Leseprobe

"Alles Ehe oder was"

Vorwort

Dieses Buch ist so, wie der Titel klingt: Ein ungewöhnliches, ein ganz anderes Buch über die Ehe. Eines, das ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Das offen und ehrlich erzählt. Manchmal frech, manchmal zum Lachen. Manchmal einfach nur lieb, manchmal zum Staunen, zum Erschrecken, zum Nachdenken und Innehalten oder auch zum Haarausreißen. Manchmal tut es weh. Ein Buch, so, wie die Ehe nun mal ist: bunt, schillernd, exotisch oder eher alltäglich, jedem bekannt, bei keinem gleich. Und weil es ein Buch über die Ehe ist, ist es zugleich ein Buch über die Liebe. Eines mit diesem gewissen Schmunzeln des erst im nachhinein Klügeren.

Als ich mit den Menschen sprach, die hinter diesem Buch stehen, als sie mir ihre Geschichte erzählten und schonungslos offen die Maske von ihren Gefühlen, ihren Lügen und ihren Wahrheiten zogen, habe ich mich oft gefragt: Liebe - was ist das überhaupt? Denn wer von Ehe spricht, meint ja die Liebe gleich mit.

Ist das wirklich nur ein Boogie- Woogie der Hormone, wie Henry Miller es einmal nannte? Oder ein altmodisches Rührstück? Ein zum Aussterben verdammter Dinosaurier unter den Archetypen der Seele?

Fest steht, daß die Liebe das meistersehnte, meistverherrlichte und zugleich auch meistverfluchte menschliche Gefühl ist. Wenn der Mensch dem Menschen begegnet und es klick macht, wenn Schmetterlinge im Bauch tanzen und eine flüchtige Berührung Herzflattern auslöst, wenn das Licht der Sonne dunkel ist gegen den Blick aus diesem einen Augenpaar, wenn das ganze Leben nur den einen Sinn hat, einem bestimmten Menschen zu gefallen - das ist Liebe.

So lernen wir es jedenfalls aus Liebesromanen und Liebesfilmen, aus Liebesliedern und Liebesgedichten. So hören wir es, wenn Großmutter von der schönen Jugendzeit schwärmt. So spüren wir es, wenn wir unserer ersten und jeder folgenden neuen Liebe begegnen. Und wenn es wirklich die berühmte Fee mit den drei freien Wünschen gäbe, so wurden 99 von 100 Glückskindern genau diese Liebe als Freilos wählen.

Und doch, so scheint es, ist etwas faul an dieser Liebe. Anders als die Romanzen es versprechen, bleibt sie nämlich nicht auf immer und ewig jung, nicht auf immer und ewig strahlend schön.

Genau wie der Mensch, in den wir uns verliebt haben, bekommt sie mit der Zeit Knitterfalten und schäbige Stellen im schönen Gewand. Man könnte auch sagen, sie ist wie ein Stück altes Silber. Solange es neu ist, blinkt es von selbst. Doch bald schon kommen die ersten schwarzen Flecken, und man muß putzen, putzen, putzen.

Deutschlands Ehestatistiken drücken dies alles nüchterner aus. Sie belegen schwarz auf weiß, daß die Ehe die bis heute meistgewünschte und meistgelebte Form der Zweisamkeit ist. Sie belegen allerdings auch, daß von allen Ehen, die einmal aus Liebe und auf immer und ewig geschlossen werden, ein Drittel wieder in die Brüche geht und vor dem Scheidungsrichter endet. Tendenz deutlich vom Drittel zur Hälfte ansteigend.

Waren in der guten alten Zeit noch die Frauen die Dummen, so sind heutzutage meist Männer die Verlassenen. Es sind nämlich inzwischen zu 80 Prozent Frauen, die den Schlußstrich unter die Liebe ziehen und der Ehe den Bankrott erklären.

Gründe dafür gibt es so viele wie Ehescheidungen. Einer davon ist, daß der Mensch die Liebe so schön findet und daß vor allem Frauen sich schneller in die Liebe verlieben als in den Mann. Sagt man! Und daß nach spätestens drei Jahren Ehe kein Hormon mehr Boogie-Woogie tanzt, wenn der Mensch unserer Wahl zur Tür hereinkommt. Eheforscher und -forscherinnen haben es genau erkannt: Im vierten Jahr verblaßt so ganz allmählich die rosa Brille, durch die einer denanderen vom ersten Blick an gesehen hat. Auf einmal sind die über den Stuhl geworfenen Jeans oder die über den Fußboden verteilten Dessous keine liebenswürdigen Kleinigkeiten mehr, sondern Steine, an denen man sich stößt. Auf einmal sieht man den anderen ungeschminkt. Und schon kommt die Liebe in die Wechseljahre.

