Meine Gedanken zum Vatertag
2004

Vatertag - gibt's den wirklich?

"Vatertag? So ein Unsinn! Das ist doch bloß eine Erfindung der Männer, weil sie auf den Muttertag neidisch sind."
"Da haben sie sich schnell etwas ausgedacht und erlauben sich jetzt an jedem Himmelfahrtstag einen Sauftag."
"Ausgerechnet an Himmelfahrt, als ob alle Väter so toll wären, dass sie gen Himmel fahren müssten."
"Noch dazu, wo Jesus Christus überhaupt nie Vater war."
"Genau! Deshalb feiern vermutlich heute noch diejenigen am meisten, die überhaupt keine Väter sind."

So oder so ähnlich laufen Gespräche über den Vatertag ab, wenn Frauen zusammen sitzen und nach Herzenslust über "die Kerle" herziehen, die sich mit Bollerwagen und feucht-fröhlich zum alljährlichen Sauftag ins Grüne verdrückt haben.

Wie der Vatertag entstand

Tatsächlich hat es mit dem Vatertag eine ganz andere Bewandtnis, als man so oft vermutet. Er ist nämlich keine Erfindung neidischer Männer, sondern es gibt ihn wirklich und ganz offiziell. Ebenso wie den Muttertag. Und genau wie dieser kommt er aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA.

Dort wurde er von Louisa Dodd ins Leben gerufen, einer Tochter, die ihren Vater wohl sehr geliebt und schmerzlich vermisst hat. Er kämpfte zwischen 1816 und 1865 im Sezessionskrieg und setzte zum Schutz seiner Familie sein Leben aufs Spiel. Da dies viele andere Familienväter auch taten, traf seine dankbare Tochter wohl einen bestimmten Nerv in der Bevölkerung, denn als sie 1910 mit ihrer Vatertags-Kampagne durchstartete, griff man ihre Idee begeistert auf.

1924, nur 14 Jahre nach der privaten Vatertagsinitiative, unterstützte Präsident Calvin Coolidge den Vatertag, indem er eine Empfehlung zur Feier dieses Tages an alle Einzelstaaten der USA herausgab.

1974 machte Präsident Richard Nixon sozusagen Nägel mit Köpfen aus Idee, Empfehlung und der längst angewandten Praxis im Volk, indem er jeweils den dritten Sonntag im Juni zum offiziellen Feiertag aller Väter der USA erklärte. Von diesem Tag an wurde der Vatertag, ebenso wie der 1914 von Präsident Woodrew Wilson zum offiziellen Feiertag erklärte Muttertag, mit dem Hissen der amerikanischen Stars-and-Stripes-Flagge begangen.

Der Vatertag als weltweiter Festtag

Mit der Etablierung des Vatertags in den USA war sein Siegeszug aber keineswegs weltweit beschlossene Sache und auch der offizielle Zeitraum kein Muss.
Während alle Welt den Muttertag kennt und meist auch feiert, wird der Feiertag der Väter bis heute nicht wirklich ernst genommen und auch nicht an ein und demselben Tag begangen.

In der Schweiz zum Beispiel habe ich Feste unter dem Motto "Vatertag" schon im September und Juli erlebt. Vor allem aber blieb der Vatertag weltweit bis heute eher ein Männertag und somit sowohl in der Ausrichtung als auch im Ablauf des Tages sehr konträr zum traditionellen Muttertag.

Muttertag - Vatertag: Vom kleinen Unterschied

        Muttertag - ein Fest für Mutter und Kinder

Wie wir alle wissen, dient der Muttertag dazu, die Mutter im Kreis ihrer Familie zu feiern. Kinder basteln für die Mutter, malen für sie, schreiben liebevolle Muttertags-Verse in möglichst supersauberer Handschrift ab, lernen kleine Muttertagsgedichte auswendig, pflücken bunte Wiesensträuße für die Mutter, bringen der Mutter das Frühstück ans Bett, backen einen Muttertagskuchen und was der Dinge mehr sind, die zeigen sollen und können, wie lieb sie die Mutter haben. Dazu werden sie von allen Erziehungspersonen angeregt und unterstützt.

Die Mutter selbst ehrt wiederum ihre eigene Mutter.

