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Termine 2006


 

Bericht von Karin Jäckel

zur Pressekonferenz mit Podiumsdiskussion zum Thema "Ist das deutsche Jugendamt eine Kinderklaubehörde?" am 10. März 2006 in Bozen/Südtirol
zu meinem Buch: "Nicht ohne meine Kinder. Eine Mutter kämpft gegen das Jugendamt" Lübbe Verlag mit Joumana Gebara, 2/2006

18. 3. 2006

Im Vorfeld

Anreise im Schnee

     Als ich am Donnerstag, dem 9. März 2006 nach Bozen aufbreche, sind die Straßen über den Schwarzwald bis zum Brenner tief verschneit. Die meisten Tunneldurchfahrten sind nur einseitig frei gegeben. Lang ziehen die Staus sich davor hin. Als die zweite Stunde mit Warten verloren geht, ist abzusehen, dass ich nicht vor Mitternacht in Bozen sein werde. Zu spät, um mich noch am Abend mit Joumana Gebara und den ersten bereits eingetroffenen Teilnehmern an unserer Presseveranstaltung bei ihr Zuhause zu treffen. Schade.
Immer wieder klingelt mein Mobiltelefon. Bei allen herrscht nervöse Aufbruchstimmung. Jeder hofft und will dazu beitragen, dass die Veranstaltung gelingt, die Medien über möglichst viele Schicksale berichten werden und nicht nur für Joumana Gebara, sondern für alle etwas Positives unter dem Strich heraus kommt.
Erst nachts gegen halb zwei steht das Auto endlich in der Tiefgarage nahe des "Stadthotels Città". Ich versuche zu schlafen, doch die lange Fahrt wirkt nach und auch die ungewohnte Frühlingswärme in Südtirol hält mich wach.

Ein Saal für 200 Personen, - aber ob sie kommen?

     Von neun bis 13 Uhr konnten wir den Festsaal im Rathaus für den 10. März reservieren und buchen. Gut zweihundert Personen passen hinein. Wenn ich an meine Erfahrungen mit ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland dachte, wurde mir mulmig. Diese waren zwar stets von vielen begrüßt, doch eher dürftig besucht worden. An mangelndem Interesse lag es nicht. Wohl aber am mangelnden Geld.
Aber wer weiß? Wir haben international die Werbetrommel so laut geschlagen und so viele Zusagen von Interessierten und persönlich Betroffenen erhalten, dass der Saal tatsächlich voll werden könnte. Lieber riskieren wir also ein paar leere Stühle drinnen als ein paar geladene Gäste wegen Überfüllung draußen.

Geldmangel - oder warum der aus Berlin gecharterte Bus ausfällt

     Als Übernachtungsmöglichkeiten für die aus halb Europa anreisenden Eltern und Großeltern haben wir meist die Jugendherberge empfohlen. Viele ausgegrenzte Mütter und Väter können sich von dem, was nach den Abzügen für Kind und Kampf übrig bleibt, kaum eine billige Einzimmerwohnung leisten und leben von der Hand in den Mund, obwohl sie voll berufstätig sind und ein gutes Einkommen erzielen.
Wie ich bereits 1997 in meinem Sachbuch "Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt. Väter nach der Trennung"aufzeigte, fehlt es Eltern, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen, meist an Geld. Anwälte, Gutachten, Gegengutachten, Gerichtskosten, oft auch Übersetzerkosten, Reisekosten und vieles mehr, - der Kampf ums Kind verschlingt Unsummen, oft ganze finanzielle Existenzen. Doch das Geld ist es nicht allein. Dieser Kampf zermürbt, nagt an der seelischen und körperlichen Gesundheit.
Auch für Bozen machen wir diese Erfahrung. Der von Berlin aus gecharterte Bus, der quer durch Deutschland Reisende aufnehmen sollte, fällt aus, weil der Reiseunternehmer seinen günstigen Pauschalreise-Preis auf 25 Leute kalkuliert hat, aber nur sechs Anmeldungen eingehen. Nur zwei dieser sechs Personen schaffen es, dennoch nach Bozen zu kommen.

1997 und die Ausgrenzung von Vätern aus dem Leben ihrer Kinder

     1997 schrieb ich bewusst tendenziös über das Leiden von ausgegrenzten und verlassenen Vätern. Ich wollte nicht geschlechtsneutral berichten. Nein, mein Buch sollte eine Lücke schließen, denn über Mütter, die unter den Folgen von Trennung, Scheidung leiden, schrieb und sprach man ständig. Dass auch Väter weinen, wenn sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen, wollte niemand so recht wahr haben "Die neuen Leidensmänner", die "Heuler der Nation", die "Jammerlappen", lästerte die Presse als Kommentar zu meinem Buch. Meist waren es Journalistinnen. Andere schrieben, leicht ungläubig, von speziellen "Mega-Biestern", die ich für meine "Kampfschrift" ausgewählt habe.
Doch allmählich setzte ein Umdenken ein. Die Berichterstattung über Väter, die um ihre Kinder kämpfen, nahm zu. Die noch jungen Väterselbsthilfegruppen erstarkten. Offizielle Studien wurden erstellt. Sogar Kinofilm und Fernsehkrimi entdeckten das Drama der Vaterentbehrung.
Heute, nur knapp zehn Jahre später, beginnt man in Politik und Gesellschaft gegen die Ausgrenzung von Vätern zu agieren. Vor allem das Ergebnis einer Studie (Amendt) über die bessere Unterhaltszahlungsmoral von Vätern, die aktiv am Leben ihrer Kinder teilhaben, blieb nicht ohne Folgen. Ab 2007 soll es nach der Geburt eines Kindes nur mehr dann ein staatliches Elterngeld geben, wenn auch die Väter mindestens zwei Monate lang eine berufliche Auszeit nehmen, um fürs Kind da zu sein.