Dies beginnt damit, daß man zunächst immer öfter heftige Worte wechselt. Ein Wechselbad der Gefühle bleibt nicht aus. Und wenn erst einmal die kalten Duschen überwiegen, endet alles nur zu oft mit einein Wechsel des Partners.

Die Daten der Statistik und die Ergebnisse aus Untersuchung und Forschung gelten. Sie sind nicht wegzudiskutieren. Ebensowenig wegzudiskutieren aber sind die Menschen, die es ein Leben lang miteinander schaffen. Und von drei Dritteln sind dies immerhin noch knapp zwei Drittel aller Ehepaare. Und damit die überwältigende Mehrheit

Was, so habe ich mich gefragt, machen diese Eheleute, damit es zwischen ihnen tatsächlich klappt, «bis daß der Tod euch scheidet»? Sind sie die Begnadeten unter den Menschen? Haben sie als einzige die wahre Liebe erfahren? War es ihnen gegeben, einen Partner zu finden, der für sie bestimmt war? Gibt es das? Sind diesen Paaren die Wechseljahre der Liebe erspart geblieben? Haben sie wie das kleine Mädchen im Sterntalermärchen nur ihr Hemdchen aufhalten müssen und schon lag der reiche Schatz unwandelbarer Liebe darin?

Eine alte Schwarzwälder Bäuerin, die ihren Ehemann ein Jahr vor der diamantenen Hochzeit verloren hatte, sagte mir, verheiratet zu sein, mache Arbeit. Mehr Arbeit als ein Tabakacker. Wer verheiratet sei, der habe sein Leben mit einem anderen verbunden. Und wo zwei Rösser im Geschirr gehen, müsse der Weg doppelt so breit sein. Also müsse man Rücksicht auf den anderen nehmen. Achtung vor ihm haben, und wenn man ihn auch tausendmal nackt im Bett und noch öfter nackt an der Seele gesehen habe. Und wenn man sich auch einmal recht von Herzen böse sei, so dürfe man doch die Würde nicht mit Füßen treten. Nicht die eigene und nicht die des anderen.

«Die rechte Liebe will hart verdient sein», sagte sie. «Mit der Liebe, das ist wie mit dem Geld. Wer es nicht sorgsam verwaltet und mehrt, sondern achtlos damit praßt, der steht am Ende mit leeren Händen da.»

Für viele sind dies Sprüche aus der Mottenkiste. Aber für immer mehr sind es Sprüche zum Nachdenken. Wir haben so manches ausprobiert. Die Liebe im one-night-stand, die sogenannte offene Partnerschaft, die Ex- und hopp-Beziehungskiste, Egotrip und Recht auf Selbstverwirklichung, Freiheit pur im Single-Look. Und am Ende die große Einsamkeit. Aber war es das, was wir wirklich wollten? Enttarnt sich die vermeintliche Selbstverwirklichung nicht immer bösartiger als purer Egoismus? Ist die große Freiheit um den Preis der Bindungslosigkeit nicht zu teuer erkauft?

Diese Suche nach einer beständigen Liebesbeziehung und einer Chance auf dauerhaftes Glück zu zweit scheint mir symptomatisch für das Ende der Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft. Wir erkennen wieder, daß es sich lohnen könnte, um den anderen zu kämpfen, anstatt bei jedem Streit nach einem neuen, besseren, schöneren, erfolgreicheren, gebildeteren, im Bett perfekteren Menschen zu schielen.

Die Paare in Alles Ehe oder was... sind Kämpfer. Kämpfer um eine Beziehung, zu der sie einmal aus gutem Grund ja gesagt haben. Die Schicksale, die hier vorkommen, zeigen die verschiedenartigsten Formen dauerhafter Zweisamkeit. Und zwar schonungslos offen.

Einen Teil dieser Paare habe ich im Anschluß an meine Lesungen kennengelernt. Andere habe ich per Zeitungsinserat gesucht. Habe sie mit Hilfe von Rundschreiben an bestimmte Paareinrichtungen gefunden, sie durch Mundpropaganda für die Mitarbeit an diesem Buch gewonnen. Es sind keine Exoten-Paare. Sie leben ihr Leben wie die meisten von uns. Gutbürgerlich oder akademisch, erfolgreich im Beruf oder weniger glückbegünstigt. Manche mit wenig, andere mit reichlich Geld. Die einen in einem großen, die anderen in einem kleinen Freundeskreis. Und alle schieben ihre Kulissen vor sich her. Kulissen, hinter denen sie all das verstecken, was die anderen nichts angeht.

