Balduin Bär und der Weihnachtsmann

Der Herbstwind fegte die letzten Blätter von dne Bäumen. Balduin Bär hob die Nase. Er schnupperte. Roch es nicht schon nach Schnee?

"Zeit",
brummt er und kratzte sich am Ohr, "Zeit, in die warme Höhle zu kriechen und Winterschlaf zu halten."

"Willst du wirklich Weihnachten einfach verschlafen?", fragte Schlaumi, der Fuchs, der sich gern in Balduins Nähe herumtrieb.
Vor den breiten Tatzen war schon so manches kleine Tier erschrocken aufgestoben und direkt in Schlaumis Fängen gelandet.

"Im Winter gibt´s nichts besseres als Schlafen."
Balduin betastete wohlgefällig die Speckpolster an seinem Bauch.
"Unsereiner hat´s nicht nötig, in Eis und Schnee herumzulungern und lahme Mäuse zu jagen, so wie du."

Schlaumi Fuchs verzog die spitze Schnauze.
"Schnarch du nur", sagte er.
"Ich friere lieber ein bisschen und freu mich dafür auf den Weihnachtsmann."

Balduin Bär wurde plötzlich sehr nachdenklich. Wenn Schlaumi Fuchs lieber hungern und frieren wollte, als den Weihnachtsmann zu versäumen, musste der wirklich etwas Besonderes sein.

"Wie wär´s, wenn du mich wecken würdest?",
meinte er schließlich,
"In meiner Höhle ist Platz für zwei. Und wärmen könntest du dich manchmal auch an mir."

Schlaumi tat, als müsse er sich die Sache gut überlegen, aber in Wirklichkeit hätte er am liebsten Löcher in die Luft gesprungen. Sein Bau war nämlich gerade heute vom Förster ausgeräuchert worden. Da kam die Aussicht auf ein warmes Lager bei Balduin Bär gerade richtig.

"Nun",
sagte er nach einer Weile,
"das läßt sich wohl machen.
Aber hast du denn auch etwas Leckeres im haus, wenn der Weihnachtsmann kommt?

Balduin Bär setzte sich verwundert auf dne Stummelschwanz.

"Braucht man das etwa?"

Schlaumi grinste.
"Wer ist das?",
fragte er und brachte sich vorsichtshalber mit einem Sprung in Sicherheit:
"Im Kopf leer,
im Ranzen schwer.
-Balduin Bär!"

"Sag das noch mal!",
knurrte Balduin, doch Schlaumi hatte keine Lust zu streiten.

"Du wirst doch wohl einen Scherz vertragen",
lachte Schlaumi und schlug sich die Zunge ums Maul.
"Dass gutes Essen an Weihnachten am wichtigsten ist, weiß doch die ganze Welt."

Balduin schnaufte.
"Das ist nicht so einfach", überlegte er.
"Bären legen keine Vorräte an."

"Vielleicht solltest du eine Ausnahme machen, alter Freund",
meinte Schlaumi.
"Ich würde dir sogar helfen. Weihnachten ist shcließlich das Fest der Liebe."

Balduin war gerührt.

"Wie konnte ich dir bisher nur immer unrecht tun, lieber Fuchs",
brummte er.
"Nie hätte ich gedacht, was für ein braver Kerl du bist!"

"Mag der Weihnachtsmann Fisch?",
fragte er dann, nachdem er sich etwas beruhigt hatte.

"Oh natürlich!", erwiderte Schlaumi.
"Er ist sehr bescheiden."

Da gingen Bär und Fuchs also auf die Jagd. Balduin fing Forellen im Bergbach, darin war er nämlich Meister. So lange stand er im Wasser, bis seine Füße voll Eiszapfen hingen.

Schlaumi aber trug die Beute in die Höhle und legte sie auf Eis, das er in einer Seitenkammer entdeckt hatte.

"Wird es genug sein?",
fragte Balduin eines Tages, als er vor Müdigkeit kaum noch stehen konnte.

"Lass gut sein, alter Freund", nickte Schlaumi.
"Ich bin ja auch noch da, und wenn du schnarchst, werde ich mich auf die Socken machen."

"Ich verlass mich auf dich",
brummte Balduin erleichtert. Und müde, wie er war, trottete er zu Bett.

Die Wochen vergingen und es wurde still im Wald. Eines Nachmittags fiel der erste Schnee. Zuerst wie Puderzucker nur, dann immer dichter. Bald lag der Wald unter einer dicken Schneedecke. Sogar der Eingang zur Bärenhöhle war darunter versteckt.

Balduin Bär merkte nichts davon. Schlaumi hatte es sich indessen in der Bärenhöhle wohl sein lassen.

Zuerst hatte er die Mäuse gefressen, die sich dort unvorsichtig eingenistet hatten. Auch ein paar Kaninchen hatte er erwischt, ehe es sich herumgesprochen hatte, wer da bei Balduin Bär eingezogen war. Zuletzt war ihm noch ein flügellahmer Fasan vor die Fänge gelaufen, der im Schutz der Höhle rasten wollte.Doch als der Schnee die Bärenhöhle unter sich begrub, sodass niemand mehr ninaus- und hereinkonnte, begann Schlaumi die Forellen des Weihnachtsmanns zu kosten.

Tag für Tag machte er sich darüber her und nagte das köstliche Fleisch von den Gräten. Die aber hängte er hinterher, eine um die andere, in eine kleine Tanne, die unter einem Lichtschacht im Höhlenzimmer wuchs.

Der Forellenberg schrumpfte und bald begann auch das Wasser der Schneeschmelze zu tropfen. Und eines Morgens rieb Balduin Bär sich gähnend die Augen klar.

"Ist schon Weihnachten?",
fragte er und sah sich erwartungsvoll um.

"Weihnachten?",
lachte Schlaumi, der Fuchs, der gerade noch unbemerkt die letzte Forelle vertilgt hatte.
"Du bist mir der Rechte! Der Weihnachtsmann war längst da. Deine Fische haben ihm prächtig geschmeckt. Wie gern hätte er dich begrüßt und mit dir gefeiert! Aber du Faulpelz warst nicht aufzuwecken. Schau her, der Weihnachtsbaum steht noch da für dich."
Und dabei wies er auf dne grätengeschmückten Tannenbaum.

Balduin riss die Augen auf.

"Oh", seufste er,
"wie gut muss er sein, der Weihnachtsmann, dass er so an mich gedacht hat. Nächstes Jahr musst du mir wieder helfen, Freund Schlaumi. Du glaubst doch, dass er noch einmal zu mir kommt?"

"Und ob!", sagte Schlaumi, der Fuchs
"Du musst nur rechtzeitig um Hilfe fragen."