Vatertagsgeschenke für Papa -
Erinnerungssplitter

 

Die Vatertagssocken

Bei uns daheim war das traditionelle Vatertagsgeschenk ein Paar Socken. Die konnte Papa immer gebrauchen; über die freute er sich deshalb auch. Und sie waren vom knappen Taschengeld erschwinglich. Zur Not ließen sie sich sogar selber stricken. Dann musste Papa sich allerdings meistens etwas gedulden, denn es konnte schon geschehen, dass nur eine Socke rechtzeitig fertig wurde und die zweite entweder zu Weihnachten oder Ostern oder dem nächsten Vatertag dazu kam. Jungs lernten damals in der Schule nämlich noch hämmern und hobeln und Laubsäge arbeiten anfertigen, anstatt Topflappen häkeln und Kuscheltiere stricken. Und ich mochte auch lieber Rollschuh laufen, wenn mein Bruder zum Fußballspielen war, als dem alten Oma-Spruch aus meinem Poesiealbum zu folgen: "Wenn dich die bösen Buben locken, dann bleib zu haus und stricke Socken."

*

Die Vatertagspralinen

Eine zweite Idee war ziemlich gefährlich, weil bis zuletzt fraglich blieb, ob sie zu verwirklichen wäre. Dabei handelte es sich nämlich um Pralinen zum Vatertag.
Papa mochte besonders gern solche mit Schnaps oder mit Marzipan. Die mit Schnaps waren gefährlich, weil Mutti sie auch gern mochte. Und die mit Marzipan, weil wir Kinder sie noch lieber mochten als Mutti die mit Schnaps.
Als wir Kinder noch keine Lebenserfahrung mit unserem inneren Schweinehund hatten, kauften wir die Pralinen für Papa in einer dieser wunderschönen Pralinenschachteln, die man wie ein Ordenskissen vor sich hertragen konnte, wenn wir morgens die Schlafzimmertür öffneten, um Papa zu beschenken.
Danach kauften wir Pralinen immer lose in der Zellophantüte. Die hatte so einen netten kleinen Kneifring mit einem Draht in der Mitte, mit dem man die Tüte immer wieder verschließen konnte. Auf diese Weise war es uns möglich, immer mal wieder zu testen, ob die Pralinen denn auch noch gut wären. Marzipan kann nämlich ranzig werden, wenn man es zu lange lagert. Und Schokolade kann sich ganz hässlich weiß verfärben, wenn man sie zu lange aufhebt. Wir waren ja nicht dumm. So kam es dann, dass Papa am Vatertag entweder Socken oder zwei Pralinen geschenkt bekam. Von jedem von uns Kindern eine.

*

Das lebendigste Vatertagsgeschenk

Das schönste Vatertagsgeschenk aber war eigentlich meines. Es war nämlich ein braun-schwarzer Langhaardackel-Welpe. Und den hatte ich mir selbst einen Tag zuvor geschenkt, weil ich ihn im Schaufenster einer Kleintierzoohandlung gesehen hatte und den großen Kulleraugen nicht hatte widerstehen können. Für Papa hatte ich eine Flasche Wein gekauft. Vom Besten, den ich mir leisten konnte. Aber wie ich mit dem Dackelbaby zur Haustür herein kam, leuchteten Papas Augen noch unwiderstehlicher als die Dackelaugen.
Damals habe ich mich zum ersten Mal groß und erwachsen gefühlt und am Abend die teuerste Flasche Wein meines Lebens selbst leer getrunken.

Karin

19. Mai 2004