Leseprobe

"Ein Vater gibt nicht auf"

Epilog des Vaters

S., im Juli 1999

Liebe Maria, mein geliebtes Kind,

Väter, die willkürlich von ihren Kindern getrennt werden und nicht wissen, wo sie sind, schreiben ihnen Briefe, die sie nie abschicken. Auch ich, dein Vater.
Die ersten Tage und Wochen, nachdem Du mir von Deiner Mutter aus den Armen gerissen wurdest, schrieb ich mir monatelang die Finger wund. Der dicke Papierstapel soll nun die Grundlage für ein Buch sein, aus dem Du später, wenn Du lesen und Dir eine Meinung darüber bilden kannst, erfährst, was wirklich passiert ist. Warum wir getrennt wurden. Wir als Familie, Du und ich.

Ein paarmal gestattete mir Deine Mutter auch nach der Trennung noch, Dich zu sehen. Doch heute sind schon zwei und ein halbes Jahr vergangen, seit ich Dich das letzte Mal in den Armen hielt, an diesem nebligen Dienstag, dem 5. März 1997.
Noch immer gibt es einen eigenen Platz für Dich in meiner Wohnung. Ein Babysöckchen und ein Latztüchlein, die Deine Mutter bei ihrem Auszug vergessen hat, liegen dort neben ein paar Spielsachen, Stiften und anderen Zeichenutensilien, die nur darauf zu warten scheinen, dass Du wieder kommst und sie benutzt.
Und dabei weiß ich nicht einmal, wie Du aussiehst, wie Du sprichst, wie es Dir geht, welche Spiele Du magst, ob Du gesund bist oder krank. Ich habe keine Adresse von Dir, keine Telefonnummer. Nichts. Deine Mutter verweigert mir jede Auskunft, jeden Kontakt, selbst ein Foto oder eine Tonkassette, auf der ich Deine Stimme hören könnte. Ich weiß nicht einmal, ob Du Dich an mich erinnern kannst. Und würde ich Dich erkennen?
30 Monate sind ein lange Zeit für eine kleine Erdenbürgerin wie Dich. Wie Du sie eines Tages bewerten wirst, weiß ich nicht. Für mich aber sind diese Wochen, Monate und Jahre ohne Dich ein unwiederbringlicher Verlust. So wie Du um Deine Kindheit mit Deinem Vater betrogen wirst, so werde ich um Dich betrogen, mein Kind.

Was hätten wir alles zusammen tun können! Deine Oma in Griechenland besuchen zum Beispiel. Sie hätte uns tschechischen Mohnkuchen gebacken. Wie gern möchte sie Dich immer kennenlernen und Dich drücken. Nach dem Kaffee wären wir zu einem der vielen Sandstrände in der Nähe zum Schwimmen gegangen. Magst Du gern schwimmen? Oder bist Du wasserscheu? Kennst Du das Meer überhaupt? Würdest Du zusammen mit mir hinein laufen wollen?
In einer lauschigen, schattigen Taverne direkt am Meer könntest Du zwischendurch ein Eis schlecken, mit den Beinen baumeln und dem Rauschen der Wellen des Saronischen Golfs lauschen. Vielleicht würden wir anschließend Deine Cousine mit Deiner Tante und Deinem Onkel aus Amerika treffen, die gerade auch bei der Oma Ferien machen. Sie sind so neugierig auf Dich, mein Liebes. Vor allem Deine Cousine, die fast so alt ist wie Du und Dich so gern als Freundin hätte.

Ein andermal, im Juli und August, würden wir Urlaub in der Provence, im Süden Frankreichs, machen. Die Luft duftet dort nach Lavendel. Und die Felder sind mit Mohnblüten rot gesprenkelt. Abends würden alle Kinder aus unserem kleinen Dorf mit Dir Verstecken spielen, bis der Mond aufgeht. Sicher dürftest Du bei Jacques, dem Schäfer, zugucken, wie die Schafe geschoren werden. Der Bäcker würde Dir morgens ein frisches Croissant schenken, das er in seinem Holzofen über Reisigbündeln gebacken hat. Mittags dürftest Du bei unseren Nachbarn im Swimmingpool schwimmen. Und beim Papa im Atelier wärest Du als Einzige auf der Welt, die mit seinen Farben malen darf.

Ich muss aufhören mir vorzustellen, was gewesen wäre, wenn. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn ich Dich wiedersehe. Und doch kommen meine Gedanken nicht von Dir los. Ich trage Dich in meinem Herzen.

Was Deine Mutter Dir über mich und uns erzählt, ob sie Dir überhaupt etwas von mir sagt, und wenn ja, ob etwas Gutes dabei ist, weiß ich nicht, mein Kind. Und wenngleich ich mich bemüht habe, mich in Deine Mutter hinein zu denken und sie zu verstehen, kann ich Dir die Ereignisse der Vergangenheit natürlich nicht aus ihrer Sicht beschreiben. Es ist mir sogar nur bis zu einem eher geringen Grad möglich, Verständnis für Deine Mutter aufzubringen. Sie habe sich von mir gedemütigt und bedroht gefühlt, schrie sie mir ins Gesicht, als sie Dich damals aus meinen Armen zerrte, Dich, ja, regelrecht kidnappte. Ich hätte sie unterdrückt und ausgebeutet. Und sie werde sich rächen, rächen, rächen.
Vielleicht habe ich sie gedemütigt. Vielleicht habe ich bedrohlich auf sie gewirkt, obwohl ich ihr nie etwas Zuleide getan habe. Wir hatten Streit. Wir lebten in verschiedenen Welten und die vermischten sich einfach nicht zu einer dritten, gemeinsamen. Wie Feuer und Wasser waren wir. Beide leidenschaftlich, beide Siegertypen. Deine Mutter wollte es schließlich wissen, wer von uns das Sagen hatte. Sie ertrug es nicht, mit einem Mann zu leben, der anders ist als eine Frau. Sie hielt es mit mir als Mann nicht aus, weil sie wohl gar nicht wirklich einen Mann sondern einen Vater haben wollte. Und sie ertrug mich als Deinen Vater nicht, weil sie selbst nie einen Vater hatte. Alles, was mit mir zusammenhing, war für sie so anders als alles, was sie kannte und so beunruhigend und anstrengend, dass es ihr irgendwann nur noch Angst machte. Und doch sieht sie Dich, mein Kind, ein Stück von mir, jeden Tag. Geht das gut? Liebt sie Dich wie Du bist? Oder musst Du hören, dass Du bist wie Dein Vater, den sie nicht ertragen kann?

