copyright by http://www.karin-jaeckel-autorin.de |
Leseprobe |
"Das große Buch
|
Frau Januschek findet einen FreundFrau Januschek war die einzige Person im Hochhaus, über die Felix alles wußte, ob wohl er sie noch nie gesehen hatte. Kristina aus dem Parterre hatte ihm erzählt, daß die Januschek so fett wie eine Seekuh sei. Hotte aus Wohnung Nummer sieben war ihr im Fahrstuhl begegnet. "Die hatte ein Kleid an mit solchen Blumen!" sagte er und malte Riesenkreise in die Luft. Jochen, der sogar dann die Wahrheit sagte, wenn er dafür Ärger bekam, hielt sich die Nase zu, wenn er nur an Frau Januschek dachte. "Die hat ein Parfüm aus Mottenkugeln und Weihnachtsplätzchen." Katja aus dem zehnten Stock aber wohnte ihr genau gegenüber und hatte schon manchmal an der Tür gelauscht. Erst neulich wieder hatte drinnen jemand geschrien: "Maul halten! Messer raus! Rübe ab! Zack! Zack!" Und eine Frau hatte gerufen: "Nein, bitte nicht, Jacques! Laß das!" Da war Felix, Kristina, Hotte und Jochen eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen. Katja hatte so gräßlich die Augen verdreht, daß alle wußten, bei der Januschek wurde man einen Kopf kürzer gemacht. So kam es, daß Felix an diesem Morgen beinahe einen Herzschlag bekam, als er sah, wer da bei seiner Mutter in der Küche stand. "Halt!" wollte er rufen. "Keine Bewegung! Hände an die Wand!" Doch in diesem Moment wandte sich die Mutter zu ihm um. "Gut, daß du kommst! Du mußt uns helfen!" Helfen? Er? Nur zögernd trat Felix näher. Dabei ließ er keinen Blick von der Januschek. Sie war pummelig, das stimmte. Sie roch tatsächlich nach Kampfer und Zimt. Aber ein Messer hatte sie nicht, und irgendwie sah sie mit ihren babyblauen Augen und den Kringellöckchen auch gar nicht gefährlich aus. Außerdem hatte sie geweint. "Mein Jacques!" Frau Januschek schluchzte schon wieder. "Er ist zum Fenster raus. Er wird verhungern. Die Katze wird ihn fressen." Die Mutter hatte Felix' Verwunderung bemerkt. "Jacques ist Frau Januscheks Papagei", sagte sie. "Als sie heute die Fenster putzen wollte, ist er hinausgeflogen. Er sitzt in der alten Kastanie, schau!" Und dabei zeigte sie in den kleinen Park im Innenhof der Hochhausanlage. Felix strengte seine Augen an, aber er entdeckte nur kurz ein rotes Etwas zwischen den Blütenkerzen der Kastanie. "Ist er das?" Frau Januschek, die zu ihm getreten war, nickte. "Es ist ein hellroter Ara. Mein Mann war Kapitän. Kurz vor seinem Tod brachte er Jacques von einer Amazonas reise mit." Als hätte der rote Vogel im Baum zugehört, drang sein Krächzen zum geöffneten Fenster herein: "Armer Jacques!" sagte er deutlich vernehmbar. "Armer kleiner Jacques!" Die Mutter griff nach einem hohen rechteckigen Gitterkasten. "Aras sind klug", meinte sie. "Wenn Jacques seinen Käfig sieht, kommt er bestimmt zurück." Felix blickte die Mutter erschrocken an. "Soll ich etwa zu ihm raufklettern? So hoch?" „Das fehlte noch!" rief Frau Januschek und trocknete ihre rotgeweinten Augen. "Nein, nein, wir müssen ihn entern, den Baum. Hier vom Balkon aus." Hastig zog sie einen Seesack hinter der Wohnungstür hervor, dem man so manches Abenteuer ansah. Zuerst nahm sie eine dicke Seilrolle heraus, dann eine hölzerne Winde und zuletzt einen merkwürdig kleinen drei zackigen Haken. "Das ist ein Maueranker", sagte sie und knüpfte ihn mit dem tollsten Knoten, den Felix je gesehen hatte, an das Seil. "Damit entern wir. Du kannst doch hoffentlich werfen?" Felix schluckte. "Klar!" sagte er und war froh, daß Jochen oder Hotte nicht dabei waren. Aber eigentlich gelogen hatte er ja nicht. Werfen konnte er. Wie gut hatte Frau Januschek schließlich nicht gefragt. "Na, dann los!" rief Frau Januschek und drückte ihm den Anker in die Hand. "Immer mitten ins Grüne. Der Anker muß in einer Astgabel festsitzen. Alles klar?" Gar nichts war klar. Aber das hätte Felix jetzt nie zugegeben. Mit großem Schwung holte er aus. Wie im Zeitlupentempo schien der Anker fortzuschweben. Es krachte und knackte im Kastanienbaum. Blätter rauschten zu Boden, Jacques kreischte vor Entsetzen und flatterte kurz auf. "Wir brauchen den Käfig. Schnell, bitte!" Frau Januscheks Stimme zitterte. Während die Mutter den Käfig holte, zog Frau Januschek prüfend an dem Seilende, das Felix immer noch in beiden Händen hielt. "Sitzt, wackelt und hat Luft!" lobte sie. "Jetzt noch den Käfig!" Nervös versuchte sie, das etwas zu dicke Seil durch die runde Halteschlaufe auf dem Käfigdach zu schieben. Doch erst mit Felix' Hilfe wurde die Seilbahngondel fertig. Frau Januschek hüpfte indessen mit ihrer Seilwinde nach einem Blumenhaken unter der Balkondecke. "Dort, da oben, der Haken, bitte!" japste sie. Die Mutter verstand endlich, was gemeint war, und hängte die Seilwinde auf. Nun konnte das Seil mit der Käfiggondel ohne Schwierigkeiten über die Winde laufen und strammer oder lockerer gezogen werden. "Mach du's Junge!" bat Frau Januschek und drückte Felix das Seil in die Hand. "Und wenn du ihn hast, läßt du den Käfig einfach runter. Ich laufe schon mal in den Hof und warte." Zuerst ruckte und zuckte die Käfiggondel und kam nur Zentimeter auf ihrem Luftweg zum Kastanienbaum voran. Bald aber legte sich Felix' Aufregung, und der Käfig glitt seinem grünen Ziel immer näher und näher. Der Ara turnte im Geäst. Rot und blau leuchtete sein Federkleid, während er kopfunter in den Blättern hing. Da plötzlich, viel schneller als Felix schauen konnte, entdeckte der Papagei sein Zuhause und war darin verschwunden. Sogar die Gittertür schlug er mit Krallen und Schnabel hinter sich zu. "Lieber Jacques! Braver Jacques!" jubelte Frau Januschek im Hof, und der Ara krächzte es ihr nach. Felix mußte lachen. Nach und nach gab er mehr Seil, bis der Käfig wohlbehalten im Hochhaushof landete. Frau Januschek aber faßte alle Neugierigen, die im Hof zusammengeströmt waren, bei den Händen und tanzte vor Glück mit ihnen einen Sirtaki. Immer um den Käfig herum. "Aber einen Vogel hat sie doch!" flüsterte Katja, als Felix endlich kam und sichzwischen den anderen in den Kreis drängte. "Na und?" lachte Felix und schwang die Beine. "So einen hätte ich auch gern." Und dann blinzelte er Frau Januschek zu, die in ihrem großgeblümten Kleid wie eine Klatschmohnwiese aussah. Richtig schön. |
|
|