Leseprobe

"Meine liebsten Dinosauriergeschichten"

Warum der Stegosaurier keine Eier mochte

Es war einmal ein Stegosaurier, der wollte für sein Leben gern Flugsauriereier schlürfen. Da er aber schwerfällig und ein ungeschicktes Trampeltier war, gelang es ihm nie, ein Nest zu plündern, und seine Lust auf Eier wurde immer größer.

Wie er nun so traurig dasaß und von köstlich frischen Eiern träumte, kam ein Anatosaurier vorbei.
"Warum bläst du Trübsal, Stego?" fragte er.
"Bist Du krank?"
Der Stegosaurier schüttelte den Kopf, daß die Panzerplatten schwankten.
"Nein", sagte er, "ich denke."

"Und was?"

"Ich denke, wie ich ein Ei kriegen könnte,
ein Leckerschleckerschmecker-Ei."
Und dann erzählte der Stegosaurier, wie es ihm auf Eiersuche zu ergehen pflegte.

"Wenn es weiter nichts ist", meinte der Anatosaurier.
"Das haben wir gleich. Du mußt nur einen Archäopteryx anschaffen. Der kann schlecht fliegen, kann schlecht beißen und legt täglich ein Ei. Wenn du ihn immer gut fütterst, gehört jedes Ei dir."

"Superidee!" rief der Stegosaurier und stellte vor Begeisterung seine Panzerplatten wieder auf.
"Aber wie bekomme ich einen Archäopteryx?"

"Nichts einfachen als das", sagte der Anatosaurier.
"Leg jeden Tag ein Bündel frischen Schachtelhalm auf deiner Wiese aus. Wenn der Archäopteryx seine Leibspeise sieht, kommt er ganz von allein und will nicht mehr weg."

Gleich rannte der Stegosaurier los, um Schachtelhalm zu brechen. Maulvoll um Maulvoll schleppte er herbei; der Pflanzenberg wuchs und wuchs.
Fliegen stellten sich ein, Stachelinsekten und Heuschrecken, und endlich, nach langem Warten, flatterte auch ein Aräopteryx heran. Der Stegosaurier in seinem Versteck konnte vor Aufregung kaum stillhalten. Aber irgendwie schaffte er es.
Tag für Tag schaffte der Stegosaurier frischen Schachtelhalm herbei. So kam es, wie der Anatosaurier es vorausgesagt hatte.
Der Archäopteryx hatte immer weniger Lust, den reichgedeckten Wiesenplatz zu verlassen, und begann sich heimisch zu fühlen.

Eines Tages hörte der Stegosaurier in seinem Versteck es krakeln:
"Gack - gahk! Gack - gahk! Ein Ei gelaht!"
Und dabei sah er, wie der Archäopteryx etwas Dickes, Rundes, Weißes in einen Ring aus Gras und Blättern bettete.

"Her mit dem Ei!" schrie er da und stürmte hinter seiner Hecke aus Palmfarnen hervor, wo er sich verborgen hatte.
"Hast du meinen Schachtelhalm gefressen, fresse ich nun dein Ei!"

"Nein, nein, nein, das Ei ist mein!"
kreischte der Archäopteryx erschrocken und setzte sich hastig drauf.

In seiner Gier hätte sich der Stegosaurier fast auf den armen Archäopteryx gestürzt, doch im allerletzten Moment fiel ihm ein, daß er im nächsten und übernächsten und allen weiteren Tagen ja ein neues Ei haben wollte.

"Her mit dem Ei!" rief er darum noch einmal.
"Oder ich fresse dich mit Feder und Kiel!"

Der Archäopteryx rührte sich nicht von seinem Ei.
"Weißt du denn nicht, daß rohe Eier giftig sind?"
fragte er plötzlich und tat sehr erstaunt.
"Wie sollte ich meinem Wohltäter ein giftiges Ei schenken, das ihn töten würde?"

"Giftig? Töten?"

"Genau" Der Archäopterix nickte.
"Ich will es dir von Herzen gern geben, lieber Freund. Aber laß es mich erst an meinem Bauch für dich erwärmen. Wenn das Gift herausgewärmt ist, sollst du das Ei sofort haben."

Der Stegosaurier zögerte. Doch weil der Archäopteyx so ernsthaft und freundschaftlich besorgt dreinsah, daß er unmöglich gelogen haben konnte, gab er nach und trollte sich wieder hinter die Palmfarnhecke.
"Aber morgen", brummte er dabei,
"morgen will ich es haben. Ganz bestimmt."

"Ja, morgen!" versprach der Archäopteryx und schloß die Augen.

Kaum verriet lautes Schnarchen, daß der Stegosaurier eingeschlafen war, stieg der Archäopteryx von seinem Nest und deckte das Ei sorgsam mit Gras und Blättern zu.
Lautlos trippelte er in eine andere Ecke der Wiese, baute im Schutz eines Dickichts ein neues Nest und trug schließlich das Ei im Schnabel hinüber.
In das alte Nest aber rollte er einen besonders dicken, runden Stein, so weiß wie ein Ei.

Der Stegosaurier erwachte schon mit dem ersten Morgensonnenstrahl.
Heute schleck´und schmeck´ich kliklakleinfein Eierlein! dachte er und schlug sich die Zunge ums Maul.

Der Archäopteryx sah ihm ruhig entgegen.
"Das Ei ist schon warm, lieber Freund!" rief er.
"Komm schnell und friß!"

Das ließ sich der Stegosaurier nicht zweimal sagen. So schnell er konnte, rannte er herbei und verschlang das Ei auf einen Biß. Ach, wie es zwischen den Zähnen knirschte! Wie hart es im Magen drückte!

"Das muß so sein, lieber Freund!" sagte der Archäopteryx.
"Komm nur morgen wieder. Ich will ein schönes Ei für dich legen."

Der Stegosaurier mochte vor Magenschmerzen kaum antworten.
Eilig trampelte er davon. Bei jedem Schritt stieß ihn das Ei im Magen, und als er sich im Schlaf zusammenrollte, stieß er sich die Rippen blau.
Da rappelte er sich bei Nacht und Nebel leise aus der Blättermulde auf und machte sich heimlich auf und davon. Eier wollte er fortan nie mehr fressen.

Der Archäopteryx aber legte noch lange danach zur Vorsicht immer einen weißen Stein zwischen die echten Eier in seinem Nest, und noch heute picken seine Nachfahren, die Hühner, gern Steinchen in ihren Kropf.

Zu Ostern aber kann es sein, daß sie dem Hasen ein Steinei in die Körbe mogeln. Wenn du ein solches Steinei findest, fallen dir ein ganzes jahr lang die allerbesten Streiche ein. Du mußt nur zehnmal ganz schnell hintereinander "Archäopteryx" flüstern!