Leseprobe

"Karin Jäckels
Glücksgeschichten"

Manchmal wünsche ich mir ein Zauberpferd

Wenn Mama und Papa sich streiten,
kriege ich Angst.
Dann hätte ich gerne,
so gerne,
so gerne,
ein wunderbar schnelles,
ein wunderbar helles,
ein golden geflügeltes Zauberpferd.
Dann könnte ich reiten,
bis mich ihr Streiten
überhaupt nicht mehr stört.

In meinem Baumhaus

In meinem Baumhaus
wiegt mich der Wind,
deckt mich die Sonne zu.
Und wenn meine Augen geschlossen sind,
ist der Sommer ganz zärtlich.
Fast so wie du.

Glück gehabt, Dirk

Es war an einem heißen Sommertag. »Tolles Badewetter!« meinte Michi und dachte an Dirk. Schon gestern hatten sie sich zum Schwimmen verabredet. Nero, der den vergnügten Klang in Michis Stimme gehört und etwas vom Baden verstanden hatte, sprang schwanzwedelnd an seinem Herrchen hoch. In diesem Moment bog Dirk um die Ecke. Er hatte zwei fremde Jungen bei sich. Michi stand langsam aus dem Gras auf und klopfte sich ein paar Halme vom Hosenboden. »Hallo!« grüßte er.

Dirk zeigte auf seine Begleiter. »Unsere neuen Nachbarn. Der große heißt Frank, der kleinere ist Mark. Wir radeln zum See, schwimmen. Wenn du den blöden Köter hier läßt, kannst du mitkommen.«

»Wieso blöder Köter?« Verwundert trat Michi an den Gartenzaun. »Meinst du etwa Nero?« Dirks neuer Nachbar Frank schob die Hände in die Taschen. »Köter sind Umweltverschmutzer«, sagte er. »Sie pinkeln in den Sand und ins Wasser.« »Genau!« stimmte Dirk zu und starrte Michi trotzig an.

Michi wollte es nicht glauben. War das sein bester Freund Dirk, der Neros Rücken am liebsten als Nackenstütze benutzte und mehr als einmal die Wurst vom Schulbrot aufhob, nur um Nero damit zu überraschen? »Du weißt genau, daß er nie ins Wasser pinkelt«, sagte Michi und spürte das weiche Fell auf Neros Kopf unter den Fingerspitzen.

Dirks neuer Nachbar Frank lachte. Kurz und spöttisch. Und Dirk sagte in ganz demselben Ton: »Na, wenn schon! Wenn dein blöder Köter dabei ist, kann doch keiner Fußball spielen. Stimmt's?« Michi wandte sich ab. »Dann eben nicht«, murmelte er. »Entweder Nero und ich oder keiner.« Dirks neuer Nachbar Frank lachte schon wieder. Aber Dirk sagte: »Schade!« und das hörte sich sogar ehrlich an.

Michi blickte sich trotzdem nicht mehr um. Die anderen mußten nicht sehen, wie traurig er war. Nur Nero spürte es. Ganz dicht kuschelte er sich an Michis Bein. Das tröstete. Michi atmete einmal tief durch. »Weißt du was? Wir gehen auch baden. Nur du und ich. Was meinst du?« Nero hörte nur, daß die Stimme seines Herrchens wieder fröhlich klang. Ausgelassen begann er, an der Leine zu zerren, die diesem aus der Hosentasche baumelte.

Wenig später suchten Michi und Nero sich ein schattiges Plätzchen am Badesee. Ihr Lieblingsplatz unter einer alten Trauerweide war schon belegt. Michi warf nur einen Blick auf den Kleiderberg, der darunter aufgestapelt war. Dirks rote Hose war gut zu erkennen. »Wenn die uns nicht wollen, drängen wir uns nicht auf«, sagte er und legte seine Sachen abseits neben einen Holunderstrauch. Nero schaute sehnsüchtig auf das Wasser hinaus. Es war heiß, und der Wind strich verlockend frisch vom See herauf. Doch als Michi sich ins Gras warf, streckte Nero sich brav neben ihm aus. Wollte Herrchen heute denn gar nicht losrennen, daß das Wasser nur so spritzte? Gar kein Stöckchen werfen, kein Wettschwimmen machen?