Eines Tages hielt sie die durch mich in ihr Leben getretene Unordnung mitsamt den Anforderungen an sie als meine Frau und die Angst, durch mich in die zweite Reihe gedrängt zu werden, nicht mehr aus. Sie wollte für die Menschen in unserem Leben nicht die Frau vom Georg sein, sondern der Georg sollte der Mann von ihr sein. Sie wollte aufhören zu arbeiten und von mir auf Händen getragen werden. Ich sollte sie verwöhnen und ihr Sicherheit bieten. Sie wollte befehlen und ich sollte wie ein Hündchen Männchen machen. Sie wollte meine Herrin sein und zugleich mein Kind, das von mir versorgt und verwöhnt würde.
Und sie hatte Angst, dass auch Du mich eines Tages in die erste Reihe setzen und sie in die zweite Reihe rücken würdest. Sie hatte sich wohl in mich verliebt, weil es ihr gefallen hätte, einen Vater wie mich gehabt zu haben. Und nun befürchtete sie, dass es auch Dir gefallen könnte, mich als Vater zu haben.
Deine Mutter, mein Liebes, hat keinen Vater und sie liebt deshalb nur ihre Mutter. Vielleicht konnte und wollte sie deshalb Deine Liebe nicht mit mir teilen und auch meine Liebe nicht mit Dir teilen. Aber Deine Mutter ist klug. Und natürlich weiß sie sehr genau, dass eine erwachsene Frau und Mutter sich nicht gestatten darf, solche eifersüchtigen, kindischen Gefühle zu haben. Also erteilte sie sich selbst die Erlaubnis dazu, indem sie behauptete, ich sei ihre und Deine Liebe nicht wert, und sie müsse Dich vor mir beschützen, weil ich böse und ein schlechter Vater sei.

Aber glaub mir, Maria, mit Dir hat das alles nichts zu tun. Du hast Dir das nicht ausgesucht. Du hast das nicht verdient. Du kannst nichts dafür, nicht das Geringste.
Dies alles ist im Grunde einzig und allein meine und Sache Deiner Mutter. Aber leider gelingt es uns nicht, Dich da ganz heraus zu halten, wie Du es verdient hättest.
Such also bitte niemals irgendeine Schuld bei Dir. Du hast mich nicht zu sehr geliebt und auch nicht zu wenig, sondern gerade recht. So wie Du auch Deine Mutter gerade recht geliebt hast und sicher weiterhin liebst.

Was immer Du von Anderen über mich erfährst, Maria, - ich bin kein Mensch, der perfekt ist und benehme mich auch nicht so. Ich habe Fehler und Ecken und Kanten Zuhauf. Bin auch nicht mehr der Jüngste und manchmal ein rechter Hitzkopf. Aber ich bin ein Mann von Ehre mit festen Wertvorstellungen und einem starken Gefühl für Frieden und Gerechtigkeit. Nie habe ich mir vorgestellt, einmal gegen eine Frau kämpfen zu müssen, die ich geliebt und mit der ich ein Kind habe. Auch habe ich nie vermutet, eines Tages den Behördenschreck spielen und meine schwer erkämpfte Freiheit als Künstler einer hirnlosen Bürokratie opfern zu müssen.

Als ich Deine Mutter kennen und lieben lernte, war ich ein glücklicher Mann. Als Du geboren wurdest, war ich ein glücklicher Vater. Als Deine Mutter mich in diesen unwürdigen, sinnlosen Bürokratie-Krieg stürzte, kam ich mir vor wie Ikarus, der mit brennenden Flügeln ins Meer stürzte, weil er der Sonne, seiner Liebe, zu nahe gekommen war. Seitdem ist viel von meiner Lebensqualität, meiner Unbekümmertheit und der Kraft meiner Kunst verloren gegangen.

Aber ich habe immer noch ein Herz, das lieben kann. Die Freiheit liebe ich, die ich mir erarbeitet habe, und den Beruf, der sie mir erhält. Deine ältere Schwester liebe ich, die mich genau wie Du nicht als Vater haben durfte, weil ihre Mutter dies - so wie jetzt Deine Mutter - nicht duldete. Genau wie Deiner Mutter war ich der Mutter meiner ersten Tochter nicht reich genug, nicht brav, nicht angepasst und gutbürgerlich genug. Ein Mann, der ohne festes Einkommen, ohne Villa, Superauto und Nadelstreifenanzug zufrieden ist, war für sie nicht der richtige Mann. Beide Frauen bestraften mich für die Liebe, die sie mir, einem Unwürdigen, geschenkt hatten, indem sie mir das Kind nahmen, das ich ihnen geschenkt hatte. Doch auch wenn Du, meine liebe Tochter, deshalb nun weit weg von mir lebst, bist Du es, die ich vom ersten Augenblick Deines Daseins an für immer und ganz besonders lieb habe.

