Leseprobe

"Treffpunkt Nachtcafe"

Der Tag zog grau und regnerisch über der Zitadelle herauf. Die Blätter der Platanen tropften schwer vom Morgendunst. Irgendwo auf dem weitläufigen Innenhof der alten Festungsanlage erklangen vereinzelte Stimmen. Ein Hund schlug an. Ein zweiter bellte zurück. Jemand lachte.

Ben fröstelte trotz des warmen Mumienschlafsacks, den er sich über den Kopf und bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte. Widerwillig blinzelte er ins Licht hinaus. Die Müdigkeit der vergangenen zwei Tage und Nächte steckte noch in seinen Knochen. Per Anhalter quer durch Deutschland zu trampen war selbst für einen wie ihn, der auf der Straße zu Hause war, anstrengend.

Aber was hieß schon zu Hause? Ben vergrub sich tiefer in die Wärme des Schlafsacks, als er daran dachte. Es war lange her, seit er auf die Frage, wo er zu Hause sei, mehr als ein Schulterzucken hatte.

Irgendjemand hatte mal in einem anderen Zusammenhang gesagt: „Früher hatte ich manchmal Tage, da ging's mir gut. Heute habe ich manchmal Tage, da geht's mir schlecht." So ähnlich empfand Ben die Frage nach zu Hause. Sie tat kaum noch weh.

Das letzte Mal zu Hause war er an einem Freitag gewesen. Freitag, der 13. Oktober 1995. An diesem Tag hatte Ben seine Papiere, ein paar Garnituren Wäsche, Socken, T-Shirts, Jeans und Pullis, sein Sparschwein und Sparbuch nebst Mutters Haushaltsgeld aus der Küche, seinen Walkman und Vaters Fotoapparat sowie ein Paar feste Wanderstiefel in den Rucksack gestopft, den Schlüssel in der Haustür hinter sich umgedreht und gewusst, es ist für immer.

Zuvor hatte er seiner Mutter zum ersten und einzigen Mal freiwillig ihren verdammten Schnaps ans Bett gestellt, weil sie ohne dieses Zeug nicht mehr leben wollt oder es vielleicht tatsächlich nicht mehr konnte. Es war sein Abschiedsgeschenk. Er hatte sie auf die Wange geküsst und fast losgeheult. Aber seine Mutter hatte nichts begriffen. Sie hatte ihn so fischaugentrüb angestarrt wie immer im Suff und nach der Flasche gegreint.

Seinem Vater hatte er einen Briefumschlag mit einem Foto auf den Schreibtisch gestellt. Ein Schnappschuss, der den Vater zeigte, wie er gerade mit dieser angemalten Zicke auf dem Autoliegesitz im Clinch lag, die Ben zum ersten Mal gesehen hatte, als sein Bruder beerdigt worden war.

Joey! Bens Herz zog sich immer noch zusammen, wenn er an ihn dachte. Johannes war Bens genau drei Minuten jüngerer Zwillingsbruder. Sie hatten sich schon im Bauch geknufft und im Arm gehalten. Und jetzt war er tot. Tot, weil ein rotes Kabriolett aus einer Kurve geschossen kam, dem die Mutter nicht ausweichen konnte.

Seitdem war zu Hause nicht mehr zu Hause. Ein Teil von Ben lag mit Joey in seinem kalten Bett. Die Mutter hatte zu trinken angefangen. Der Vater hatte sich eine Geliebte zugelegt. Tränen, Suff, Streit ohne Ende, Betrug und Lügen - der lebendige Rest in Ben hielt es in diesem Zuhause nicht mehr aus.

An jenem Freitag, dem 13., hatte er sich ein Bahnticket gekauft, das so weit reichte wie sein Bargeld, und war abgehauen. Berlin wäre gut, hatte er gedacht. Aber die Szenen im Großstadtdschungel waren ihm schon nach drei Wochen endgültig zu viel gewesen.

Es ist nicht leicht, am Alexanderplatz, den alle nur Alex nennen, akzeptiert zu werden, wenn man keinen kennt und auch keine Ahnung hat, wie der Hase läuft. Jede Gruppe hat dort ihr eigenes Revier und wehe, man kommt sich in die Quere: die Türken, die Schwarzen, die Südamerikaner, die Chinesen, die Russen, die Punks, die Irokesen, die Skater, die Sprayer und wie sie alle heißen und als unterste Stufe auf der Rangordnung die Penner. Alle bleiben am liebsten unter sich. Die Gruppe ist Schutz und Familie zugleich. Innerhalb der Cliquen, die sich in den Großgruppen bilden, hilft man sich je nach Lust und Laune gegenseitig, nimmt sich mehr oder weniger ernst, verliebt sich, zerstreitet sich, prügelt sich und vor allem, man küsst sich. Ganz egal, ob man kommt oder geht, ob man traurig ist oder verknallt, ob man bloß mal so richtig krass knutschen möchte oder Zoff hatte oder etwas feiert - geküsst wird schnell. Wer nicht dazugehört, kriegt ebenso schnell Keile.

