Leseprobe

"Frau Sandmann
und das Traumteufelchen"

Der Klingelstreich

Es ist Martinstag.
Die Kindergartenkinder und Erstkläßler haben bunte Laternen gebastelt. Bei Einbruch der Dunkelheit sammeln sich alle Kleinen im Stadtgarten. Geheimnisvoll leuchten ihre Laternen in der Nacht. "Sankt Martin", singen die Kinder. Sie ziehen in einer langen Reihe durch den Stadtgarten. Als sie sich rund um den kleinen Entenweiher in der Mitte des Parkes versammeln, spiegeln sich die Laternen im dunklen Wasser.

Frenkie, Katja und ihre Freunde und Freundinnen haben sich auch im Park getroffen. Sie haben keine Laternen. das ist Babykram, findet sie.

"Kommt, wir machen Klingelstreich!" schlägt Timo vor.
"Auja!" Alle stimmen zu.

Im Schutz der Zäune und Hecken schleichen sie auf die Häuser in der Nähe des Stadtgartens zu. Aber Klingelstreiche zu spielen, ist gar nicht so einfach. die meisten Leute haben Bewegungsmelder an ihren Häusern angebracht. Sobald jemand in die Nähe kommt, leuchten die Lampen auf und erhellen das ganze Grundstück. Und gesehen werden wollen die Kinder natürlich nicht. Was nun?

Flo hat eine Idee. "Wir müssen die Leute ablenken." Und:"Ps,ps,ps",flüstert er den anderen seinen Plan ins Ohr. Alle brechen in begeistertes Lachen aus. Nur Lissi nicht.

"Und wer macht es?" fragt sie.
"Du", grinst Frenkie."Immer die, die fragt."

Katja schaut Lissie mitleidig an. Lissie ist doch ein richtiger Angsthase. Katja kennt ihre beste Freundin sehr genau.

"Ich komm mit", sagt sie schnell und nimmt ihre Hand. Dankbar lächelt Lissie Katja zu.

Während die Mädchen auf die Haustür losgehen, und der Bewegungsmelder alle Ecken des Hauses erhellt, drückt Frenkie sich verstohlen in den Garten und schleicht zum Hintereingang.

Lissie hat Herzklopfen
"Hoffentlich ist keiner da!" flüstert sie.
Doch als sie geklingelt hat, summt fast gleichzeitig der Türöffner und eine Frauenstimme fragt:
"Ja bitte, wer ist da?"
"Wir!" stottert Lissie.
Und Katja ruft schnell:"Wir, ähm, wir müssen mal."
"Moment!"

Ein Knacken im Türöffner. Schritte im Haus. Eine Frau öffnet, schaut hinaus. Die Kinder sind nicht mehr da. Verwundert lauscht die Frau ins Dunkle hinaus.
"Hallo!" ruft sie und kehrt kopfschüttelnd zurück ins Haus.

Die Kinder, die im Schutz der Hecke vor dem Zaun alles beobachten, zerspringen fast vor Lachen.
"Paßt auf, jetzt!" flüstert Flo.
"Jetzt ist Frenkie hinten! Es hat geklappt, Leute. Die Frau hat nichts gemerkt."

In diesem Moment hören es alle: Im Haus schrillt eine Klingel. Schrillt und schrillt und hört gar nicht mehr auf.

Die Haustür, die sich eben erst geschlossen hat, springt wieder auf.
"Wer ist denn da?" fragt die Frau und tritt einen Schritt vor die Tür. Aber das Klingeln hört noch immer nicht auf. Es kommt von der Hintertür des Hauses. Jetzt erkennt es die Frau auch.

"Ach so!" sagt sie zu sich selbst und eilt ins Haus zurück.
"Es wird mein Mann sein. Sicher hat er keinen Schlüssel mit und kommt jetzt von der Garage aus nicht rein."
Sie beeilt sich, um möglichst rasch ins Untergeschoß des Hauses zu gelangen. Und da passiert es. Sie rutscht aus und stürzt.

"Au!"
Bis vor die Haustür hören die Kinder den Aufschrei.
Erschrocken sehen sie sich an.
"Nichts wie weg!" ruft Timo. "Schnell, ehe uns einer erwischt!"
"Und Frenkie?" fragt Katja.
"Und die Frau?" fragt Lissie.
Da bleiben alle stehen. Als Frenkie hinter der Hecke auftaucht, die das Grundstück umgibt, reden alle gleichzeitig auf ihn ein.
"Wir müssen der Frau helfen", sagte Katja zum Schluß.

"Ich glaube, ich weiß auch schon wie", meint Frenkie.
"Neben der Hintertür, an der ich eben geschellt habe, ist ein Fenster. Das steht halb offen. Wenn wir durch den Spalt reinschreien, kann uns die Frau bestimmt hören."

Und tatsächlich, so ist es.
Als Frenkie "Hallo, könne Sie uns hören?" ruft, kommt leise eine Antwort zurück.
"Ich habe mir das Bein verletzt. Ich kann nicht aufstehen. der Schlüssel liegt unter dem Blumentopf neben der Tür."

Es stehen drei verschiedene Blumentöpfe dort. Sie sind groß und schwer. Trotzdem gelingt es den Kindern, einen nach dem anderen anzuheben und den Schlüssel zu finden.
Hastig sperren sie die Tür auf und stürmen ins Haus.

"Hier bin ich!" ruft die Frau. Sie sitzt zusammengekauert auf der untersten Treppenstufe und hält mit beiden Händen ihr Bein fest.
"Es tut so weh", sagt sie.
"Wenn es nur nicht gebrochen ist!"

Alle Kinder helfen mit, als die Frau sich aufzurichten versucht. Sie stützen und schieben, und langsam gelingt es der Frau, sich in ihr Gästezimmer zu schleppen.
"Vielen Dank", sagt sie und lächelt den Kindern zu.
"Ihr seid sehr nett."

Katja hat ein Telefon entdeckt. Schüchtern zieht sie es zu der Frau herüber.
"Möchten Sie nicht Ihren Arzt anrufen?"
"Ja, natürlich!"
Die Frau beginnt schon, die Nummer zu wählen.

Frenkie und Katja tauschen einen Blick. Mit einer kleinen Kopfbewegung zeigt Frenkie zur Tür. Und leise, während die Frau telefoniert, schleichen die Kinder, einer nach dem anderen hinaus.

"Hallo!" hören sie es hinter sich.
"Wartet doch!"
Aber sie bleiben nicht stehen.
Erst vor Rosenbergs Haus halten sie an. Eben kommen die Kleinen mit ihren Lampions aus dem Stadtgarten zurück.

"Laterne, Laterne", singen sie auf dem Heimweg.
"Sonne, Mond und Sterne."
"Schade, daß wir keine Laternen hatten", sagt Katja. die anderen nicken. Sie wissen alle, was sie meint.