Leseprobe

Wer sind die Täter?
Die andere Seite des Kindesmißbrauchs

Täter ganz generell sind:

  • In einem erschreckenden Übermaß von achtzig bis neunzig Prozent Männer. Allerdings muß man hinzufügen, daß die Erforschung weiblicher Täter in keiner Relation zu entsprechenden Untersuchungen von Männern steht und die bisher als stimmig dargelegten Zahlenangaben daher nicht absolut aussagefähig sind.
  • In vierzig bis fünfzig Prozent aller Fälle mit ihren Opfern gut bekannt, aber nicht mit ihnen verwandt.
  • In etwa dreißig Prozent aller Fälle die leiblichen Väter oder Brüder, Stiefväter oder Großväter, Onkel oder andere nahe Verwandte ihrer Opfer.
  • In nur rund zehn Prozent Fremde.
  • In höchstens zehn bis zwanzig Prozent aller Fälle Frauen. In dieser Zahlenangabe werden nicht nur fremde oder den Opfern gut bekannte Täterinnen, sondern auch leibliche Mütter, Stiefmütter, Schwestern, Tanten, Großmütter und ähnliche nahe Verwandte mit erfaßt.

Erwachsene Täter sind:

  • Als Männer selten homosexuell, wenn sie Jungen mißbrauchen, und als Frauen selten lesbisch, wenn sie Mädchen mißbrauchen.
  • In einem hohen, jedoch noch nicht genau erfaßten Prozentsatz pädophil. Das heißt, sie sind in ihrer Sexualität auf Kinder fixiert und verspüren wenig Neigung, sich sexuell auf eine gleichberechtigte Beziehung zu einem Erwachsenen einzulassen. In der Regel erlischt das sexuelle Interesse eines Pädophilen an seinem Opfer, wenn es in die Pubertät eintritt.
  • Selten dumme Menschen. Die große Mehrheit ist durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und übt einen Beruf im mittleren bis höchsten Bildungsbereich aus.
  • Selten seelisch angegriffener oder nicht häufiger im Sinne einer psychiatrischen Diagnose krank als der Bevölkerungsdurchschnitt.
  • Fast immer ihrem speziellen sozialen Umfeld bis zur Unauffälligkeit angepaßt oder überangepaßt.
  • Polizeilich gut bis sehr gut beleumundet, als Nachbarn beliebt und als Vereins- oder Gemeindemitglieder anerkannt. Häufig zeichnen sie sich durch eine stark ausgeprägte christliche Einstellung aus, die sich in einer aktiven Beteiligung am Kirchendienst niederschlägt. Oft wird hier als besonders bevorzugter Schwerpunkt die Jugendarbeit angegeben. Nicht selten tritt ein sexuell Mißbrauchender auch politisch hervor und bemüht sich etwa um ein Mandat als Stadtrat.
  • Nach außen hin selbstbewußt und besonnen, im Innersten aber meist selbstunsicher und gehemmt, so daß das oberflächlich als friedliebend und friedfertig einzuschätzende Verhalten in Wahrheit Beweis einer das ganze Leben prägenden persönlichen Feigheit ist.
  • Selten in ihrer Familienstruktur und persönlichen Lebensführung nach außen geöffnet. Mit anderen Worten, Täter zeigen nach außen hin eine geordnete, absolut unauffällige Scheinwelt, deren Fassade sie zum Beispiel dadurch aufrechterhalten, daß sie keinen oder keinen unangemeldeten Besucher zu sich hereinbitten, ihren Kindern keinen oder nur sehr selten Freundesbesuch erlauben, den Bewegungsspielraum der einzelnen Familienmitglieder streng kontrollieren und einengen und als oberste Lebensmaxime predigen: »Was bei uns in der Familie vorgeht, geht keinen etwas an!«
  • Auf Befragen in ihrer Selbstdarstellung meist frei von Schuld. Sie verdrängen die Tat entweder ganz aus ihrem Bewußtsein und der Erinnerung, oder sie nehmen diese von vornherein nicht als Unrecht gegenüber dem Kind wahr.
  • Selten bereit, für das, was sie getan haben, bewußt Verantwortung zu übernehmen. Meist stellen sie den sexuellen Mißbrauch so dar, als habe das Kind den Täter zu der Handlung verführt, diese gewünscht, herbeigeführt und als schön genossen. In fast allen Fällen stellen Täter sich selbst als die wahren Opfer dar und geben vor, das mißbrauchte Kind mehr geliebt zu haben als alles andere auf der Welt, so daß sie aus tiefstem Herzen heraus gar nicht anders konnten, als die sexuelle Vereinigung anzustreben und schließlich auch zu vollziehen.
  • Häufig selbst einmal sexuell mißbrauchte Kinder gewesen. Bei Männern, so die Forschung, zu 30 bis 60 Prozent, bei Frauen zu 75 und mehr Prozent. Dieser Mißbrauch wurde in der Regel nie bewußt aufgearbeitet und überwunden, sondern möglichst tief verdrängt und verschwiegen. Daher fällt es vielen Tätern leichter, über ihre eigene Rolle als Mißbrauchstäter zu sprechen, als über ihre frühere Opferrolle. Indem sie selbst zum Täter werden, spielen sie ihre eigenen frühen Erfahrungen jedoch unbewußt nach, um sie auf diese Weise endlich für sich selbst bewältigen zu können. So gesehen, ist der sexuelle Mißbrauch als Tat nach außen hin ein Zeichen von Macht und Stärke, in Wahrheit aber genau das Gegenteil, nämlich ein Zeichen von Ohnmacht und Schwäche. (Aber ehemalige Opfer werden nicht immer und quasi automatisch zu Tätern. Ich selbst kenne einige in ihrer Kindheit sexuell mißbrauchte Erwachsene, die nie und nimmermehr selbst zu Tätern werden würden. Ja, die aus ihren eigenen Erfahrungen heraus einen solchen inneren Widerwillen vor einer sexuellen Handlung mit Kindern gefaßt haben, daß sie bei der Entdeckung ähnlich gearteter Neigungen an sich selbst eher den Freitod wählen würden als die Tat.)

