Das kannst du nicht so einfach abwischen


 

ZDF
1989
Sexueller Mißbrauch von Kindern
Serie: Kinder, Kinder


 

Als eine der ersten Autorinnen Deutschlands widmete ich mich seit Beginn der 80er Jahre bis heute intensiv den Problemen sexuell missbrauchter Kinder beiderlei Geschlechts sowie den Problemen, denen diese Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein anhaltend ausgesetzt sind.

Seit einigen Jahren schließe ich auch die Personen mit in meine Recherchearbeiten und Publikationen ein, die nachweislich unschuldig dem Vorwurf ausgesetzt sind, ihre Kinder missbraucht zu haben.

Erhoben wird dieser Vorwurf meist im elterlichen Trennungs- und Scheidungskrieg. Laut Prof. Dr. Willutzki, dem ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Familiengerichtstags e.V., dessen Mitglied auch ich bin, wurde bereits vor Jahren in mindestens 40 Prozent der strittigen Sorgerechts- und Umgangsverfahren der Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs erhoben, welcher in mindestens 90 Prozent dieser Fälle ungerechtfertigt war. Und diese Tendenz ist leider steigend.

In den Auswirkungen auf die kindliche Seele ist der falsch erhobene und nicht vollständig bereinigte Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs ebenso zerstörerisch und grausam wie der tatsächliche. Die im Zuge der Ermittlungen erforderlichen Befragungen des Kindes erfolgen anfangs regelmäßig sehr häufig, durch verschiedene, zum Teil stark emotionalisierte Laien und in suggestiver Weise, welche die eigenen Wahrnehmungen des Kindes zutiefst verunsichern. Mit dem in der Kindheit gesäten Zweifel nähren sie in späteren Jahren die tiefe Unsicherheit des vermeintlichen Opfers, ob nicht doch "etwas gewesen" und die nicht vorhandene Erinnerung womöglich nur verdrängte, schlummernde Erinnerung oder das Anzeichen einer multiplen Persönlichkeit sei.

Für die fälschlich Beschuldigten aber gerät die Verleumdung zum Alptraum, der selbst dann fortdauert, wenn die vollständige juristische Entlastung erfolgte. "Etwas bleibt immer hängen", sagte mir ein betroffener Vater. Ihn hat die böswillig erhobene Verleumdung seiner Ex-Frau die berufliche und soziale Existenz gekostet, seinen Freundeskreis zerstört und seine Gesundheit geschädigt. Vor allem aber hat es ihn um die gelebte Beziehung zu seiner kleinen Tochter betrogen, die er trotz der juristischen Rehabilitation seit dem fälschlich erhobenen Vorwurf nicht mehr gesehen hat. Er sei ihr ärgster Feind, sagt sie, die mit der Mutter lebt, und arbeitet in einer Therapie das Verbrechen auf, das ihr Vater nie an ihr beging.

Der Film "Das kannst du nicht so einfach abwischen" setzt sich mit dem tatsächlich erfolgten sexuellen Kindesmissbrauch als Verbrechen und echten Opfern auseinander. Er entstand kurz nachdem ich meine inzwischen leider vergriffenen Bücher "Inzest - Tatort Familie" und "Du bist doch mein Vater" publiziert hatte.

Das ZDF kam damals aus der Redaktion der trotz ihres Erfolges bedauerlicherweise längst eingestellten Serie "Kinder, Kinder" auf mich zu und engagierte mich als Co-Autorin und Co-Regisseurin des verantwortlichen Redakteurs Gerhard Müller.

Dieser hatte kurze Zeit zuvor ein junges Mädchen kennen gelernt, dessen Lebenserfahrungen ich Jahre später in meinem Bestseller-Buch "Monika B. Ich bin nicht mehr eure Tochter" veröffentlichte.

