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Meine liebe Mutti


 

Meine liebe Mutti,
denk ich, manchmal hundert Mal am Tag,
wenn das denn reicht,
und deine Augen lächeln mir durch die Gedanken,
deine grünen Augen, oder sind sie doch eher blau
mit diesem wie von Sonnenlicht gefleckten Glimmer
auf den grünen Seen, an denen du Kind warst,
damals, daheim,
in deinem Ostpreußen.

Als ich Kind war,
warst du mein Zuhaus,
warst mein Morgen und Abend,
mein erstes Lied in der Früh
und die letzte Geschichte vor dem Augenzufallen,
warst mein Lesebuch am Mittag
und meine Fee mit den drei Wünschen,
wenn wir zusammen im Sandkasten saßen,
vor dem Haus,
unter dem großen Kastanienbaum,
weißt du noch,
damals, am See,
in meinem Kindheitsparadies.

Jetzt liegt in meinem Haar
schon der Schnee,
der ein wenig früher auch deines versilberte.
Und ich denk immer noch:
Meine liebe Mutti,
manchmal hundert Mal am Tag
oder mehr,
und bin
doch
und bleib,
was ich immer war,
dein Kind.

Karin


 
In Memoriam: Für meine Mutter



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