Eine ganz alltägliche Geschichte

"Ich beneide Sie"

„So gut wie Sie müsste man es haben. Sie können Ihren Beruf zu Hause ausüben, sind Ihr eigener Chef. Ihr Sohn kann bei Ihnen bleiben, braucht keine Ersatzmutti, wird von der Kindergartenganztagspsychose verschont. Und trotzdem rollt der Rubel. Ideal! Ich beneide Sie.“
Meine Bekannte seufzt etwas gekünstelt. Ihr Make-up strahlt Chefsekretärinnen-Noblesse aus. Die Fingernägel leuchten im neusten Versace-Rot.

Ich schiebe meine freie Hand in die Manteltasche. Die Gartenerde unter den Nägeln ... Einer ist vorhin abgebrochen, kurz vor Geschäftsschluss, als ich zum Brotkaufen los hetzte. Die ausgefranste Nagelkante kratzt gegen das Mantelfutter. Unangenehm. Es schaudert mich.
„Ach, ja“, lächle ich. Höflich, etwas abwesend. Dieses Gesprächsthema kenne ich schon. Ich höre es täglich. Von der jungen Frau gegenüber, die einen silbergrauen Porsche fährt und immer wie aus dem Ei gepellt, mit heimlicher Abwehr im Blick, meine fleckige Schürze betrachtet. Von der Friseurin, von der ältlichen Lehrerin nebenan, von der Kindergärtnerin. Ich könnte endlos aufzählen.

Zwischen Putzeimer und Telefon

Später putze ich mit Grimm im Bauch den Küchenboden zum zweiten Mal für diesen Tag. Mein kleiner Sohn ist schöpferisch begabt. Er hat mit Wasserfarbe und Knetgummi die Fugen zwischen den Terracotta-Platten schön gemacht. Jetzt liegt er im Bett und singt lauthals Schlaflieder.
Das Telefon schnarrt. Ich lasse den Putzeimer Putzeimer sein, renne mit großen Sprüngen über meinen feuchten Küchenboden, rutsche, glitsche. Der Türgriff als Rettungsanker. Gerade noch geschafft.
Das Telefon. Ach, die Redaktion, wie nett! „Herr X, Sie wissen schon, hat uns ganz überraschend bereits für heute Nachmittag seinen Besuch angesagt. Es geht um den Artikel über Kinderpsychologie. Könnten Sie vielleicht...“

Ich kritzele mit klebrigen Putzmittelhänden ein paar Worte auf einen Zeitungsrand. Notizpapier hätte ich auf dem Schreibtisch, aber der ist im Obergeschoß, weit von der Küche, weit von vermaledeiten Putzeimern.
Nebenan geht plötzlich die Wasserspülung. Minutenlang. Ein Schaumberg macht sich träge auf meinem neuen Teppichboden breit, schleicht sich über den Flur. „Meine Güte, das Waschpulver!“, entfährt es mir zwischen die strömenden Chef-Worte an meinem Ohr.

„Wie bitte?“ Der Chef am Telefon ist indigniert. „Nichts, nichts“, sage ich verlegen, zornig über meine Verlegenheit und zum Platzen ungeduldig. Der Berg auf dem Teppich wächst wie der süße Brei, und die Spülung röhrt und röhrt. Dazwischen herzerquickende Freudenjuchzer. „Das Kind“, stottere ich. „Es schäumt so. Augenblick mal.“
Ich sehe das Gesicht des Chefs am anderen Ende der Leitung förmlich lang werden, als es im Hörer knackt. Ich habe aufgelegt. Oder besser aufgeworfen, aber der Chef sieht’ s ja nicht. Mein Sohn brüllt, als ich ihn aus der Toilette zerre. Ich klemme ihn unter den Arm, wate barfuß durch den Schaumberg. Autsch! Diese Legos! Überall liegen sie herum, bloß nicht in der Legokiste.

