Leserbrief zu
Die fremde Frau an seiner Seite

Die fremde Frau an seiner Seite

Süddeutsche Zeitung vom 24.10.2003

Für den Priester kochen und für die Menschen da sein - warum sich eine 34-Jährige an eine Lebensform bindet, die vielen als überholt erscheint

Von Matthias Drobinski

Leserbrief von Karin Jäckel zu:
SZ-Artikel "Die fremde Frau an seiner Seite"

Die Pfarrhaushälterin und ihr "Herr" - eine Bruder-Schwester-Ehe

25. Mai 2004

Was Drobinski hier beschreibt, in der ihm eigenen sehr gelungenen Mischung aus naiv-sarkastischer Realitätsnähe, Inhalten zwischen den Zeilen und Bildern im Kopf, ist das, was ich schon oft erlebt habe: das eheähnliche Zusammenleben eines Paares, das sich innerlich hautnah ist, aber der praktizierten Sexualität enthält. Die Bruder-Schwester-Ehe eines katholischen Priesters und seiner Pfarrhaushälterin.

Es sind so verräterische Sätze, mit inhaltsschwangeren Zwischenzeilen, die zeigen, was hinter der Kulisse spielen könnte oder vielleicht auch wirklich spielt:

Die Liebe auf den ersten Blick, als er sie fragt, ob sie seine Frau - seine Pfarrhausfrau - werden will. Und sie will, verlässt seinetwegen Beruf und Karriere, setzt sich dem Nichtverstehen ihres Umfeldes aus, nimmt das Erschrecken der erzkatholischen Eltern hin, die sich ein weltlicheres Liebesglück für die Tochter und Enkel wünschten, wird die Frau an seiner Seite, die Dienerin und Zuhörerin "des Herrn", wird Schwester und Frau in einer Person.

Puppen als Kinderersatz umgeben sie, der Traum vom "Richtigen", den sie auf Dobrinskis Frage bekennt, wohl wissend, dass der Traum längst wahr ist, weil der "Richtige" da ist, auch wenn er nicht ihr Mann sein darf, sondern ihr Bruder bleiben muss, ihr keine Kinder schenken darf. Geliebter der Seele im Herrn. Und dann aber schnell das Thema gewechselt. Die eigenen Wünsche vor sich selbst versteckt?

Er dann, der Herr Pfarrer, über sie, die er vom Festplatz weg umworben und für sich gewonnen hat: Die junge, frische Frau im Haus, die eine so andere, angenehme Stimmung zaubert als im herben Einmann-Haushalt; mit der die Leute lieber reden als mit dem Pfarrer, weil sie dem Leben so viel näher zu sein scheint als er; die zuhören und trösten kann, wo er fromme Sprüche drischt; die das Alltagsleben managed, damit der Pfarrer seines Amtes walten kann. Die Frau, mit der er seinen Urlaub verbringt, sogar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo sie, die seriöse Pfarrhausfrau, im Minirock mit Kartenspiel und er, "der Herr" als freier Mann von Welt auftritt. Dem Karrikaturisten, der wie jeder seiner Zunft ein scharfer Beobachter ist, kann keiner so schnell ein X für ein U vormachen.

Und das beiderseite Erhabensein über den Nachbarpfarrer und seinen Sündenfall mit der Pfarrhaushälterin, die das ganze Dorf so gern als seine verbotene Frau akzeptierte. Je lauter die Kritik an ihm, je empörter das Verwerfen der Anti-Zölibat-Forderungen und des Frauenpriestertums, desto glaubwürdiger das eigene Leben und umso sauberer die eigene Weste?

Ohne, dass ich diesem Pfarrer-Pfarrhausfrau-Paar eine sexuelle Beziehung andichten will, lese ich doch die Liebesbeziehung aus ihren Worten heraus. Und auch die Trauer darum, diese nicht ausleben zu dürfen, weil ein solches Ausleben - das Beispiel haben sie am sündigen Nachbargemeindepfarrer ja direkt und unmitelbar vor Augen - den Verzicht und Verlust all dessen bedeuten würde, was ihnen so wichtig ist, dass sie dafür den die "anima", die Seelenliebe ergänzenden körperlichen Teil ihrer Liebe aufgeben.

Der katholische Priester verliert Amt und Würden durch die geschlechtlich vollzogene Liebe zu einer Frau. Nicht wenige glauben, auch die ewige Seligkeit.

"Aber verlieben darf ich mich so oft ich will", sagte mir einmal ein junger Kaplan, der, attraktiv wie kaum ein Zweiter im Ort, die Blicke der Mädels und Frauen auf sich zog und auf Teufel komm raus mit jeder flirtete, die sich auf die Augen-Erotik mit ihm einließ.

Und ein anderer, ein Klostermann mit der Silbernadel seines Ordens am Revers, legte die Liebe unter dem Zölibat gar so weit aus, dass er sich splitternackt zur Geliebten ins Bett schmiegte und in lustvoller Sündenpanik erstarrte, wenn er der "Pollutio" erlag und "Alles, nur das Letzte nicht" gab, obwohl er ihr alles abverlangte, was eine Frau aus liebender Hingabe schenken kann, sogar die Selbstachtung.

Wo frag ich mich da, ist die Sünde näher: Im Bekenntnis der leidenschaftlichen Liebe, die Gott zwischen Mann und Frau "ein Fleisch" werden lässt? Oder in der passend gemachten Wahrheit des Zölibats?

