"Liebes!",
flötet der liebste aller Ehemänner aus dem Schlafzimmer.
"Oh je!", entfährt es der Hausfrau, denn diesen Ton kennt sie. Vorsichtig lugt sie um die Tür.
Der liebste aller Ehemänner steht vor seinem Kleiderschrank. Im Adamskostüm, mit Boxershort-Feigenblatt und Socken bis zu den Waden. "Ratsch! Ratsch! Ratsch!" schiebt er einen Kleiderbügel nach dem anderen über die Kleiderstange.
"Ich hab echt nichts mehr anzuziehen", seufzt er. "Guck dir das bloß an! Die graue Hose ist hinten schon total durch. Und das Teil hier von C&A, na, das kannst du ja auch nur noch den Hasen geben. Oder diese hier! Ab in die Altkleidersammlung! Damit kann ich mich doch nicht mehr blicken lassen."
Die Hausfrau legt den Rückwärtsgang ein und will schnell die Tür schließen. Doch da ist er schon wieder, dieser Schmeichelton. "Liebes, kannst du nicht zu Bolle&Naumann gehen und für mich ein paar neue Hosen kaufen?"
Die Hausfrau schüttelt den Kopf. Sie tut es mit Nachdruck und versucht, seinem Blick auszuweichen. "Ach, Süße, bitte!"
Der liebste aller Ehemänner setzt sein Filou-Gesicht auf. "Du weißt doch, wie wenig Zeit ich hab. Und Bolle ist ein Kavalier. Der gibt dir doch eine Auswahl für mich mit. Dann kann ich alles in Ruhe zu Hause probieren."
Wenn der liebste aller Ehemänner es darauf anlegt, kann er das Wörtchen "probieren" verheißungsvoller als Omar Sharif in seinen besten Zeiten auf der Zunge zergehen lassen.
Peinlich, peinlich!
Doch die Hausfrau stopft sich gedanklich die Ohren zu.
Sie weiß nur zu gut, wie es beim letzten Mal Hosenaussuchen war.
Den Arm voller Herrenhosen, stand sie an der Kasse, und das junge Ding schnippte beim Geldeintippen so ganz cool zu ihr rüber:
"Also, der Kerl, für den ich das machen würde, der muss erst noch geboren werden."
Und das, wo ausgerechnet Frau Hintermoser, die Nachbarin aus der Parterrewohnung von gegenüber zuhörte, die zufällig in der Warteschlange an der anderen Kasse stand.
Peinlich! Die Hausfrau könnte jetzt noch im Erdboden versinken, wenn sie an dieses wahrhaft impertinente nachbarliche Grinsen denkt.
"Nein", sagt sie fest. "Diesmal gehst du mit. Gleich jetzt. Bis um sechs ist noch offen."
Der liebste aller Ehemänner kann es nicht fassen.
"Aber wie soll ich denn so vor die Tür?", fragt er.
Und da hat er auch wieder Recht. Unten ohne geht wirklich nicht. Nicht mal Tina Turner hat solche sexy Waden wie der liebste aller Ehemänner. Und die ist millionenschwer gegen jeden Grabsch-Fan versichert. Der liebste aller Ehemänner aber nicht.
In letzter Sekunde fällt es der Hausfrau ein: Die blaue Hose mit dem Fleck von der Spaghettisoße steckt noch nicht in der Waschmaschine. Wenn der liebste aller Ehemänner den Fleck ein bisschen mit der Hand verdeckt, fällt keinem etwas auf.
Und später können sie die alte Hose einpacken lassen, wenn der liebste aller Ehemänner bei Bolle&Naumann eine neue gefunden hat.
Wenn, ja, wenn!
Hosen Aussuchen ist wahrlich kein Fingerschnippen.
Das will genau überlegt und probiert werden.
"So eine Hose", sagt der liebste aller Ehemänner,
"muss ja schließlich was daher machen. Schließlich gucken die Weiber allen Kerlen zuerst auf den Hintern."
Die Hausfrau verkneift sich ein Grinsen.
"Ein Glück, dass Männer ja überhaupt nicht eitel sind",
denkt sie und sagt:
"Komm, Schatzi. Es ist schon kurz nach fünf. Wir müssen uns beeilen."
Von wegen zugenommen
Aber irgendwie haut das Ganze nicht so richtig hin.
Es fängt schon mit der Umkleidekabine an. Irgendwie ist die zu eng. Und mit den Hosen ist es auch nicht anders. Irgendwie zwicken und kneifen sie. Oder sie hängen in Trauerringen um die Beine. Oder sie klemmen im Reißverschluss.
"Ausgerechnet! Das, nö, nö, nö, Liebes, - also, das kommt ja nicht vor. Das darf’s ja nicht sein. Wo kämen wir denn da hin?"
Der liebste aller Ehemänner spürt den Zorn der Gerechten.
Die Hausfrau eilt hurtig von der Hosenstange zum Hosenrondell, von der Hosenparade an der Hakenwand zur Hosenauslage in der Anzugboutique. Den Arm voll Hosen, liefert sie Anprobe-Nachschub um Anprobe-Nachschub.
Doch es bleibt dabei.
"Entweder haben die bei Bolle&Naumann einen neuen Fabrikanten, der andere Konfektionsgrößen verwendet",
meint der liebste aller Ehemänner,
"oder die Dinger sind alle total verschnitten."
"Ach, was", sagt die Hausfrau leicht entnervt,
"du hast eben zugenommen. Das wird’s sein."
"Zugenommen? Ich?"
Der liebste aller Ehemänner steht vor dem Ankleidespiegel. Brust raus, Bauch rein, Pobacken zusammenkneifen. Einmal Frontal, einmal Profil.
"Nö, nö, nö, Süße!",
stellt er fest und klappst sich auf den Hinterschinken.
"Alles knackig, alles zackig. Also, nö, nö, du, an mir liegt das nicht."
Und weiter geht‘s mit Hosen rauf und Hosen runter. Dann plötzlich ein Schrei, ein Jubelruf:
"Liebes, sie passt! Wie angegossen! Guck!"
Und der liebste aller Ehemänner tänzelt aus der Ankleidekabine heraus, strahlend im Blau der neuen Hose.
"Klasse Ding, du, die nehmen wir. Behalt ich gleich an."
Die Hausfrau spürt ermattet die Füße. Sehnt sich, die Schuhe abzustreifen. Die Beine hochzulegen, eine Tasse Tee zu genießen. Sie wäre auch einverstanden, wollte der liebste aller Ehemänner eine lila, rote, quietschgelbe oder Farbenkuddelmuddel-Hose.
Ach Du Schreck, ein Spaghettifleck
An der Kasse fällt auf, dass kein Preisschild an der Hose hängt.
"Egal", sagt der liebste aller Ehemänner.
"Hab ich wohl schon abgerissen. Sie kostet 134 Mark. Weiß ich. Sie können ja nachschauen. Da hinten die graue, die kostet gleich. Da können Sie gucken."
Erst zu Hause fällt der Fleck von der Spaghettisoße auf dem Knie auf. Der liebste aller Ehemänner will es nicht glauben. Doch der Fleck ist und bleibt. Er riecht sogar noch nach Spaghetti.
"Liebes!"
Der liebste aller Ehemänner wirft sich ins Sofa und diesen kornblumenblauen Blick auf seine Frau.
"Oh je!",
sagt die Hausfrau und weiß schon, was kommt. Aber wenigstens muss sie die Hosen nicht nochmals bei Bolle& Naumann aussuchen.
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