Leseprobe

"Das große bunte Osterbuch"

Wie Frau Osterhase mit ihrem Mann die Arbeit tauschte

Es war in den Tagen vor Ostern.
Hops Hase hatte viel zu tun. Von morgens sieben bis nachts um zehn malte er Ostereier an. Mit einem breiten Pinsel färbte er größere Flächen, mit einem mittleren malte er Blumen oder Osterhasenporträts, und mit einem feinen Pinsel zeichnete er Muster. Jedes Osterei wurde ein kleines Kunstwerk, und keines sah einem anderen vollkommen gleich.

Sobald ein Ei fertig bemalt war, bettete Hops es vorsichtig in einen mit Heu weich ausgepolsterten Handkarren. schon drei Karren waren bis an den Rand gefüllt. Aber im Ostereierschuppen warteten noch fünf weitere Karren mit unbemalten Eiern.

Seufzend strich sich Hops mit der Pfote über die Stirn und streckte sich. Vom langen Krummsitzen und Malen schmerzten alle Knochen.

In diesem Moment hörte Hops Hase seine Frau singen:

"Osterhäschen, in dem Tann,
mit den langen Ohren,
hat gewiß, ich seh´s ihm an,
sein Pinselchen verloren."

Wie fröhlich das klang, wie unbeschwert! Ja, hatte sie denn nichts zu tun?
Verwundert und neugierig zugleich schop Hops seine Pinsel hinters Ohr und spähte in den Garten hinaus.

Tatsächlich! Hops traute seinen Augen kaum. Seine Frau, die doch wirklich und wahrhaftig alle Pfoten voll mit den Ostersüßigkeiten zu tun haben sollte, tanzte. Sie hatte ihre sechs Kinder an den Pfoten gefaßt, sang alberne Lieder und faulenzte. Ja, war denn das die Möglichkeit? Er schuftete und schuftete, und sie spielte? Zornig warf Hops seinen bekleckerten Malerkittel in eine Ecke und sprang in den Garten hinaus.

Puschel sah ihm schon an der Nasenspitze an, daß Sturm im Anzug war. Sie hörte gleich zu tanzen auf.

"Bist du müde, Liebster?" fragte sie.
"Möchtest du gern eine Tasse Kaffee?"

"Wieso müde? Wieso Kaffee?" schnauzte Hops.
"Ich möchte es auch so schön haben wie du. Hier im grünen Gras tanzen, während andere arbeiten."

"Wollen wir vielleicht tauschen?" schlug sie vor.
"Ich male die Eier, und du erledigst meine Arbeit?"

"Ha, ha, ha!" lachte Hops und schop die Pfoten in die Hosentaschen.
"Ostereiermalerei ist eine Kunst!"

"Mag schon sein!"
Puschel band die Küchenschürze ab und legte sie Hops um.
"Aber vielleicht sollte ich es einmal ausprobieren?"

Hops betrachtete sich von oben bis unten. Die Rüschenschürze sah wirklich witzig an ihm aus. Und als er auch noch ein süßes Osterplätzchen in einer der Schürzentasche fand, gefiel ihm der Tausch.

"Hm!" machte er und aß das Plätzchen auf einmal.
"Köstlich! Lecker! Ja, ja das lobe ich mir! Plätzchen naschen und im Garten tanzen, ja das ist genau richtig für mich. Ich brauche dringend etwas Ruhe. Also abgemacht, wir tauschen. Du wirst schon sehen, was du davon hast!"

"Oder du!" lachte Puschel und schnappte sich die Pinsel.

"Mama, Mama! Wir wollen mit!" schrien die kleinen Hasen, als Puschel auf die Eiermalwerkstatt zuhoppelte.

Doch die Hasenmama lachte nur und zeigte auf Papa.
"Er ist jetzt zuständig. Ich muß malen, viele Eier anmalen.
Stört mich nicht!"

"Und ich muß in die Küche", sagte Hops.
"Mamas Arbeit erledigen."

"Macht nichts!"
Die sechs Häschen lachten und schwatzten alle durcheinander.
"Wir helfen dir!"

Hops hatte selbst mitgeholfen, die Osterlammformen für den Osterkuchen einzukaufen. Auch mit den doppelwandigen Schokoladenformen kannte er sich aus. Aber die Schokolade?
Wie lautete doch das Rezept?

"Puschel!" schrie er aus der Küchentür rüber zur Werkstatt.
"Wie macht man denn Schokolade?"

