zu oft als Spießer und Streber diffamiert und durch Mobbing nach unten angepasst.

Als Beispiel dafür stehen unter vielen anderen meine mit Freuden viel lesenden, nachweislich hochbegabten Kinder aus der sozial nicht schwachen Schicht, die an ihren verschiedenen Schulen nur all zu oft mit Sprüchen mancher Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer wie den folgenden konfrontiert waren: "Lieber unterrichte ich hundert Dumme als einen Hochbegabten wie dich!" Oder:"Lies nicht so viel Zeug, das wir hier im Unterricht gar nicht brauchen." Oder: "Lies die Lektüre nicht schneller durch als die anderen, das ist unsozial." Oder: "Melde dich erst, wenn keiner mehr etwas weiß." Oder: "Sprich nicht so ein gestelztes Deutsch. Lern lieber Badisch."

Hat man trotzdem die Freude am Lesen, an Buch und Bildung behalten und durch Hochleistung in Erfolg umgemünzt, setzt alsbald die politische Stufe der Leistungsabwertung ein, indem die so genannten Besserverdienenden per Steuer- und Abgabenschraube nach unten reguliert werden.

Natürlich ist das sozial gerecht, denn wie alle Welt weiß, erwerben Besserverdienende ihren Besserverdienst nicht etwa als Leistungsträger sondern nur aus Erbschaften oder indem sie dem kleinen Mann in die Tasche greifen und keine Steuern zahlen.

Fragen wir uns wirklich allen Ernstes, warum Lesen und Bildung uninteressant geworden sind? Warum Pisa Waterloo ist?

Dr. Karin Jäckel