Falls ein Vater in der Familie lebt, bemüht auch er sich, die Mutter seiner Kinder zu verwöhnen. Und natürlich ehrt er zusätzlich die eigene Mutter und Großmutter, die nach Möglichkeit besucht, eingeladen und mit einem mehr oder weniger prächtigen Blumenstrauß oder einem anderen besonderen Geschenk nur für sie, nur für den eigenen Gebrauch, beschert werden.

Und da die Omas und Uromas ja Groß-Mütter und Urgroß-Mütter sind, werden sie nicht nur von den eigenen Kindern, sondern überdies von ihren Enkeln beschenkt und geehrt.

Obwohl dies im Schwange der Gleichberechtigung schon gelegentlich einmal vorkommt, wenn sich Müttergruppen als Verein oder Interessengrüppchen auf die Walz machen, um es den Männern gleich zu tun, klinken sich Mütter doch eher selten an ihrem Muttertag aus der Familie aus. Vielleicht würden sie sich ja gar nicht so ungern einfach mal "abseilen", doch der Gedanke an die liebevollen Geschenke der Kinder und ihre enttäuschten Gesichter überwiegt fast immer.

        Vatertag - ein Fest für Männer und Jungen

Am Vatertag ist es für den Vater schon allein deshalb einfach, sich aus der Familie auszuklinken, weil in der Regel kein Kult um ihn gemacht wird wie beim Muttertag. So entfallen zum Beispiel die traditionellen Muttertagsgeschenke, die alle Kinder zum Muttertag vorbereiten. Eher selten werden Kinder zum Beispiel im Kindergarten dazu angehalten, den Vatertag als etwas Besonderes anzusehen und den Vater mit einem selbst gefertigten Geschenk zu überraschen. Und wird in der Grundschule noch etwas zum Muttertag erlernt oder geschrieben, geschieht dies zum Vatertag so gut wie nie. Auch ist es schlicht unüblich, den Vater an seinem Ehrentag mit dem Frühstück im Bett zu überraschen, ihm Geschichtchen oder Gedichte vorzutragen oder ihn mit einer Einladung zum großen Essen zu verwöhnen.

Das bedeutet nicht, dass Kinder den Vatertag nicht ebenso gern als Fest feiern würden wie den Muttertag und keine Lust hätten, den Papa mit einem Geschenk zu überraschen. Hält man sie dazu an, haben sie am Vatertag ebenso große Freude wie am Muttertag. Doch die Lebenspraxis zeigt, dass man Kinder eben nicht in derselben Weise auf den Vatertag einstimmt wie auf den Muttertag.
Und dazu tragen nicht nur Mütter oder andere Erzieherinnen und Erzieher bei, sondern vor allem die Väter selbst, denen der Vatertag entweder nichts bedeutet oder die ihn unter Männern begießen oder an diesem Tag in aller Ruhe für sich allein etwas unternehmen wollen.

In den USA zum Beispiel hat es Tradition, dass Väter und Söhne an diesem Tag etwas gemeinsam unternehmen. Angeln, eine Spritztour irgendwohin, etwas Sportliches.

Wollten Kindern den Vater am Vatertag in derselbe Weise verwöhnen wie die Mutter am Muttertag, müssten sie an seinen Arbeitsplatz gehen und ihm die dortige Arbeit abnehmen. Oder vielleicht den Rasen mähen oder den Zaun neu streichen oder das Fahrrad putzen, damit Papa nach Feierabend mal Pause hat.
All das geht entweder gar nicht, weil Kinder nicht Papas Job erledigen können. Oftmals wissen Mutter und Kinder aber auch, dass es nicht wirklich eine Freude für Papa wäre, wenn die Kinder in ihrer kindlichen Art versuchen wollten, ihm bestimmte Arbeiten abzunehmen. Etwa Papas Auto putzen, obwohl er sein heilig's Blechle lieber in die Waschstraße fährt, oder den Rasen mähen, obwohl Papas Rasen mit dem Millimetermaß getrimmt werden muss, oder weil der zu streichende Gartenzaun doch bloß Nasen im Lack bekommt, wenn man's nicht richtig kann. Und Geschenke für den Vater zu basteln, hat oft etwas Undankbares, weil Papa sich zwar einen Moment lang freut, den Kinderkram aber nicht wirklich brauchen kann und zu Hause vergisst, anstatt den Stiftehalter aus der Klopapierrolle mit ins Büro zu nehmen oder den Schutzengel aus Wäscheklammern an den Autospiegel zu hängen. Kinder merken das. Mütter merken das. Und verlieren die Freude am Vatertagsgeschenke-Machen.

