Im Renovierfieber

"Die Wand ist schwarz"

An einem ganz normalen Morgen, als das Sonnenlicht mit dieser gnadenlosen Helligkeit, die es nur im Frühling gibt, über die Wohnzimmertapete strich, traf es die Hausfrau wie der Blitz: „Die Wand ist schwarz!“
Den ganzen Tag über wollte sie es nicht glauben. Doch egal, wie die Sonne schien oder die Deckenleuchte eingeschaltet wurde, der düstere Fleck über dem Kachelofen blieb. Wenn man genau hinsah, gab es kaum weniger dunkle Streifen seitlich der Schränke. Und diese schmuddligen Rahmen, die zurückblieben, wenn sie die Bilder von den Wänden nahm! Wie bei Hempels unterm Sofa! So ging es ja nicht.

Seit Jahren Langeweile

Eine gelinde Aufregung breitete sich in der Hausfrau aus. Wie lange wohnten sie jetzt schon im eigenen Haus? Sieben Jahre? Eine Ewigkeit. Sieben Jahre alle Möbel an ein und demselben Platz. Sieben Jahre dieselben Lampen an den Wänden, dieselben Bilder an denselben Nägeln, dieselben Teppiche auf demselben Parkett. Und dieselbe Tapete an den Wänden. Glasfasertapete, wegen der besseren Haltbarkeit. Sogar abwaschbar. Aber dieses Krankenhausweiß, dieses Sterile, Eintönige, Langweilige. Ja, Langweilige. Jetzt, da es der Hausfrau aufgefallen war, ließ es sich nicht mehr leugnen. Die Tapete war langweilig. Das ganze Haus war langweilig. Es war so weit. Keine Frage, es musste renoviert werden.

Zwischen Terpentinmief und Tiefkühlpizza

Als der liebste aller Ehemänner und die beiden Söhne von zwölf und vierzehn Jahren an diesem Abend bei „Wetten dass?“ in Chips und Alsterwasser schwelgten, schweifte der Blick der Hausfrau immer wieder durch die gute Stube. Vor ihrem inneren Auge bekamen die Wände dieses wunderbar warme Waldorfschulen-Ocker-Orange oder so ein kühles, zartes Aquarellblau mit passenden Lampen und vorteilhafteren Gardinen. Natürlich müsste dann auch der Teppich...

"Mutter kriegt das Renovierfieber"

In diesem Moment sprang Eike, der vierzehnjährige Sohn, vom Sofa auf. „Leute, macht die Fliege, die Mutter kriegt das Renovierfieber!“
„Wieso?“ fragte die Hausfrau staunend. „Wenn du so schaust, hast du schon den Pinsel in der Hand“, rief Eike. „Stimmt’s?“
Lars, der zwölfjährige, wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern raste sofort aufs Klo. Er erinnerte sich noch sehr genau an den Tag, als die Mutter die Kinderzimmer verschönert hatte. Eine Woche Durcheinander, Terpentinmief und Tiefkühl-Pizza. Wenn der Zirkus wieder los ginge, würde er zu Oma und Opa aufs Land ziehen. So viel stand für ihn fest.
Sogar der liebste aller Ehemänner ging auf Abstand. „Ist das wahr? Willst du etwa schon wieder...?“

„Was heißt da schon wieder?“ Diese Frage war Wasser auf die Mühlen der Hausfrau. „Weißt du, wann wir zuletzt frisch gestrichen haben?“
Der liebste aller Ehemänner wusste es sogar ganz genau. „Vor genau zwei Jahren. Und danach wollten wir uns an jedem einzelnen verkleisterten Tag scheiden lassen.“
„Ach, Unsinn!“ Die Hausfrau wischte die Bemerkung beiseite. „Als ob wir uns sonst noch nie gekabbelt hätten.“
„Gekabbelt nennst du das?“, grinste der liebste aller Ehemänner. „Ich würde sagen, das war ein mittlerer Vulkanausbruch. Und alles bloß, weil du unbedingt diese Glasfasertapete wolltest. Weißt du noch? Wie das Zeug einfach nicht kleben wollte und dir über den Kopf fiel und ich dann mit dem Fuß in den Kleister...“
„Ja und du natürlich mit diesem Schuh quer über den Teppichboden“, erinnerte sich die Hausfrau. „Also, die Frau, die da nicht aus der Haut fährt, die muss erst noch gemacht werden.“ „Ach“, meinte der liebste aller Ehemänner und bekam diesen Spitzbubenblick, den die Hausfrau auch nach fünfzehn Jahren Ehe immer noch süß fand. „Das könnten wir ja schnell selbst erledigen. Und bis die Kleine fertig ist, könnten wir doch noch mit der Renoviererei warten.“

"Planvoll" ans Werk

Am nächsten Morgen entwarf die Hausfrau einen Plan. Sie weihte ihre beste Freundin ein, die sofort Feuer und Flamme war. „Wenn wir bei dir fertig sind, können wir bei mir gleich weiter machen“, meinte sie. Und dann zogen sie gemeinsam los, die einschlägigen Geschäfte unsicher zu machen.