Unser Schicksal ist nur ein kleines Schicksal auf dieser Erde, mein Kind. Aber es hat mit Liebe zu tun. Die ist einmalig, bei jedem, der sie erfährt. Und das zählt. Nur das.

In Liebe
Dein Vater

Weihnachten in der Provence

.... Seltsamerweise waren sie nach diesem Abend wieder zusammen. Nicht so nah wie zuvor. Auch wurde nie mehr darüber gesprochen, dass ein Hochzeitstermin festgelegt werden müsse. Doch ein feucht-fröhlicher Nikolausabend endete mit der offiziellen Versöhnung und erstmals wieder in Georgs Bett. Einige Tage später fuhren sie zusammen in die Provence.

Uschi fieberte ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest entgegen und plante meisterhaft. Ein Weihnachtsbaum musste aufgestellt werden. Fast mit dem Maßband galt es Lametta, Weihnachtskugeln und anderen Weihnachtsschmuck daran zu befestigen. Schön ordentlich und akkurat die dicksten Kugeln nach unten, die kleinsten Teile nach oben. Geschenke waren einzukaufen. Für jeden etwas, mit Akkribie ausgewählt, säuberlich auf dem Einkaufszettel abgehakt. Eine heillose Rennerei. Und für Georg die reinste Tortur.

Weihnachten in der Provence stand für ihn synonym für Flucht aus dem Konsumrausch. Den Heiligen Geist verspürte er, wenn das Prasseln des Feuers im Kamin den Mistral übertönte, der fauchend um Hauswände und Schornsteine heulte. Ein gutes Buch, eine noble Flasche roten Gigondas, Kerzenlicht. Mehr brauchte es nicht für ihn zum Gipfel der Zufriedenheit.

Uschi hingegen wuselte herum wie ein wild gewordener Handfeger. Sie putzte, wienerte und ließ den Staubsauger erst kurz vor dem Zubettgehen aus der Hand. Dort noch etwas einkaufen, hier noch etwas besorgen, immer schnell, immer atemlos jagend. Hektik zum Aus-der-Haut-Fahren.

Stundenlang flüchtete Georg sich zu seinem Holzvorrat, der in kamingerechte Stücke gesägt und gehackt werden musste. Es tat ihm gut, sich den Frust abzurackern. Und noch besser, das dünne Licht des Winters in seinem Atelier zu nutzen, um wenigstens die eine oder andere Idee in ein Bild umzusetzen.

"Lass doch den Stress, Kleines!",
bat er oft, wenn Uschi auch abends noch nicht zur Ruhe kam.
Sie lachte nur, fuhr ihm über den Kopf.
"Du hast einfach zu lange allein gelebt und keine Weihnachtskultur!"

Er hätte ihr gern gesagt, dass ihm die Weihnachtstage seiner Kinderzeit in Tschechien unvergesslich waren. Mit Tannenbaum, echtem Kerzenlicht, dem Duft von Pfeffernüssen, Mutters Mohnkuchen und viel, viel Schnee. Doch er schwieg. Wie er immer öfter etwas verschwieg, was er ihr lieber mitgeteilt hätte. Das Eis über den Strudeln ihrer Beziehung war dünn. Brüchig, wie er nur zu oft spürte. Er wagte nicht mehr so recht, es zu belasten.

"Du hast mir doch selbst gesagt, dass du seit dem 14. Lebensjahr Weihnachten fast immer solo warst",
fuhr Uschi fort und nahm nun tatsächlich neben ihm Platz.
"Stimmt."
Georg gab es bereitwillig zu.
"Kann schon sein, Kleines, dass ich ein bisschen abgehärtet bin."
"Macht nichts, ich weich dich schon wieder auf!"
Wenn sie wollte, konnte sie schnurren und schmiegsam wie ein Kätzchen sein. Es gehörte wohl dazu, dass sie gelegentlich die Krallen ausfuhr."So lange es nicht zu oft wird",
dachte Georg hoffnungsfroh.

Uschi ließ es sich nicht nehmen, zum Heiligen Abend Gastgeberin zu sein. Ein Ehepaar war eingeladen, welches Georg seit über zehn Jahren kannte. Aus Saarbrücken stammend, hatten sie in seinem Dorf ein großzügiges Anwesen erworben, auf dem sie eine "Werkstatt für schöpferisches Gestalten" führten und alljährlich zahlreiche Kurse in Fotographie, Kalligraphie, Malerei und sogar Kochkunst anboten.
"La Castellane" war für Georg wie ein zweites Zuhause und das gemeinsame Weihnachtsessen schon fast Tradition

"Treib bloß keinen Aufwand",
hatte Klaus gemahnt, als Uschi die Einladung zu einem echt deutschen Weihnachtsessen verkündete.
"Mach was Schnelles, bitte."

Georg hatte den Eindruck, dass sie am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht hätten, als sie sein ihnen wohlbekanntes Junggesellenidyll betraten. Nichts war mehr, wie es war.

"La belle france" war vollkommen in deutscher Hand.

Uschi hatte an alles gedacht.
Vier Dutzend Kerzen erhellten die kleine Küche vor dem gemütlich knisternden Kamin. Der Tisch war aufwändig gedeckt.
Sogar ein farblich und stimmungsmäßig passendes Tafelservice war eigens für diesen Anlass angeschafft worden.
Und der Weihnachtsbaum strahlte im vollen Ornat.
Von der verspiegelten Glasspitze über die bolzengerade stehenden Kerzen bis zum feinsten Engelshaarlöckchen strahlte er die Noblesse perfektionierten Ordnungssinns aus.