Insofern ist selten "großer Bahnhof" für den Vatertag - und der Vater muss selten gegen das eigene schlechte Gewissen über die Träne im Augenwinkel der Kinder angehen, wenn er sich am Himmelfahrstag aus der Familie ausklinkt und das ureigene innere Kind im Manne pflegt.

Auch wenn sich ein Wandel abzeichnet, ist der Vatertag daher noch immer traditionellerweise ein Tag für den Mann, der sich im Kreise seiner Freunde eine familienpflichtenfreie Auszeit genehmigt und mal nur das tut, wonach dem kleinen großen Jungen in seiner Brust der Übermut und Un-Sinn steht.

Wann ist überhaupt Vatertag?

In Deutschland wird der Vatertag stets an einem Kirchenfeiertag begangen und zwar direkt vor Pfingsten, an Christi Himmelfahrt, kurz auch Himmelfahrtstag genannt. Daher gibt es kein festes Datum, sondern einen Wandel im Verlauf des Kirchenjahres.

Das Image des Vatertags

Im Gegensatz zu den USA, ist das Image des Vatertages hierzulande eher negativ besetzt. Es gilt als Tradition, dass sich an diesem Tag die Väter und Nicht-Väter eines bestimmten Freundeskreises treffen, um ohne Frau und Kinder Fünfe gerade sein zu lassen. In ländlichen Gegenden ist es heute noch der Brauch, auf dem frühlingshaft geschmückten Leiterwagen oder mit dem Bollerwägelchen hinaus ins Grüne zu ziehen. Reichlich Bier, am liebsten vom Fass, darf ebenso wenig fehlen wie eine zünftige Brotzeit.

Vom alten Germanen im Kind im Manne

Den meisten Männern wohl unbewusst, hat sich hier der uralte Germanenbrauch erhalten, sich in einem nur Jungen und Männern vorbehaltenen Kreis zu einem Initiationsritual in einem heiligen Wald zu treffen, um an einer solchen heiligen Stätte unter freiem Himmel aus Knaben Männer werden zu lassen und sie nach der damit verbundenen Geistwanderung, welche unter dem Einfluss berauschender Getränke und kultischer Gesänge stattfand, dem fruchtbaren Kreislauf des Lebens zuzuführen, zu dem die Natur im Mai erwacht.

Vatertagsfreud' und Vatertagsleid

Wer von all den Vätern und Möchte-gern-Vätern oder Nicht-Vätern nach feucht fröhlichem Gelange endlich gut bedüdelt in den Schoß der Familie heimkehrt, hat zwar nicht selten ein Donnerwetter zu erwarten, aber den sicheren Trost, dass spätestens am nächsten Morgen geteiltes Leid halbes Leid ist, denn den Zechbrüdern brummt der Schädel vermutlich kaum weniger.

Vom Wandel des Vatertags - Oder von der alten und der neuen Form gemeinsamer Elternschaft

Wie schon erwähnt, zeichnet sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eine Trendwende im Image des Vatertags ab, welcher sich durch ein Plus an Väterlichkeit sowie ein Mehr an Familiengemeinschaft auszeichnet.

Ursachen dafür gibt es sicher mehrere. Als herausragenden und meiner Meinung nach wesentlichsten Grund habe ich in meinen Recherchen ermittelt, dass Väter - im Gegensatz zu landläufigen Vorurteilen speziell extremfeministischer und daher tendenziell männerfeindlicher Damen - im Normalfall gern Väter und auch gern mit ihren Kindern zusammen sind. Und zwar speziell dann, wenn sie als Väter nicht die besseren Mütter sein sollen, sondern eigenverantwortlich mit Kindern umgehen können. Was wiederum voraussetzt, dass die Mütter ihnen vertrauen und daher nicht selbstverständlich ist.
Warum dies nicht selbstverständlich ist, erklären Rollenbilder und Verhaltensmuster der Vergangenheit, welche zwar gesetzlich neu geregelt wurde, aber in der Tiefe der Seele noch nicht vollständig überwunden wurden.

