Vom Hamster und dem Freundschaftsbaum
Der Hamster hatte den ganzen Herbst gearbeitet. Endlich waren seine Vorratskammer voll. Da ließ er sich auf sein Schlafkissen fallen und war froh.
Schon am dritten Tag aber wurde ihm das faule Herumliegen zu langweilig.
"Was mach´ich?" dachte er laut vor sich hin. "Hamstern kann ich nicht, denn es schneit. Futtern will ich nicht, denn allzuviel ist ungesund. Schlafen mag ich nicht, denn ich bin nicht müde."
Doch so sehr er auch grübelte, nichts fiel ihm ein. Bis eines Tages, am 1. Dezember, plötzlich eine kleine, nasse Kugel in seine Wohnkammer rollte und direkt vor seinen Füßen liegenblieb.
Der Hamster wendete sie vorsichtig um, da sah er, daß sie an der Unterseite vier winzige Füße und eine spitze Nase versteckte.
"Hab keine Angst", sagte er und streichelte das zitternde Ding. "Ich tu´dir nichts."
Ganz vorsichtig öffnete sich erst ein dunkles Auge, dann das zweite und schaute ihn lange an. Die Barthaare an der Nase begannen zu zittern, und langsam rollte sich die Kugel auf und war eine Maus.
"Der Fuchs ist hinter mir her", rief sie und kroch hinter den Schaukelstuhl, den der Biber aus einem Baumstamm herausgenagt hatte. "Er wollte mich fressen. In letzter Sekunde fiel ich in ein Loch!"
"Jetzt bist du in Sicherheit", sagte der Hamster. "Mach es dir bequem. Ich werde dir ein paar Blätter zum Trockenrubbeln bringen, damit du dich nicht erkältest."
Doch obwohl er die Maus abtrocknete und ihr eine warme Decke aus Moos über die Knie legte, begann sie wenig später zu frösteln. Und als es eigentlich Zeit zum Gehen gewesen wäre, fieberte sie schon.
Nun war guter Rat teuer. Der Hamster war sein Leben lang ein einsamer, scheuer Bursche gewesen. Seine Frau war jung gestorben, und Freunde hatte er nicht, weil man für Freunde Zeit braucht.
Seine Zeit aber verflog beim Arbeiten. So gab es im Hamsterbau nur ein Bett, und das gehörte dem Hausherrn selbst. Ein wenig mißmutig sah er ein, daß er es vorerst der armen Maus überlassen müsse. Für sich selbst fand er noch ein paar Mooskissen und etwas Heu in einer der Vorratskammern.
Da lag er nun, zu hart und zu kühl, als daß es gemütlich gewesen wäre, und betrachtete die spitze Nase der Maus in seine weichen Vogelfederkissen.
Tags drauf konnte die Maus nicht aufstehen. "Es tut mir leid",
flüsterte sie heiser und nieste, "daß ich dir so zur Last falle."
"Macht nichts", brummte der Hamster und rieb insgeheim die Druckstellen auf seiner Kehrseite. "Platz habe ich für zwei, zu fressen auch, und etwas Gesellschaft kann nicht schaden."
Als er gerade dabei war, einen Umschlag aus Fliederbeerenbrei für die Maus zu bereiten, hörte er ein Trippeln vor der Eingangsröhre.
Ehe er sich fragen konnte, was das bedeuten mochte, trat eine nette fette Wühlmaus herein. "Ich wollte mich nach meiner Freundin, der kleinen Maus, erkundigen", pfiff sie und hielt dem Hamster zur Begrüßung einen Strauß köstlich getrockneter Hagebutten hin.