Mindestens einen Tag hatte Uschi damit verbracht, einen Stapel Geschenke festlich einzupacken und unter dem Weihnachtsbaum zu dekorieren.
Im Backofen brutzelte eine Lammkeule.
Die verschiedensten Vor- und Nachspeisen belegten sämtliche Kühlschrankfächer.
Vermutlich hätte man alle 35 Dorfeinwohner damit verköstigen können und immer noch etwas übrig gehabt.

Es war genau das Festessen, das sich Georgs Freunde nicht gewünscht hatten. Tag für Tag und Jahr um Jahr verpflichtet, ihre zahlenden Hausgäste mit dem luxuriösen Service und dem Können eines Drei-Sterne-Restaurants zu bekochen und zu verwöhnen, sehnten sie sich in ihrer Freizeit eher nach dem Luxus des Einfachen. Also genau danach, was Georg normalerweise reichlich zu bieten hatte. An diesem Abend würde daraus nichts werden.

Hanna erfasste die Situation sofort.
Aus der Not eine Tugend machend, umarmte sie Uschi vielleicht etwas zu überschwänglich.
"Du lieber Himmel, hast du dir Mühe und Arbeit gemacht! Das können wir ja nie wieder gut machen!"
Und traf damit genau den Ton, den die eifrige Gastgeberin hören wollte.

Mit Wehmut dachte Georg zwischen all den Leckerbissen an die vergangenen Weihnachtsmahlzeiten, wenn lautes Lachen seine Bude erfüllt hatte und die Korken knallten. Aber wirklich Leid tat ihm seine Liebste.

Uschi hatte so unendlich viel Kraft, Geld und Energie in dieses Essen und die Feier investiert.
Zur Belohnung hätte ein rauschendes Fest der Sinne daraus werden müssen.
Statt dessen saßen alle steif und sorgsam genießend an ihren Plätzen. Small talk plätscherte. Gelacht wurde eher dezent.
Man nahm Rücksicht auf die neue Dame des Hauses, deren zartes Seelengleichgewicht man ja bereits kannte.
Und in scheinbar unbeobachteten Momenten bestaunten alle die absonderliche Mutation des wilden Georg Drachentöters zum bieder-braven Bräutigam.
Wären als hochwillkommene und ausdrücklich eingeladene Unterbrechung der Fress-Orgie nicht Georgs Patenkinder zur Bescherung hereingestürmt, womöglich wäre die Unterhaltung Dank übervoller Bäuche noch vor Mitternacht ganz erstorben. Doch die Kinder mischten die Stimmung fröhlich auf.

Zu Uschis Entsetzen feuerte Georg drei Schüsse aus einem alten Schrotgewehr gen Himmel, worauf ein Kinderfahrrad und diverse Päckchen aus dem Kamin purzelten. Selbst der lautstarke Jubel der Kinder über die Gaben des Père NoÁl, des Weihnachtsmannes, die dieser offenkundig just in diesem Augenblick vom Himmel durch den Schornstein fallen lassen hatte, schien ihr wohl irgendwie unpassend.

Natürlich musste alles auf der Stelle ausgepackt und ausprobiert werden. Und zum guten Schluss fanden endlich auch Uschis köstliche Desserts angemessen dankbare Abnehmer.

Voll Mitgefühl für seine Liebste stellte Georg fest, dass die Freunde trotzdem erleichtert waren, das gastliche Haus zu vorgerückter Stunde verlassen zu dürfen.

"Ihr wisst ja, um's mit den alten Latrinern zu sagen, plenus venter non studet libenter", meinte Klaus zum Abschied und schlug sich auf den wohlgerundeten Leib. "Ich hab die nötige Bettschwere, ihr Lieben. Vielen Dank für Speis und Trank und den wunderbaren deutschen Weihnachtsabend. Auf, Hanna, sattel die Hühner, wir reiten nach Texas. Will sagen, ich muss ins Bett, oder ich platze."

Küsschen links, Küsschen rechts, ein Winken noch unterm sternklaren Himmel. Heiligabend, adieu.

In den folgenden Tagen war Uschi etwas bleich und empfindlicher als sonst. Georg schrieb es dem verflossenen Weihnachtsvorbereitungsmarathon zu.

"Komm, lass das jetzt!",
mahnte er liebevoll und nahm ihr den Staubsauger aus der Hand, mit dem sie schon wieder auf Spinnwebjagd gehen wollte.
"Wollen wir nicht lieber einen Spaziergang machen?"
Widerstrebend gab Uschi nach. Wohin sie gehen würden, konnte sie sich denken.

Ein aus der Römerzeit stammender Sandsteinbruch in der nächsten Umgebung des Dorfes war Georgs Lieblingsziel.
Wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Grand Canyon in Arizona und der Farbenpracht der Sandsteinschichten hatte Georg die proven¸alische Miniaturausgabe dieses Naturwunders "Colorado" genannt.
Phallusähnliche Skulpturen mit unzugänglichen Vegetationsbüscheln auf den Spitzen ragten gen Himmel.
Manche waren zwanzig und dreißig Meter hoch.
Ringsum in den Hängen und Niederungen den Steinbruchs wucherte es verkrüppelt, doch immergrün, von großen und kleinen Mittelmeerpinien. Prächtig kontrastierte zu ihren satten Farben das von Ockerrot bis Weiß in horizontalen Farbschichten durchzogene bizarre Gestein.

"Sag mal, wusstest du, dass hier noch in den fünfziger Jahren feine Farbpigmente abgebaut und in alle Welt exportiert wurden?"
Georgs Begeisterung für den Colorado kannte keine Grenzen.
Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass ein Mensch, der sich für Kunst interessiert und Steinmetzmeisterin geworden war, sich nicht die Bohne daraus machen könnte.

