Leseprobe

"Das Geheimnis des Steins"

Ein leichter Nieselregen setzte ein, als die Boeing 747 der Scandinavian Airlines Landeklappen und Fahrwerk ausfuhr.
"Wir landen in wenigen Minuten", verkündete eine Stewardeß. "Bitte legen Sie Ihre Sicherheitsgurte an."
Die Boeing flog eine letzte Landeschleife. Der Wind trieb die Regentropfen über die Fenster, Kirchtürme, Straßen-schluchten; ein Park voller Grün, glitzernd das Zackenband der Schären, der Zustrom zum Mälarsee - Stockholm tauchte schemenhaft aus Nebelschleiern auf.
Der Flughafen mit seinen grauen Rollbahnen rückte lang-sam näher. Jake schloß die Augen: Er haßte das schmerzhafte Rauschen und den Druck auf den Ohren, ehe die Maschine aufsetzte. Ein leichtes Rucken, quietschend protestierten die Reifen, der Motor brummte auf- sie waren gelandet.
Jake versuchte erst gar nicht, die Beklemmung abzuschütteln, die ihn plötzlich heftiger denn je überkam. Wie in Trance stieg er hinter seinem Vater die Gangway hinunter. Er nahm kaum das Klicken und Surren der Kameras einer Reportergruppe wahr. Jemand ergriff ihn am Arm und schob ihn durch eine Tür. Ein Sicherheitsbeamter mit Walkie-talkie und schiefem Barett sperrte den Lärm hinter ihnen aus.
"Hier entlang" sagte er in fremd klingendem Englisch und gab Jake mit seinem Vater den Weg in einen grell erleuchteten Saal frei, der für eine Liveübertragung im Femsehen vorbereitet war. Jake blieb stehen. Wieder einmal empfand er, wie wenig er mit diesem Mann dort im Rampenlicht, von dem er gezeugt worden war und der sich von ihm Sven nennen ließ, zu tun hatte.

"Willkommen in Skandinavien, Mr. Nilsson", klang ihnen die eifrige Stimme der Fernsehjoumalistin entgegen. "Verraten Sie schon, welches Thema Sie in Ihrem neuen Buch beschäftigen wird?"
Sven Nilsson lehnte sich in den Sessel zurück und schlug die Beine übereinander. "Es ist schwer zu sagen", sagte er und lächelte jungenhaft. "Ich spüre der Vergangenheit nach, verschollenen Kulturen. Auch diesmal. Doch mein neues Buch hängt mit meiner eigenen Vergangenheit zusammen -mit einem Familienandenken sozusagen."
Rasch, als zöge ihn selbst die Spannung, die seine Worte erzeugten, in ihren Bann, zog er einen kleinen, matt schimmernden Gegenstand aus seiner Brusttasche. "Wissen Sie, was das ist?"
Unsicher wanderte der Blick der Fernsehjoumalistin zwischen Sven Nilssons erwartungsvoller Miene und dem golden glänzenden, länglichen Schmuckstück hin und her, das er ihr entgegenhielt. "Es sieht wie eine Brosche aus."
Sven Nilsson lächelte wieder. "Beinah", sagte er. "Es ist eine Fibula. Sie stammt aus der Bronzezeit und diente dazu, die losen Stoffenden eines Schultertuchs oder vielleicht eines Mantelumhangs über der Brust zusammenzuhalten. Sie ist zweitausend Jahre alt und aus Bronze gefertigt." Nachdenklich drehte er die Nadel zwischen den Fingern, als wolle er sich die Form, die an ein Zepter erinnerte, unauslöschlich einprägen.
"Sie birgt nicht nur den Zauber einer vergangenen Kultur", fuhr er fort. "Sie war das Eigentum meiner Mutter. Das ist erstaunlich, denn wie - frage ich Sie -, wie gelangte diese alte gotische Fibula in den Besitz einer Farmerstochter aus Mittelschweden? Nichts deutet auf eine Erklärung hin, zumindest nicht in meinem Geburtsland Amerika, wo meine Eltern nun unter der Erde ruhen. Es gibt einige alte Fotos, die Fibula und Schweden. Ich werde den Spuren meiner eigenen Vergangenheit nachforschen; den Spuren einer alten Familie in einem alten Land. Mag sein, daß ein Buch daraus wird."
Die Fernsehjournalistin nickte ihrem Gesprächspartner zu. "Vielen Dank, Mr. Nilsson. Und viel Glück!"