Monika B. war zur Zeit des Films 17 Jahre alt. Bereits seit längerer Zeit stand sie damals mit einem Redakteur der Kirchenredaktion des ZDF in Verbindung und hatte diesem in schmerzvollen Korrespondenzen zunächst den Selbstmord ihres jüngsten Bruders und später auch ihre Leiden des sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater anvertraut. Als das Thema durch die massive Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen wie "Wildwasser" und "Zartbitter" immer größere Aufmerksamkeit erregte und das allgemeine öffentliche Interesse Filmberichten zum Thema die aus marktwirtschaftlichen Gründen nötigen Einschaltquoten zu sichern schien, wurde Monikas Korrespondenz zum Grundstock der Recherchen der "Kinder, Kinder"-Redaktion.

Von entscheidender Bedeutung war es für die Redaktion und den Justitiar des ZDF, dass Monika bereits Strafanzeige gegen ihren Vater erstattet - er wurde Jahre später zu sieben Jahren Haft verurteilt und befindet sich mittlerweile längst wieder auf freiem Fuß - und für die Dreharbeiten auf Anonymisierung verzichtet hatte.

Verzweifelt und suizidal sowohl wegen des erduldeten sexuellen Missbrauchs, der trotz Monikas Flucht aus ihrer Heimatstadt nach Mannheim und trotz der Strafanzeige weiterhin anhielt, als auch wegen des Selbstmords ihres geliebten Bruders, war das junge Mädchen entschlossen, von dem Gesetzgeber Gerechtigkeit und von der Öffentlichkeit Solidarität und Hilfe zu fordern. Für dieses Ziel war Monika tatsächlich bereit, "mit ihrem ungeschützten Gesicht" vor die Kamera zu treten und die Anklage gegen ihren Vater vor einem Millionenpublikum zu wiederholen.

Ich lernte Monika erst im Anschluss an diese bereits abgeschlossenen Dreharbeiten kennen, die den ersten Teil des nunmehr von mir durch weitere "Fallbeispiele" zu ergänzenden Filmreports ausmachten.

Gemeinsam mit anderen jungen Frauen, die wie sie selbst in ihrer frühen Kindheit und Jugend durch einen Familienangehörigen sexuell ausgebeutet worden waren und an diesem Verbrechen fast zugrunde gingen, erstellten Monika B. und wir als ZDF-Team ein eindringliches und zutiefst erschütterndes Zeitdokument. Mit einem Zitat aus dem Mund eines der Opfer wurde klar, dass niemand einen erlittenen sexuellen Missbrauch "so einfach abwischen" kann.

Obwohl seit diesem ZDF-Dokumentarfilm Jahre vergingen, ist der sexuelle Kindesmissbrauch noch immer das bestgetarnte Verbrechen unserer Zeit. Es findet überwiegend in der Abgeschlossenheit privater Wohnungen statt. Männer und Frauen sind die Täter und Täterinnen. Die große Mehrheit von ihnen ist mit dem missbrauchten Kind verwandt und/oder entstammt dem engen Freundeskreis der Familie. Die Opfer sind Kleinstkinder bis Jugendliche beiderlei Geschlechts.

Da der Gesetzgeber bis heute eine Verjährung für das Verbrechen des sexuellen Kindesmissbrauchs gestattet und das Strafmaß in den Fällen, in denen es zu einer Strafanzeige kommt, selten voll ausschöpft, können Täter und Täterinnen mit großer Sicherheit auf Straffreiheit oder richterliche Milde rechnen. Für die Opfer hingegen endet der Alptraum selten. Die Wunden des Leibes vernarben oder heilen irgendwann. Die Wunden der Seele bleiben lebenslang.


 
Zu den Filmkritiken

 
Bücher zum Thema:
Inzest - Tatort Familie   Du bist doch mein Vater   Monika B - Ich bin nicht mehr eure Tochter   Wer sind die Täter? - Die andere Seite des Kindesmißbrauchs



Zurück zu "Medienbeiträge von und mit Karin Jäckel"