Von diesem Tag an begann die Hausfrau, allerlei Fotos zu rahmen und dekorativ an der Wohnzimmerwand aufzuhängen. Eines der großen Bilder musste zwar dafür abgehangen werden, weil der Platz sonst nicht ausgereicht hätte. Aber was machte das schon? Eine Fotowand ist etwas Schönes. Jeder Gast steht gern davor, und man kommt viel schneller miteinander ins Gespräch als sonst.
Natürlich war es dumm, dass ausgerechnet dieser dunkle Schatten von dem alten Bild an der Wand war. Andere Leute schwiegen ja höflich. Aber die beste Freundin sagte ganz klar, dass es ziemlich übel auffiele. Ja, selbst der liebste aller Ehemänner merkte, dass seine Augen wie magnetisch von dieser dreieinhalb Zentimeter breiten Linie angezogen wurden.

Auf der Suche nach Wohnideen

Weil im Frühling der Kachelofen nicht mehr angefeuert werden musste, arrangierte die Hausfrau ein hübsches Seidenblumengesteck aus weißen Margeriten und Efeu, das über den Ofen herunter ranken sollte. Es machte sich wirklich gut. Und es hätte noch frischer gewirkt, wenn die Wand und die Decke über dem Ofen nicht diesen rußigen Schatten gehabt hätten. Dagegen half nicht einmal der Strahler, den der liebste aller Ehemänner auf die Ecke richtete. Im Gegenteil, die beste Freundin meinte, jetzt sähe man die Flecken erst recht.

Der liebste aller Ehemänner ertappte sich immer öfter dabei, dass er in Zeitungsbeilagen mit neuen Wohnideen blätterte. Es stimmte ja, rechnete er nach. Sie waren jetzt wirklich schon sieben Jahre im Haus und nichts war gemacht worden. Der alte Teppich, den sie von Oma Lisa zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten, war nun wahrhaftig nicht mehr das Non plus ultra. Perser hin oder Perser her. Da, wo man täglich darüber latschte, hatte das gute Stück ganz tüchtig kommen lassen.

Und als die Hausfrau eines samstags unbedingt wegen eines kleinen Tischläufers zu „Teppich Kalif“ musste, entdeckte der liebste aller Ehemänner ausgerechnet neben dem Stapel mit diesen Tischläufern einen Wahnsinnsteppich fürs Wohnzimmer. Kein vernünftiger Mensch würde an so einem Angebot vorbeigehen. Nur die Hausfrau!
„Ach, ich weiß nicht recht“, meinte sie. „Ist denn das jetzt wirklich nötig? Wir haben es doch eigentlich ganz gemütlich. Wir müssen doch nicht ausgerechnet jetzt renovieren. Das hat doch noch Zeit. Du hast doch neulich selbst gesagt, dass es nicht eilig ist.“
Der liebste aller Ehemänner hielt es fast im Kopf nicht aus. „Hast du dir die Wände im Wohnzimmer schon mal angeschaut?“, rief er. „Denkst du, die paar Fotos, die du da neuerdings aufgebaumelt hast, täuschen darüber hinweg, dass die Wand total verrußt ist? Oder die paar netten Blümchen in der Ecke? Wenn wir nicht schleunigst Nägel mit Köpfen machen, verkommt das ganze Haus. Das musst du doch einsehen, Liebes.“

Widerwillig gab die Hausfrau nach.

Zwei Wochen später, als die Sonne mit dieser gnadenlosen Helligkeit, die es nur im Frühling gibt, in den Wintergarten schien, blickte die Hausfrau zusammen mit dem liebsten Ehemann der Welt den Lichtpunkten nach, die über das gelbliche Ocker der Wohnzimmerwände tanzten. Es sah wunderschön aus.
„Wie gut, dass du mich von der Notwendigkeit der Renovierung überzeugt hast“, meinte sie und gab dem liebsten aller Ehemänner einen Kuss.