Leseprobe

"Karin Jäckels
Gesundlachgeschichten"

Das Spruchband

Seit Tagen hatten die Freunde sich den Kopf zerbrochen, was sie dem Geparden zum Geburtstag schenken könnten.

Der Vogel Beo, wie immer mit dem Schnabel voraus, überschrie alle anderen. Seine Idee war die beste. Ausnahmsweise.
Selbst Eugen, das Walroß, mußte es nach längerem Überlegen zugeben.

Also gut, sie würden es machen. Vorschlag angenommen.

"Aber genauso!" schrie Beo.
"Oder ich mach nicht mit!"
Den letzten Satz fügte er ganz schnell, ganz leise hinzu.
Eigentlich sollte ihn nämlich keiner hören.
War ja nicht ernst gemeint, bloß so dahingenuschelt.
Ein Beo ist und bleibt nun einmal ein Schwätzer unter den Vögeln. Jedes Kind weiß, daß kein Beo aufs Wort still sein kann.
Aber natürlich hatte Schuko, das Schwein, die Bemerkung doch gehört.
Wie man trotz herunterhängender Schlabberohren so gut hören konnte, würde Beo nie verstehen.

Schuko grunzte.
"Na und? machste nicht mit, machste eben nix."
dabei kringelte er seinen Schwanz zu einer Schnecke und wackelte mit den Ohren.

Beo konnte gar nicht anders.
Er mußte mit dem Schnabel in diese regenwurmrosarote Schwanzlocke zwicken.

"Uih! Oink! Iks!"
Wie Schuko quiekte.
Wütend senkte er den Kopf und tobte auf Beo los.
Da staubte der Sand, da stoben die Federn.
Beo-Ringkampf mit Schwein. Die anderen Freunde standen johlend und klatschend ringsum.

"Einen Zehner, daß Schuko gewinnt!" brummte Polo, der Bär.
"Zwei auf Beo!" hielt Eugen, das Walroß, dagegen.

Wer weiß, wohin die Zankerei noch geführt hätte.
Zum Glück entdeckte August, der Mäuserich, in diesem Moment seinen schon lange vermißten Taktstock im Gras.

"He, Jungs, Ende der Vorstellung!" schrie August.
"Wir müssen den Geburtssong üben."

Weder Schuko noch Beo hörten zu.
Das Schwein keilte mit den Hinterbeinen und bockte wie ein Pferd, um Beo abzuschütteln.
Dieser saß breitbeinig auf dem Borstennacken, hielt beide Schweinsohren wie Zügel in den Flügelhänden und klammerte sich mit dem Schnabel an einer Speckfalte fest.

"Aufhören! Stop!" schrie August zum zweiten Mal und half ein wenig mit dem Taktstock nach.

Schuko sprang noch ein Stück höher, als ihn das Stöckchen auf die Schwarte klatschte.
So hoch, daß Beo über Schukos Steckdosenschnauze Purzelbaum schlug. Da war der Kampf aus.

August grinste von einem Mauseohr bis zum anderen.
"Singen wir jetzt?"

Alle stellten sich auf.
Vorne die Kleinen, hinten die Großen und die Allerkleinsten, die getragen werden mußten, damit man sie sah.
In der Mitte Mikmak, der Tiger, mit einem Riesengeburtstagspaket. Pollo, der Bär, trug eine Glückwunschkarte am Stock.

"Achtung!"
August tickte mit dem Taktstock auf Mikmaks Kopf, um den rechten Ton zu treffen, "Mimimimi..."

"Happy birthday to you, happy..."

Mitten im schönsten Proben fiel Beo endlich ein, was er wegen des Ärgers mit Schuko vergessen hatte.

"Jetzt haben wir doch noch immer keines!"
Er krächste wie ein Rabe.
"Jetzt ist ja doch kein Spruchband da!"

Ein Spruchband mit Gepards Namen war nämlich Beos Supergeburtstagsidee.
Damit wollten sie alle gleich nach der Generalprobe vor Gepards Haus ziehen und dem Geburtstagskind ein Ständchen bringen.
So war es abgemacht.
Alle hatten zugestimmt.
Auch Eugen, das Walroß. Und jetzt?

Beo begriff schon, was passiert war.
Eugen hatte zu denken begonnen.
Zuerst legte er die Stirn in Falten und ließ eine nach der anderen in den Nacken rollen.
Dann zuckte sein Schnauzbart wie vor einem Niesanfall.
Zuletzt richtete er sich auf die Vorderflossen auf und räusperte sich.
"Möff! Hm! Möff!"

August sah Eugen an.
"Ist was ?"
piepste er und legte seinen Mauseschwanz über den Arm.

"Ja",
nickte Eugen und sprach noch stärker durch die Nase als gewöhnlich.
"Woher sollen wir den ein solches Spruchband nehmen?"

Das war eine gute Frage.
Beo klappte seinen gelben Schnabel ein paarmal auf und zu.
"Ja", krächste er.
"Hm, ja."
Mehr fiel ihm nicht ein.

"Siehste!"
quiekte Schuko, dieses freche Schwein, sofort.
"Sag ich doch immer schon, große Klappe, nix dahinter.
Aber armen Schweinen den Schwanz lang ziehen, das kannste!"

"Und ob!" kreischte Beo. "Soll ich?"

Eugen, das Walroß, pustete.
"Also, was ist? Hast du ein Spruchband, Beo, oder haste keins?"

"Pah!"
machte Beo und pusterte sich auf.
"Ein Spruchband? Knacksache! Haben wir gleich!"
Husch, weg war er.

Die Freunde standen und standen.
Endlich kam Beo zurück.
Schwarze Schnabelspitze, schmutzige Füße und massenhaft Buchstaben im Schnabel. Sie hingen wie poppig bunte Regenwürmer zu beiden Seiten heraus.

"Nur kurz´ne Leuchtreklame geknackt!"
grinste Beo und verteilte.
"Da und da und da und da" einen Buchstaben nach dem anderen.

"Und was soll der ganze Krempel?"
fragte Spucke, der Waschbär, der nie genug bekommen konnte und sich zwei Buchstaben auf einmal geschnappt hatte.
"Soll aus dem Salat etwa ein echter Spruch werden? Reichen die Buchstaben denn überhaupt?"

"Och",
grinste Beo und kratzte sich genüßlich am Hinterkopf.
"Hauptsache, ein Spruchband.
Habt ihr es denn nicht gewußt?
Der Gepard kann doch gar nicht lesen!"