"Und wusstest du, dass deshalb zum Beispiel Roussillion, - du weißt doch, das kleine Malerdorf, nicht weit von hier, das mit den roten Hausfassaden - bis heute eine Art Wallfahrtsort für viele Maler ist?
Aber nicht nur Roussillion!
In Gordes lebte Vassarely, in Menerbes Picasso und de StaÁl, in St. Rémy Vincent van Gogh, in Lumarin der Nobelpreisträger Albert Camus.
Die Namen, Kleines, die würden ein ganzes Lexikon füllen.
Alles um uns herum ist voller Magie.
Und ein Augenschmaus für einen Kunst Schaffenden. Und wir sind mitten drin."

"Und du mit deinem ganzen Augenschmaus hast nicht mal Augen im Kopf um zu sehen, dass du mich hier wohl zur Pfadfinderin ausbilden willst!"
Uschi schrie, als sei eine Sicherung in ihr durchgebrannt.
"Du kennst ja vielleicht Kunstlexika auswendig und bist in der Lage, sämtliche Franzosenmaler rückwärts im Schlaf aufzusagen, aber von Frauen hast du absolut keinen blassen Schimmer.
Mir so einen Scheißweg zuzumuten!
Nichts als Steine und Matsch und blödes Stachelzeugs, dass man sich die Schuhe ruiniert und alles.
Und dann auch noch dein blödes, stinklangeweiliges Uralt-Gelaber und dieses bescheuerte ‚Wusstest du, dies, Kleines? Wusstest du das, Kleines?' - Als ob ich gerade mal wieder die Schulbank drücken müsste.
Das hält man doch im Kopf nicht aus.
Eine Schweinerei ist das, dass du es nur weißt, aber doch kein Spaziergang!"

Georg stand wie erstarrt.
Die Röte schoss ihm ins Gesicht.
Wortlos drehte er sich um, stapfte, ihr voran, den Weg zurück, den sie gekommen waren.
"Siebzehn Jahre",
dachte er und hörte das Blut in den Adern rauschen.
"Sie ist siebzehn Jahre jünger als ich. Das ist fast eine Generation. Georg, was tust du? Bist du wahnsinnig geworden?"
Erst kurz vor dem Haus fühlte er sich gefestigt genug, Uschi am Arm zu sich herumzudrehen.
"Was ist los mit dir?
Es kann nicht dieser Weg oder der Spaziergang sein. Du bist ihn schon oft mit mir gegangen, auch in den letzten Tagen, und hast dich nie beschwert. Wieso jetzt auf einmal?"

Wütend riss sie den Arm los. Rannte vor ihm ins Haus.
Knallte die Tür hinter sich zu. War unansprechbar.

Schweigend verzog er sich in sein Atelier. Doch an Malen war nicht zu denken.

Als Georg Stunden später unten in der Küche auftauchte, sah er eine völlig aufgelöste Frau. Verweint, die Nase dick und rot, schluchzend, schnupfend, die Haare zerzaust, immer wieder neu in wilde, hemmungslose Tränen ausbrechend. "Was ist los?",
fragte er wie schon zuvor, während eine unsichtbare Faust ihm den Hals zuzudrücken begann.

"Nichts! Alles!"
Klumpig, knotig kam es heraus. Aus roten Augen starrte sie ihn an. Hatte sie ihn überhaupt jemals richtig angesehen?
"Mir ist es zu dunkel hier. Und außerdem ist es in dieser elenden Bruchbude schon wieder dreckig. Ich halt das nicht mehr aus! Ich will nicht mehr! Ich will hier weg!"

Er war sich nicht sicher, ob sie auf ihn zu oder von ihm weg stürzen wollte, als er sich einen Schritt näherte. Steif hielt er inne.
"Komm, wir fahren ins nächste Dorf und trinken ein Pastis im Bistro."
Etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

"Ach, Scheiße, damit du wieder mit deinen Franzosen labern kannst und ich die Doofe bin! Hau doch ab, wenn du willst. Fahr doch hin zu diesen eingebildeten Idioten, die sich noch zu fein sind, Englisch zu reden. Fahr doch, aber ohne mich! Verstehst du? Ohne mich!"
Georg atmete tief durch, machte auf dem Absatz kehrt und ging.

Die Tage zwischen den Jahren sind in der Provence wie eine Uhr mit angehaltenem Perpendikel. Meist scheint tagsüber die Sonne. Sie taucht die Landschaft in ein unwirkliches, immer ein wenig müdes Licht. An den Laubbäumen raschelt das bunte Herbstlaub im Wind. Dazwischen recken sich die Schirmkronen und Spitzen der immergrünen Bäume. In manchen Weinreben hängen noch einzelne Trauben an den Dolden. Und von den ungepflügten Feldern steigt der Nebel auf.
Alles ruht. Die Bauern haben Muße für einen Schwatz. Wohlwissend, dass die Ernte eingefahren und der Tisch gedeckt ist, genießen sie den Stillstand im Rad der Zeit. Nur die armen Wildschweine haben allerhand zu tun, den Jägern zu entwischen, um Kochtopf und Bratspieß zu entgehen.

Und ausgerechnet in dieser Zeit der Stille, des Atemschöpfens und Innehaltens sollte er seiner hochkapriziösen Liebsten die Grillen fangen? Georg konnte sich eines Lachens nicht erwehren, obwohl die Tränen verdächtig locker saßen. Wie hatte Uschi doch in ihrem rheinischen Slang so oft und gern mit einer ihrer Lieblingskarnevalsbands gesungen?
"Denn die Tränen, die du lachst, musst du nicht weinen?"

"Stimmt",
dachte Georg und schritt aus, um allein eine Runde im Colorado zu drehen, ehe das Licht endgültig hinter den Bäumen versank. Auch wenn Uschi noch so oft die wilde Sau mit ihm machte, am Spieß würde er sich nicht von ihr grillen lassen.

