Was erwarten wir eigentlich von Müttern?

"Was verstehen Sie unter Mutter?"

wurde ich neulich befragt. Die Antwort schien einfach: Eine Mutter ist eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt.
Aber ist es das wirklich? Reicht das aus, um Mutter zu sein? Auch Leihmütter schenken einem Kind das Leben. Sind sie deswegen tatsächlich Mütter dieser Kinder? Oder Adoptivmütter, sind sie nicht Mütter ihrer Kinder, weil sie diesen nicht das Leben geschenkt haben?

Welche Erwartung also verbindet sich mit der Vorstellung von einer Mutter?

Sie soll ihr Kind lieben, es großziehen, beschützen, respektieren, fördern, immer für es da sein, sich selbstlos jederzeit bis hin zur Selbstaufgabe hinter die Interessen des Kindes zurückstellen, ja, sie soll es in Krisenzeiten aufgeben, um es zu retten – also eine Heilige sein?
Bertold Brecht schrieb in seinem "Kaukasischen Kreidekreis" von der wahren Mutter, die sich in absoluter Selbstlosigkeit von ihrem Kind trennte, um ihm nicht weh zu tun. Die Kirche berichtet von Maria, der Gottesmutter, die Jesus als uneheliches Kind empfing und einen alten Mann heiratete, damit ihr Kind nicht nur einen abwesenden Vater im Himmel sondern auch einen anwesenden Vater auf Erden haben sollte. Wir erfahren sogar, wie Maria als Mutter war. Wie sie ihren Erstgeborenen dazu anleitete, hilfsbereit zu sein und den Menschen Freude zu machen, indem sie ihn zum Beispiel bat, er solle Wasser in Wein verwandeln. Wie sie ihn seiner übermenschlichen Bestimmung folgen ließ, obwohl sie begründete Todesangst um ihn hatte. Wie sie ihn nach bestem Wissen und Gewissen erzog und doch von ihm beschimpft, sogar verleugnet, wurde, als sie ihn eines Tages in einer fremden Gegend voll Sorge um sein Wohlergehen mit der ganzen Familie suchen gegangen war und ihn im Tempel fand, dem Haus seines abwesenden Vaters. Wie sie trotz aller verständlichen Aufregung und um ihn ausgestandenen Angst seine jugendliche Grobheit klaglos schluckte, als er sie anschnauzte, was sie, Weib, denn von ihm wolle. Ob sie nicht sehe, daß er hier bei seinem echten Vater und das Haus seines irdischen Vaters nicht das seine sei.

Hingabe bis zum Äussersten?

Idealbilder – sind wir so, wir Mütter? Über jeden Tadel erhaben, selbstlos, voller Hingabe bis zum Äußersten und stets verständnisvoll verzeihend?
Ertragen wir es überhaupt, so hoch auf den Sockel gestellt und verehrt zu werden? Oder werden wir dadurch über die Grenzen des Leistungsvermögens hinaus gefordert, bis kaum noch etwas von uns übrig ist? Rennen wir wie die Hamster im Rad der Erwartungen? Haben wir vielleicht deshalb so schnell ein schlechtes Gewissen, wenn unsere Kinder mal nicht wie aus dem Ei gepellt wirken, wenn sie sich kindisch benehmen und "die Leute" schief gucken? Oder wenn wir mal aus der Haut fahren? Verletzt, wütend und gar nicht verständnisbereit sind? Wenn wir einfach mal keine Lust haben, ständig gefordert zu werden, als wären wir ein Ziehbrunnen, aus dem unablässig geschöpft wird?
Wurden da irgendwann die Weichen falsch gestellt?

Mütter sollen zu sich selbst stehen

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Kleinkinder eher mit innerer Distanz als mit großer Liebe betrachtet. Denn nicht nur die Todesrate der Mütter im Kindbett sondern auch die Kindersterblichkeit war extrem hoch; jedes zweite Kind starb vor dem dritten Geburtstag. Überlebten Mutter und Kind, erwartete die meisten Säuglinge ein trauriges Los. Wie Mumien wurden sie an ein Brett geschnürt und blieben stundenlang oder auch den ganzen Tag über bewegungsunfähig, schreiend oder wimmernd vor Hunger, wund in der vollen Windel und mutterseelenallein vor der mehr oder minder warmen Herdstelle sich selbst überlassen, bis die Mutter von der Arbeit zurück gekommen war. Zur Zeiten von Hungersnöten oder Krankheit der Mutter gehörte das Aussetzen von Säuglingen zum Alltag. Als Thomas Coram im London des 18. Jahrhunderts sein erstes sogenanntes "Findelhaus" gründete, geschah dies, weil er es nicht mehr ertrug, "die in den Gossen und auf den Misthaufen liegenden Babys sterben zu sehen."

Niemand kann sich diese Zustände zurück wünschen. Mütter schon gar nicht. Aber wären wir Mütter nicht doch erleichtert, wenn man uns aus der Rolle der Nimmermüden, allumfassend Zuständigen ganz selbstverständlich heraustreten ließe? Ohne diesen bitterbösen Vorwurf, dann eine schlechte Mutter, eine Rabenmutter, zu sein. Und wären wir nicht glücklicher, wenn wir selbst uns ganz ohne schlechtes Gewissen gestatten würden, zwischen Kinderkriegen und Kindergroßziehen, Partnerschaft, Haushalt, Job und sozialem Engagement ganz gelassen auch zu uns selbst zu stehen anstatt immer nur zu den anderen?