        Von der alten Rolle des Vaters
      als Erziehungshelfer der Mutter

Literaturstudien zum Beispiel zeigen, dass Väter noch vor 80 Jahren trotz ihres körperlich meist mühsameren und weit zeitintensiveren Arbeitspensums, welches sie zur Sicherung des Familienunterhalts erbringen mussten, innerhalb der Familie auch dann weit präsenter waren als heute, wenn sie sich überwiegend außerhalb der Familie aufhielten.

Diese Präsenz der körperlich abwesenden Väter im Bewusstsein der Kinder und der Familie wurde durch die Mutter erzeugt, welche die geistige Gegenwart des Vaters durch ihre eigenes Reden und Verhalten als eine Art Aura seiner Persönlichkeit in den Raum stellten. Dies tat sie, da sie allein sich mit der Rolle der Erzieherin überfordert fühlte, auch gesellschaftlich als "schwache" Frau galt, welche dem "starken" Arm des Mannes anvertraut war und seiner Hilfe bedurfte, und folglich den Vater ganz dringend als Erziehungshelfer benötigte. Kinder, die von allein erziehenden Müttern groß gezogen werden mussten, weil der Vater tot war, erhielten einen gesetzlichen Vormund, welcher die Rolle des "starken" Mannes und Helfers der Mutter einzunehmen hatte.
Auf diese Weise sorgte die Mutter bewusst dafür, dass selbst der de facto abwesende, aber geistig präsente Vater einen erheblichen erzieherischen Einfluss auf die gemeinsamen Kinder nahm.

        Von der alten Rolle des Vaters als Garant
      für Zucht und Ordnung

Die väterliche Erziehungsweise war nicht immer eine schöne Erfahrung für Kinder. Da die gesellschaftliche Rolle des Mannes die des "starken Geschlechts" war, galten alle anfallenden schweren oder starke Nerven erfordernden Arbeiten als Männersache.
Dazu gehörten nicht nur das Schlachten von Hühnern und Stallhasen für den Sonntagstisch, sondern auch die körperliche Züchtigung des Nachwuchses, dem die Mutter als Vertreterin des "schwachen Geschlechts" mit ihren "schwachen Mitteln" und ihren "weichen" Gefühlen nicht beikam.
Es war Usus, den Kindern mit dem Vater zu drohen, wenn sie unfolgsam waren oder Unsinn angestellt hatten. Ganz gleich, ob es die Mutter war, die drohte, oder etwa ein Lehrer, der über ein faules oder freches Schulkind klagte, ein Bauer aus der Nachbarschaft, dem die Äpfel stibitzt oder ein anderer Nachbar, dem ein Fenster mit dem Ball eingeschossen worden war, oder irgendein anderer Erwachsener, dem das Kind im Vorbeirennen etwa keinen Gruß entboten hatte. Der Vater war die offizielle Instanz für Zucht und Ordnung der Kinder. Er hatte diese zu lehren und durchzusetzen. Folglich war es ebenso Usus, dass der Vater derartige Strafandrohungen oder Forderungen nach Strafe wahr machte.

        Geliebt, gefürchtet, umworben -
      Vom täglichen Kampf des Kindes um Liebe
      und Anerkennung des Vaters

Im Endergebnis dieser gesellschaftlich erwarteten und angenommenen Rollenverteilung zwischen Mutter und Vater liebten und respektierten Kinder ihren Vater als Menschen, der zu ihnen gehörte, fürchteten ihn aber auch als strafende Obrigkeit und verlängerten Arm der Mutter oder anderer Erwachsener.