2006 und die Ausgrenzung von immer mehr Müttern und Elternpaaren aus dem Leben ihrer Kinder

     Dass auch immer mehr Mütter grundlos aus dem Leben ihrer Kinder ausgegrenzt werden, ist leider noch immer nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Die erste Reaktion in einem solchen Fall ist fast immer: "Da muss doch etwas vorgefallen sein. Sonst nimmt man einer Mutter doch kein Kind weg." Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Schrecklich anders.
Wie 1997 will ich auch 2006 dazu beitragen, dass dieses Unrecht bekannt wird und ein Umdenken stattfindet. Mein Buch "Nicht ohne meine Kinder. Eine Mutter kämpft gegen das Jugendamt" soll aufrütteln. Es soll zeigen, wie schnell es passieren kann, dass auch einer völlig unbescholtenen Mutter ihre Kinder weg genommen werden. Dass Denunziation genügt, um unschuldige Eltern zu kriminalisieren und die Maschinerie eines Staatsapparates in Bewegung zu setzen, die schon vor zehn Jahren als "Kinderklaubehörde" in Verruf geraten war. (Bad Boll)Dass es dazu keines Gerichtsbeschlusses bedarf, weil dieser Wochen später noch nachgereicht werden kann. Dass Kinder ohne Wissen ihrer Eltern in Kindergarten, Schule, wo immer sie gerade sind, selbst im Kindbett, von ihnen wildfremden Personen abgeholt und mitgenommen und vor ihren Eltern versteckt werden. Monate lang, sogar Jahre lang. Dass den Eltern nicht einmal gleich gesagt wird, warum. Dass sie ihre Kinder weder anrufen, noch besuchen, geschweige denn nach Hause holen dürfen. Dass ihnen richterlich verboten wird, über ihr Leid öffentlich zu reden und die Presse einzuschalten. Wie unsagbar grausam die behördlichen Methoden im Namen des "Kindeswohls" gegenüber Kindern sein können. Und wie ohnmächtig Eltern gegenüber behördlichem "Kinderklau" sind.

Widerstand tut Not

     Joumana Gebara findet sich mit der Ohnmacht nicht ab. Sie kämpft um ihre Kinder. Auch mit Hilfe meines Buches, das ihre Geschichte erzählt. Trotz des richterlich verhängten Maulkorbs. Die italienische Presse schreibt später, nach unserer Pressekonferenz und Buchpräsentation in Bozen, sie führe als Mutter einen "Kreuzzug" gegen deutsche Behörden.

Es geht los

Letzte Vorbereitungen im Festsaal

     Um zehn Uhr soll es am 10. März im Festsaal des Rathauses von Bozen losgehen. In der Stunde davor inspizieren wir die Mikrophone auf dem Podium. Im Hintergrund des Festsaales werkeln Tontechniker. Einer von ihnen schließt freundlicherweise mein Aufnahmegerät mit an. Auch die beiden von uns bestellten Synchronübersetzerinnen treffen ein. Sie nehmen in der Übersetzerkabine Platz und werden dafür sorgen, dass es keine Verständigungsprobleme gibt. Die Techniker teilen die zugehörigen Kopfhörer aus. Einmal noch werden die Stühle gerückt, das mobile Mikrophon getestet. Es wird denjenigen im Plenum zur Verfügung stehen, die sich in die Diskussion einbringen wollen. An alles ist gedacht, um die Veranstaltung zum Erfolg werden zu lassen.

Die Medien kommen

     Bald treffen die ersten Pressevertreter der regionalen Zeitungen und Medienanstalten ein, die mit Joumana Gebara sprechen und Interviews mit ihr als Heldin ihres in Ich-Form verfassten Erfahrungsromans machen wollen. Sie ist der Star des Tages und meistert die noch ungewohnte Rolle souverän. Das Fernsehteam von ARTE France baut seine Kamera und das Galgenmikrophon im Saal auf. Bereits am Donnerstag hat Jean-Yves Cauchard hochemotionale Szenen über das Wiedersehen Olivier Karrers mit der Gebara-Familie gedreht.
Am liebsten würden die Bozener Journalisten ihre Gespräche schon vor der Podiumsdiskussion abwickeln. Aber zum Glück gelingt es, die meisten Termine auf danach zu verschieben. Das ist gut so, weil wir unsere Veranstaltung nicht als familiäres Insidertreffen konzipiert haben, sondern um der Journaille den Blick über den Rand des brisanten Einzelschicksals hinaus zu ermöglichen und einen gesellschaftsrelevanten Missstand aufzudecken, in dem der "Fall Gebara" einer unter vielen ist.

