Leserbrief zu
"Kindesentführungen nach Deutschland"

Am runden Tisch zum Netzwerk für die Familie
Viel Verständnis und zu wenig Geld
Frankenpost vom 06.07.2002
VON HARALD JÄCKEL

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Kindesentführungen nach Deutschland

8. Juli 2002

Als ich im Sommer 2001 mit Mitgliedern des so genannten "Arbeitsstab Kind" im Berliner Bundesjustizministerium über wirksame Maßnahmen gegen den in Deutschland zum Trennungsalltag gehörenden Kindesentzug und Umgangsboykott diskutierte, sagten mir die der SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin zuarbeitenden Verantwortlichen, man kenne das Problem. Es verletze "die Würde des Rechts", wenn ein Mutter oder ein Vater ungestraft gegen richterliche Beschlüsse verstoßen könnten. Aber:" Was sollen wir denn machen? Wir sind hilflos."
Auf meinen Einwand, dass es sich bei Kindesentziehung, Kindesentführung und Umgangsboykott um Straftaten handle, für die das Gesetz Strafmaßnahmen vorgebe, sagte man mir, diese Strafmaßnahmen seien nicht praktikabel. Alleinerziehende Mütter hätten bekanntlich kein Geld. Vor allem deshalb nicht, weil die barunterhaltspflichtigen Väter nicht zahlten. Und schließlich könne man diese Mütter nicht einsperren, nur weil sie den Vater nicht mehr sehen wollen. Aber - man sei dabei, passende Maßnahmen zu entwickeln.

Als ich im Frühsommer 2002 im Bundesjustizministerium erneut nach diesen Maßnahmen fragte, sagte man mir: "Was glauben Sie, was wir ständig beraten?"

John Lennon sagte einmal:" Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen." Und genau das erfahren jährlich rund 200 000 Trennungs/Scheidungs-Kinder und ihre aus dem Leben dieser Kinder ausgegrenzten Elternteile.

Während in den nobel ausgestatteten Berliner Regierungsräumen finanziell wohlsituierte Damen und Herren an Designer-Tischen debattieren und debattieren, passiert draußen das Leben.

Da müssen Kinder und Jugendliche hilflos erdulden, wie ihre Familien zerbrechen und ein Elternteil, meist der Vater, aber immer öfter die Mutter, auf Nimmerwiedersehen verschwindet, während ein Neuer oder eine Neue bei ihnen einzieht. Die eigene Familie wird zur Ursprungsfamilie, die neue Familie zur Ein-Eltern-Familie, zur Patchworkfamilie, zur mehrfach wechselnden Lebensabschnittsfamilie. Und am Ende scheint "Familie, wo alle aus demselben Kühlschrank essen", wie Ulla Schmidt, die SPD-Gesundheitsministerin, einmal sagte.

Damit nicht genug, müssen dieselben Kinder und Jugendlichen auch erdulden, wie ihnen die Hälfte der Großfamilie mit Oma und Opa, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen entzogen wird.

Viele müssen erdulden, plötzlich viel ärmer und viel öfter allein zu sein als früher, in eine andere Gegend umzuziehen oder sogar in ein anderes Land entführt zu werden.

Sie müssen erdulden, den Vater oder die Mutter nicht einmal mehr anrufen zu dürfen. Und sie müssen die Erfahrung verkraften, dass es am besten für sie ist, wenn sie den Elternteil, bei dem sie nicht mehr leben dürfen, für überflüssig erklären.

"Ich will dich nicht mehr sehen.", mit diesem Satz holen sich die zum passiven Erdulden gezwungenen Kinder und Jugendlichen ein Stück überlebenswichtiger aktiver Selbstverantwortung zurück. Wie sehr sie betrogen wurden, merken sie meist erst viel später.

Rechnen wir nur 10 Jahre zurück, sind rund 2 Millionen Kinder vom Rosenkrieg ihrer Eltern geschädigt worden.

Und während die verantwortlichen Eltern ihre Selbstverwirklichung und Frischverliebtheiten auf dem Rücken der Kinder praktizieren, während die verantwortlichen Gesetzgeber/innen und Politiker/innen an ihren Tischen debattieren, während Richter/innen beschließen, dass Kinder zum Kindeswohl nur einen Elternteil brauchen, der zahlt, und einen, der bestimmt, geht der Verlustschmerz der Kinder und Jugendlichen weiter.

Als Lösung bietet die Polit-Elite uns nun die komplett Ent-Elterung à la Ex-DDR an: Professionelle Ganztagskinderbetreuung vom Tage der Geburt an, Ganztagsschulen, Ganztagsheime.

Vergessen ist, was z.B. skandinavische Forscher/innen im und nach dem zweiten Weltkrieg entdeckten: Kriegswaisen, die in extra für sie eingerichteten Kinderheimen professionell versorgt wurden, starben exorbitant häufiger als Kriegswaisen, die bei Ersatzeltern aufwuchsen. Und zwar selbst dann, wenn sie dort unter ärmlichsten Bedingungen aufwuchsen, aber nicht bloß versorgt, sondern geliebt wurden.

Seltsamerweise wissen Kinder, dass Liebe der Sammelbegriff für Zeit und Beständigkeit, Zuwendung und Verlässlichkeit, Zärtlichkeit und Selbstvergessenheit ist.
Erst Erwachsene reduzieren Liebe auf Sex und bleiben doch ein Leben lang auf der Suche nach der Liebe, von der sie als Kinder wussten.

Niemand, - ob Mutter oder Vater - der seinem Kind einen Elternteil entzieht oder den Umgang zwischen dem Kind und beiden Elternteilen verhindert, liebt dieses Kind wirklich.

Jeder - ob Mutter oder Vater - weiß, dass gemeinsame Kinder beide lieben, beide möglichst oft und möglichst ganz bei sich haben wollen und mit der Entscheidung :"Wen hast du lieber?" grausam überfordert sind.

Wer sein Kind dazu zwingt, auf die eigene Mutter oder den eigenen Vater oder gar auf beide verzichten zu müssen, versündigt sich. Dafür gibt es keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung. Das Recht eines jeden Kindes auf seine beiden Eltern ist ein Geburtsrecht. Es steht nicht zur Disposition.

Und wer meint, als Erwachsener mehr Rechte zu haben als ein Kind und allein deshalb, weil es "mein Kind" heißt, die eigenen Interessen über das als Besitz verwaltete Kind stellen zu dürfen, sollte besser kinderlos bleiben.

Karin Jäckel