Leseprobe

"Das große Buch der
Geister und Gespenster"

Das Gespenst, daß die Motten bekam

Finchen, das Nachtgespenst, hatte Fieber und Bauchweh.
An Leutererschrecken war heute überhaupt nicht zu denken.

"Armes kleines Klapperbeinchen!"
sagte Finchens Mama und nahm sie in die Arme.
"Warte ich rufe einen Arzt. Er gibt dir eine gute Medizin, und dann wird bestimmt bald alles besser."

Das Gespenst jammerte nur und hielt sich den Bauch. so schaurig klang es, daß der Doktor es sogar durchs Telefon hörte, als die Mutter anrief.

"Ich komme sofort!" rief er und klimperte mit dem Zündschlüssel für sein Spuk-O-Mobil.
"Spätestens in einem Geisterstündchen bin ich da."

Ein Geisterstündchen dauert zwar nur so lange, wie sechzig Seifenblasen fliegen, aber dem kleinen Nachtgespenst kam es wie sechzig Tage vor.
Als Doktor Ultraschall zur Tür hereintrat, seufste es vor Erleichterung so tief, daß es selbst dem alten Fledermausherrn durch und durch ging.

"Na, wolln mal sehen, wo´s fehlt!"
brummte er und schlug seine schwarzen Flatterärmel hoch.
"Zum Glück sind wir ja technisch auf dem neusten Stand."
Dann setzte er sein Hörrohr auf den kleinen Gespensterbauch und lauschte.
"Tja, liebes Kind", sagte er gleich,
"spukologisch ist der Fall klar: Du hast die Motten! Mindestens eine hat sich unter deinem Hemd breitgemacht und läßt sich das leckere Stöffchen schmecken. Und das tut weh."

Finchens Mutter schlug entsetzt die Hände zusammen.
"Die Motten! Das ist ja zum Durch-die-Rippen-pfeifen!
Wie kann das sein? Ich habe dem Kind doch jeden Morgen seine Portion Mottenkugeln zum Frühstück gegeben."

"Gegeben schon", sagte Doktor Ultraschall und sah Finchen streng über den Brillenrand hinweg an.
"Aber hat das Kind sie wohl auch genommen?"

Finchen wurde zum Fürchten grün.
"I-i-ich", stotterte es.
"Ich hab´ sie in den Brunnen geworfen.
Mottenkugeln schmecken ja so eklig!"

"Ach du dummes Ding!"
seufste Mama und griff nach Doktors Ultraschalls Arm.
"Sie müssen uns helfen! Gibt es denn nichts, was wir tun können?"

Der Doktor lächelte.
"das kriegen wir schon wieder hin. Steht hier in der Nähe irgendwo eine Straßenlaterne?"

Während Finchens Mutter nachdenklich ihr Gespensterhemd in Stirnfalten legte, ahnte das kleine Gespenst schon, was kommen sollte.
"Nein, kein Licht, bitte!"
rief es und begann vor Angst mit den Zähnen zu klappern.

Natürlich wußte Doktor Ultraschall, daß Gespenster lichtscheu sind und erst um Mitternacht spuken, wenn die Nacht am finstersten ist. Ja, er wußte sogar, daß das oberste Gespenstergesetz es strengstens verbietet, bei Licht zu geistern.
Aber trotzdem sagte er:
"Natürlich Licht, mein Kind. Motten lieben es. Wenn sie es sehen, kann keine widerstehen."

"Heißt das, mein liebes Finchen wird wieder gesund, weil die Motten verschwinden, wenn wir nur ein wenig Licht hätten?"
fragte die Geistermama.

"Genau!"
nickte der Doktor und hielt sich schnell seine empfindlichen Fledermausohren zu, um das Geheul des kleinen Nachtgespenstes nicht mehr zu hören.

"Und es gibt wirklich keine andere Möglichkeit?" wollte die Mutter noch einmal wissen.

"Keine!" bekannte Doktor Ultraschall.

"Dann also los!"
Finchens Mutter nahm ihr Gespensterkind auf den Arm, der Doktor griff nach seinem Medizinköfferchen, und ab ging es, hinunter in die Stadt.

Wie grell die Leuchtreklamen, Autoscheinwerfer und Straßenlampen in die Dunkelheit schienen! Finchen versteckte ihre schwarzen Nachtaugen an Mutters Schulter. Sogar die Bauchschmerzen hatte sie vor Angst beinahe vergessen

Da plötzlich hielt ihre Mutter an.
"Diese Lampe ist richtig", sagte sie und drehte Finchen ins Licht. Sie befanden sich in einem angenehm unheimlichen Park, dessen Wege hin und wieder von Stehlampen erhellt wurden.
Eine von ihnen ragte so hoch in einem Baum auf, daß es aussah, als habe sich der Mond zwischen Blättern verirrt.
Über dem Lampenschirm schwebte die Gespenstermama mit dem kleinen Patienten. Auch Doktor Ultraschall schwirrte schon heran.

"Gut so, bravo, ganz ausgezeichnet!"
rief er und zeigte strahlend seine spitzen Eckzähne.
"Gleich werdet ihr sie sehen, die wunderbare Mottenvertilgungskur, nach Doktor Ultraschall. Komm, setzen wir die kleine schnell Po voran in den Lampenschein!"

Finchen mochte heulen und zappeln, wie sie wollte. Schon hatte die Mama sie unter den Armen und Doktor Ultraschall die Hemdzipfel gepackt. Eins, zwei, drei saß Finchen als Leuchtmännlein auf dem Lampenschirm.

"Huhu!" wollte sie schon losheulen, da spürte sie ein Kribbeln in ihrem Bauch. es zupfte, zwickte und zwackelte darin.
Und plötzlich kicherte das kleine Nachtgespenst los. Es wedelte mit den Armen und strampelte mit den Füßen, und bei jedem Zappler segelte etwas wie eine weiße Daunenfeder unter dem Gespensterhemdchen hervor.

"Hurra, wir haben es geschafft! Die Motten kommen!"
jubelte Finchens Mutter und schwenkte Doktor Ultraschall vor Freude rund um die Lampe herum.

Finchen aber kletterte von der Lampenkugel herunter und tanzte glücklich mit.