Was wäre denn dabei, wenn dieses einander offensichtlich achtende und liebende Paar, dessen Leben Dobrinski durchs Schlüsselloch betrachten lässt,  aus dem Status der "reinen" Seele der Bruder-Schwester-Liebe in den Ehestand "unreiner" Körperhaftigkeit treten würde?

Was würde sich für die Gemeinde und die Gemeindearbeit dieses Paares ändern, wenn sie offiziell ein Paar sein dürften? Was wäre falsch, wenn die junge Frau nicht nur für fremde Kinder, sondern auch für eigene eine gute Hand hätte? Wenn sie nicht dem "Herrn" Bett und Mahl bereitete, sondern ihrem "Mann"?

Es würde sich nur eines ändern: das Gesicht der Amtskirche, welche mit dem Zwang des Zölibats immer noch öffentlich bekennt, dass gelebte und geliebte Sexualität zwischen Mann und Frau Sünde ist.

Bis heute proklamiert ja der Zölibat, dass nur der zölibatäre Priester als der wahre gehorsame Diener Gottes "berufen" wird - also Gottes Willen erfährt und erfüllt - und einzig der geweihte Priester unter allen Männern Gott so gehorsam ist, dass er bis heute nicht vom Baum der Erkenntnis isst und Evas Apfel der Verführung verschmäht, um der Liebe Gottes und dem Verbleib im Paradies Willen.

Meiner Meinung nach ist das eine Milchmädchenrechnung der menschlichen Hybris, denn Gott hat keine Ausnahme gemacht, als er die Menschen aus dem Paradies ausschloss. Es gibt keine Bibelstelle, welche den Verzicht auf "ein Fleisch" als Gott gefälligen Verzicht deklariert. Ganz im Gegenteil. Fruchtbarkeit ist das, was er dem Menschen auftrug. Und zwar zwischen einem Mann und einer Frau.

Alles, was irgendwann über den Zölibat gesagt und geschrieben wurde, ist Menschenmachwerk. Und gegen Gottes Schöpfungsauftrag.

Ich glaube, Jesus, der sich gern und reichlich mit Frauen umgab und nach seiner Auferstehung zuallererst seiner Jüngerin Maria Magdalena erschien, welcher er auftrug, die schlafenden Jünger zu lehren, dass Gottes Sohn von den Toten auferstanden seim - dieser Jesus würde seine Kirche in der heutigen Amtskirche der handverlesenen Männer-Elite nicht erkennen. Mir scheint, Jesus würde lachen, wenn er die "Herren" in ihrem kostbar bestickten Prunk und Protz am Altar sähe, die sich selbst darstellen, als seien sie allein in der Lage, Gottes Stimme nach ihnen rufen zu hören, und als sei ihnen von Gott das Paradies versprochen, weil sie ihr Leben lang "Evas Apfel" und der "Sünde des Fleisches" widerstehen.

Als Jesus in seinem abgewetzten Kittel Gottes Wort neu auslegte und denen verständlich zu machen versuchte, die das Wort nach Menschengutdünken verdreht und verfälscht hatten, trug er kein Prunkgewand und brach das Brot nicht über vergoldeten Marmoraltären. Er trieb keine Kirchensteuern ein, sondern jagte die Geldgeschäfte-Macher aus dem Tempel der Hohepriester, welche an diesen Geschäften Teil hatten. Die Jünger Jesu waren verheiratete Männer, die ihre Famlien verließen, um Jesus zu folgen und seine Predigten zu hören, aber gemeinsam mit ihm auch immer wieder zu ihren Familien nach Hause kamen. Dort, bei ihnen zu Hause, tat Jesus Wunder. Das Haus des Petrus wurde ihnen zum festen Lager, wie neuste Forschungen nachweisen. Und wohlhabende Frauen waren es, die das Leben Jesu als Wanderprediger finanzierten und Gottes neu ausgelegtes Wort von Jesus übernahmen und selbst lehrten.

Jesus starb für seinen Protest gegen die falschen Lehren der amtierenden Priester, um an seinem eigenen Beispiel die Auferstehung des Menschen und das ewige Leben zu beweisen. Heutzutage wagen die katholischen Priester als Nachfolger der Jünger Jesu nicht einmal mehr, den nicht von Gott, sondern allein von Menschen erfundenen Zölibat zu verweigern.

 

Traurigkeit überkommt mich oft, wenn ich die blutjungen Männer sehe, wie sie einsam inmitten der Gemeinde stehen, deren Vater sie sein solle, ohne zu wissen, wie es ist, Vater zu sein. Wie bald sind ihre Anfangs so begeisterten Augen vom ewigen Zuschauenmüssen matt und müde und irgendwann rot vom Wein und zutiefst beschämt von der Sünde des irgendwann dann doch gebrochenen Zölibats oder fanatisch glühend von der eifernden Selbstüberhöhung des leibfeindlichen Asketen.

Vertrauen einflößender ist mir da der Priester als Mann, der mir mit seiner "sauberen", dem Wort Gottes nachempfundenen Lebensweise als Ehemann mit Frau und Kindern vorlebt, dass Menschen Fehler machen können, aber Gottes Wort vor allem Liebe und Verstehen bedeutet und vor Gott alle Menschen, ohne Ansehen von Geschlecht und Namen, gelunge Schöpfung als solche immer gleich wertvoll sind.

Dr.phil. Karin Jäckel