Leseprobe

"Meine allerliebsten
Weihnachtsgeschichten"

Dominik und der Novemberdrache

Wenn Dominik morgens die Augen aufschlägt und aus seinem Fenster schaut, erblickt er den Drachen am Berg.

Andere freilich sehen ihn nicht. Sie erkennen nur eine große alte Burgruine inmitten eines dunklen Waldes: den Turm mit seinem Zinnenkranz, halbrund die Burgmauer mit der langen Burgtreppe und hinter der Burgmauer den Baum.

Niemand weiß, dass der Baum in Wahrheit ein wunderbar schöner Drachenflügel ist. Niemand, nur Dominik. Denn er hat Zauberaugen, mit denen er sehen kann, was hinter den Dingen ist.

Zum ersten Mal sah Dominik den Drachen an einem Novemberabend. Die Burg war angeleuchtet. Und plötzlich war Dominik alles klar.

Der Turm war kein Turm. Er war ein hoher, stolzer Hals. Die Fensterlöcher darin waren in Wirklichkeit Augen und das größte Fenster ein Feuer speiendes Maul, aus dem es rauchte, als stünde Nebel über dem Berg. Der Zinnenkranz war in runde Ohren verwandelt, zwischen denen die Zacken einer Drachenkrone leuchteten. Und der Baum war ein Drachenflügel. Zugeklappt, wie Schmetterlinge ihre Flügel zuklappen.

Der Drache lächelte Dominik an.

„Erst wenn du schläfst," sagte er, „darf ich kommen."

Sofort schloss Dominik die Augen.

Da brauste der Drache vor dem Fenster. Die Vorhänge flogen vom Wind, den er mit den Flügeln schlug.

„Bist du fertig?", rief der Drache.

„Klar!", gab Dominik zurück.

Im Schlafanzug, das Kopfkissen unter dem Arm, kletterte er auf den Drachenrücken.

„Sitzt du gut?", brummte der Drache.

„Prima!", rief Dominik und gab dem Drachen das Startzeichen. Der Drache knurrte zufrieden, und - schschuch!!! -hob er ab.

Sie flogen und flogen. Höher als Sterne fliegen. Der Himmel war tintenschwarz. Mit Sternlein wie Glühwürmchen,so klein. Dominik war froh sein Kissen zu haben. Es war dick genug zum Warmhalten und weich genug zum Ganzreinkuscheln. Bis zur Nasenspitze.

„Wir fliegen zur Sonne", sagte der Drache. „Zur anderen Seite der Welt. Willst du?"

„Nur zu", murmelte Dominik.

Unter sich sah er die Erde kullern, blau und weiß. Eine wundervolle Murmel, voll mit geheimnisvollem Licht.

„Geht's dir gut?", fragte der Drache.

„Sehr", antwortete Dominik.

„Höher rauf?", fragte der Drache weiter.

„Jippie!", schrie Dominik und klopfte dem Drachen mit beiden Händen den Schuppenhals. Da flogen sie höher.

Ein Licht, so heiß und weiß und rot wie Feuergarben, sprang am Himmel auf. Dominik schrie vor Angst und Entzücken.

Mit flammenden Zungen leckte das Licht zu ihm hin.

„Die Sonne", knurrte der Drache. „Ein echter Feuerball. Herrlich, nicht wahr?" Seine Flügel bogen sich knisternd in der Hitze. Da ließ er sich plötzlich fallen. Ein Teppich aus Schaum lag über der Welt, als der Drache seinen Sturzflug bremste. Dominik streckte vorsichtig eine Zehe aus.

„Sitz still", mahnte der Drache. „Du wirst fallen."

Dominik zupfte den Drachen am Ohr. „Ich?", fragte er lachend. „Ich doch nicht!"

Der Drache zuckte mit allen Schuppen. Er warf den Zackenschwanz und die Flügel herum. Nur einmal. Nur ganz, ganz kurz, doch für Dominik reichte es. Purzelbäume und Rad schlug er in der Luft.

Tauchte ganz tief in den Wolkenschaum, hinab durch feuchte, kühle, zarte Wolkenflocken, über sich den Schatten des Drachen.

„Genug?", rief der Drache ihm zu. „Hilfe!", schrie Dominik. Da fing der Drache ihn auf. Fing ihn mit einer Flügel spitze und ließ ihn sacht zurück ins weiche Kopfkissen gleiten.

„Puh!", machte Dominik.

Der Drache schüttelte sich vor leisem Lachen. „Schau unter dich'", meinte er.

Unter Dominik leuchtete das Meer.

Segelschiffe schnitten die Wellen auf, riesige Tanker wühlten ihre Spur hinein. Weiße Schiffe zogen Schaumlinien und Möwenschwärme hinter sich her.

„Super!", sagte Dominik bewundernd.

