Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel...

Um sechs hatte er seinen Zahnarzttermin.
Zog vergnügt los. Es ging nur um die Spange, das leidige Stück, das, ungeliebt, öfter in der Zahnspangenschachtel verwahrt als hinter die etwas zu eng, etwas zu krumm stehenden Zähne gespannt wurde.

Erst um halb acht fiel auf, dass er noch nicht nach Hause gekommen war. Verwunderung machte sich breit. Leise Unruhe auch. Es war nicht üblich bei ihm, dass er trödelte, sich irgendwo verträumte, die Zeit vergaß.

Um acht begann sie ruhelos durchs Haus zu laufen. Die Gedanken hinter ihrer Stirn irrlichterten. Bei einem Freund, ob er dort wohl wäre? Mit 13 machte man sich schon mal selbständig. Und vor allem keine Sorgen um die Sorgen derer, die warteten.

Um halb neun rief sie den Freund an. Nein, er sei dort gewesen, aber schon wieder weg, längst.

Warten zwischen Fenster und Haustür, vom Balkon zur Terrasse, zwischen Fenster und Haustür, vom Balkon... Warten. Das Kribbeln in den Finger, das Flattern im Kopf. Hatte sie irgendwann in den letzten Stunden das Heulen des Krankenwagens gehört, die Polizeisirene? Graben in der Erinnerung, die überdeckt war von den anderen Dingen des Alltags, die erledigt worden waren in der Zeit vor dem Warten. Nein, sie glaubte nichts gehört zu haben.

Um neun rief sie im Krankenhaus an.
"Ist vielleicht mein Sohn eingeliefert worden?"
"Wie heißt denn Ihr Sohn?"

Wie dumm, seinen Namen nicht genannt zu haben. Aber egal, was sollte die Peinlichkeit? Nannte sie den Namen eben jetzt.

Warten, wieder Warten, Sekunden nur, eine Minute höchstens. Dann das Nein, Auch hier nicht. Erleichterung oder neuer Schrecken? Wo suchen? Wen anrufen? Die Polizei?

Das Gespräch von vor ein paar Tagen fiel ihr ein. Als er ihr von dem älteren Halbwüchsigen erzählt hatte, der ihm mit dem Messer hinterher war, oft schon, auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause, im Schwimmbad, in der Ladenpassage. Jugendkriminalität, Jugendgewalt, - die Bilder aus der Zeitung ließen sich nicht mehr verdrängen. Wie, wenn er irgendwo läge, verletzt? Wenn ihn keiner fände?

Beim Schwimmbad vielleicht, auf dem Weg am Fluß entlang, irgendwo am Fluß vielleicht, hingeschmissen wie ein Stück Abfall. Nein! Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie die Gedanken und Bilder abschütteln.

Und wieder die Kreise im Haus zwischen Haustür und Fenster, zwischen Weg vor dem Haus und - er muss doch kommen, er muss! Wenn ich bis drei zähle, dann. Bis zehn. Dann gewiss.

Um halb zehn zog sie sich Schuhe und Jacke an, nahm die Taschenlampe mit, ging los, der Atem so kurz wie die Schritte, die sie unsicher setzte.

Und da kam es heran, surrte von den Reifen des Fahrrads, pfiff auf den Tönen der Melodie, die er liebte.
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Hatte sie wirklich geglaubt, dies nie mehr zu hören? Nein, nicht geglaubt, aber gefürchtet schon. Und wie sehr gefürchtet!

Szenen des Alltags im Leben einer Mutter. Szenen, bespöttelt, belächelt, solange sie Andere betreffen. Gluckhenne, Übermutter, - keine Mutter, die sich nicht längst schon selbst in Frage gestellt hätte, ehe Andere es tun könnten. Und doch bleibt es in Zeiten, in denen Instinkt bestenfalls dann etwas zählt, wenn man ihn "emotionale Intelligenz" nennt, dabei, dass Mütter Nester bauen und wie ein Adler über den Jungen kreisen, wenn sie flügge werden. Sie fliegen lassen und dennoch bewachen, beschützen, aus immer höherer Ferne, doch bis zuletzt fest im Blick.