Zu allen Zeiten haben Kindern ihren Eltern zu gefallen versucht, weil es tief im Unterbewusstsein jedes Kindes verankert ist, dass ihr Überleben von der Liebe und Zuwendung der Eltern abhängt.
Das heißt, schon immer haben Kinder sich bemüht, auch ihrem Vater zu gefallen, denn erstens war es körperlich und seelisch schmerzhaft, ihm zu missfallen, und zweitens war es eine "starke" Erfolgsleistung, ihm zu gefallen.
Man musste sich anstrengen, um vor seinem strengen Auge Bestand zu haben. Mehr, als wenn man der Mutter gefallen wollte, deren Liebe man sich als Kind - zumindest im überwiegenden Fall - so viel sicherer sein konnte, weil sie diese weit ungenierter als der Vater zeigte und auch zeigen durfte als der Vater. Sie als "schwache" Frau hatte das Recht auf Weichheit und sichtbar zärtliche, liebevolle Reaktionen. Alles Harte, Strenge, Unerbittliche nahm der "starke" Vater ihr ab und zog damit auch stärker als sie die negativen Gefühle der Kinder auf sich.
Leider war es für Kinder deshalb oft unmöglich, dem Vater zu genügen oder zu gefallen. Leidvolle Erfahrungen erwuchsen daraus, die nur allzu oft das ganze Leben des heranwachsenden Kindes und Erwachsenen überschatteten. Erfahrungen, die von Generationen von Kindern durchlitten wurden. Erfahrungen, die von Mutter zu Mutter weitergegeben wurden.

Und selbst heute ist immer noch die Erinnerung an den eigenen erlittenen Kinderschmerz durch den Vater oder die Mutter einer der entscheidensten Gründe für das Scheitern elterlicher Paarbeziehungen. Diese Erinnerungen brechen wie eine innere Alarmanlage bei jeder Handlung des Elternteils auf, den man als Kind zu fürchten lernte und daher eine seismographische Empfindlichkeit für Stimmungen und Situationen entwickelte, welche nie mehr auszuschalten sind. Unreflektiert, aus dem Instinkt heraus, ist das gefühlte Wissen "das-kenn-ich" entweder punktuell da oder wird ununterbrochen erwartet.
Ist es der Vater, den man als Kind fürchtete, wird man dem Vater der eigenen Kinder zwar vertrauen wollen, aber unbewusst ständig auf ein Verhalten von ihm gefasst sein, welches dem inneren Bild "Vater" entspricht. Ist es die Mutter, die man als Kind fürchtete oder als schwach und unfähig zur Gegenwehr empfand, wird man der Mutter oder sich selbst als Mutter zwar vertrauen wollen, aber sie doch anhaltend mit einem lauernden Warten kontrollieren und bei der geringsten "das-kenn-ich"-Erinnerung das eigene Kind beschützen müssen. Dass die eigenen Alarmanlagen zu mehr oder weniger heftigen Überreaktionen führen, ist wegen des meist unterbewussten Misstrauens ähnlich wie in einer Eifersuchtsreaktion nur schwer oder gar nicht zu steuern.
An dieser Unvereinbarkeit der inneren Regeln, wie Erziehung stattfinden sollte, wie Vater, wie Mutter zu sein hat, damit man den eigenen Mann, die eigene Frau in dieser Rolle akzeptieren kann und nicht mehr fürchten muss, scheitern Ehen en masse.

        "I can do it!"-Mütter
       oder scheinbar überflüssige Väter

Dass Väter in den letzten Generationen fast gänzlich abwesende Väter für ihre Kinder waren und dies zum großen Teil noch heute sind, entspringt nach meinen langjährigen Recherchen absolut nicht dem Desinteresse der Väter an ihren Kindern und ihrem Widerwillen gegen die Beschäftigung mit ihren Familienarbeiten, sondern gesellschaftlichen Zwängen wie etwa Kriegen oder anderen, die Abwesenheit der Väter unvermeidlich machenden Bedingungen zur Sicherung des Lebensunterhalts der Familie.

So lange Mütter gesellschaftlich als "das schwache Geschlecht" galten und diese Rolle auch einnahmen, bedurfte es der "starken" Väter, um Mütter zu unterstützen. Dieses alte Rollenbild gemeinsamer Elternschaft zerbrach, "als die Väter schwach geworden", weil Verlierer in zwei Weltkriegen.

Frauen und Mütter hatten in Abwesenheit der Männer und Väter selbst ihren Mann zu stehen. Hatten für ihre Kinder die erzieherische Instanz Nummer Eins zu sein, mussten für die Familie sorgen. Und konnten dies auch.
Das ging nicht von einem Tag auf den anderen. Aber es vollzog sich mit jeder Frau mehr, die keine andere Wahl hatte und bewies, dass sie keinen starken Mann brauchte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Kinder zu erziehen, sondern selbst stark war. Die Frauenbewegung mit ihren politischen Kämpfen um die Gleichberechtigung und Freiheit der Frau war logische und notwendige Konsequenz dieser Entwicklung.
Und je stärker sich die Frau fühlen konnte, desto unsinniger erschien es ihr, dass andere Erziehungsmaxime gelten sollten als ihre eigenen.