Die Podiumsgäste

     Auch die Podiumsgäste betreten allmählich den Saal. Bisher kennen fast alle sich nur schriftlich und telefonisch. Leider lässt die Anzahl der Mikrophone nicht zu, dass alle vorgesehenen Sprecher auf dem Podium Platz nehmen können. Ich bitte diejenigen, die im Plenum bleiben müssen, in der ersten Reihe Platz zu nehmen und von dort aus mitzudiskutieren.

Beata Pokrzeptowicz

     Vom Zuschauerraum aus rechts gesehen, nimmt zuerst Beata Pokrzeptowicz auf dem Podium Platz. Sie stammt aus Polen, lebt aber in Bielefeld. Obwohl sie nur wegen ihres Sohnes in Deutschland ist, darf sie den Jungen, den sie in den ersten fünf Lebensjahren allein groß gezogen hat, nicht mehr sehen. Der Vater behauptet fälschlich, sie wolle das Kind aus Deutschland weg nach Polen entführen. Das Jugendamt unterstützt den Kindesentzug. Beata hat eine Selbsthilfegruppe für Eltern gegründet, die polnisch-deutsche Kinder verloren haben. Eines ihrer aktuellen Anliegen ist es, um Unterstützung für diejenigen Europa-Parlamentarier zu werben, die vor der Eu-Kommission gegen die kulturelle Entwurzelung polnischer Kinder und Diskriminierung ausländischer Eltern in Deutschland protestieren wollen. Empört berichtet sie, dass polnische Eltern ihre binationalen Kinder nachweislich zum Beispiel nur deshalb nicht mehr sehen dürfen, weil sie miteinander polnisch sprechen wollen.

Olivier Karrer

     Neben Beata sitzt Olivier Karrer aus Paris, der als Gründungsmitglied und Vizepräsident des französischen Elternvereins "CEED" agiert. Er ist Vater eines in Frankreich geborenen deutsch-französischen Jungen, den ihm die Mutter nach Deutschland entzog. Mit Hilfe von Jugendamt und Familiengericht verbietet sie jeden Kontakt zwischen Vater und Sohn. Angeblich bestehe Entführungsgefahr durch den Vater. Sollte Olivier seinen Sohn zu sehen versuchen, droht ihm eine Viertelmillion-Strafe.
Doch Olivier ist nicht nur in eigener Sache und im Interesse seines Elternvereins Podiumsgast. Er ist seit 2001 zum Berater ausgegrenzter, um ihre Kinder kämpfender Eltern und Elternteile geworden. Immer öfter wird sein Verein zur Anlaufstelle der Verzweifelten. Auch Joumana Gebara war eine von ihnen. Deshalb spielen Olivier und der CEED im Buch "Nicht ohne meine Kinder" eine wichtige Rolle.

Carsten Rummel

     Carsten Rummel, Rechtsanwalt aus München, ist der Dritte im Bunde. Er war lange Jahre im Deutschen Jugendinstitut, München, tätig. Deshalb verfügt er über ein seltenes Insiderwissen über die Arbeitsweise des Jugendamtes, das er wirksam bei Gericht für seine Mandanten einbringt. Er vertritt aktuell zum Beispiel Familie Haase aus Münster in Nordrheinwestfalen vor dem Europäischen Menschenrechtgerichtshof, der das Jugendamt sieben Kinder entzog, das Kleinste aus dem Kindbett weg.

Dr. Karin Jäckel

     In der Mitte der Gruppe bin ich selbst als Autorin und Expertin. Ich übernehme die Moderation der Veranstaltung, führe ins Thema ein und versuche, den Überblick über alle Wortmeldungen zu behalten. Da wir leider keine Namensschilder vor den einzelnen Podiumsteilnehmern aufgestellt haben, ist es für Fragesteller schwierig, bestimmte Personen direkt anzusprechen.

Joumana Gebara

     Rechts von mir sitzt Joumana Gebara, Hauptperson des Tages und vor allem gefragte Interviewpartnerin von Medien aller Arten. Neben Rai3 und ORF senden seit dem achten März auch alle privaten Rundfunk- und Fernsehsender Südtirols Interviews und Dokumentationen. Leider können wir die Ausstrahlungen des Tages nicht hören oder sehen. Wir sind in unser eigenes Programm eingebunden. Auch die Tageszeitungen veröffentlichen schnell. Die "Dolomiten"bringt am Morgen nach der Veranstaltung eine halbe Seite Interview mit Fotos. Die "Tageszeitung" präsentiert eine ganze Seite. Selbst "Corriere Della Sera" und "Alto Adige", die namhaftesten italienischen Zeitungen der Region berichten, obwohl unser Buch bisher leider nur auf deutsch im Handel ist. Weitere Rundfunksender wie zum Beispiel "Radio Meran" melden sich für spätere Veranstaltungen zum Buch an. Eine große Fernsehsendung ist in Vorbereitung. Auch die Zeitungen wollen weiterhin berichten.