Jake verzog die Mundwinkel. Es war immer dasselbe, wohin sie auch kamen: Blitzlichter, Reporterfragen, Ant-worten und zuletzt dieses nichtssagende "Viel Glück". Nun, sein Vater schien es zu genießen. War dann nicht alles roger, bestens, okay?
Gemeinsam durchquerten sie die Eingangshalle, ließen sich ihr Gepäck aushändigen und fanden endlich auch den Leihwagen, den Sven bereits in den USA gemietet hatte.
"Willst du neben mir sitzen?" Svens Frage sollte beiläufig klingen.
Jake schüttelte den Kopf. Mit Mutter war er immer auf dem Beifahrersitz gefahren. Aber jetzt... Gleichgültig ließ er sich zwischen die Gepäckstücke fallen, die Rücksitz und Hut-ablage belegten, und starrte vor sich hin. Sven fing den Blick seines Sohnes im Rückspiegel ein. Er lächelte, in der Hofnung, Jakes Miene würde sich auch aufhellen. "Na und?" fragte er. "Gut?"
"Es wird dir schon noch gefallen!"
"Was soll mir gefallen?" Jake lachte kurz auf. "Der Regen etwa?"
Sven schmunzelte. Er wollte sich die erregende Vorfreude dieses ersten Tages im Ursprungsland seiner Familie nicht trüben lassen, von niemand, auch nicht von Jake.
"Wenigstens hast du das Wetter bemerkt", stellte er fest und konzentrierte sich auf die spiegelnde Fahrbahn. "Für den Anfang gar nicht schlecht."
Felsbrocken, Heidekraut und silbrigweiße Birken säumten das gerade Band der Straße. Auf beiden Seiten drängte sich der im Regen düster wirkende Wald. Hin und wieder fing Sven das lustlos müde Gesicht seines Sohnes im Rückspiegel ein. Es mußte doch einen Zugang geben zu diesem verschlossenen Jungen, den er liebte und der diese Liebe erwiderte oder doch vor nicht allzu langer Zeit erwidert hatte. Es tat ihm weh, die Bilder der Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen.
"Seltsam", murmelte Sven und hoffte mit eigenen Kindheitsgeschichten eine Brücke zu Jake schlagen zu können, "seltsam, wie gut ich mich erinnere, als Junge hier gewesen zu sein. Ich war etwa so alt wie du, fast dreizehn. Meine Eltern waren überglücklich, wieder hier zu sein. Ich verstand nicht, warum sie das Land verlassen hatten. Mein Vater sprach von Arbeitslosigkeit. Aber da war so ein Gefühl, als ob mehr dahintersteckte, irgendein Geheimnis. Was meinst du, sollten wir..."
Die Worte glitten an Jake vorüber wie der Regen draußen an den Scheiben. Was ging ihn Vaters Land an? Was sollte er hier? Es war nicht sein Land, würde nie seines werden. Und Vaters Familie? Pah! Mutter hatte gesagt, Sven sei sein Vater, und manchmal war es ihm sogar so vorgekommen, wenn sie alle einmal für ein paar Tage zusammengewesen waren. Die Wahrheit war, daß Vater sich nichts aus Jake gemacht hatte und wohl auch nichts aus Mutter. Warum also sollte Jake sich etwas aus Vater machen und dieser Familie, der er nachjagte? Es zischte laut, als Jake seine Colabüchse öffnete. Sven verstummte fast augenblicklich, und Jake setzte zum Trinken an, um sein schadenfrohes Grinsen zu verstecken.
Sven hatte verstanden. Stumm, jeder den eigenen Gedanken nachhängend, fuhren sie weiter.
Aus den Augenwinkeln erfaßte Sven den Gegenstand, der irgendwann aus dem Seitenfenster flog und scheppernd im Straßengraben landete. Er bremste so plötzlich, daß der Sicherheitsgurt griff. "Steig aus und heb das auf!"
