Leseprobe

"Das Urteil des Salomon"

Liebe auf neuen Wegen
Das neue Ich-Gefühl

Bettina, 19

Wen ich liebe, mit wem ich lebe oder nicht, ob ich heirate oder nicht, das geht nur mich was an und den einen, den's betrifft. Nur, damit die Leute sehen, aha, die und der, die treiben's jetzt mit Erlaubnis vom Staat, und damit der Staat uns als ordentliche Mitbürger unter der Akte „Ehepaar" führen kann, nee, also deswegen heirate ich nicht. Die anderen, die leben ihr Leben und ich meins. Wenn ich auf Wolke sieben schwebe, spüre ich es, und wenn ich down bin, nimmt's mir keiner ab. Entscheiden tu ich allein, und wenn ich Fehler mach, bad ich sie allein aus. Ein Ehering ändert da auch nichts dran. „Ehen werden im Himmel geschlossen, aber man lebt auf der Erde", sagt meine Mutter. Ist schon was dran. So'n Ring ist keine Garantie, daß es gut geht zusammen. Das ist nicht mehr wie früher, wo so'ne Ehe halten mußte, egal, was kommt. Wo die Frau bloß versorgt und gut angesehen war, wenn sie verheiratet war. Wo die alles hat mit sich machen lassen müssen und so. Oder wo noch andere über einen bestimmt haben, wen man heiratet. Damals, da war die Ehe echt noch so'ne Art Wirtschaftsvertrag, wo's noch Mitgift gab für die Frau und der Mann bei den Eltern vorweisen mußte, was er hat und was er ist und daß er eine Frau und Kinder überhaupt unterhalten und ernähren kann, und das auch noch standesgemäß. Heute kann jede Frau auch ohne Mann für sich selbst sorgen. Wenn man sich heute entschließt, zusammen zu leben, dann bloß wegen der Liebe, weil man den anderen eben groß findet und mit dem echt glücklich ist. Und das Glück, das will man dann immer haben. Wenn ein Trauschein dafür sorgen könnte, daß man so glücklich bleibt, ja, also dann hätte der schon Sinn, dann würden das wohl wieder viel mehr wollen. Aber so ? Also wenn ich mit einem leben will, dann mach ich das, das heißt natürlich, wenn der auch will, ist ja klar. Aber wenn's mal nicht mehr geht, weil wir vielleicht merken, daß wir doch nicht zusammenpassen, dann muß auch Schlnß sein. Und das war's dann, mit dem Ring oder ohne. Ob's dir dabei gut geht oder nicht, interessiert keinen. Die Leute zerreißen sich so oder so die erste Zeit das Maul über dich und hätten alles besser gewußt und sind schadenfroh. Da bist du mit Trauschein nicht besser dran als ohne. Und der Scheidungsrichter macht auch nicht, daß die Welt wieder in Ordnung ist. Im Gegenteil, der bittet dich auch noch zur Kasse. Da lob ich mir's doch ohne, da ist die Liebe genauso schön, und keiner redet mir rein.

An den Anfang des Lebens setzte der Schöpfer ein Paar. Er trug ihm auf, fruchtbar zu sein, und aus dem ersten Paar gingen neue Paare hervor. So wurde das Paar zum Grundbaustein der Gesellschaft. Aus zwei Teilen bestehend, war es nur in der Vereinigung ein Ganzes, für sich selbst gesehen ein Nichts. Und der wichtigste Lebenszweck bestand darin. Nachkommen zu zeugen, um die Gesellschaft zu vermehren und zu erhalten. Ein Mädchen wurde nur zur Ehefrau geboren. Ein Junggeselle wurde als armer, unfertiger Tropf angesehen, meist verachtet, oft bedauert. Waren Mann und Frau aber erst einmal ihrer Bestimmung zugeführt, bewies die Verwendung eines gemeinsamen Familiennamens, daß die Einzelpersonen nicht mehr existierten.

Für Bettina und Millionen unverheiratet Zusammenlebender gibt es diese Bedeutung des Paargedankens nicht mehr. Weder Mann noch Frau verstehen sich als unvollkommene, einer Ergänzung bedürftige Lebewesen. Im Gegenteil, das Bewußtsein des eigenen Wertes war nie stärker als jetzt. Entschließen sich zwei Menschen, ihr Leben miteinander zu verbringen, ist keiner bereit, dafür dauerhaft auf etwas zu verzichten. Partnerschaft ist angesagt. Arbeitsteilung wird erwartet. Aufgaben der Frau sind Aufgaben des Mannes und umgekehrt.

Leider sind diese Wunschvorstellungen vom Leben zu zweit mit der Wirklichkeit oft unvereinbar. Dies fängt schon mit Kleinigkeiten an. Beispiel Hausarbeit. Statistiken beweisen, daß Junggesellen wöchentlich etwa acht Stunden damit verbringen, ihre Siebensachen zu ordnen und die Wohnung zu putzen. Junggesellinnen nehmen sich jede Woche etwa 20 Stunden dafür Zeit. Will man zusammenziehen, soll diese Arbeit fifty-fifty aufgeteilt werden.

Und wie sieht's in der Realität aus? Statistisch gesehen legen Männer von nun an für nur mehr vier Stunden wöchentlich Hand an, sonst lieber die Füße auf den Tisch. Frauen hingegen verdoppeln ihr Wochenpensum auf 40 Stunden und übernehmen den Teil des Liebsten mit. Zwar machen diese Erfahrung die meisten Frauen immer wieder aufs neue, neu ist sie deswegen trotzdem nicht. Immerhin schrieb Emile Durkheim schon vor neunzig Jahren: „Man muß zugeben, daß die für die Frau so unheilbringende eheliche Gemeinschaft, selbst wenn Kinder fehlen, für den Mann wohltuend ist."

Anders als zu Zeiten unserer Großmütter sind junge Paare von heute nicht mehr bereit, jeden Preis dafür zu zahlen, daß der Partner bleibt. Selbstverwirklichung ist mehr als nur ein Modewort, es ist gelebte Wirklichkeit. Da ein Verzicht darauf auch heute traditionellerweise eher von der Frau als vom Mann erwartet wird, empfinden Fraue die Nachteile der Zweisamkeit härter als ihre Partner. Entsprechend häufiger sind sie es, die eine Bindung be- enden.

Liebe und „Einssein" für immer, das gilt so nicht mehr. Zwar ist die Sehnsucht nach ewiger Liebe und Treue geblieben, aber ehe man an einer unvollkommenen Erfüllung leidet, gibt man sich selbst (und dem anderen) eine neue Chance auf ein anderes, besseres Glück. Zweisamkeit muß Bereicherung sein, wenn sie Erfolg haben soll. Verlangt sie Opfer, steigt man lieber aus. Das Risiko, in der Liebe zu scheitern, wird vom ersten Tag an einkalkuliert. Bei vielen so sehr, daß eine Hochzeit erst gar nicht in Frage kommt.