Wer kriegt hier die Krise?

"Oh!"

Die Hausfrau sieht´s mit Schrecken, die kleine Schnellkochplatte ist defekt.

Und natürlich ist Freitag. Grosser Besuch ist für Samstag eingeladen. Der Braten beim Metzger ist bestellt, als Küchenhelferin die beste Freundin engagiert. Und jetzt das!

"Oh!"

denkt die Hausfrau wieder, denn ihr Blick fällt auf die Schlagzeile direkt unter den Pfifferlingen im Farbfoto auf Seite Eins: "Der Oberkircher Einzelhandel kriegt die Krise."
"Warum dann nicht einen Kundendienst aus Oberkirch rufen?", denkt die Hausfrau und weiß auch schon, wen.
"Freundlich bedient in Oberkirch", steht an der Ladentür.
Gleich greift sie nach dem Telefon.
Ob der Kundendienst die Herdmarke Sowieso kennt, fragt sie.
Und ob er Ersatzmaterial dafür hat.
"Ja", sagt die nette Dame im Fachgeschäft. "Natürlich kennen wir uns mit der Marke Sowieso aus. Wir kennen uns mit allen Marken aus. Darf ich Ihnen einen Termin mit unserem Monteur machen?"
Die Hausfrau strahlt. Freundlich bedient, stimmt. Das Wochenende ist gerettet.

Die Hammer-Methode

Als das Kundendienstauto schließlich vorfährt, öffnet die Hausfrau sofort die Tür.
Führt den Fachmann in die Küche, zeigt den Herd, demonstriert, wie die Kochstelle nicht funktioniert. Der Fachmann ist keiner, der große Worte macht. Schweigend geht er in die Hocke und schaut fachmännisch drein.
"Ja, mit dene Cerandingsbumser, des isch so ae Sach", meint er. "Da muss ich von innen dran.
Da muss der ganze Backofen raus."
Die Hausfrau erschrickt. Wieso muss der Backofen raus?
Das Ceranfeld ist von oben zu öffnen. Sie weiß es genau, hat´s beim Kundendienst der Marke Sowieso schon selbst gesehen.
Der Fachmann will´s kaum glauben. Er rüttelt an der gläsernen Backofentür.
Sie klemmt. "Ja, wenn ich da nicht dran komme, muss ich sie einschlagen", sagte er.
"Mit dem Hammer."
Die Hausfrau faßt es nicht. "Die Backofentuer? Einschlagen? Mit dem Hammer?"
Der Fachmann nickt gewichtig. "Ich muss von innen an die Platte. Da gib´s nix.Und wenn die Tuer nicht auf geht, ja, da muss ich die einschlagen."
Die Hausfrau schaut sich um. Hat hier vielleicht einer eine "Versteckte Kamera"?

Der Fachmann hat ein Einsehen

Sie weiß, dass der Fachmann irrt. Das Ceranfeld ist nur aufgeklebt. Es läßt sich abheben.
Doch der Fachmann zögert.
"Wenn die Küche wenigschdens net aus Vollholz wär",meint er. "Bei Span, da könnt man den Backofen wenigschdens noch rausreissen. Aber so? Da geht nix. Nur mit dem Hammer. Durch die Tür."
Die Hausfrau redet wie ein Wasserfall, zeigt, weiß, was sie weiß.
"Auf Ihre Verantwortung", meint der Fachmann zuletzt.
Die Hausfrau nickt.
Der Fachmann macht sich mit Börtel und Schlägel ans Werk.
Die Glasplatte lockert sich, lässt sich frei legen. Darunter kommen Spiralstaebe und Kabel zum Vorschein.
Die Hausfrau atmet erleichtert auf.
"Ich dachte, Sie kennen die Marke Sowieso?", fragt sie.
Der Fachmann schaut verwirrt. "Ha, nai, ich net. Des isch mein Kolleg, aber der isch im Urlaub."
Er misst die Stromspannung ueberall durch.
"Da ist nix zu machen", stellt er fest. "Die Platte ist kaputt. Sonscht is nix. Die muss ich bestellen. Bis dass die da ist, muessen Sie eben warten. Da kann man nix machen."