Jugendliche Täter sind:

  • In etwa 75 Prozent aller Fälle bereits vor ihrem 12. Lebensjahr sexuell aktiv. Sie hatten bereits mehrfach oder sogar regelmäßig Geschlechtsverkehr. Die Sexpartner waren in der Regel Erwachsene.
  • In rund 70 Prozent aller Fälle Kinder von Eltern, die ihre Kinder sexuell mißbrauchen.
  • In rund 60 Prozent aller Fälle Kinder von Eltern, die ihre Kinder sexuell mißbrauchen und selbst als Kinder bereits Mißbrauchsopfer waren.
  • In etwa 60 Prozent aller Fälle bereits vor ihrem 17. Lebensjahr zum Täter geworden.
  • In rund 30 Prozent aller Fälle zwischen ihrem 17. und ihrem 19. Lebensjahr zu Tätern geworden.
  • In etwa 10 Prozent bereits bis zu ihrem 10. Lebensjahr zu Tätern geworden. Häufig sind diese sehr jungen Kind-Täter fast hemmungslos brutal oder töten ihr Opfer aus Angst vor den Folgen und um die Tat zu vertuschen.
  • In ihrer Kindheit häufig selbst Opfer des Mißbrauchs gewesen. Dies gaben auf Befragen zwischen 50 und 80 Prozent der in den USA inhaftierten jugendlichen sexuellen Mißbrauchstäter an.
  • Zu einem hohen Prozentsatz in Familien aufgewachsen, in denen körperliche Gewalt, elterliche Vernachlässigung und brutalste Mißhandlungen alltäglich vorkamen und daher als selbstverständlich empfunden wurden. Jugendliche Täter aus solchen Familien sind Nachahmungstäter, die ein negatives Vorbildverhalten kopieren.
  • Überwiegend nicht nur sexuelle Mißbrauchstäter, sondern auch anderweitig verhaltensauffällig. Die Vielfalt der Auffälligkeiten läßt sich nicht aufzählen. Meist haben jugendliche Mißbrauchstäter jedoch keine oder nur »gekaufte« Freunde, zeigen ein ungewöhnlich aggressives oder aber ein ungewöhnlich passives Verhalten, begehen regelmäßig und sehr offensichtlich Diebstähle, schließen sich Jugendbanden an, nehmen Drogen oder prostituieren sich, neigen zu Depressionen bis hin zu selbstverstümmelnden Handlungen oder Selbstmord. Nicht selten vereinigen sie eine Mischung aus diesen oder anderen Verhaltensstörungen auf sich. Dabei kapseln sie ihr Inneres und das, was sie erleben, entweder rigoros ab und geben nichts von sich preis, oder sie zeigen ein so heftiges Mitteilungsbedürfnis, daß niemand das Mitgeteilte ernst nehmen will.

