Kinder aus den Büchern von Karin

 
Sag keinem, wer dein Vater ist

Matthäus
Lächeln, aber nur heimlich

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")


9 Jahre

Am Schönsten ist es, wenn mein Vater in seinem gestickten Gewand in der Kirche steht. Alle hören auf das, was er sagt. Dann bin ich sehr stolz auf ihn. dann stelle ich mir vor, daß er in Wirklichkeit nur für mich ganz allein spricht. Und ich schaue ihn an, bis er mich auch anschaut. Dann lächeln wir. Aber ganz heimlich.

 

Karin
Ich bin ein Geschenk

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")

16 Jahre

Als ich meine Mutter fragte, warum sie mich damals nicht abgetrieben hat, sagte sie, daß jedes Kind ein Geschenk Gottes ist.
Wenn das so ist, dann begreife ich nicht, wie der Papst sich herausnehmen kann, einem Priester zu verbieten, Gottes Geschenk anzunehmen.

 

Anna
Ein Kind der Sünde

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")

11 Jahre

Ich heiße Anna Elisabeth Maria. mein Vater ist katholischer Priester. Er wohnt nicht bei uns. Weil er meiner Mutter nur wenig Geld für uns geben kann, muß sie den ganzen Tag arbeiten. Ich bin zu Hause und warte auf sie. Manchmal besuche ich meine Freundinnen. Das ist schön. Aber meistens bin ich allein.
Ich bin sehr traurig, daß ich nicht zu meiner Oma kann. das machen viele aus meiner Klasse. Aber meine Oma sagt, ich darf nicht zu ihr, weil ich ein Kind der Sünde bin und meine Kinder und deren Kinder und alle wären deswegen siebenmal siebenmal verflucht. Darum will sie nichts mit mir zu tun haben, weil sie nicht in die Hölle will. Und meine Mutter will sie auch nicht mehr sehen, weil sie eine Schande ist und das mit meinem Vater gemacht hat.

 

Claudio
Papa, wenn ich groß bin,
werde ich für dich Priester

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")

6 Jahre

Papa, warum kannst du denn nicht bei uns sein? Du kannst dem Papst doch sagen, daß ich dich jetzt haben muß. Ein Junge muß doch einen Papa haben.
Ach, Papa, sag ihm doch einfach, daß du jetzt erst mal eine Weile Pause machst. Wenn ich dann groß bin, kann ich ja für dich Priester werden. Und du bleibst dann bei Mutti.

 

Florian
Es geht doch nicht,
daß ein Junge soviel lügen muß.

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")

12 Jahre

Kürzlich hatte ich einen Schultest, und der Lehrer fragte mich nach meinem Vater. Da wurde ich sehr aufgeregt, denn mein Vater ist von Beruf Priester, aber meine Mutter hat mir verboten, etwas darüber zu sagen. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.
Ganz schnell überlegte ich und sagte dann, mein Vater wäre Arzt.
Da wollte der Lehrer auch noch wissen, wo.
Mir wurde ganz benebelt, dann sagte ich : in Köln.
Hoffentlich fragt er da nicht nach. Hoffentlich habe ich meine Antwort richtig gesagt.
Ich will meinem Vater keinen Ärger machen.
Bei dem folgenden Test war ich so aufgeregt, daß ich lauter Blödsinn schrieb. Jetzt glaubt der Lehrer, ich wäre ziemlich dumm. Das geht doch nicht, daß ein Junge soviel lügen muß.

 

Esther
Manchmal wollte ich, ich wäre tot.

(aus: "Sag keinem, wer dein Vater ist -
Das Schicksal von Priesterkindern")

13 Jahre

Als ich in den Kindergarten kam, war ich ein bischen älter als fünf Jahre. Früher war immer kein Platz frei gewesen, obwohl andere Kinder, die jünger waren, vor mir angenommen wurden. Ich wäre gern in den Kindergarten gekommen, aber es ging nicht, weil er der katholischen Kirche gehört und meine Mutter angegeben hatte, daß mein Vater ein katholischer Priester ist. Im Kindergarten setzt ja schon die christliche Erziehung ein, sagte man meiner Mutter damals. Und wie sollen wir den anderen Kindern ihr Kind erklären? Wenn das herauskommt, bekommen wir massiv Ärger mit den anderen Eltern.
Ich bekam dann doch einen Platz, weil meine Mutter an den Bischof geschrieben hatte.
In der Schule mußten wir alle unsere Namen sagen und über unsere Eltern erzählen. Ich erzählte nur über meine Mutter, daß sie Lehrerin an einer Schule für sprachlich behinderte Kinder ist und wie alt und so weiter. Von meinem Vater sagte ich nichts. Ich sagte, er wäre tot. Da war die Lehrerin ganz verlegen und sagte, das hätte sie gar nicht gewußt. Und am anderen Tag hat sie meine Mutter angerufen und ihr gesagt, das ginge aber nicht, daß ich sie so anlüge, und einem Kind müßte man doch beibringen, daß es ehrlich am weitesten kommt.
Im Religionsunterricht war es zuerst ganz schön. Aber dann fing der Lehrer eines Morgens an, über Kinder von Priestern zu sprechen und daß es eine schreckliche Geschichte wäre, weil man eigentlich nie geboren worden sein dürfte. Wer es dann wirklich erzählt hat, weiß ich nicht. Aber auf einmal wußten es alle, daß ich einen Priester zum Vater habe. Ich wurde nicht mehr eingeladen, und auf dem Heimweg wurde ich fast jeden Tag verkloppt. Meine Mutter beschwerte sich darüber beim Rektor. Aber der sagte nur, ja, wie sollte man den Kindern denn beibringen, daß ich ein Kind wie alle anderen wäre. Am besten würde sie mit mir wegziehen und irgendwo in Norddeutschland neu anfangen. Dort würde man es ja wohl mit Gott nicht so genau nehmen. Mein Vater hat sehr geweint, als wir ihm alles erzählt haben. Aber er kann uns ja auch nicht helfen. Er kann ja nicht einfach zur Schule gehen und dort mal auf den Tisch hauen und sagen: "Laßt mein Kind in Ruhe!" Es ist ja alles seine Schuld, weil er meine Mutter so liebhat. Aber ich verzeihe ihm, daß er mich gemacht hat. Er hat es ja selbst nicht gewollt. Es ist ja nur passiert, weil irgend etwas mit der Pille nicht gestimmt hat.
Manchmal denke ich, es wäre besser, ich wäre tot.