Ist häusliche Gewalt tatsächlich männlich?

Auch Frauen schlagen zu

Jede dritte Frau werde von ihrem Ehemann oder Freund geschlagen, vergewaltigt oder anderen Formen der Gewalt ausgesetzt, belehrt uns die Bundesfrauenministerin Bergmann unisono mit der Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin. Zwar gebe es in Deutschland keine genauen Untersuchungen darüber, sagen sie. Aber bestimmte Vereine, die sich um Frauenangelegenheiten kümmern, hätten diese Zahlen geschätzt. Und das wären Vereine, die es wissen müssen. Auch wenn diese Zahlen total anders sind als die Zahlen aus rund 200 Studien aus dem englischsprachigen und skandinavischen Ausland, in denen es heißt, dass Frauen ihre Ehemänner und Freunde kaum seltener schlagen als umgekehrt. Ja, sogar total anders als die Zahlen der einen Studie, die die Bundesregierung unlängst zum Thema anfertigen ließ, und in der es heißt, dass 1, 59 Millionen Frauen Opfer häuslicher Gewalt würden und 1, 49 Millionen Männer.

Wenn diese Vereine sagen, es ist jede dritte Frau, dann stimmt das, sagen die Politikerinnen.
Dann haben wir das zu glauben. Ohne Wenn und Aber. Schließlich steht es in jeder Zeitung. Und wer es jetzt noch nicht glaubt, ist eine von diesen Nestbeschmutzerinnen, die die Erfolge der Frauenbewegung überhaupt nicht verdient haben. Stimmt doch, oder?

Faustrecht hinter der Haustür

Also glauben wir es, Schwestern: "Häusliche Gewalt ist männlich!" Und beginnen unsere Freundinnen und Nachbarinnen durchzuzählen. Jede dritte!
Von nun an werden wir jeden blauen Fleck am Arm und jedes Pflaster am Finger mit anderen Augen betrachten müssen. Und erst recht all die breitschultrigen Kerle an ihrer Seite, diese scheinheiligen Gewalttäter, die öffentlich Händchenhalten und hinter der geschlossenen Haustür mit der Faust regieren. Jeder dritte ein potentieller Knastrologe, den nur die ewigmäßige Großmut der Ehefrau und Liebsten vor der Einweisung schützt. Wer hätte das gedacht?
Frauen, sagen die Frauenministerin Bergmann und die Justizministerin Däubler-Gmelin, tun so was nicht. Sie sind die Opfer, nicht die Täter.
Komisch, dass mir so unwohl ist bei dieser Sichtweise. Vielleicht, weil ich nicht Politikerin bin und mein Leben nicht mit der sorglosen Schickeria der Reichen und Mächtigen verbringe, sondern auf dem Boden des Lebensalltags stehe? Vielleicht, weil ich deshalb gewisse Alltagserfahrungen mache, die es im schützenden Schatten von Bodyguards und polizeilich abgeriegelten Straßen nicht zu machen gibt?

"Maman, wart auf mich"

Ich denke da an eine Szene, die mich neulich so tief berührte. Es war an einem dieser Nachmittage in Straßburg, die ich so liebe. Weißblauer Himmel, die Türme des Münsters so hoch, dass sie dem lieben Gott an der Nase kitzeln, der Wind zwischen den schmalen Gassen wie Belzebub so frech und die Männer mit diesem gewissen Etwas im Blick, dass man ihnen einfach zulächeln muss. Café au lait, ein Brocken Guglhupf mit ganzen Mandeln oben drauf und Rosinen drinnen im weichen Hefeteig. Nur eine Viertelstunde mit dem Auto zwischen meinem Wohnort und hier und Urlaubslaune total.
Und plötzlich dieses Weinen. Laut wie mitten aus dem Herzen. „Maman, wart auf mich! Bitte, Maman! Ich bin wieder lieb! Warte! Maman!“
Ein Kind. Fünf Jahre vielleicht, höchstens sechs. Das kleine Gesicht verzerrt. Nass, mit tropfenden Tränen bis übers Kinn. Es rennt mit aller Kraft. Weit voraus die Mutter. Mit raumgreifendem Schritt. Böse verkniffen der Mund. Ein zweites Kind im Buggy. Eine Kopfbewegung nach hinten. "Nein! Verschwinde! Hau ab! Weg!" Kein Blick zurück. Und immerfort das Weinen, Schreien, sich brüllend steigernde Flehen des Kindes. Die Stimme schwirrend wie eine zu straff gespannte Saite. "Maman!"

Da biegt sie um die Straßenecke, die Mutter. Unsichtbar, wie auf ewig verloren für das Kind. Es fällt, wo es rannte, mitten im Schritt. Fällt, während ein Bus am Bordstein entlangkurvt. Bremsen quietschen, Passanten schreien, rennen. Die Mutter schaut um die Straßenecke. Zwischen Neugier und böser Vorahnung, mit jähem Wissen rennt sie, den Buggy schleudernd, zurück. Zu spät? Ich weiß es nicht. Es sah sehr klein aus, das Kind auf der Trage des Notarztwagens, der wenig später herbeiheulte. Klein und still. Es war die Mutter, die schrie.

Ich weiß nicht, was in der Zeitung stand, am nächsten Tag. Vermutlich nur eine lapidare Unfallmeldung. Aber ich weiß, was mir eine junge, aufstrebende SPD-Politikerin sagte, der ich diese Geschichte erzählte.
"Ja", sagte sie, "die Frau war halt gestresst. Mit zwei Kids in dem Alter in der Großstadt, und Zuhaus muss sie vielleicht gleich kochen, weil der Mann pünktlich sein Mittagessen auf dem Tisch haben will. Ganz schön happig! Finden Sie nicht? Überhaupt, wo war denn da der Vater? Wenn der sich gekümmert hätte... Der hat sich halt abgeseilt. Typisch! Für mich, also für mich ist der Vater derjenige, welcher. Aber die Frau ist mal wieder die Dumme. Ja, also, da müssen doch Gesetze her, die Mütter entlasten und die Väter in die Pflicht nehmen. Und ich sag Ihnen da noch was: Wenn in dem Fall die Mutter nicht gut aufgepasst hat auf das Kind, dann hat der Mann überhaupt nicht aufgepasst. Und wenn einer so abhaut und die Mutter mit dem Ganzen allein lässt, dann ist das irgendwie auch Gewalt. Und dagegen muss man was unternehmen.“

"Tatsächlich, Mädels?" muss ich da fragen.