Silvester in Jean-Maries Bistro ist unübertrefflich. Eine Salsa-Band spielt im Gewölbekeller. Im oberen Stockwerk wird das Silvestermenue serviert. Lachen, Gläserklingen, Tanzen. Georg war sicher, dass nicht einmal Uschis Trübsinn der Bombenstimmung standhalten könnte.

Er hatte beschlossen, ihre Launen einfach nicht mehr Ernst zu nehmen. Wenn sie ein Kind sein wollte und einen Papa brauchte, der sie erzieht, dann aber nicht ihn. Klaus und Hanna saßen mit ihnen am Tisch, damit Uschi sich keinen Zwang antun, sondern in ihrer eigene Sprache mitreden konnte. Ihre Aversion gegen alles Fremdartige, Unbekannte, ihre Weltordnung Störende und heimlich Angst Machende hatte dazu geführt, dass ihre anfänglichen Spracherfolge rasch wieder nachgelassen hatten. Dies wiederum steigerte ihre Abneigung gegen das Französische. Ein endloser Kreislauf, der, einmal in Gang gesetzt, zum Selbstläufer geworden war.

Als um Mitternacht die Champuskorken knallten, um das Jahr 1993 zu begrüßen und die bösen Geister zu verscheuchen, als alles ausgelassen lachte, sich küsste, jubelte und zu den Salsa-Rhythmen der Band tanzte, saß eine nur am Tisch und tat, als gehöre sie nicht dazu: Uschi. Jeder Versuch, sie auf die Tanzfläche zu ziehen, scheiterte. Jeder Kuss schien an ihrer Wange abzuprallen. Jedes Lachen erstarb beim Anblick ihres kalkweißen Gesichts.
"Ein frohes, glückliches und gesundes neues Jahr, Kleines!"
Georg drückte sie entschlossen an sich.
"Was meinst du, wollen wir uns vornehmen, dass wir im neuen Jahr besser miteinander umgehen?"

Wortlos stand Uschi von ihrem Stuhl auf, den sie nicht einmal verlassen hatte, um in Georgs Umarmung zu gleiten. Wortlos schob sie ihn und seine Arme von sich. Stolzierte hinaus ins Freie.

Erst nach einer Weile konnte er sich überwinden, ihr zu folgen. Sie stand an einer Platane, hatte den Kopf daran gelehnt und war so bleich wie der Mond. Erschrocken sprang Georg über den Rasen zu ihr hin.
"Uschi, Liebes, was ist denn bloß los mir dir? Bist du krank?"

"Nein."
Sie schüttelte den Kopf.
"Ein bisschen schwindlig. Es ist so laut dort drinnen. Die Leute öden mich an. Das Essen war zu fett. Und sei doch mal ehrlich, was bin ich denn für dich? Doch weiter nichts als ein Potenzbeweis, dass du noch so eine Junge, Hübsche wie mich abgeschleppt hast. In Wirklichkeit bin ich dir doch völlig Wurst. Wenn du bloß deine Freunde hast!"

Georg öffnete den Mund, schloß ihn wieder. Konnte man völlige Hirnleere spüren?
"Ich wollte, ich wäre bei meiner Mutter",
setzte Uschi hinzu. "Wäre ich doch nur mit ihr auf die Kanaren geflogen! Da hätte ich wenigstens nicht lauter wildfremde Halbidioten um mich herum!"

Das war zuviel auf einmal. Hier wurde dringend ein Seelendoktor gebraucht. Er, Georg, war damit überfordert.
"Komm, trink ein Glas Sekt",
meinte er und zog die Widerstrebende am Ellenbogen mit sich ins Bistro zurück.
"Es möbelt deinen Kreislauf wieder auf. Dann geht' s dir besser. Und in ein paar Minuten verdünnisieren wir uns."
Dankbar blickte sie zu ihm auf. Schmiegte sich sogar ein wenig an seinen Arm. Ihm war zumute, als hätte sich sein Innerstes mit Eis überzogen.

Die Bruchsteine der Hauswand glitzerten im schräg einfallenden Sonnenlicht. Uschi hielt die Augen geschlossen.
"Wie schön sie ist!",
dachte Georg und zog in Gedanken die Linie nach, die das Gegenlicht wie einen Silberfaden über die Konturen ihres Gesichtes legte. "Der Rauch in diesem Haus macht mich noch wahnsinnig!",
sagte sie.
Der Silberfaden löste sich auf.
"Okay, ich kann draußen rauchen."
"Ich wollte, du könntest auch etwas gegen diesen Kamin machen."
Georg biss die Zähne zusammen. Ging das schon wieder los!
"Der Kamin zieht gut", murmelte er.
"Aber er qualmt. Schau dir nur die Wände an. Da zieht der Schmauch doch in Schwaden hoch. Oder warum glaubst ist, wird das dort so schwarz?"
Uschis Stimme nahm dieses Vibrato an, das bei Georg jedesmal eine aufsteigende Gänsehaut unter den kurzen Nackenhaaren bewirkte.
"Und was meinst du, soll ich dagegen tun?"
"Einen Kachelofen aufstellen, eine Zentralheizung einbauen lassen, was weiß ich?"
Uschi stand auf. Ihr war übel. Ständig war ihr übel in diesen Tagen.
Im Bad konnte er ihr Würgen hören. War sie krank? Womöglich etwas Ernstes? Sie futterte ja auch alles durcheinander. Und dauernd irgendetwas, das sie normalerweise absolut nicht mochte. Das hielt nicht einmal ein Magen aus, der Bandstacheldraht vertragen konnte. Als Uschi wieder ins Zimmer zurück kam, glitzerte eine feine Spur Schweiß auf ihrer Oberlippe.
"Hast du vielleicht eine saure Gurke im Haus"?
Georg musste lachen.
"Du benimmst dich, als ob du schwanger bist!"
Er dachte sich gar nichts dabei. Ein Scherz sollte es sein. Etwas, das sie auf andere Gedanken bringen würde. Mehr nicht.