Der Drache flog tiefer.

Da sah Dominik braune Kinder am Strand. Sie spielten, bauten Burgen aus Sand, zogen Kanäle und Deiche. Andere gruben sich bis zum Hals in Sand und wackelten mit den Zehen, die ihnen nicht mehr zu gehören schienen. Weiter hinten bespritzten sich welche mit Wasser, tobten und kreischten. Ihr Lärmen und Lachen übertönte den Wind an Dominiks Ohren.

„Schön?", wollte der Drache wissen.

Dominik nickte. „Sehr schön!"

Doch da lag das Meer schon weit hinter ihnen. Über Berge flogen sie hin. Über Berge mit schwarzen Tannen. Über Berge mit rotgoldenem Laub. Über Berge, himmel angsthoch und weiß von Schnee.

„Soll ich?", fragte der Drache und setzte zur Landung an.

„Oh, bitte!", rief Dominik und küsste den Drachen aufs Ohr. Da waren sie schon unten. Hui - pfiff der Wind. Hui - stiebte der Schnee.

Dominik schlang die Arme um sich selbst und stampfte mit den Füßen. „Kalt hier!", wollte er sagen und brachte die Worte mit seinen steif gefrorenen Lippen kaum heraus.

„Warte!", sagte der Drache.

Er holte tief Luft und blies seinen Atem über Dominik hin. „Hm, schön warm!", strahlte Dominik.

Und dann bauten sie den Drachen. Einen großen weißen Superdrachen aus Schnee. Der Drache rollte Schneewalzen, Dominik rollte Schneebälle. Der Drache baute den Superdrachenleib. Dominik formte die Zacken auf dem Superdrachenrücken und natürlich das Superdrachengesicht. Es wurde wirklich ein wunderwunderschöner Drache. So wunderschön, dass Dominiks Drache sein Ebenbild küssen musste, mit einem richtigen feuerheißen Drachenkuss.

„Oh!", rief Dominik. „Oh, nein!"

Der Superdrache war weg. Weggeschmolzen, einfach so. Nur eine Pfütze war übrig, eine glatte, blanke Pfütze aus Eis.

„Phantastisch!", lachte der Drache voll Bewunderung.

Er nahm Anlauf und schlitterte die Pfütze entlang - auf nur drei Beinen. Und - rumms! - lag er auf der Nase!

Dominik stand und giggelte und giggelte und konnte nicht mehr aufhören.

„Jetzt du!", brummte der Drache und rieb sich die Nase. Also nahm Dominik Anlauf und rutschte die Pfütze runter. Ohne nur einmal zu wackeln oder hinzufallen. Rutsch und flutsch - fertig aus.

„Das hättest du gleich sagen können", maulte der Drache, „dass du so gut glitschen kannst."

„Och", sagte Dominik und grinste. Irgendwas war wohl mit dem Grinsen, denn plötzlich fing der Drache zu lachen an. Fiel auf den Rücken vor Lachen. Lachte Drachentränen und kriegte das Drachenmaul nicht mehr zu. Bis die Lawine kam.

Dominik sah sie dick und schwer vom Berg rollen, genau auf den Drachen zu.

„Hee!", schrie er. „Steh auf! Achtung!" Der Drache sah die Lawine aus einem Augenwinkel. Mit allen vier Beinen sprang er in die Luft und schnappte Dominik mit einer Flügelkralle.

Gerade rechtzeitig. Als er die Flügel ausbreitete und durchstartete, donnerte unter ihm die Lawine über die Pfütze weg ins Tal. Der Berg lag still und weiß und unberührt unter ihnen.

Dominik schluckte. „Wenn sie uns jetzt erwischt hätte", fragte er, „was dann?"

Der Drache schaukelte mit den Flügeln. „Sie hat uns ja nicht erwischt", brummte er, „oder?"

Am Horizont stieg es jetzt dunkel herauf. Rot rollte die Sonne davon. „Es ist Zeit", sagte der Drache. „Wir müssen heim." Er stieß Dominiks Schlafzimmerfenster auf. Der Arm reichte bis an Dominiks Bett. Sanft deckte er ihn zu.

„Bis morgen", murmelte Dominik noch.

„Bis morgen", sagte der Drache.

Leise flog er zu seinem Berg zurück und ließ sich nieder. Den Kopf hoch aufgerichtet, sah er zu Dominiks Haus hinüber, still, wie aus Stein gemeißelt.

Im Osten ging die Sonne auf.

„Aufstehen, Langschläfer!", rief die Mutter und zog Dominiks Vorhänge auf.

Um die Burg drüben flogen weiße Wolkenfetzen.

„Nebel", stöhnte die Mutter. „Schon wieder dieser Nebel!"

Nebel?

Dominik lächelte in sich hinein. Er wusste es besser.

Und du?