Diane Burgy

     Kurz vor zehn trifft Diane Burgy von der Stiftung "FREDI.org" (http://www.fredi.org/) aus Fribourg in der Schweiz im Festsaal und auf dem Podium ein. Als Ortsfremde hat sie sich für teures Geld von jemandem durch Bozen lotsen lassen, der den Weg jedoch gar nicht kannte und hätte das Rathaus beinahe nicht gefunden. Wir sind froh, dass sie es gerade noch rechtzeitig geschafft hat. Aus ihrer mitgebrachten hölzernen Schatztruhe breitet sie allerlei Informationsmaterial für Hilfe Suchende aus. "FREDI.org" wurde vor zehn Jahren gegründet, um international an der Auffindung von vermissten Kindern mitzuwirken und sich intensiv für präventive Maßnahmen einzusetzen. Als eine wirksame Suchmethode wird der Service angeboten, Fotos gesuchter Kinder dem Alter entsprechend zu verändern.

Mike Anacker

     Mike Anacker aus Deutschland setzt die Reihe der Podiumsgäste fort. Er ist Vater einer Tochter, die er durch Einwirkung des Jugendamts nicht sehen darf. Sein Beitrag zur Podiumsdiskussion besteht u.a. aus einer eigenen Studie aus dem Jahr 2001, die auf einer bundesweiten Erhebung von Zahlenmaterial und Statistiken über Kindesentzug und damit verbundenen Kosten beruht. Würde man eine solche Studie für mehrere Jahre erstellen, ließe sich der ungeheure volkswirtschaftliche Schaden durch Kindesentziehung zu Lasten des Steuerzahlers nicht mehr vertuschen. Wahrscheinlich aber würde dann auch sichtbar, dass das florierende Geschäft mit dem Kindesentzug nicht nur ein böses Gerücht ist

Flavio Moccia und Chiara Bombardelli

     Das Ende der Runde bilden Joumana Gebaras Rechtsanwälte Herr Moccia und Frau Bombardelli aus Bozen, die etwas verspätet eintreffen, aber umso vehementer für ihre Klientin eintreten und keinen Zweifel daran lassen, dass sie auf der Seite "unserer Freundin Joumana" stehen. Da Herr Moccia italienisch spricht und die Übersetzerinnen mit dem juristischen Fachausjargon etwas Mühe haben, fällt es manchen Zuhörern schwer, ihn richtig zu verstehen.

Absagen geladener Gäste blieben leider nicht aus

     Gemessen an der Anzahl der uns zur Verfügung stehenden Mikrophone auf dem Podium sind wir komplett. Dennoch fehlen mehrere uns wichtige Persönlichkeiten in der Reihe.

Mathieu Carriere

     Im letzten Moment absagen musste Mathieu Carriere, der als Vater von Kindesentzug betroffen ist und deshalb so oft als möglich seine Medienbekanntheit als Schauspieler in die Waagschale wirft, um für das Recht aller Kinder auf beide Eltern zu kämpfen. Tiefschnee und beginnende Schneeschmelze sowie veränderte Theatertermine zwangen ihn, in München zu bleiben, wo er mit dem Musical "Robin Hood" auf der Bühne stand. Die Lücke auf dem Bozener Podium schloss er durch einen persönlichen Brief, den ich in seinem Namen verlese, sowie durch die Erlaubnis, seine Telefonnummer an Journalisten weiter zu geben, die ein Interview mit ihm wünschten. RAI3 macht sogleich Gebrauch davon.

Maureen Dabbagh

     Auch Maureen Dabbagh aus den USA blieb leider fern. Die Gründerin der Elternselbsthilfegruppe "Parent international" musste ebenfalls in letzter Sekunde absagen. Ihr Ehemann legte am Ende doch noch das alles entscheidende Veto ein. Er hatte Angst um die Sicherheit seiner Frau. Der 11. September hat leider vieles verändert.

Vermisste Kinder e.V.

     Gänzlich unerwartet traf mich am Donnerstag, kurz vor meiner Abreise, die Nachricht, dass Herr Bruhns des deutschen Vereins "Vermisste Kinder e.V." (http://www.vermisste-kinder.de) seine feste Zusage brechen und nicht kommen würde. Als ich ihm meine Einladung überbrachte, war Monika Bruhns, die Gründerin der Initiativgruppe, soeben verstorben. Dennoch sagte Herr Bruhns spontan sein Kommen zu. Es sei ihm wichtig, die Aufgabe seiner verstorbenen Frau weiter zu führen. Eventuell werde er auch seinen Sohn mitbringen, der zur Zeit noch Jurastudent sei, die Arbeit der Mutter eines Tages aber fortsetzen werde. Nun erfuhr ich, Herr Bruhns senior sei verhindert und Herrn Bruhns junior müsse wichtige Klausuren schreiben müsse.
Berlin 2001 und der Hungerstreik von verlassenen Eltern binationaler Kinder fiel mir ein. Damals verkündete eine bekannte Rechtsanwältin und Gründungsmitglieder des Vereins in der Presse, sie vertrete zwar Mandanten mit binationalen Kindern, unterstütze die Protestaktion der auf dem Alexanderplatz per Hungerstreik gegen Kindesentführung Demonstrierenden jedoch nicht. Bei diesen handele es sich nur um Chaoten, von denen niemand wisse, wer hinter ihnen stehe. Einer von ihnen war damals Olivier Karrer. Ich selbst war an der Aktion durch Öffentlichkeitsarbeit und Gespräche im Bundesjustizministerium beteiligt. Könnte dies der wahre Grund für die überraschende Absage der beiden Herren Bruhns sein, deren Verein durch die Bundesregierung gefördert wird? Wollte man es sich mit den Regierenden nicht verderben?

