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Leseprobe |
"Schlummergeschichten" |
Das AngstpfeifchenElisabeth fürchtet sich sehr leicht. Und wenn sie sich fürchtet, dann zittert sie. Aber wie! manchmal zittert sie so stark, dass alles um sie herum mitzittert. Wenn sie draußen spielt, zittern die Bäume am Straßenrand, dass die Vögel von den Zweigen geschüttelt werden und die Vogelküken in den Nestern vor Schreck einen Schluckauf bekommen. Wenn Elisabeth abends im Bett liegt, schlottert zuerst das Bettgestell, als wäre es aus Wackelpudding, dann die Deckenlampe, dann der Schrank und zuletzt das ganze Haus, bis die Ziegel vom Dach springen und sogar der Schornstein bebt. Elisabeth fürchtet sich aber auch wirklich vor allem. Vor der Katze auf Nachbars Fußabstreifer. Vor dem Wind, der um die Ecken jault. Vor Juttas kleinem Hund, der wie ein Wollknäul auf vier Beinen aussieht und noch Milchzähne hat. Vor dem schwarzen Nachtvogel, der abends aus den Vorhängen flattert. Und sogar vor ihrem eigenen Opa, nur weil er einen neuen Hut aufgesetzt hat und ein Liedchen pfeift, das Elisabeth noch nicht kennt. "Kind!", sagt der Opa und nimmt Elisabeth in den Arm, obwohl er nun mit ihr zusammen zittern muß, dass seine dritten Zähne klappern und sein Hörgerät verrutscht. "Kind, so geht es nicht weiter." Als die beiden endlich ausgezittert haben, zieht der Opa ein Pfeifchen aus der Tasche und hängt es Elisabeth um. Es ist ein dünnes, silbernes Pfeifchen mit einem klitzekleinen Loch für einen einzigen Finger. "Das ist ein Angstpfeifchen!", erklärt der Opa. "Ein Angstpfeifchen?", staunt Elisabeth. "Man pfeift darauf", sagt der Opa. "So, schau her!" Er pfeift und bläst mit dicken Plusterbacken und lässt den Zeigefinger trillern. Es kommt aber kein Ton dabei heraus. Elisabeth muss lachen. "Siehst du", sagt Opa und lacht auch. "Die Angst ist weggeblasen. Es wirkt!" Elisabeth behält das Pfeifchen gleich um. Als sie später beim Nachbarhaus vorbeikommt, wo die Katze auf dme Fußabstreifer die Krallen wetzt, genügt ein kleines Pfeifenblasen. Schon springt die Katze über den Zaun davon und Elisabeths Angst ist weg. Einfach verschwunden. Das ist toll! Auch als der Wind durch die Pappeln am Spielplatz fegt, als wären tausend Geister hinter ihm her, und Elisabeths Haare sich im Nacken sträuben, hebt sie nur das Pfeifchen an den Mund und - pff! - schon ist der Spuk vorbei. Selbst bei Juttas Hündchen hat die Pfeife Erfolg. es hat nähmlich so feine Ohren, dass es hören kann, was Elisabeth bläst. Und das ist so lustig, dass das Hündchen bellen und springen, wedeln und hüpfen muss und gar nicht mehr aufhören kann, bis Elisabeth keine Puste mehr hat und das Pfeifchen absetzt. Da freut sich Elisabeth und streichelt das Hündchen. Und wo ist die Angst? Na , wo wohl? Pfff und fort! "In der Nacht legst du das Pfeifchen aber bitte ab", sagt die Mutter vor dem Schlafengehen. "Sonst drückt es dich." Doch Elisabeth schüttelt den Kopf. "Und wenn der Nachtvogel kommt, was dann?" Da gibt die Mutter nach und Elisabeth nimmt das Pfeifchen mit ins Bett. Die Mutter liest eine Gutenachtgeschichte vor, löscht das Licht und geht. Still ist es im Kinderzimmer. Unheimlich still. Plötzlich hört Elisabeth ein Knacken am Fenster. Und da ist er. Der Nachtvogel kommt. Schwarz steigt er aus den Fensterritzen, hebt langsam die Flügel und sucht mit glühenden Augen. Elisabeth macht sich ganz klein in den Kissen. Sie zieht die Beine an und deckt sich bis über die Nasenspitze zu. Dabei spürt sie das Pfeifchen wieder. Blitzschnell, viel schneller noch, als der Nachtvogel fliegen kann, setzt sie es an den Mund und bläst und schon ist der Nachtvogel fort. Nur der Vorhang weht noch ein wenig im Wind und das Licht der Kugellampe vor dem Haus geht immer wieder an und aus. Die Lampe hat namlich einen Wackelkontakt. Auf einmal fällt es Elisabeth wieder ein: Der Vater wollte längst die Neonröhre wechseln, aber er traute sich nicht. Die Lampe war zu hoch. Jetzt muss Elisabeth kichern. Ob sie ihm wohl das Angstpfeifchen leihen soll? Und endlich schläft sie beruhigt ein. |
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