Der Hamster wies einladend auf dne Hocker neben seinem Bett. Er war verwirrt. Erst ein Gast, dann ein Gast für den Gast; das war fast zuviel für sein an Ruhe gewöhntes Gemüt. Aber irgendwie gefiel es ihm auch, und so tischte er vom Besten auf, was er eingelagert hatte. Die nette fette Wühlmaus bereitete ein feines Hagebuttenmüsli dazu. Und die kleine Maus konnte sogar ein Körnchen davon knabbern. Die nette fette Wühlmaus plauderte und schwatzte, bis es dunkelte. Da stellte der Hamster ein Licht aus morschem Weidenholz auf den Tisch, das warf einen milden Schein, bei dem es erst richtig gemütlich wurde.
"Gute Besserung, kleine Maus", wünschte die nette fette Wühlmaus endlich, und dann machte sie sich auf den Heimweg.
"Es war schön Sie kennengelernt zu haben", sagte der Hamster, und das meinte er ehrlich.
In dieser Nacht spürte er das harte Lager schon weniger. Als er am nächsten Tag das Mittagessen vorbereitete, pochte es vernehmlich am Hintereingang.
"Nanu", wunderte sich der Hamster und wischte sich die Hände ab,
"wer ist denn das?"
Draußen stand ein Igel, der trug einen rotgelben Apfel auf den Stacheln.
"Ich wollte nach meiner kleinen Freundin, der Maus, sehen", sagte er und streifte den Apfel herunter. "Ich kann nicht schlafen, solange ich nicht weiß, wie es ihr geht. Der Apfel ist übrigens für dich, weil du so freundlich zu ihr bist."
Der Hamster wurde sehr gerührt. "Wie nett!" sagte er. Tritt ein und sieh selbst nach ihr."
Da nahm der Igel am Bett der kleinen Maus Platz. Er hielt ihre heißen Finger und legte die Hand auf ihre Stirn. Und dann erzählten und aßen sie, bis die Nacht heraufzog und der Igel nach Hause mußte.
Jeden Tag ging es nun so weiter. Die Spitzmaus kam und brachte frische Regenwürmer. Das Kaninchen schaute vorbei und hatte Salat für den Hamster unter dem Arm. Die Amsel trug einen Blütenzweig, den sie in einem offenene Fenster stibitzt hatte. Das Eichhörnchen aber sprang herein und brachte einen Tannenzapfen voll der dicksten Samen mit.
Schließlich konnte sich der Hamster gar nicht mehr merken, wer alles die kleine Maus besuchen wollte. Doch jeden Abend, wenn er zufrieden in sein Ersatzbett stieg, freute er sich schon auf den neuen Tag und die Überraschungen, die er bringen würde.
So war der Heilige Abend gekommen. Die kleine Maus durfte zum ersten Mal aufstehen. "Wir wollen das Zimmer schmücken", rief sie und begann, Sterne aus Strohhalmen zu flechten. "Hast du Tannenzweige?"
"Nein", antwortete der Hamster und wurde gleich traurig, weil die kleine Maus traurug war. Ohne ein weiteres Wort lief er hinaus in den Wald und schleppte so viele Zweige herbei, wie er auf beiden Armen tragen konnte.
Wie erstaunte er aber, als er heimkam und mitten auf dem Tisch ein winziges Tannenbäumchen stand, an dessen Spitze der allerschönste Strohstern glänzte!
"Kleine Maus", sagte er und befühlte erschrocken ihre Füßchen, ob sie auch nicht kalt wären, "du wirst doch nicht in den Schnee gelaufen sein?"
Da lachte die kleine Maus und gab dem Hamster einen Kuß. "Nein", sagte sie. "das ist ein Freundschaftsbaum. Er ist aus dem Zapfen gewachsen, den das Eichhörnchen gebracht hat. Und jedesmal, wenn du abends nichts gegessen hast, damit du morgens genug für mich hättest, ist er ein Stück größer geworden."
"Das hast du bemerkt?" murmelte der Hamster ein bischen verlegen und dachte an die Abende, an denen sein Magen im Bett geknurrt hatte.
"Richtige Freunde merken alles", sagte die kleine Maus.
Und dann feierten sie miteinander das schönste Weihnachtsfreundschaftsfest.
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