Ein paar Mal war Ben dabei, als die Polizei Jagd auf einige Punks machte. Zitternd vor Aufregung und Angst hatte er sich in eine Nische neben einen Zigarettenautomaten gedrückt und nicht gewagt, die Nasenspitze zu weit vorzustrecken. Meistens war es den Jugendlichen gelungen, den Ordnungshütern ein Schnippchen zu schlagen.

Einmal aber hatten die Polizisten die Punks mit Hilfe von Hunden geschnappt. Die Arme auf den Rücken gedreht, wurden die Jungen abgeführt. „Deutschland verrecke!", schrie einer von ihnen und bekam einen Tritt. Da schrie er nicht mehr, weil ihm die Luft wegblieb vor Schmerz.

„Hey, weißt du, was die Scheiß-Bullen mit denen machen?", rief ein Mädchen, das sich ebenfalls versteckte, Ben zu.

„Nee, was?" Ben starrte den Polizisten und den Punks im Polizeigriff immer noch nach.

Das Mädchen klatschte mit der flachen Hand gegen. die Wand.

„Neulich haben sie zwei aus unserer Ecke weggeschnappt, die überhaupt nichts gemacht hatten. Die saßen bloß rum und haben gelabert. Auf einmal tauchen die Bullen auf, schnappen sie, karren sie ins Friedrichshainer Fascho-Viertel und schmeißen sie raus. Einfach aus Jux, bloß weil sie zugucken wollten, wie die Faschos Punks plattmachen." Das Mädchen hatte Tränen der Wut in den Augen. „Einen haben die Faschos voll erwischt. Jetzt ist er weg aus Berlin. Hat's hier nicht mehr ausgehalten."

„Und du?", wurde Ben neugierig. „Warum bist du noch hier?"

„Keine Ahnung." Das Mädchen ließ Ben einfach stehen. „Hey, Chaot!", rief es einem Jungen zu, der sich den kahl rasierten Teil seines Schädels halb blau und halb orange bemalt hatte. Küsschen, Küsschen, Davonschlendern Arm in Arm. Ben begriff, er gehörte nicht dazu.

Am Bahnhof Zoo fand er es noch schlimmer: Mädchen auf dem Babystrich, Strichjungen, Freier, Drogenabhängige, Dealer, Zigarettenverkäufer, Schmuggler - die Kinder vom Bahnhof Zoo, über die Ben im Deutschunterricht ein Buch gelesen hatte, waren alles andere als Kinder. Die meisten von ihnen kannten den Stoff, aus dem schlechte Krimis sind, aus eigener Erfahrung: Betteln, Klauen, Klebstoffschnüffeln, Drogen, Stunden in billigen Absteigen, in denen sie ihren Körper für ein paar Mark an Typen mit Schlips und Aktenköfferchen verkauften, Nächte in stinkenden Hauswinkeln oder Kanalrohren, die selbst den Ratten zuwider waren, oder das Glück einer Bleibe in einem Abrisshaus und immer die Angst vor der Polizei.

Die Kids am Bahnhof Zoo bildeten auch nicht die verschworene Gemeinschaft, die Rücken an Rücken gegen den Rest der Welt kämpfte, wie Ben es sich insgeheim erträumt hatte. Auf der Straße zu leben hatte nichts mit Romantik zu tun. Es war Kampf.

„Was willst du?", hatte einer der Schmuddelpunks vom Alex gelacht, der Ben am ersten Abend ein wenig mitleidig zu einer öffentlichen Suppenküche und anschließend in eine stillgelegte Fabrik mitgenommen hatte. „Du bist frei, Mann. Keiner sagt dir, wo's langgeht, keiner bestimmt über dich. Mir ist es das wert. Lieber verrecke ich, als mich von dem neuen Lover meiner Mutter prügeln zu lassen.Wenn du das anders siehst - bitte, kannst denken, was du willst, sagen, was du willst, machen, was du willst."