"Das Rezeptbuch liegt in der Tischschublade, gleich links oben!"
kam die Antwort zurück.

Eilig riß Hops die Schokolade auf und schlug das Rezeptbuch auf.

"Kakaopulver, Sahne, Pflanzenfett, Zucker", las er und stellte alle Zutaten fein säuberlich vor sich auf den Tisch. Marzipanmasse war schon knetfertig im Kühlschrank. Also konnte er auch gleich Marzipaneier formen und mit Schokolade überziehen. Zufrieden rieb Hops seine Pfoten. Puschel würde Augen machen!

Gerade hatte er die richtige Menge Kakaopulver abgewogen und wollte sie in die Rührschüssel geben, da nieste Rudi, das jüngste Hasenkind quer über den Tisch. Das Kakaopulver staubte!

"Meine Augen! Aua! Aua!" schrie Röschen, die am anderen Ende des Tisches gestanden hatte. Braun wie ein Schokoladenhase sah sie aus. Die Tränen zogen zwei helle Furchen über ihre Wangen. Erschrocken versuchte Hops, ihr die Augen auszuspülen. Mit viel Wasser. Sauber war Röschen bald, aber auch tropfnaß.

"Zieh dich schnell um!" rief Hops. "Du wirst dich erkälten."
"Aber ich kann doch noch gar keine Knöpfe zuknöpfen", sagte Röschen.

"Also gut!" seufste Hops und sah auf die große Küchenuhr.
"Ich helfe dir. Aber daß mich dann ja keiner mehr stört!"

Röschens frisches Kleid hatte fünfundzwanzig Perlenknöpfe am Rücken. Papa Hops knöpfte und knöpfte. Röschen stand nicht still, hüpfte von einem Hinterbein auf das andere und kicherte, weil das Knöpfeschließen kitzelte. Und knacks! - da war ein Knopf abgerissen.

"Das hast du nun davon!" rief Hops.
Jetzt mußt du mit offenem Kleid gehen."
Röschen schüttelte den Kopf.
"Du kannst mir den Knopf doch annähen", sagte sie.

Auch das noch! dachte Hops. Aber wenn er sein Töchterchen nicht enttäuschen wollte, mußte es wohl sein. Also noch einmal alle schon geschlossenen Knöpfe aufgeknöpft, das Kleid ausgezogen und genäht.
"Autsch!"
Die Nadel war spitz und der Stoff dünn und der Knopf viel zu klein.

"Heute ziehst du eine Hose an!" entschied Papa Hops.
"Hosen sind sowieso praktischer."

Mimie, Röschens Zwillingsschwester, hatte neugierig zugehört.
"Wieso?" fragte sie. "warum denn?"
"Weil", sagte Papa Hops, "weil sie nicht soviele Knöpfe haben.
"Aber einen Reißverschluß", meinte Mimie.
"Und wenn der klemmt oder ausreißt..."

"Ja, ja", rief Papa Hops. "Aber jetzt muß ich arbeiten."

Er ging in die Küche zurück. Aber wie sah es da aus! Der Fußboden war braun, an den Wänden sah man braune Hasenpfoten und mittendrin saß der kleine Stops.
"Papa helfen!" rief er stolz und rührte das Schokoladenpulver, daß es nur so staubte.

Hops mußte sich setzen. Er hatte auf einmal ganz weiche Knie.

"Wißt ihr was?" murmelte er endlich.
"Wollen wir nicht in den Garten und ein bischen tanzen?"
"Auja!" riefen da die Hasenkinder.
"Und Lieder singen! Mit Mama?"
"Mit Mama!" sagte Hops.

Jubelnd hoppelten die Hasenkinder hinaus ins Grüne und begannnen sofort zu singen.

Als Puschel das hörte, kam sie aus der Ostereierwerkstatt.
"Nanu? Schon fertig?" rief sie und zeigte stolz auf einen halben Wagen voller herrlicher Ostereier.
"Schau mal, wieviele ich geschafft habe!"

Hops senkte zerknirscht den Kopf.
"Ich habe nichts geschafft. Aber fertig bin ich trotzdem."

Er sah so komisch aus mit seinen traurig hängenden Ohren, daß Puschel herzlich lachen mußte

"Wollen wir nicht wieder tauschen?" fragte sie. "Jetzt gleich?"

Da sagte Hops gar nichts mehr, sondern gab ihr einen Kuß.
Puschel wußte schon, warum.