Dirks Lachen und das Johlen seiner neuen Nachbarn schollen vom See herüber. Auffordernd stupste Nero Michi mit der Nase an. Doch dieser hatte das Gesicht in den Armen vergraben und schien zu schlafen. Nero legte den Kopf auf die Pfoten. Sollte denn heute gar kein Späßchen gemacht werden? Merkte Herrchen denn gar nicht, wie gern sein Hund sich abkühlen wollte? Ob ein kleiner Seufzer half? Nein? Auch kein großer Seufzer? Aber das half bestimmt - und schlapp - leckte Neros große nasse Zunge quer über Michis Gesicht.

»Igitt! Du Ferkel!« lachte Michi auf und wollte sich auf eine wilde Balgerei mit seinem Hund einlassen. Da! Genau in diesem Moment hörte er es. Jemand schrie. Hörte es sich wirklich wie »Hilfe!« an? Suchend schaute Michi rundum. Sekunden später entdeckte er etwas ziemlich weit draußen auf dem See. Jemand schlug wild mit den Armen um sich. Michi zögerte keinen Augenblick. Mit langen Sprüngen stürzte er sich ins Wasser. Nero sprang sofort hinterher.

So schnell er konnte, kraulte Michi auf den Ertrinkenden zu. Nero, der begriffen hatte, worum es ging, paddelte hastig mit. Der Ertrinkende vor ihnen war ein Junge. Ein paarmal war er bereits untergegangen und heftig nach Luft ringend wieder aufgetaucht. »Durchhalten!« schrie Michi. »Wir kommen!« Nero erreichte den Jungen, als dieser erneut absackte, packte ihn am T-Shirt und zerrte ihn Michi entgegen.

»Das ist doch Dirk!« dachte Michi entsetzt, als er das Gesicht des ohnmächtig gewordenen Jungen aus dem Wasser bog und ihm einen Arm im Rettungsgriff um die Brust legte. Doch zum Nachdenken war jetzt keine Zeit. Keuchend vor Anstrengung schleppte er den Freund ans Ufer. Ohne Nero, der immer wieder mit den Zähnen nachhalf und Dirk am Hemd schnappte, hätte Michi es nicht geschafft. Seine Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Am liebsten hätte er sich neben Dirk in den Kies geschmissen und ausgeruht. Aber er raffte sich auf. Beim Jugendrotkreuz hatte er Wiederbelebungsversuche gelernt.

Pumpend drückte er Dirks Arme auf den Brustkorb, immer wieder:
auf, zu, auf, zu. Und endlich kam der Freund zu sich. Es dauerte lange, bis Dirk kein Wasser mehr würgte und einen Ton herauskrächzen konnte. »Danke!« war sein erstes Wort. »Danke, daß du mich da rausgeholt hast. Frank hat mich mit dem Ball auf die Nase getroffen. Ich hab' bloß noch Sterne gesehen. Und dann sind sie abgehauen, die Feiglinge. Voll die Panik. Ohne dich . . .« »Bedank dich lieber bei ihm!« wehrte Michi ab und zeigte auf Nero, der sich immer noch das Wasser aus dem Fell schüttelte. »Wenn er so ein blöder Köter wäre, wie du behauptet hast, und wenn ich ihn heute tatsächlich zu Hause gelassen hätte, wärst du . . .« »Hin«, sagte Dirk und legte die Hand auf Neros Kopf. »Noch mal Glück gehabt, ist mir klar.« Mit einem Grinsen sah er Michi an. »Kriegen Hunde, die einem das Leben gerettet haben, eigentlich auch eine Medaille?«

Michi grinste zurück. »Keine Ahnung«, meinte er. »Aber Nero wäre eine Wurst sicher lieber.«

Dirk sprang auf. »Worauf warten wir dann noch?« Und dann rannten sie zusammen los, über die Wiese, in Richtung Dorf. Nero immer eine Nasenspitze voraus.