Vielleicht denken Sie, die Paare, mit denen ich ins Gespräch kam, seien irgendwie geltungsbedürftig. Hätten einen Hang, sich öffentlich darzustellen. Aber weit gefehlt. Ich habe keine seelischen Exhibitionisten kennengelernt, niemanden, der andere gern in sein Schlafzimmer gucken laßt und sich daran erregt. Ich habe nur Menschen kennengelernt, die ein starkes Bedürfnis hatten, sich einmal mit jemandem auszusprechen, jemanden zum Zuhören zu haben, und zwar jemanden, der ihnen freiwillig, gern und mit Interesse zuhört.

Die meisten Menschen hatten das, was sie mir erzählten, noch niemals ausgesprochen. Daß sie es mir schließlich anvertrauten, mir, einer unbekannten Außenstehenden, hat für mich große Ähnlichkeit mit der Ungezwungenheit und Freizügigkeit, mit der Menschen sich im Urlaub kleiden oder bewegen, wo niemand sie kennt. Wenn sich die kleine Mollige auf einmal Minirock und Oben-ohne gönnt, oder der Managertyp sein Toupet und den Nadelstreifigen ablegt, um sich statt dessen im Lommeljogger in ein Straßencafe zu flegeln.

Bevor ich mit einem Paar gesprächseinig wurde, klärte ich beide Panner darüber auf, wie unsere auf Stunden oder auch Tage angelegte Beziehung aufgebaut sein würde. Das Wichtigste war, daß ich mit jedem der Partner allein sprechen wollte. Und daß jeder von ihnen zur gleichen Zeit ein und denselben Fragebogen ausfüllen sollte, ohne sich miteinander über den Inhalt unterhalten zu haben. Auf diese Weise wollte ich ein möglichst subjektives, nicht durch den Partner beeinflußtes und daher ehrliches, rückhaltloses Bild der Partnerbeziehung und der gegenseitigen Einschätzung des Paares erhalten.

Zum Schutz des einzelnen Paares erklärte ich mich bereit, in der Veröffentlichung der Geschichte bestimmte Eckdaten zu verändern, um auf diese Weise ein Erkanntwerden auszuschließen. Gleichzeitig machte ich klar, daß ein solches Täuschungsmanöver zwar den Unbeteiligten blenden könne, nicht aber den eigenen Partner. Spätestens bei Erscheinen dieses Buches müsse daher eine ganz persönliche Diskussion mit Ungewissem Ende aufkommen.

Hier zeigte sich, daß einige der Partner dies geradezu wünschten und das Buch als willkommenen Einstieg in die Auseinandersetzung begrüßten. Martina zum Beispiel, die mit John eine i5Jährige Liaison hat und ohne ihre Geschichte in diesem Buch nicht den Mut hätte, sich endlich mit ihrem Mann auszusprechen.

Es gab jedoch auch Paare, bei denen beide oder ein Partner nach ein, zwei Gesprächsstunden einen Rückzieher machten und mit einer Veröffentlichung ihrer Geschichte nicht mehr einverstanden waren. Dies habe ich selbstverständlich akzeptiert.

Ich habe mich auf jeden einzelnen meiner Gesprächspartner wirklich einlassen müssen. Habe mich mit seinen Gedanken und Empfindungen, seinen Handlungen und Eigenheiten auseinandersetzen und dazu aktiv Stellung beziehen müssen. So manche heftige, ja, leidenschaftliche Diskussion kam dabei heraus. So mancher Moment, in dem ich kaum weiterzufragen wagte, weil der durch meine Fragen ausgelöste Schmerz oder Zorn oder auch die Verzweiflung und Scham selbst für mich als Außenstehende kaum erträglich waren. Da tat es mir gut, wenn mein Gesprächspartner oder meine -partnerin mir später, meist beim Abschiednehmen oder bei der Verabredung zu einem weiteren Gespräch, sagte: «Ich bin froh, mit Ihnen reden zu können. Ich habe mir doch vieles klargemacht, was ich allein wohl nicht erkannt hätte.»

Alles Ehe oder was... ist kein Ratgeber. Hat kein Patentrezept zum guten Schluß. Aber ich lade Sie ein, liebe Leserin, lieber Leser, blättern Sie auf, lesen Sie rein, lesen Sie sich fest. Es lohnt sich.