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Kapitel 1
Tage der Kindheit
Katharina im Jahr 1504
"Kikeriki!"
Erst letzten Freitag hatte Katharina gelernt, dass der Hahn auch krähte, als Jesus, Gottes Sohn, von den Häschern des römischen Königs Herodes gefangen genommen und ans Kreuz geschlagen worden war. Bruder Albertinus hatte es sie gelehrt und ihr Bilder dazu gezeigt, auf denen zu sehen war, wie die Soldaten den betenden Herrn überwältigten, während seine Jünger schliefen. Nur einer von ihnen, der heilige Petrus, erwachte und schlug einem der Soldaten ein Ohr mit dem Schwert ab.
"Doch Gottes Sohn in seiner unendlichen Gnade tat ein Wunder, so dass das Ohr sogleich wieder anwuchs, denn er predigte Liebe unter den Menschen und nicht die Gewalt", hatte Bruder Albertinus erklärt und das Buch mit den wundersamen Bilder zugeschlagen. "Deshalb mahnte er Petrus, das Schwert nieder zu legen und die Lehre von der Liebe Gottes unter die Menschen zu tragen, denn Petrus sollte der Fels sein, auf den unser Herr seine neue Kirche bauen wollte. Doch noch ehe der Hahn zum dritten Mal krähte, hatte selbst Petrus, unseren Herrn und Messias schon verleugnet und verraten."
"Aber warum?", hatte Katharina entsetzt gerufen.
"Weil das Fleisch des Menschen willig, aber der Geist oftmals schwach ist", hatte Bruder Albertinus geantwortet. "Darum spute dich, Katharina, dass du stets beim ersten Hahnenschrei aufstehst und den Herrn, deinen Gott, anbetest, auf dass dich dein Geist stark werde, an Jesus festzuhalten wie die Klette im Pelz."
Wie Kletten im Pelz kleben, wusste Katharina nur zu gut. Kein Sommertag verging, ohne dass sie die dicken Haarlocken ihrer Brüder mit dem Holzkamm strählen und glätten musste, weil die Bengel es nicht lassen konnten, hinter ihren Hunden durch jedes Gestrüpp zu jagen. Kamen sie endlich daraus hervor, sahen sie stachlig aus wie die Igel. Und Katharina hatte ihre liebe Müh und Not, aus ihnen wieder Menschenkinder zu machen, die sich des Mittags und Abends mit allen anderen zu Tisch setzen durften. Meist half nach allem Kämmen und Zupfen und Zanken und Wehgeschrei doch nur das Messer, so dass die Mutter beim Anblick der borstigen Schöpfe ihrer Söhne immer wieder die Hände zusammenschlug und seufzte: "Streckt nur ja eure Köpfe nicht zur Tür heraus, wenn unser Harras zur Jagd bläst. Er könnte euch leicht für wilde Eber halten."
Die Erinnerung an die bei solchen Worten mit hoch roten Ohren verlegen gesenkten Köpfe ihrer Brüder war zu schön. Katharina rekelte sich kichernd auf ihrem frischen Strohsack, den sie erst vor wenigen Tagen mit etwas Stroh, viel duftendem Heu und den Blüten wilder Blumen gefüllt hatte.
"Kikeriki!" Zum zweiten Mal krähte es über den Hof, und gleich würde der dritte Weckruf erschallen. So weit durfte es nicht kommen. Mit einem Ruck warf Katharina die Bettdecke von sich und die Beine über den Bettrand hinaus. Noch gerade rechtzeitig vor dem dritten Hahnenschrei lag sie vor ihrem Bett auf den Knien und schlug mit der schönen großen Geste, die sie Bruder Albertinus abgeschaut hatte, das Kreuzzeichen über sich und sprach ihr Morgengebet.
Kurz darauf lief sie mit klappernden Holzschuhen über den Hof, um Mezze, der Wäscherin, einen Besuch im Waschhaus abzustatten. Der Frühnebel stieg in dicken weißen Schwaden über den von zahllosen Entwässerungsgräben durchzogenen Niederungen und Auwäldern zwischen Saale und Elbe rund um Burg Klietzen auf. "Fast so, als ob auch die Wassergeister großen Waschtag hätten", dachte Katharina mit wohligem Schaudern und beeilte sich, ins sichere Waschhaus zu kommen.
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