Vaters Rückzug ins Berufsleben - Oder Mutter zieht die Hosen an

Väter wiederum hatten "Wichtigeres" zu tun, als wehrlosen Knirpsen den Hosenboden stramm zu ziehen, weil sie entweder im Krieg waren oder nach dem Krieg das zerstörte Land aufbauen mussten. So wurden einesteils der Frau die Väter als Kindererzieher überflüssig, ja, sogar unwillkommen. Und andernteils entzogen sich die Väter der Erziehungsaufgabe, weil sie Wichtigeres zu tun hatten und sich nicht um die unangenehme Rolle des Rohrstock-Vaters rissen, der von den eigenen Kindern weniger geliebt als gefürchtet wurde.

Mutter allein Zuhaus' - Oder der Frust alleiniger Eltern- und Familienarbeit

Hand in Hand mit dieser Entwicklung weg vom "starken" Mann im Haus, hin zur "starken" Frau im Haus, ging einher, dass Väter sich mehr und mehr auf den Erwerb des Familienunterhalt und ihre Karriere im Beruf konzentrierten. Alle Aufgaben des "starken" Mannes im Haus fielen der Mutter zu, die ja nun selbst "stark" war und keinen "starken" Mann mehr brauchte.

Unter dem Strich hieß das für "emanzipierte" Mütter, mit der Erziehungsarbeit für die Kinder, mit der Hausarbeit im Familienhaushalt allein gelassen und letztlich überbelastet zu sein.

Insbesondere dann, wenn Mütter zusätzlich zur unbezahlten Familienarbeit einen bezahlten Beruf ausüben, um finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und/oder den erwerbstätigen Vater bei der Unterhaltsleistung für die gemeinsame Familie zu unterstützen.

Immer stärker baute sich Frust auf den "Pascha" im Haus auf, der keinen Anteil an der Familienarbeit mehr übernahm und scheinbar auch keine Lust hatte, sich um die Kinder zu kümmern, deren Versorgung und Erziehung zur reinen "Frauensache" geworden war.

Die neue alte Erkenntnis: Eltern sind immer zwei - alle Kinder lieben und brauchen beide Eltern

Was Eltern letztlich immer wussten, weil es seit eh und je so war und die Evolution zeigt, dass gemeinsame Elternschaft der optimale Überlebensgarant für Kinder ist, wiesen Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen nach. Doch letztlich verschaffte sich die Natur des Menschen Gehör, welche allen Samenbanken und künstlichen Fortpflanzungsmethoden, gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen und "gendermainstreaming"-Palavern zum Trotz ihre beliebteste und lustvollste Vollendung in der Beziehung zwischen Mann und Frau und der Erfüllung des Wunsches nach gemeinsamen Kindern findet.

Jahrzehnte der Frauenpower-Erfahrung brauchte es, um heraus zu finden, dass es zu zweit einfach schöner und erfolgreicher ist, Eltern zu sein. Auch wenn die Scheidungsstatistik zeigt, dass dies immer seltener so gut funktioniert, wie man es sich irgendwann "auf immer und ewig" versprochen hat. Menschen sind leider nicht vollkommen, und es ist schwer, sich gegenseitig die eigene und gemeinsame Unvollkommenheit zu verzeihen.

Aber eins ist inzwischen fast jeder Frau und jedem Mann klar, - von einer Handvoll ewig gestriger Frauenrecht-Kämpferinnen und Frauenrecht-Ignoranten abgesehen - dass es dringend nötig ist, dass Frauen und Mütter ihr "Superwomen-Image" als omnipotente Alleinkönnerinnen ablegen und Männer und Väter sich wieder intensiver in die Familie einbringen, um ihren ganz natürlichen Vateranteil an der Erziehung, der Betreuung und emotionalen Nähe zu ihren Kindern einzubringen.