Cornelia Haase

     Ebenfalls zu Hause blieb Cornelia Haase, deren "Fall" immer wieder durch die deutschen Medien läuft, weil ihr das Jugendamt sieben Kinder weg nahm, das Jüngste aus dem Kindbett. Zwei kleine Mädchen gab das Jugendamt dem Elternpaar inzwischen zurück. Allerdings ohne jedes elterliche Recht. Diese behält das Amt sich weiterhin vor. Da Herr Haase sich keinen Urlaub nehmen konnte, wagten die Eltern es nicht, die Kinder einer fremden Betreuungsperson anzuvertrauen, damit Conny nach Bozen reisen könne. Beide haben es bedauert. Ihre Kinder aber freuten sich. Sie konnten sie mit ihren Eltern eine Katzenschau besuchen, auf die sie sich schon lange gefreut hatten.

Großelternintiative BIGE

     Bedauerlicherweise musste auch die deutsche "Großelterninitiative" aus Nordrheinwestfalen absagen. Die beiden für die Reise nach Bozen motivierten Damen wurden anderweitig gebraucht. Eine von ihnen sollte soeben nochmals Oma werden. Die andere war zum Babysitterdienst eingeteilt.

Nadim und Solange Gemayel

     Last but not least konnte auch Nadim Gemayel, der seine Landsfrau Joumana Gebara als Vertreter des demokratischen Libanon unterstützen wollte, nicht kommen. Seine ebenfalls politisch agierende Mutter Solana Gemayel, die ihn begleiten wollte, war in Beirut aus beruflichen Gründen festgehalten worden.

Das Publikum trudelt ein

     Trotz dieser Absagen füllt sich der Festsaal im Bozener Rathaus mit Zuhörern nach und nach. Bekannte und unbekannte Gesichter sind darunter.
Die Bekannten gehören zu Müttern und Vätern aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien. Einige kennen sich aus Selbsthilfegruppen und deren Mitteilungsrunden wie die "auslandsliste" (http://www.kindesentziehung-ausland.de), in der sich viele Eltern binationaler Kinder austauschen, oder aus dem Verein "Väteraufbruch für Kinder e.V." (http://www.vafk.de), der sich als Anlaufstelle für ausgegrenzte Väter versteht, aber auch die eine oder andere Mutter integriert.
     Auch Großeltern, die um ihre Enkel kämpfen, und so genante Zweitfrauen mit Patchworkfamilien, die um eine unkomplizierte Zusammenführung "deiner, meiner, unserer Kinder" ringen, mischen sich unters Publikum. Nicht nur Christine aus Würzburg, die eine Selbsthilfegruppe gegen PAS, das bekannte Elternentfremdungssyndrom, gründen will, stammt aus einer Familie, die seit Generationen Geschiedene hervorbringt. Alle diese Menschen haben eines gemeinsam: Das Leid um ihre Kinder, die sie nicht oder viel zu selten sehen dürfen, und den Kampf gegen die Windmühlenflügel des Jugendamts und der ihm angeschlossenen Familiengerichtsbarkeit.
     Man begrüßt sich, umarmt sich, stellt sich vor. Endlich sehe ich, wer sich hinter dem Nickname "RitterderKNuss" verbirgt. Sein Kommen ist eine freudige Überraschung, besonders für Joumana Gebara. Im Handgepäck hat er die ersten Kapitel seiner Novelle dabei, zu der ihn ihre Geschichte inspirierte. Als ich später darin zu lesen beginne, lese ich mich fest. Sie ist spannend, in vielen Szenen beeindruckend dicht geschrieben. Hoffentlich findet sich ein Verlag, der sie drucken wird.
     Zusätzlich stellt sich die interessierte Bevölkerung ein, die bereits Tage zuvor mit Hilfe von Plakaten, Handzetteln, Zeitungsinseraten, Radiosendungen und zahllosen Telefonaten informiert wurde. Mitglieder diverser Frauenorganisationen, Frauenselbsthilfegruppen und Frauenvereine sind dabei. Einige von ihnen hatten bereits kurz zuvor, am achten März, dem "Tag der Frau", der in Bozen mit einer großen Frauenbuchausstellung im Frauenmuseum gefeiert worden war, ihr Interesse bekundet und Unterstützung zugesagt. Mütter zumeist, deren öffentliches Engagement für Frauen, Kinder und Familie bekannt ist. Sie alle haben die Information an ihre eigenen Verteiler weitergeleitet. Am Ende sind schätzungsweise siebzig Personen da.