Sven erschrak vor der Kälte seiner eigenen Stimme. Drohend blickte er auf Jake. Sekundenlang maßen sie einander Auge in Auge, hielt Jake stand. Kurz bevor Sven die Beherrschung verlor, rappelte Jake sich lässig auf. Provokativ langsam stieg er aus, schritt, die Fäuste in den Taschen seines Anoraks geballt, auf die Colabüchse zu und blieb stehen. Wortlos schaute er über die Schulter zurück und legte allen Haß, alle Verzweiflung und allen Widerstand in diesen einen brennenden Blick. Etwas in Svens Miene löste die Mauer des Widerstands auf. Mit einem Schulterzucken beugte Jake sich nieder. Die Büchse lag in seiner Hand und schien nur darauf zu warten, in Richtung Auto geschleudert zu werden. Doch der Anflug der Versuchung war vorüber, ehe Jake ihn recht empfand. Scheppernd landete die Büchse in einer der Mülltonnen, die in regelmäßigen Abständen die Straße säumten. Sven atmete tief durch. Hinter sich hörte er Jake einsteigen. Er spürte den Blick seines Sohnes im Nacken, als stieße ein Messer zu. Kurz verspürte er den Wunsch nach einem endgültig klärenden Gespräch. Aber er sagte nichts. Nur der Wagen sprang etwas ruckartig an. Dennoch war das Schweigen mehr, als er jetzt ertrug. Fahrig schaltete er das Radio an, suchte senderauf, senderab, bis endlich eine heitere, ruhige Musik erklang. Jake starrte hinaus. Der Regen fiel stärkerund trieb wie Wellen im Wind. Jake wußte nicht, war es Traum oder Wirklichkeit? Alles verschwamm. Nur das Meer blieb und ein Segel darin mit einem Mast, der wie ein spitzer Finger in den Himmel gereckt war.
"Mama!" schrie er. "Mama!" Er winkte, mit beiden Armen winkte er ihr zu. Sie stand mit wehendem Haar draußen im Bugkorb. Sie lachte und winkte zurück. Die Böe kam plötzlich. Kielhoch tanzte das Boot und warf Mutter ab wie ein Mustang seinen Reiter. Ihre Arme griffen nach Händen, die sie nicht hielten. "Hilfe! Sven!" Die Stimme brach. Wie in Zeitlupe sah sie den Mast umschlagen, der ihre Stirn traf, sah das weiße Segel, das sie unter sich begrub. Wasser drang in ihre Lungen, aber sie spürte es nicht. Das Rasseln eines Lastwagens auf der Gegenfahrbahn schreckte Jake auf. Er mußte sich erst einige Sekunden angestrengt besinnen, ehe er sich in dem, was er sah, zurechtfand und die Worte begriff, die an sein Ohr drangen: "Wir sind bald da. Gut geschlafen?"
Jake antwortete nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Trotz aller inneren Abwehr betrachtete er neugierig die reinlich wirkenden Häuser mit den blütenbunten Vorgärten in den schmalen Straßen der Kleinstadt. Nur wenige Autos waren unterwegs. Sven kam zügig voran. Hinter einer Biegung tauchte ein kleines Geschäft mit überdachtem Vorplatz auf.
"Ich kaufe etwas zu essen." Sven hielt an und stieg aus. "Kommst du mit?" Jake schüttelte mürrisch den Kopf. Nein, er würde warten.
Das riesige Angebot des Kramladens schlug Sven Nilsson wie ein herzlicher Willkommensgruß entgegen. Reichlich wählte er aus und ließ sich die Waren in einen Pappkarton einpacken. Als Draufgabe ließ er sich ein Schwätzchen mit dem Inhaber gefallen, der selbst sein bester Kunde zu sein schien.
Im Weiterfahren dachte Sven an Ake. Wie mochte der Cousin jetzt aussehen? Ob er es wohl geschafft hatte, das alte Haus auf Vordermann zu bringen, das Svens Mutter mit einem Teil ihrer Seele nie wirklich verlassen konnte?
Die Mutter hatte in all den Jahren, seit sie an Vaters Hand in die Neue Welt ausgewandert war, Kontakt nach "zu Hause" zu halten versucht. Briefe und Fotos waren von hüben nach drüben getauscht und in einer Sammlung aufbewahrt worden, die Sven erbte. Auch Bilder von Ake waren darunter, dem Sohn von Mutters ältester Schwester.
Ein Waldweg bog von der Hauptstraße ab und verschwand in zwei ausgefahrenen Wagenspuren zwischen Steinen und Stämmen. Svens Herz pochte heftig, als er den Volvo zum ersten Mal auf die hellen Streifen aus Schotter und Sand lenkte, von deren Frühjahrspfützen voll Lurchen und Fröschen die Mutter nicht oft genug hatte erzählen können.
Vielleicht wäre ihm weniger wohl zumute gewesen, hätte er geahnt, was sich wenige Kilometer entfernt abspielte.