Die große Elternverunsicherung

Wandel geschieht auch dann nicht von jetzt auf nachher, wenn man ihn will. Väter hatten und haben echte Berührungsängste Kindern gegenüber. Vor allem ältere Väter, die heute Großväter sind und Söhne erzogen, welche wiederum Söhne hatten, die am eigenen Vatervorbild nicht lernten, wie es sein kann, hautnah und väterlich-liebevoll-unbefangen, beschützend-berührend mit eigenen Kindern umzugehen, befürchteten, Babys zu zerdrücken, kaputt zu machen, zu ungeschickt zu sein, sie fallen zu lassen.
Wenn das Baby schrie, bekamen Vater die Panik, weil sie sich und der eigenen Unsicherheit sofort als unfähig wahrnahmen und: "Mach du das lieber! Du kannst das besser!", hinter den Rücken der Frauen flüchteten.

Hinzu kam, dass mindestens ebenso viele Frauen sich zwar wünschten, dass die Väter sich mehr um die Kinder kümmern sollten, dies den Vätern aber nicht zutrauten. Nicht wenige dieser Frauen hatten ihre eigenen Väter als strafende Familieninstanz erlebt. Das war es nicht, was sie von den Vätern ihrer Kinder wünschten. Aber konnten die es denn anders?

Sich bis zum Extrem mehrende Schreckensmeldungen von sexuellem Kindesmissbrauch, von erzieherischer Gewalt gegen Kinder, von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder kamen hinzu. Sie bestärkten einesteils die Befürchtung der Frauen, dass Männer und Kinder nicht zusammen passten. Und sie verunsicherten die Männer und Väter, die noch immer viel zu wenig eigene Erfahrungen mit Kindern hatten, auf das Beispiel ihrer eigenen Väter nicht zurückgreifen konnten und sich gesellschaftlich immer noch nicht von der Vorstellung vom "starken" Mann lösen konnten.

Und endlich: Eltern-Partnerschaft kommt vom Teilen - Oder die neue Elternteilzeit

Heute, nach fast 60 kriegsfreien Jahren in einem demokratischen Deutschland, dessen Verfassung Gleichberechtigung der Geschlechter garantiert und durchsetzt, hat sich das gesellschaftliche Bild des Mannes vom dominanten "starken" Herrn und Familienoberhaupt weg, hin zum starken Partner an der Seite einer starken Frau gewandelt.
Vielleicht noch nicht hundertprozentig, aber doch auf dem Wege dahin, hat sich das Bild des Vaters endgültig weg vom "starken" verlängerten Ordnungsarm der schwachen Mutter, hin zum kompetenten Vater, der auch in dieser Funktion Partner der ebenbürtigen Mutter ist, gewandelt.

Umfragen der Frauenzeitschrift "Brigitte" vom Mai 2004 zeigen, dass der Traummann von heute - in dieser Reihenfolge - vor allem gebildet (91 %), geschmackvoll gekleidet und gepflegt (88%), sowie selbstbewusst auftreten (81%), offen über seine Gefühle sprechen (76%) und durch phantasievoll-überraschende Ideen das Zusammensein verschönern können (74%), sehr gern Kinder haben (66%) und fleißig im Haushalt sein (61%) mitwirken sollte.

Diesem Traummann entsprechen immer mehr heutige Väter. Wie das Statistische Bundesamt Wiesbaden 2003 und 2004 veröffentlichte Studien der Bundesregierung nachweisen, verbringen Väter durchschnittlich 4, 9 Stunden täglich mit ihren Kleinkindern. Zusätzlich zur alltäglichen Arbeitszeit im Beruf.
Und immerhin noch 2, 11 Stunden täglich widmen Väter sich ihren pubertierenden Sprösslingen, die sich in diesem Alter bekanntlich schon sehr gern und oft mit ihrer Freunden und Freundinnen treffen, am PC in virtuelle Welten verschwinden und weniger Wert darauf legen, ständig etwas mit ihren Eltern zu unternehmen oder gar unternehmen zu müssen.

Vatertag heute

Dazu passt, dass Väter von heute ihren Vatertag immer öfter am liebsten als Vater verbringen, statt sich einen rauschigen Herrentag unter Männern zu genehmigen.

Als Frau und Mutter

Als Ehefrau und dreifache Mutter kann ich dazu nur eines schreiben: "Schön!"

Karin

19. Mai 2004