Geladene Honoratioren aus Bozen

     Die Liste der geladenen Gäste ist lang. Bei vielen von ihnen ist Joumana Gebara persönlich mit einem Exemplar unseres Buches vorstellig geworden. In Telefonaten und eMails haben wir gemeinsam jeden einzelnen potentiellen Gast eingeladen und in Bozen - anders als in Deutschland - keine einzige desinteressierte Absage erhalten.
Jugendbehörde und Polizei entsenden Vertreter. Eine Landtagsabgeordnete entschuldigten sich ausdrücklich mit großem Bedauern. Sie konnte nicht dabei sein, weil sie an einer Sitzung zu dem soeben in Italien verabschiedeten Gesetz zur Neuregelung der elterlichen Sorge teilnehmen musste. Erstmals ordnet dieses Gesetz in Italien die grundsätzlich gemeinsame elterliche Sorge an und löst die bisherige Regelung ab, nach der Mütter automatisch das Recht erhielten, mit den Kindern in der Familienwohnung zu bleiben.

Geladene Honoratioren aus Deutschland

     Die deutsche Bundesfamilienministerin hingegen kann keine Zeit für Bürgeranliegen aufwenden. Sie ist zu sehr mit ihrem neuen Amt und ihren eigenen Kindern beschäftigt, lässt sie durch einen Pressesprecher ausrichten. Der deutsche Bundespräsident(pdf) verweist auf die Zuständigkeit der Gerichtsbarkeit. Der Innenminister aus Nordrheinwestfalen, dem Bundesland, in dem Joumana Gebara mit ihren Kindern lebte, reagiert erst gar nicht auf die Einladung. Auch Alice Schwarzer, die große Feministin, die sich doch so vehement für das Recht aller Mütter und Frauen auf Arbeit und Karriere trotz Kinder einsetzt, antwortet nicht auf unsere Einladung.

Persönliche Freunde

     Nicht zuletzt trudeln persönliche Freunde der Familie Gebara ein. Valeria, die Tochter, kommt mit ihren besten Freundinnen. Die kleinen Brüder bleiben zu ihrem Schutz in sicherer Obhut. Uns ist kurze Zeit vor der Veranstaltung zu Ohren gekommen, dass einer der Väter sich mit einem ehemaligen Polizisten aus einem organisierten deutschen Väterverein zusammengetan habe, um die kleinen Jungen während unserer Veranstaltung zu schnappen und nach Deutschland zurück zu holen.
     Ich selbst werde von meinem Ehemann sowie von meinem Sohn Dominik und Daniele Aprile begleitet.

"Jazz Fizz" aus Mannheim

     Musik, wünschten wir uns, sollte an einem für uns so wichtigen, aufregenden und zugleich freudigen Tag wie dem 10. März nicht fehlen. Musik aus der Konserve kam nicht in Frage. Lebendige, starke, originelle Musik sollte es sein. Symbol für unsere eigene Aufbruchstimmung. Musik, wie die von "Jazz Fizz". Was lag näher, als das Mannheimer Akkustik-Duo zu buchen?
     "Jazz Fizz" besteht aus Daniele Aprile, einem jungen Gitarristen aus Mannheim mit sizilianischen Vorfahren, und Dominik Jäckel, Sänger aus Oberkirch und zweitgeborener meiner drei Söhne.
     Daniele Aprile ist Diplommusiker an der Gitarre und Gitarrenlehrer. Dominik ist ausgebildeter Jazz-Sänger und Gesangslehrer, studiert Germanistik und Anglistik und arbeitet seit mehreren Jahren als Journalist beim SWR-Sender "Das Ding" (http://www.dasding.de). Mit einer eigenwilligen Mischung aus amerikanischen und britischen Jazz&Soul-Songs präsentieren sie eine Emulsion aus zwei verschiedenen Genres, die sich gegenseitig beeinflussen, ohne ihr eigenes Spannungsfeld zu verlieren.
     Ihr Benefiz-Auftritt in Bozen ist allen entführten Kindern gewidmet.

Die Diskussion auf dem Podium und ihre Themenfelder

Das Jugendamt, eine "Kinderklaubehörde"?

     Als wir mit fast einer halben Stunde Verspätung auf dem Podium sitzen, beginne ich unsere Veranstaltung mit einer kurzen Vorstellung der Diskussionsteilnehmer und einer Einführung ins Thema. Für knapp zwei Stunden versuchen wir, Aufgabenstellung und Handlungsweise des deutschen Jugendamts vorzustellen, das Leid von Eltern und Kindern durch Umgangsverweigerung und Elternausgrenzung zu schildern und zu verdeutlichen, dass die Macht eines Jugendamts, das ohne Vorwarnung und in aller Heimlichkeit Kinder aus ihrer Familie reißt, obwohl es dazu keinen strafrechtlich ermittelten Grund und auch keinen richterlichen Beschluss gibt, begrenzt werden muss.

