Leseprobe

"Karin Jäckels
Fernsehgeschichten"

Am Marterpfahl

Es war Sonntagnachmittag. In Alexanders Ohren knallten noch die Gewehrschüsse der amerikanischen Unionssoldaten. Und wenn er in sich hineinhorchte, kam es ihm so vor, als könnte er auch die Angriffsschreie der rothäutigen Cheyennekrieger und das Hufetrommeln der Indianerponies und Kavalleriepferde hören.
»Los!« sagte er zu Uwe, Bernd und Kai, mit denen er seit Stunden vor dem Fernsehapparat saß. »Ich bin Wild Horse auf dem Kriegspfad. Ihr seid meine tapferen Krieger.« »Uh - uh - uh«, schrie Kai und schlug mit der Hand gegen den offenen Mund. »Wir werden es den Bleichgesichtern zeigen!« Mit lautem Kriegsgeheul und dem Knallen ihrer Zündplättchengewehre stürmten die vier Jungen in den nahen Wald, Als das niedrige Unterholz hinter ihnen zusammenschlug, schlichen die Freunde auf Zehenspitzen weiter. Das schräg einfallende Sonnenlicht glitt grün und golden über ihre Gesichter. Aber die Jungen merkten es nicht. In Gedanken waren sie immer noch bei dem Indianerfilm, den sie sich heimlich aus der Filmsammlung von Alexanders Eltern auf Video angeschaut hatten. »Guckt mal!« flüsterte Alexander plötzlich und deutete durch das Gebüsch.

»Der liebe Jörg!« wisperte Bernd zurück und grinste. »Und wieder mit der Botanisiertrommel, dieser blöde Streber.« »Genau«, raunte Uwe zurück. »Tut, als ob er der Größte wäre.« »Auf, den schnappen wir uns!« zischte Alexander und sprang mit schrecklichem Indianergeheul hinter dem schützenden Baum hervor.

Jörg ließ vor Schreck seine Botanisiertrommel fallen. »Ach, ihr!« stotterte er erleichtert, als er seine Klassenkameraden erkannte. Er bückte sich, um die mit Leder überzogene Papprolle aufzuheben, in der er seltene Pflanzen, Blätter oder manchmal auch einen Schmetterling für seine Sammlung mit nach Hause nahm.

»Liegenlassen!« schnauzte Bernd und stellte seinen Fuß so fest auf die Papprolle, daß sie einen Knick bekam. »Genau«, sagte Uwe und zog eine lange Schnur aus der Hosentasche. »Weißt du, was das ist, Streber? Weißt du, was ich damit machen kann?«

»An den Marterpfahl mit ihm!« schrie Alexander dazwischen und tanzte einen wilden, stampfenden Indianertanz. Jörg sah von einem zum anderen. »Laßt mich in Ruhe!« rief er und hörte selbst, wie seine Stimme vor Angst zitterte. »Ich habe euch doch nichts getan!«

Die Freunde grinsten. Langsam, Schritt für Schritt, kamen sie au Jörg zu. Der wich zurück. Aber sie kreisten ihn ein. Immer enger. Plötzlich sprang Uwe vor. Er war nicht groß, aber dick und schwer. Als er sich gegen Jörg warf, fiel dieser um. Bernd, Alexander und Kai stürzten sich über den wehrlos am Boden Liegenden. Kai drehte ihm die Arme auf den Rücken, damit Uwe sie leichter fesseln konnte.

»Stell dich bloß nicht so an, du Jammerlappen!« schrie er und stieß Jörg mit der Stiefelspitze in die Rippen, wie er es bei seinen Westernhelden abgeschaut hatte.

Bis jetzt war Jörg nur ängstlich und erschrocken gewesen. Jetzt aber schössen ihm Tränen der Wut in die Augen. »Ich zeige euch beim Direktor an!« schrie er. »Ihr seid ja verrückt! Hört auf!« »Wie unser Streber brüllen kann!« stichelte Alexander und spuckte zur Seite, als hätte er keinen Kaugummi mit Erdbeergeschmack, sondern echten Kautabak im Mund. Finster verzog er das Gesicht und zerrte Jörgs Kopf an den Haaren hoch. »Unsere Nummer Eins hat gesprochen.« Jörg versuchte, nicht zu schreien. Aber die Faust in seinen Haaren tat zu weh. Und als Alexander ihn mit voller Kraft an einen Baum drückte und wie ein Postpaket daran festschnürte, rutschte der Schrei wie von selbst heraus. Kai und Bernd wurden plötzlich verlegen. Unbehaglich sahen sie Alexander zu. »Laß ihn doch!« meinte Bernd. »Komm, wir hauen ab. Ich hab' keinen Bock mehr.«

Alexander schüttelte den Kopf. Mit einem letzten Knoten band Alexander das Seil hinter dem Baumstamm fest. »Bin sowieso fertig«, sagte er.

Lachend und Witze reißend schlugen sich die Jungen in die Büsche.

Die Sonne stach trotz der Blätter heiß auf Jörg herunter. Mücken sirrten um seine nackten Waden. Und der Schmerz in seinen gefesselten Händen war kaum auszuhalten. Trotzdem zerrte Jörg immer wieder an der Schnur und rieb damit an der rauhenBaumrinde entlang. Bald schon spürte er, wie das rissige Holz seine Handgelenke aufschürfte. Doch er gab nicht nach. So vertieft war er in seine Anstrengungen, daß er das ferne Donnern am Himmel nicht bemerkte.