Alles in allem muß man feststellen, daß die Täter von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche nie als furchterregende wilde Kerle daherkommen, die sofort als Kinder schändende Sexmonster einzuschätzen sind. Im Gegenteil, sexuelle Mißbrauchstäter wirken weder bereits auf den ersten Blick zwingend und haarsträubend unsympathisch, noch erkennt man an ihrer Nasenspitze, die sind es. Ich habe immer wieder erlebt, daß gerade gutaussehende, gebildete, körperlich gepflegte und in ihrem Benehmen tadellose Männer Täter waren. Daß gerade die Frau, die ich spontan als Erzmutter, als liebevolle und behütende Bezugsperson Nummer eins bezeichnet hätte, heimlich ihre sexuelle Lust an ihrem Sohn oder ihrer Tochter stillte.

Immer aber geht es um Macht und Machtmißbrauch. Um den Wunsch, die eigene Feigheit und Ohnmacht hinter dem Gefühl der Herrschaft über einen anderen Menschen zu verstecken und sich selbst zu beweisen, wie stark man doch ist. Daß dies bei einem möglichst kleinen, möglichst schwachen und jungen, möglichst voller Liebe und Vertrauen zu dem Täter oder der Täterin aufschauenden Kind besonders leicht gelingt, ist keine Frage. Wann immer ein Kind sexuell mißbraucht wird, stempeln der Täter oder die Täterin es als Besitz ab, über den er oder sie die absolute Verfügungsgewalt zu haben glauben. Manchmal geht es auch um Wut oder Rache oder die eigene Hilflosigkeit, die in sinnlose Gewalt und Zerstörungslust ausartet. Und es geht um das Genuß- und Lustobjekt Kind, das von Pädophilen unter dem Deckmantel der reinen Liebe zu sexuellen Zwecken ausgenutzt wird. Was Täter oder Täterinnen zu ihrer Tat bewegt, ist so vielschichtig wie die Tat selbst.

Nur eins kann man vielleicht behaupten, und dies wage ich hier einmal. Ich bin überzeugt, daß man sexuell mißbrauchte oder auf eine andere schwere Weise mißhandelte Kinder bis weit ins Erwachsenenalter hinein an einem eher mit dem Herzen als in Worten zu erfassenden leblosen, zutiefst abwesenden Ausdruck ihrer Augen erkennt. An einem Ausdruck, der wie blind über diesen Augen liegt, so daß sie zwar sehen, aber nicht wirklich wahrnehmen. So daß die Seele, das Lebendige in diesen Augen fehlt.

Wenn Augen wirklich die »lieben Fensterlein« der Seele sind, wie Goethe es in einem seiner berühmtesten Gedichte ausdrückt, sind die Fenster von Kindern, denen der sexuelle Mißbrauch die Seele abgedrückt hat, dunkel und leer. Und dies, sage ich, kann man sehen. Verbunden mit einer Vielzahl von Einzelbeobachtungen, die das soziale Verhalten mißbrauchter Kinder eindeutig prägen, führt uns ein aufmerksames und waches Zusammenleben mit Kindern zielstrebig und unerbittlich zu Täter oder Täterin. Keine noch so perfekt abgezogene Lebensshow wird dann den wahren Schuldigen vor den Folgen seiner Tat schützen.