Und wieder läutet das Telefon

Das Telefon läutet schon wieder. „Wir waren plötzlich getrennt“, meint der Chef. Ich ahne mehr, was er sagt, als dass ich es höre. Der Junge brüllt zornrote Wut unter meinem Arm, zappelt in meinem Griff.
„Rrratsch!“ macht es. Ich halte den Hemdsärmel des T-Shirts in der Hand. Es war neu und eins von denen mit Doppelnaht, extra fest, extra zwei Nummern groß, für mindestens ein Jahr gedacht. „Ja“, sage ich lahm ins Telefon, „ja, gern, sicher, gleich.“ „So gegen 16 Uhr sollte der Text hier sein“, meint der Chef. Jetzt ist es knapp eins. Ob ich Zeit habe?

Welche Frage! Natürlich habe ich Zeit, muss ich Zeit haben, will ich Zeit haben. Schließlich will ich den Job nicht verlieren. „Das eine, was du willst, das andere, was du mußt“, sagte meine Mutter schon immer. Man sieht mich in der Redaktion ohnedies schief an, weil ich dauernd im Eilschritt komme und gehe, nie Zeit habe für ein Schwätzchen, eine Tasse Tee, einen Drink, einfach so, mal eben zwischendurch, ein Päuschen in Ehren.

Trautes Heim, Glück allein

„Trautes Heim, Glück allein“, unkte neulich ein Kollege, der mir mal heftig den Hof gemacht hatte, als ich noch am Schreibtisch gegenüber saß. „Sie wollten’ s doch so. Hat Sie doch keiner gezwungen zum Kinderkriegen.“
„Für mich wär’s das jedenfalls nicht“, gähnte die junge Layouterin, die so alt ist wie ich und gelegentlich mit einem Freund zusammen lebt. „Kindergeschrei, immer denselben Kerl am Hals. Nee, da lob ich mir den Boss im Laden. Dem kann ich kündigen, wann ich will.“

„Sei jetzt schön brav, Schatz“, bitte ich mein herziges Kind und schenke ihm einen Riegel Schokolade zum Trost, obwohl mir dabei das Gewissen schlägt. „Mama muß schreiben. Es dauert nicht lange. Gut?“
„Ja, ich gaaanz brav!“ verspricht er und schaut mich aus kornblumenblauen Augen an, daß sich mein Herz vor Liebe zusammen krampft.
Also her mit der Maschine. Der Kleine spielt nebenan. „Er ist wirklich süß“, denke ich zwischen zwei Absätzen. Dann umschließt mich das Klickern und Brummen der elektrischen Maschine wie feste Wände.

Es ist still, als ich den Artikel endlich fertig habe. Unheimlich still. Alarmiert springe ich auf, rase ins Kinderzimmer. Nichts.
Doch im Bad waren die Kannibalen. Der Teddy hat keinen Plüschbauch mehr, sondern einen leeren Stoffbeutel. Wer hätte gedacht, dass Holzwolle darin war? Die Flocken pappen glitschig und nass in allen Ecken. Die Tatwaffe aus meinem Maniküretui liegt mörderisch blank im Waschbecken.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Logisch, dass der Sohn wissen muss, was irgendwo drinnen ist, wenn der Vater Naturwissenschaftler ist.
Die Badewanne, der Spiegel, mein Sohn, alles ist lippenstiftrot, extra leuchtend, kussecht und mit Feuchtigkeitslotion. Ein Wölkchen Puder hängt in der Luft, mein kostbarer Parfümflakon schwimmt im Bidet.
„Fein!“ strahlt der Knirps, der Unglücksrabe, das liebe Kind. Meine Beherrschung jappst auf dem Nullpunkt ums Überleben. Verwundert dämmert es in den unschuldigen Sternchenaugen auf, dass mit Mama etwas nicht so ganz stimmt. Erschrocken schiebt der Kleine seinen Zeigefinger in den Mund. Daumenlutschen ist ja nicht erlaubt...

Es klingelt Sturm an der Haustür. In letzter Sekunde vor meiner Explosion.
Besuch? Bloß das nicht!