Ben hatte ihn wortlos angestarrt. Was sollte er sagen? Dass er sein eigenes Zimmer vermisste und sein Bett? Dass er sogar mit offenen Augen davon träumte, wie er durch den Garten rennen und die Haustür autreißen und seinen Eltern um den Hals fallen würde? Und dass er trotzdem nicht zurückkehren würde, weil er es nicht aushielte, dort zu sein. Oder dass er Sehnsucht nach Conny aus der 9D hatte und fast verrückt wurde, wenn er sich vorstellte, dass sie jetzt mit diesem Schleimer, dem Jens, ginge. Er trug immer noch ihr Briefchen in der Tasche, das sie ihm geschrieben hatte, als er ihre beste Freundin gefragt hatte, ob sie sich vorstellen könne, dass Conny etwas von ihm wolle.

Ein paar Tage später hatte er ein Briefchen in seiner Jackentasche gefunden. Ich find dich ganz. okay, stand darauf. Du bist ein prima Kumpel. Und dann hatten sie sich in der großen Pause zum ersten Mal geküsst, bis sie beide wachsweiche Knie hatten.

Ben suchte nach Worten. Aber er fand keine, die dem Punk erklären konnten, was in ihm vorging.

Es war nicht das Äußere allein, das Ben und den Jungen vom Alex unterschied. Hier der Punk mit pflaumenrot gefärbtem Irokesenschnitt, Sicherheitsnadeln in den Ohren, Pierceringen in den Augenbrauen, Eisenketten um den Hals, Farbgeschmiere auf den zerrissenen Jeans und Peaceabzeichen auf der Weste. Dort Ben mit friseurfrischer Popperfrisur, ein paar Pickeln zu viel, aber ansonsten wohlstandsmäßig gepflegt.

Der Unterschied ihrer Erfahrungen wog schwerer. Ben war nicht von seinen Eltern oder anderen Angehörigen verprügelt oder missbraucht worden. Keiner hatte ihm auch nur ein Haar gekrümmt. Würde der Punk nicht lachen, wenn Ben erzählte, dass er ausgerissen war, weil er sich zu Hause wie in einem falschen Film vorkam? Dass er dort immer öfter das Gefühl gehabt hatte, in einem Alptraum zu stecken und nicht aufwachen zu können?

Der Punk grinste. „Brauchst mir nichts zu sagen. Ist dein Leben, geht keinen was an. Keiner muss leben wie alle. Bist du alle? Ich bin jedenfalls ich. Und nicht du oder sonst wer. Entweder du kapierst es oder du kapierst es eben nicht. Wenn du bei jemand reinpfuschst, kriegst du eins aufs Maul. Und wenn einer bei dir reinpfuscht, kriegt der eins drauf. Ich lebe mein Leben, du lebst dein Leben. Das ist das Gesetz. Klar?"

„Klar!", hatte Ben gemurmelt und an Joey gedacht. Was hätte er dazu gesagt? Irgendetwas Cooles. Joey hatte immer coole Sprüche parat gehabt. Verdammt, Joey, warum musstest du an dem bekloppten Morgen unbedingt vorne im Auto sitzen?

Eng in die Schlafsäcke gerollt, hatten Ben und sein neuer Kumpel die Nacht auf dem Steinboden verbracht. Der Herbstwind hatte durch die zerbrochenen Fenster der Fabrikhalle gepfiffen. Eisig und hart hatte der Steinboden durch den Schlafsack gedrückt. Die dicken Bohnen in der Suppe vom Abendessen hatten in Bens Magen rumort. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte sich erleichtert. Aber wo? Etwa wie ein Hund irgendwo in einer Ecke? Und ohne Papier? Erst spät war Ben in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Als er aufwachte, war er allein. Sein neuer Spezi hatte Bens Wanderstiefel mitgehen und ihm die eigenen abgelatschten Bundeswehrtreter stehen lassen. Angewidert hatte Ben sie begutachtet. Sie waren dreckig und außerdem zu groß. Die klaffenden Spitzen links waren mit derbem Einmachgummi, rechts mit grüner Wäscheleine zugeschnürt. An Stelle von Schnürsenkeln war Draht durch die Ösen gedreht.

Mit einem Fluch hatte Ben die Stiefel weggeschleudert. Erst viel später hatte er erfahren, dass sie nicht so wertlos waren, wie er angenommen hatte. Hätte er sich damit zum Beispiel an einen Soldaten herangemacht, hätte dieser die alten Galoschen in der Kleiderkammer gegen ein neues Paar umtauschen und sie Ben verkaufen können. Für ein paar Mark hätten sie beide ein gutes Geschäft gemacht. Aber damals, an seinem ersten Morgen ganz allein in Berlin, hatte Ben von solchen Tricks nicht die blasseste Ahnung gehabt.