"Vielleicht!", antwortete sie.

Sekunden des Schrecks. Sekunden, in denen sich ihre Augen trafen, sich fesselten, stummes Zwiegespräch von Angst zu Angst. Er wandte den Blick zuerst ab. Stand auf. Fühlte selbst, wie ungelenk er war, als er die Arme um sie legte, das Kinn auf ihren Scheitel gelehnt. Leise schob sich ihre Hand über seinen Unterarm. Sie lehnte sich zurück an seine Brust. Hielt ihn fest.

Zehn Tage später wussten sie es genau. Uschi war tatsächlich schwanger. Ein zweimaliger Test ließ keinen Zweifel.

"Der Nikolausabend, weißt du noch?"
Uschi legte die Hände vor die Augen. Georg wusste nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht. Auf das Kind freute er sich. Das konnte er mit Gewissheit sagen. Auch wenn er es nicht wissentlich gezeugt hatte. Jetzt, da es geschehen und ihm die Entscheidung abgenommen worden war, nahm er es an. Es war sein Kind. Aber die Beziehung zwischen Uschi und ihm als werdende Eltern? Es stand nicht zum Besten. Was, wenn es schief ginge? War nicht schon jetzt abzusehen, dass es nur schief gehen konnte? Dass sie nicht zueinander passten? Dass Uschi zwar reif an Jahren, aber in ihrem Innersten ein Kind geblieben war? Dass er zu alt für sie war? Der Generationsgraben letztlich unüberbrückbar war?

"Was machen wir jetzt?"
Hilflos schaute er Uschi an, die ihm gegenüber in der erstbesten Pizzeria saß, die sie nach dem gemeinsamen Frauenarztbesuch gefunden hatten. "Freust du dich gar nicht?",
stellte Uschi die Gegenfrage.

Eine Antwort war das nicht. Sie schob ihm den schwarzen Peter zu. Zog sich fein aus der Affäre. Er sollte jetzt Stellung beziehen und ihr damit Gelegenheit geben, unschuldig zu bleiben. Groll keimte in Georg auf. Immer diese hinterlistigen Tricks. Konnte sie ihm nie, nicht einmal jetzt, vertrauen? Musste sie ihn immer und immer auf die Probe stellen? "Doch, natürlich, selbstverständlich freu ich mich!"
Er beschloss auf der Hut zu sein. Die zahlreichen unschönen Debatten und Vorkommnisse der jüngsten Vergangenheit lasteten tonnenschwer auf ihm.

Sie schwieg abwartend.

"Wir müssen uns als Eltern und auch als Paar gegenseitig mehr respektieren, aufeinander eingehen",
wagte er einen Vorstoß zu dem klärenden Gespräch, das er für notwendig hielt und zugleich fürchtete.

"Hast du etwa Beziehungsangst?"
Wieder so ein Wurfgeschoss.
Georg schüttelte den Kopf. Einesteils war er überwältigt von der Gewissheit, Vater zu werden. Es drängte ihn zum Zerspringen, sie zu umarmen, zu küssen und ihr zu sagen, wie glücklich sie ihn mit diesem Überraschungsgeschenk machte. Doch gleichzeitig litt er fast Panik bei dem Gedanken an die Zukunft. Als hätte man ihn lebendigen Leibes in Stein gegossen, saß er auf dem harten Metallrohr des Bistrostuhles in dieser ungemütlichen Pizzeria und konnte um nichts in der Welt auch nur die Hand der Mutter seines ungeborenen Kindes an die Lippen führen.

Uschi zog sich auf die sachliche Ebene zurück.
"Wir müssen planen", sagte sie.
"Ein Kind braucht Sicherheit."

Die Worte rauschten an Georg vorbei. Er hatte sie so oft vernommen, dass er sie wie eine Gebetsmühle abspulen konnte.
"Hörst du mir überhaupt zu?"
Uschis Stimme hatte an Schärfe gewonnen. "Wollen sehen, was sich machen lässt",
murmelte er lau.
Er würde sich hüten, eine schwangere Frau aufzuregen. Es könnte dem Kind schaden. Wenn er alles wollte, das jedenfalls nicht. "Falls du eine Abtreibung willst..."
Uschi ließ den Satz in der Schwebe hängen "Nein!"
Diesmal reagierte er rasch. Er wollte keine Abtreibung. Er wollte sein Kind nicht töten. Es lebte, auch wenn es erst ein winziger Zellklumpen war, der sich teilen und teilen würde, bis er fertig war. Ein perfekter, einmaliger kleiner Mensch. "Willst du?"
"Nein!"
Auch sie sprach entschlossen.
"Aber ich muss wissen, wo ich mit dir dran bin. Muss planen können. Muss wissen, ob ich auf dich zählen kann. Wo du stehst."
"Meine Güte, Uschi! Wenn du das immer noch nicht weißt!"
Er stützte den Kopf in die Hand. Stand auf.
"Komm, ich fahre dich nach Hause zu dir."

