SPIEGEL ONLINE - 23. September 2002, 13:10
Schulpartner aus Eberswalde und Angola
Ganz nah dran
Von Holger Kulick
Eine ungewöhnliche Schulpartnerschaft in Eberswalde zeigt Politikern, wie wenig Sinn es macht, Angst vor Ausländern zu schüren. Nach der Wende kam die Stadt in die Schlagzeilen, als Neonazis einen Angolaner zu Tode hetzten. Jetzt bauten junge Leute eine Brücke nach Afrika. Aber keiner schaut hin.
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Begegnung ohne Wiedersehen?
Trauriger Abschied von den Gästen aus
Luanda
Eberswalde - "Ich wollte nicht weinen, aber ich kann nicht anders!",
klagt Armenia, die Direktorin einer Schule für Straßenkinder in Luanda, der Hauptstadt von Angola. Überall im Raum halten sich weinende Menschen in den Armen, zumeist junge Leute, denen es schwer fällt, voneinander Abschied zu nehmen.
Die einen sind Schüler des Gymnasiums Finow in Eberswalde. Der Ort ist für viele Menschen immer noch ein Synonym für die tödliche Jagd von Rechtsradikalen auf den Angolaner Antonio Amadeu vor zwölf Jahren. Aber den Eingang der Schule zieren seit wenigen Tagen Zeichen der Freundschaft mit Angolanern: frische Handabdrücke von einem Dutzend junger Gäste aus Luanda, die sich dort nach einem vierzehntägigen Gastaufenthalt verewigt haben: "Wir sind zwei Völker,sprechen zwei Sprachen, aber sind im Herzen Gottes vereint."
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Abdrücke die bleiben
In diesen Tagen endete das einmalige Treffen, das aus einer deutschlandweit einzigartigen Initiative hervorging. Das Ziel: eine Schul-Partnerschaft mit dem Straßenkinderzentrum "Alegria" in Luanda, so schwierig die Umstände auch sind. In Alegria, eine Einrichtung der methodistische Kirche Angolas, werden derzeit bis zu 1200 Straßenkinder betreut.
In Eberswalde engagieren sich ein cleverer Schuldirektor, eine Handvoll begeisterter Lehrer und eine Schülergruppe seit vier Jahren in der AG "Multikulturelle Interessen". Bereits im vergangenen Jahr sammelten die Eberswalder Gelder, um zumindest in einer kleinen Gruppe nach Luanda zu reisen. Unterstützt wurden sie von mehreren Entwicklungshilfeträgern wie Oikos aus Berlin, der Antonio-Amadeu-Stiftung für mehr Toleranz und lokalen Förderern.
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Vor einem Jahr in Luanda
Beim Projektstart herrschte noch Bürgerkrieg in Angola. Mit staatlichen Stellen war keinerlei Kooperation möglich, aber auch alle anderen Schritte verlangten viel Fingerspitzengefühl und gelegentlich kleine Bestechungsgelder.
Heute ist der Bürgerkrieg zwar beendet, aber die Bedingungen vor Ort sind noch schlechter. In der Schule in Luanda fehlen Milch und warme Mahlzeiten. Auch Papier und Kommunikationsmittel sind Mangelware, Telefon gibt es nicht, nur jeder zweite Brief kommt an. So häuften sich die Schwierigkeiten für den Austausch
Umso mehr freuten sich die angolanischen Gäste, dass ihre Reise nach
Eberswalde Ende August klappte. In der als ausländerfeindlich verrufenen Stadt Eberswalde erwartete sie ein Empfang der Extraklasse: Fast die gesamte Schüler- und Lehrerschaft hatte "Feuer gefangen", wie die Deutschlehrerin Carola Kluger berichtet. Und ein von den Schülern gedrehtes Video belegt, wie die gesamte Schülerschaft applaudierend Spalier stand, als die Angolaner das Schulgelände in Eberswalde-Finow betraten.
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Kleine Lernhilfe auf dem Schul-Korridor; Klassen übernahmen Patenschaften für jeden Besucher, auch das Sammeln von Kleidung gehörte dazu
Auf einer Schautafel wurde offen über die Lebensläufe jedes neuen temporären Mitschülers informiert. Zum Beispiel über das Kriegsflüchtlingskind Miguel, der jetzt als 17-jähriger in Luanda die siebte Klasse besucht. Über den 16-jährigen Jose, den sein Stiefvater aus dem Haus geworfen hat und die 19-jährige Julia, die sich schon als Kind als Prostituierte Geld verdienen musste. Nun aber verfolgt die Gruppe ehrgeizige Berufsziele: Journalist, Ingenieur oder Lehrer.
Risiko Kulturschock
In Eberswalde übernahmen die Klassen Patenschaften für jeden der Gäste. Sie nahmen am Sport-, Kunst- und Informatikunterreicht teil, um zum Beispiel die Einrichtung von E-Mailkonten zu lernen. Zudem gab es zahllose Debatten über die Lage in Angola und die bittere Geschichte der umkämpften Rohstoffe des Landes - soweit die Sprachbarriere überwindbar war. Denn Portugiesisch spricht kein
Eberswalder, Deutsch oder Englisch kaum einer der Gäste.