Es sind nicht immer nur die Männer

Daß Frauen als sexuelle Mißbraucherinnen weit seltener an die Öffentlichkeit gezerrt werden als - verdientermaßen - ihre männlichen Pendants, dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Eine der entscheidenden Ursachen ist ohne Zweifel die weit verbreitete Männerfeindlichkeit vieler forschender und Bericht erstattender oder in Hilfsorganisationen tätiger Frauen, in deren Augen Frauen generell die besseren Menschen zu sein scheinen und Jungen lieber ohne »Tarwaffe Penis« geboren werden sollten.

Beweis hierfür ist unter anderem, daß die meisten Mädchen- und Frauenschützerinnen, wie zum Beispiel die bundesweit bekannte Gruppe »Wildwasser e.V.«, es kategorisch ablehnen, mit sexuell mißbrauchten Jungen zu arbeiten, Männern ihre Hilfsprogramme verweigern und männliche Mitarbeiter ausschließen. Ja, daß sie selbst zu öffentlichen Vorträgen Männern keinen Zutritt gewähren und mancherorts Mitglieder bestimmter Frauengruppen als Rausschmeißer füngieren, wenn sich eine komplette Familie widerrechtlich im ansonsten rein weiblichen Publikum eingefunden hat. Die sich in einer solchen Denk- und Lebensweise zeigende Selbstüberschätzung des Weiblichen läßt ganz offensichtlich eine kritische Auseinandersetzung mit Frauengewalt und vergleichbar unschönen Aspekten nicht oder nur unzureichend zu.

Klüger wäre es, ehrlich zu informieren und sich darauf zu besinnen, daß sexueller Mißbrauch erst dann aufhören wird, wenn Mann und Frau einander achten und respektieren.

Versucht man, sich auf Zahlen zu stützen, die Aussagen über die Häufigkeit des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Frauen zulassen, stößt man, wie überall im gesamten Problemfeld, auf extreme Abweichungen. Die in polizeilichen oder anderen professionellen Studien erfaßten Zahlen lassen sich nicht einmal annäherungsweise mit geschätzten Angaben vergleichen.

Die Kriminalstatistik des deutschen Bundeskriminalamtes von Juli 1991 benennt für das Jahr 1990 insgesamt 5428 Tatverdächtige. Davon waren 98,3 Prozent Männer und 1,7 Prozent Frauen. Man müßte also auf einen verschwindend kleinen Anteil weiblicher Mißbrauchstäter schließen.

Der Deutsche Kinderschutzbund Frankfurt gibt jedoch in seinem Jahresbericht für 1990 von den polizeilichen Daten stark divergierende Zahlen an. So heißt es hier, daß in 10,7 Prozent der erfaßten Fälle die Kinder von Frauen mißbraucht wurden. Auf die leiblichen Mütter entfielen 6,8 Prozent, auf Pflegemütter 1,5 Prozent, auf Stiefmütter 0,8 Prozent.

Beratungsstellen und Selbsthilfeorganisationen gehen davon aus, daß allein in Deutschland jährlich rund 300000 Kinder sexuell mißbraucht werden. Legt man diese Zahl zugrunde, so ergibt sich bei einem ebenfalls geschätzten Mittelwert sexueller Mißbrauchstäterinnen von rund zwanzig Prozent, daß jedes Jahr mindestens 60000 Kinder von ihren Müttern oder anderen engen weiblichen Bezugspersonen sexuell ausgebeutet werden. Diese Zahlen stimmen mit Forschungsergebnissen zum Beispiel aus den USA und Dänemark überein.

Tatsache ist auch, daß Frauen im Geschäft mit der Kinderpomographie und am Verkauf ihrer Kinder an sexwillige Täter mitmischen und hier keineswegs zimperlich sind.