Fassungslosigkeit, Zweifel, Empörung

     Joumana Gebaras Leidensbericht, der durch andere Erfahrungen der anwesenden Eltern und Großeltern ergänzt wird, löst fassungsloses Kopfschütteln, ungläubiges Staunen und tiefe Empörung bei den Zuhörern aus. Keiner versteht, wie es möglich ist, dass Jugendamtsmitarbeiter Kinder heimlich und ohne Gerichtsbeschluss aus Kindergarten und Schule abholen und unauffindbar vor den eigenen Eltern verstecken dürfen. In Italien, so ist einhellig die Meinung, würde es wegen derartiger Willkürhandlungen einen Volksaufstand geben.

Südtiroler Gegen-Erfahrungen

     Eine Journalistin, die sieben Jahre lang in einer Rechtsanwaltskanzlei tätig war, erklärte, sie habe in diesen Jahren eine einzige Kindesherausnahme aus der Familie erlebt. Eine Mitarbeiterin der Jugendbehörde ergänzt, dass es in Italien keine Kindesentziehung ohne Gerichtsbeschluss geben dürfe. Wer als Jugendamtsmitarbeiter eigenmächtig handele, mache sich persönlich strafbar. Auch hinter dem Rücken der Eltern geschehe nichts. Im Gegenteil, um ein Kind aus seiner Familie abholen zu können, müsse den Eltern zuerst einmal der richterliche Beschluss vorgelegt werden. Dieser ergehe jedoch nur, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gebe. Und auch dann sei es keine Herausnahme für unbegrenzte Zeit, sondern die möglichst rasche Rückführung der Kinder oberstes Ziel.

Von Obrigkeitshörigkeiten und Fachlichkeitswahn

     Rechtsanwalt Carsten Rummel versucht, Verständnis für die Ursache des behördlichen Machtmissbrauchs zu wecken. Grund sei seiner Meinung nach die typisch deutsche Kultur und Mentalität aus Obrigkeitsgehorsam und Fachlichkeitswahn. Dahinter bleibe die Menschlichkeit auf der Strecke. Gäbe der typisch deutsche, obrigkeitshörige Einzelne dem Jugendamt nicht freiwillig und aus falschem Obrigkeitsgehorsam so viel Macht, hätte das Jugendamt diese Macht gar nicht. Von Gesetzes stehe sie ihm nämlich nicht zu.
Als Beispiel führt Herr Rummel das Verhalten der Väter im Fall Gebara an. Hätten diese sich die Einmischung des Jugendamts in ihr Privatleben verbeten, anstatt obrigkeitshörig der Weisung der Jugendamtsmitarbeiter zu folgen und der Mutter das Elternrecht entziehen zu lassen, hätte das Jugendamt keine Macht gehabt, die Kinder der Mutter weg zu nehmen und den Vätern zu geben.

Die Emotionen gehen hoch

     Bei den Eltern im Zuhörerraum, denen das Jugendamt ebenfalls ihre Kinder weg nahm, erregen diese Worte heftigen Unmut. Zeitweilig scheint es, als müsse Rechtsanwalt Rummel, der zweifellos auf der Seite der entrechteten Eltern steht, allen Zorn über sich ergehen lassen, der so manchem seiner Berufskollegen zugedacht ist. Man hat ja am eigenen Leibe erlebt, dass Gegenwehr gegen das Jugendamt nur ein Ergebnis nach sich zieht, nämlich den umgehenden Verlust der Kinder und oftmals persönliche Rachsucht der verantwortlichen Jugendamtsmitarbeiter. Nicht selten kommt in solchen Fällen der richterliche Zorn hinzu. Dieser wird vor allem dann zum Bumerang, sollten die ausgegrenzten Eltern es wagen, mit ihrer Klage an die Öffentlichkeit zu gehen. Wie im Fall Gebara reagieren Richter dann meist durch Kindesentzug, weil sie es sich nicht bieten lassen wollen, dass durch Presseberichte öffentlicher Druck auf sie ausgeübt und ihre richterliche Unabhängigkeit behindert werde. Oftmals legen Richter den an die Öffentlichkeit gehenden Elternteilen auch eine Art Maulkorb an, indem sie ihnen mit der Androhung von Kindesentzug und Umgangsverweigerung die Rede- und Meinungsfreiheit verbieten. Angeblich schädigen Eltern durch öffentliche Klagen gegen als ungerecht empfundene Richter und Jugendamtsmitarbeiter das Kindeswohl.

Der rechtsleere Raum des Jugendamts

     Man ist sich in der Diskussionsrunde einig, dass ganz sicher nicht alle Jugendamtsmitarbeiter gegen Eltern oder Elternteile agieren. Doch wenn sie es tun, geschieht es ohne persönliche Konsequenzen, obwohl bestimmte Sachbearbeiter tragische Fehlentscheidungen treffen. Wie Rechtsanwalt Rummel betont, arbeitet das Jugendamt im so genannten "rechtsleeren Raum." Auch er räumt ein, dass gegen den Machtmissbrauch des Jugendamts heute weniger denn je ein Kraut gewachsen ist. Seit Oktober 2005 gilt als neues Gesetz, dass Kinder bereits bei Verdacht sofort aus der Elternfamilie herausgenommen werden müssen. Auch ohne Gerichtsbeschluss. Jugendamtsmitarbeiter, die dies nicht tun, haften von nun an persönlich.
Wie Rechtsanwalt Rummel anmerkt, werden Jugendamtsmitarbeiter wegen dieses neuen Gesetzes künftig noch öfter Kinder aus ihren Familien heraus reißen als bisher. Die Angst vor der persönlichen Haftung geht um. Ist ein Kind aber erst einmal entzogen, gibt es zumindest für lange Zeit in der Regel kein Zurück nach Hause