Kein Haushalt, ein Saustall
Im Flur schrumpft der Schaumberg vor sich hin. Die Bläschen knistern, wenn sie zerspringen. Davor schwimmt schillernd eine Pfütze. Mein Hund, ein langhaariger Cocker, der Wasser liebt, hat den Putzeimer ausgeleert. Alle viere von sich gestreckt, wälzt er sich im Nass. Dieser Genuss! In der Hitze des Mittags feuchte Kühle in seinem Pelz zu genießen, rollt ihm vor entzücktem Behagen das Weiße in den Augen zuoberst.

An der Tür läutet es energischer. Ich erwache aus der Schreckensstarre.
„Eilbrief“, sagt der Postbote. Militärisch knapp wie immer. Zu Hause wird er erzählen, die Sowieso hat keinen Haushalt, sondern einen Saustall. Aber vielleicht tut er nicht nur so, sondern merkt tatsächlich nichts. Ich reibe die nasse Fußsohle gegen mein trockenes Schienbein. Hätte ich besser nicht getan. Es sieht aus, als hätte ich seit vier Wochen keine Seife im Haus. „Ist der Ruf erst ruiniert“, denke ich und muss kichern. Der Postbote schaut mich an, als sei ich nicht recht bei Trost.

Ein Eilbrief und von wem? Nur meine neuste Geschichte für Kinder. Zurück. „Könnten Sie den Schluss ändern?“, steht auf einem Kärtchen der Zeitungsredaktion. „Sollte schmissiger sein, ein bißchen fröhlicher und kürzer. Eilt! Der Text ist für übermorgen eingeplant.“
Mein Sohn hängt an meinem Rock. Seine Finger kleben von Uhu. Er hat gebastelt. Ich fühle mich wie die goldene Gans aus dem Märchen. „Will malen. Papier, Mama?“ fragt er.

Ich sage: „Da, auf dem Tisch“, bin ganz geistesabwesend, brüte schon über einem abgewandelten Schluss für meine Geschichte, die eigentlich gar nicht fröhlich gemeint war und nun plötzlich lustig werden soll.
Erst als ich die Schnipsel auf dem Boden neben meinem Schreibtisch sehe, - Maschinenschriftzeichen im Fragment, die mir plötzlich vor den Augen zu wirbeln beginnen, - komme ich zu mir.

„Ich gemalt. Eine Fabrik für Papi“, sagt meine Nervensäge stolz und knüllt das restliche Papier zusammen, weil er’ s nicht mehr brauchen kann. War zuviel, sollte nur eine kleine Fabrik sein, für Papi ganz allein.
Ich breche zusammen. Nein, halt, nicht vor dem Kind! Also dreimal tief durchatmen gegen das Zittern in meinen Knochen und die Skriptfetzen mit Tesa zusammen kleben. Eine Ecke Text fehlt, bleibt verschwunden.
„Wenn ich es bügle, geht’s vielleicht noch“, denke ich und schreibe die fehlenden Zeile von Hand dazu. Ein paar bunte Kringel und viel Rauch, - denn eine Fabrik muß einen Schornstein haben und der muss rauchen, aber wie! - überdecken stellenweise die Buchstaben meines Textes. Sei’s drum, der Chef soll auch eine Freude haben.

„Moderne Kunst“, sage ich und nehme meinen Maler auf den Schoß, „steht hoch im Kurs. Und Künstler, auch ganz kleine, muss man bewundern, nicht auszanken, sonst fangen sie an zu weinen. Richtig?“ Er sieht mich bedeutsam an und schenkt mir ein extra langes Marmeladen-Kaugummi-Küsschen mit nur ganz wenig Spucke.

Am Abend, ich kratze gerade mit Messer und leisem Fluchen die muffig riechende Holzwollepampe aus dem Bad, ruft eine Freundin aus meiner Studentenzeit an. „Freiberuflich?“, stöhnt sie wie kurz vor dem besten Höhepunkt ihres Lebens. „Hast du’ s gut! Zu Hause, keine Hetze, kein Stress, kein Bürorummel, kein Chef, der mault. Verdienst dein Geld so gut wie im Schlaf. Davon träume ich, du, aber echt.“
„Ich auch!“ sage ich.