Erst als ein gewaltiger Donnerschlag durch den Wald dröhnte, schrie Jörg auf.

»Hilfe! Bindet mich los! Hilfe!«

Aber außer einem Eichhörnchen, das empört keckerte und mit wehendem Schwänzchen in seinem Baumnest verschwand, schien niemand sein Rufen zu hören. Wenig später prasselte Regen herunter und übertönte jedes andere Geräusch. Jörg wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er endlich eine Stimme hörte.

»Ach, du dickes Ei, wen haben wir denn da?« entfuhr es einem Mann, der im Dauerlauf durch den Wald rannte. Das Unwetter hatte ihn bei seinem täglichen Fitnesstraining überrascht. »Ich bin Jörg Kramer«, wollte Jörg sagen. »Bitte, helfen Sie mir.« Doch nur ein Krächzen kam heraus.
»Schon gut«, sagte der Mann. »Streng dich nicht an. Wir haben Zeit. Moment, ich schneide dich los.«

Doch dies war gar nicht so einfach. Alexander hatte eine reißfeste Schnur aus Kunstfasern benutzt. Immer wieder glitt die Messerklinge daran ab.

»Verdammte Schweinerei!« schimpfte der Mann vor sich hin. Aber endlich hatte er es geschafft.

»Hör zu, Junge«, sagte er. »Ich werf dich jetzt über die Schulter. Aber daß du mir ja nicht in den Hintern beißt!«
Es sollte ein Scherz sein. Aber Jörg konnte nicht einmal lachen. Er war zu schwach. Wie ein alter Kartoffelsack hing er über der Schulter des fremden Joggers und wurde im Eiltempo auf und ab geschüttelt und kreuz und quer gerüttelt.
Eine Stunde später lag Jörg in einem Krankenhausbett. Zwei Krankenschwestern und eine Ärztin standen bei ihm. Sie lächelten ihm aufmunternd zu. »Ein, zwei Tage Ruhe, und du bist wieder fit wie ein Turnschuh«, meinte die Ärztin. »Wir haben deine Adresse in deinem Portemonnaie gefunden. Deine Mutter ist benachrichtigt. Sie wird bald hier sein.« »Muß ich wirklich hier bleiben?« fragte Jörg. »Kann ich nicht mit ihr nach Hause?«

Freundlich winkte die Ärztin ab und ging hinaus. Sie wollte sicher sein, daß Jörg keine Lungenentzündung ausbrütete oder einen Schock bekommen hatte. Eine der Schwestern blieb bei Jörg zurück, um ihm zu erklären, auf welchen Knopf er drücken sollte, wenn er Hilfe brauchte. Doch noch während sie sprach, fielen Jörg die Augen zu.

Er erwachte von einem Klopfen an der Tür. »Herein«, rief Jörg schlaftrunken und erwartete, seine Mutter zu sehen. Da ging die Tür auch schon auf. Nicht Jörgs Mutter stand draußen. Alexander, Bernd, Uwe und Kai waren es. Verlegen schauten sie Jörg an.

»Deine Mutter hat uns gesagt, wo du bist«, sagte Kai. »Wir, ahm, wir wollten«, stotterte Bernd und streckte Jörg plötzlich eine große Schachtel entgegen, die er hinter dem Rücken versteckt gehalten hatte. »Da! Für dich. Von uns allen, für dich, weil -, du weißt schon.«

Jörg nahm die Schachtel nicht an. Er wandte den Kopf ab und gab keine Antwort.

»Ja, also, es ist, weil wir das mit dir gemacht haben«, sagte Alexander und legte die Schachtel auf Jörgs Bett. »Das war gemein von uns. Deshalb wollen wir uns entschuldigen. Wir waren echt die Volltrottel. Und wenn du die Schachtel jetzt nicht haben willst, okay. Das können wir schon verstehen.« Die Schachtel war lang und rund und blau verpackt. Das Papier knisterte, als Jörg an der Stelle, wo sie lag, die Zehen unter der Bettdecke bewegte. Er wußte plötzlich, was darin war. Nachdenklich sah er Alexander und die anderen an. Wenn sie ihm eine neue Botanisiertrommel gekauft hatten, hatten sie viel Geld ausgegeben. Bestimmt ihr ganzes Taschengeld. Die Sache mit dem Marterpfahl mußte ihnen wirklich leid tun. Plötzlich freute Jörg sich. »Ich such' immer noch, ob es bei uns wilde Orchideen gibt«, sagte er und begann, das blaue Geschenkpapier von der Schachtel zu wickeln. »Ist bloß ziemlich schwer, sie zu finden, so allein.«

Die anderen wechselten einen raschen Blick. »Wir könnten ja mitsuchen«, bot Bernd zögernd an. »Ich meine, wenn du uns alles zeigst. Kann ja sein, wir finden was. Wir alle zusammen.«

Jörg mußte lachen. »Superding!« sagte er und klopfte auf seine neue Botanisiertrommel. »Habt ihr auch welche? Ich hab' einen Film, in dem wird gezeigt, wie man selbst welche macht und wie das mit dem Sammeln und Pressen funktioniert. Das ist echt spannend.«

»Och«, sagte Uwe und schob die Hände tief in die Hosentaschen, »das können wir bestimmt auch so. Von Filmen haben wir eigentlich erst mal genug.«