Es drängte ihn plötzlich zu den Freunden. Eine Flasche Champagner köpfen.
Die Botschaft:
"Ich werde Vater!"
Lachen, Schulterklopfen, Gläserklingen, Freude. Endlich sich los lassen können. Seinem Kind ein Salut ins Land der Ungeborenen schicken.
Warum er diese Freude nicht mit der werdenden Mutter teilen konnte, wollte er sich nicht fragen. Nicht an diesen Abend. Einmal noch wollte er den Kopf in den Sand stecken. Für Fragen und Probleme war später Zeit genug.
Auch Uschi schien den Aufschub weiterer Grundsatzerörterungen zu begrüßen.
"Lass mich fahren", bat sie.
"Es lenkt mich ab." Das Auto stand ein paar Straßen weiter in einer Seitengasse. Die Parkplatzfrage in der Stadt war immer wieder Thema öffentlicher Debatten.

"Ausnahmsweise mal kein Knöllchen. Wenn das kein gutes Vorzeichen ist."
Uschi schien auf Small Talk aus. Sie wusste, dass er die rollenden Laute und den Singsang ihrer rheinischen Mundart mochte, wenn sie es darauf anlegte, ihn aufzuheitern. Doch diesmal zog Georg einem Wortgeplänkel mit ihr das neutralere Radio vor. Kaum hatte er auf dem Beifahrersitz Platz genommen und sich angegurtet, drückte er eine der vorprogrammierten Tasten.

Verdi. Das Requiem.
Er liebte dieses Stück, es erzeugte Bilder in seinem Kopf, und oft hörte er es beim Malen. Fast sofort tauchte Venedig im Nebel vor Georgs inneren Augen auf. Eine Szene aus der Verfilmung des Thomas-Mann-Romans "Tod in Venedig".
Kapuzenmänner schultern einen Sarg.
Eine Prinzessin, ein Kind noch, liegt darin. Nach einem tragischen Unfall wird sie auf einer Insel zu Grabe getragen. Dahingerafft durch den Ratschluss der Götter, dem niemand entgeht. Zu einem Zeitpunkt, der völlig unerwartet kam.
Zypressen, die Bäume des ewigen Lebens, die van Gogh wie manifest gewordenes Licht zwischen Himmel und Erde setzte, durchrauschen die Musik. Leise anschwellend aus dem Hintergrund das "Carpe diem" des Chores: "Nutze den Tag."

"Jeden Tag leben, als könnte es der letzte sein. Das ist es", dachte Georg. "Nicht planend ein Leben in der Zukunft organisieren, darüber das Heute verlieren."

Die Musik brach ab. Abrupt hatte Uschi das Radio ausgestellt. Fast gleichzeitig, ohne nachzudenken, stellte Georg es wieder an.
"Lass das!",
schrie Uschi auf.
"Meinst du, ich muss mir diese Totenmusik ausgerechnet jetzt antun? Wo ich schwanger bin? Meinst du nicht, dass ich davon schon reichlich genug im Job mitkriege? Dass ich diesen Scheiß satt habe?"
"Jetzt sei doch nicht so borniert und lass mich das Stück Zuende hören",
verlegte Georg sich aufs Bitten.
"Es strahlt die ewige Harmonie aus."
"So ein Schwachsinn kann bloß einem wie dir ins Hirn fahren!
Ein Requiem spielt man zur Beerdigung.
Wenn du schon so alt bist, dass du ans Sterben denkst, - von mir aus. Ich nicht!"
Uschi glühte vor Zorn.
"Immer soll es nur nach dir gehen. Du unverbesserlicher Egoist! Immer willst du mir deinen perversen Geschmack aufdrängen."

Wie ein Feuer speiender Drachen! Diese Frau war ein Vulkan. Wenn sie sich weiterhin so echauffierte, würde sie noch das Kind verlieren oder sie alle drei gegen den nächsten Baum fahren.

"Aber Kleines, lass doch den Quatsch. Kein Mensch will dir seinen Geschmack aufzwingen. Das ist ein Stück von Verdi und es ist genial. Und wenn das pervers ist, bin ich gern pervers."
"Du willst mich nur provozieren, das ist alles!"
Uschi schrie weiter. "Du willst nur meinen Willen brechen. Alle Männer tun das, wenn sie ihre Frauen unterdrücken wollen."

Mit kreischenden Bremsen brachte sie das Auto vor dem Haus, in dem sie wohnte, zum Stehen. Stieg aus, von Georg dicht gefolgt.
"Du willst mich doch bloß fertig machen. Was bin ich denn überhaupt für dich? Eine Gebärmaschine und sonst nichts."

Bei Georg brannten die Sicherungen durch. Mit beiden Füßen trat er auf die Autoverkleidung ein, bis er ausser Atem war.
"Du verzapfst doch wirklich bloß Bullshit aus der untersten Feministinnenschublade. Du ekelst mich dermaßen an, ich glaub, ich krieg mit dir keinen mehr hoch, so Scheiße ist das. Du hast dich zu einem Drachen entwickelt, dass es nur so raucht. Und da ist auch deine Schwangerschaft keine Entschuldigung mehr."
"Ja, lass du nur schön die Sau raus!",
spöttelte Uschi plötzlich erstaunlich ruhig und mit diesem feinen niederträchtigen Lächeln, das ihre Mundwinkel fast bis zum Kinn hinunter bog.
"Und du lass dir doch deinen Typen backen!",
legte Georg nach.
"Mich verbiegst du jedenfalls nicht."

Plötzlich tat es ihm Leid, dass er die Nerven verloren hatte. Uschi trug sein Kind unter dem Herzen, und er hatte sie nicht verletzen wollen. Dass es trotzdem geschehen war, erfüllte ihn mit Scham und Verlegenheit.
"Verzeih mir", bat er. "Ich wollte das nicht."
Sie bedachte ihn mit einem langen Blick.
"Es ist dein Auto!", sagte sie.
"Du bezahlst dafür."
Er erfuhr nie, ob sie tatsächlich nur das Auto und die Beulen darin gemeint hatte.

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Nachwort
Nicht im Buch enthalten!