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Tanzeinlage der Gäste vom unbekannten Kontinent
Umso wichtiger wurden Gesang und auch Körpersprachen: Die Angolaner schulten ihre Gastgeber perfekt im heimischen Rebita-Tanz und bekamen dafür Unterricht im Wiener Walzer sowie Skateboardfahren. Gelacht wurde viel, aber nie ausgelacht. Irgendwann fühlte sich die ganze Schule mit ihren Gästen wie eine einzige Familie.
Vorsorglich wurde die Gruppe etwas außerhalb von Eberswalde am nahen
Grimmnitzsee einquartiert - weniger aus Furcht vor Ausländerfeindlichkeit als aus praktischen Überlegungen: In der Idylle konnte die Schüler abends ungestört gemeinsam über alles Erlebte diskutieren, um den Kulturschock auf den täglichen Ausflügen besser zu verdauen. Denn für fast alle Gäste war dies die erste
Auslandsreise überhaupt.
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Angolaner Muffoa; Lebensberichte aus einer anderen Welt
Ausflüge führten ins Rathauszimmer und ins Berliner Büro des Bundestagspräsidenten, aber auch in eine soziale Suppenküche und zu einer Schuldnerberatung, um neben allem Sightseeing nicht die Schattenseiten der deutschen Gesellschaft zu übersehen. Dass sie bei einer Begegnung mit Aussteigerpunks auch auf freiwillige Schulverweigerer trafen, konnten die Gäste kaum fassen - für sie ist es ein ungeheurer Wert, in einem Land mit 50 Prozent Analphabetentum überhaupt Unterricht zu erhalten.
"Ich möchte am liebsten hier Mathematik- und Physik studieren", strahlte am Ende der Reise der durch eine Kinderlähmung gehbehinderte Muffoa. Dann wolle er als Lehrer bei sich zu Hause aufbauen, "was hier alles so toll funktioniert". Ein Miniwörterbuch als Geschenk rührte ihn zu Tränen. Denn darauf habe er schon so lange gespart, solch ein Buch sei "ein Schatz".
"Wichtig wäre es jetzt", meint Schuldirektor Hartmut Mahling, "in Luanda praktische Hilfe zur Selbsthilfe anzustoßen", damit dort auch selbst etwas produziert werden kann.
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Wandgemälde im Gymnasium Finow
Auf diese Weise wünsche er sich eine "nachhaltige Partnerschaft", die auch auf Regierungsebene noch gründlicher geförderter werden müsste - auf beiden Seiten. Aus Brandenburgs Landesregierung konnte allerdings kein Vertreter zu einer Stippvisite in Eberswalde überredet werden. Dort gehen Schulpartnerschaften mit dem Nachbarland Polen vor, weil sie billiger sind.
Auch die erhoffte Presseresonanz blieb mager. Wenn es Zusammenstöße gegeben hätte, wäre überregional sehr viel mehr berichtet worden, ist sich Schulleiter Mahling sicher, das findet er "leider sehr peinlich". Denn die Lehren, die seine Schüler zogen, sind Gold wert.
Haltbarer Brückenbau?
"Was aus denen wohl wird?", überlegte Benjamin aus der 11. Klasse des Finow-Gymnasiums beim Abschied. Erstmals habe er die Dimensionen von Armut begriffen und von Menschen erfahren, die sich ohne Sozialhilfe überhaupt nichts leisten können.
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Armenia und Monique: Freundschaft ohne Worte
Er wolle sich in Zukunft überlegen, welche Wege es gibt, direkte finanzielle Partnerschaften zu organisieren, die schon mit minimalen Einsatz große Hilfe leisten. Auch die Neuntklässlerin Monique kam erst kurzfristig als Betreuerin zur Gruppe und war sichtlich berührt von der Ausstrahlung der angolanischen Gäste. Wer vorher abschätzig von "den Schwarzen" geredet habe, sei durch diese Begegnung mit "Menschen wie du und ich" eines Besseren belehrt. Am liebsten würde sie "alle einpacken und nach Hause mitnehmen".
Direktor Mahling ist allerdings bedrückt, dass auf Grund aller widrigen Umstände die Brücke auch schnell wieder einreißen kann: "Ich weiß nicht, wie viele von denen sich je wiedersehen".
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Am Ende wurden Souvenirs von allen in einer dauerhaften Zeitkapsel der Freundschaft versenkt
Abiturientin Anja Worm, die schon im vergangenen Jahr mit nach Angola reiste, will vorbeugen. Mit Marian, einem alten Klassenkameraden, lernt sie derzeit Portugiesisch in der Volkshochschule, um in ein oder zwei Jahren in Angola helfen zu können.
Sie habe bei den Begegnungen so viel mehr über den Brückenbau hin zu Fremden gelernt, sagt Ana. Um so mehr sei sie im Wahlkampf über manche Politikerrede zu Ausländern total befremdet. Es sei schade, dass solche Politiker "nie zu so etwas kommen würden, um dazu zu lernen - so wie wir".
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