Da guckt die Hausfrau in die Röhre

Die Hausfrau gibt auf. Kocht sie eben ohne die kleine Schnellkochplatte. Für dieses eine Wochenende wird´s gehen.
Trotz Gästen.
Sie atmet auf, als der Kundendienstmann wieder davonfährt.
Räumt hier, putzt dort, rennt vom Keller ins Dachgeschoss, hat viel zu tun. Will Stunden später endlich zu kochen beginnen.
Da ist der Herd aus. Ratzfatz, nichts geht mehr.
Nicht nur die kleine Schnellkochplatte, nein, auch die ganz grosse und die ovale daneben glühen nicht auf. Und der Backofen springt zwar auf, aber nicht mehr an. Die Zeitschaltuhr,die sonst rote Ziffern hat, ist schwarz. Selbst der Temperaturanzeiger für den Backofen hat zu blinken aufgehört.
Die Hausfrau fühlt sich wie ein Dampfkochtopf. Ein paar Stunden noch, und das Haus steht voller Besuch.
Alle haben Hunger. Und der Herd ist kaputt.
"Wenn Ihr Fachmann nicht auf der Stelle den Schaden repariert, den er angerichtet hat, gehen meine Gäste und ich das ganze Wochenende auf Ihre Kosten essen!", schimpft sie in die Telefonmuschel.

Und plötzlich ist die Zeitschaltuhr defekt

Das zieht. Schon ist der Fachmann wieder da. Legt nicht mal die Jacke ab.
Zieht den Backofen aus der Küchenzeile. Liest das Bedienungshandbuch. Schraubt und dreht, macht und tut.
Weiß keinen Rat. Zuletzt zwickt er die Kabel der Zeitschaltuhr ab. Legt eine Kabelbrücke, schließt sie an.
Und plötzlich, wer hätte das gedacht, leuchten alle Kochfelder auf. Sogar die kleine Schnellkochplatte, die kaputte. Alle heizen, selbst der Backofen.
Überraschung, Freude, Erleichterung bei der Hausfrau.
Zufriedenheit beim Fachmann.
"Jetzt isch halt die Zeitschaltuhr hin", sagt er. "Aber des isch ja im Moment das kleinere Übel."
"Die Zeitschaltuhr?" fragt die Hausfrau und spürt, wie ihre Knie weich werden. Die Uhr ist teuer.
"Es war doch nur eine einzige Platte kaputt."
"Jetzt isch es halt eben die Uhr", sagt der Fachmann und geht. Noch am Abend bestellt die Hausfrau den Kundendienst der Marke Sowieso.
Der schüttelt am Montag den Kopf. Prüft hier und prüft da. "Es liegt an der Zeitschaltuhr", sagt er. "Die hat einer abgeknipst. Die ist kaputt. Kostet 800 Mark, mit Anfahrt."
Die Hausfrau wird blass. 800 Mark, zwei Wochen vor Weihnachten, wer hat da schon so viel Geld zuviel! Aber was soll´s, die Uhr muss sein.

Ich zahl nix

"Vielleicht", denkt sie, "bist du ja freundlich bedient in Oberkirch. Vielleicht hat mein Fachhändler um die Ecke ein Einsehen und beteiligt sich. Immerhin war nur ein Kochfeld kaputt, ehe sein Fachmann kam."
Gesagt, getan, die Telefonnummer steht ja immer noch auf dem Branchenbuch. Und tatsächlich, der Chef ist gleich am Apparat, hat wohl schon auf den Anruf gewartet.
"Ich zahl nix," sagt er. "Mein Mitarbeiter hat nichts gemacht. Die Uhr war schon vorher kaputt. Und was Sie mir da weiß machen, das stimmt sowieso nicht."
"Gut", sagt die Hausfrau. "Dann haben Sie eben künftig eine Kundin weniger."
"Na und?", sagt der Chef und bleibt ganz freundlich. "Davon kommt mein Geschäft nicht in die Krise."