Natasha Geburtstagsbrief an ihre verschwundene Tochter

     Mit Natashas Geburtstagsbrief an ihre zwölfjährige Tochter, die sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen hat, rufe ich Totenstille hervor. Natasha, die durch einen tragischen Unfall beide Füße unter Eisenbahnrädern verlor, ringt um Fassung. Sie wird nie verwinden, wie ihre Kinder durch die Väter entführt wurden, während sie im Krankenhaus lag. Gegen Väter und Jugendamt hatte sie keine Chance. Eine amputierte Mutter sei keine gute Mutter, hieß es.
     Auch Sabine, die um ihre Tochter Maëliss leidet, weint stumm. Sie hatte ihr Kind dem Vater vertrauensvoll zu einem Ferienaufenthalt aus den USA nach Deutschland geschickt. Es kehrte nie wieder nach Hause zurück. Die neue Frau des Vaters bekommt keine eigenen Kinder. Und das Jugendamt sieht das Kindeswohl des kleinen binationalen Mädchens in Deutschland besser gewährleistet als in den USA, der Schweiz oder Belgien, wo die Mutter inzwischen lebt und arbeitet.
     Auch in vielen anderen Augen glänzt es feucht.

Diane Burgy und der Präventionsgedanke

     Es wirkt wie eine kalte Dusche, als Diane Burgy von "FREDI. org" erklärt, die Liebe dauere erwiesenermaßen nur drei Jahre, danach sei harte Arbeit angesagt, um eine Paarbeziehung langfristig haltbar zu gestalten. Wer Kindesentzug und Umgangsboykott ausschließen wolle, müsse präventiv denken und handeln. Dazu gehöre, sich vor der Familienplanung über die Modalitäten einer Elternbeziehung zu beraten und sich nicht auf eine Schwangerschaft einzulassen, wenn man nicht genau wisse, wie der andere Elternteil darüber denke. Eine derartige Aufklärungsarbeit gehöre zu den Pflichten von Eltern gegenüber ihren heranwachsenden Kindern, aber auch in den Schulunterricht. Sie als Biologielehrerin vermittele dieses Wissen ihren Schülern und wünsche sich, dass dies überall so gehandhabt werde.

Eine alarmierende Studie

     Mike Anacker, der für das Jahr 2001 eine hochinteressante bundesländerübergreifende Studie zur Arbeit des Jugendamts erstellt hat, trägt einige Ergebnisse vor. Leider ist sein Vortrag zu umfangreich für unsere knappe Diskussionszeit, so dass er nur einige wenige Zahlen benennen kann. Es erschüttert sichtlich, dass Deutschland auf jährlich 170 000 Kinder, die ihren Eltern entzogen werden, rund 70 Milliarden Euro pro Jahr aufwendet, von denen etwa ein Drittel eingespart werden könnte, würde das Jugendamt nicht alljährlich 70 000 Kinder fälschlich ihren Eltern entziehen. Unglaublich auch, wie viel Geld Pflegeeltern für ihre Pflegedienste erhalten bzw. wie viel Geld Eltern für die ihnen entrissenen Kinder an Unterhaltsleistungen aufbringen sollen. Im Falle des Elternpaares Haase waren es bei sieben Kindern pro Kind 2 700 Euro pro Monat. Eine Summe, die der Alleinverdiener Haase niemals aufbringen könnte und deshalb aus den öffentlichen Kassen und den Taschen der Allgemeinheit der Steuerzahler fließt.

Ausgrenzung von Eltern durch behördlichen "Kinderklau", weil die Deutschen aussterben und nur die Kinder garantiert im Land bleiben, die in Deutschland von professionellen Bezugspersonen im allgemeinen Pool der "industriellen Familie" nach Friedrich Engels Vorbild aufgezogen werden?

     Joumana Gebara hat ihre Kinder auf eigene Faust zu sich nach Hause zurück und nach Südtirol/Italien geholt. Vor der deutschen Justiz ist sie deshalb eine Kindesentführerin. Darauf steht eine Haftstrafe. Ihre Helfer werden sich vielleicht gerichtlich verantworten müssen. Und die Kinder sollen zurück. Schließlich sind sie Deutsche, Mitglieder einer aussterbenden Rasse. Schon in wenigen Jahren werden Regionen, in denen bereits jetzt nur wenige Kinder aufwachsen, wirtschaftlich in die Knie gehen.
     Der größte Verliererkreis in Westdeutschland steht 2006 bereits fest. Es ist der Kreis Gelsenkirchen. Genau der Kreis, in dem Joumana Gebara mit ihren Kindern lebte.
     Klar, dass ihre Kinder nicht nach Italien umziehen sollten und jetzt nach Deutschland zurück geholt werden sollen. Sie sind Wirtschaftsfaktoren und Rentenzahler. Mehr noch, sie sind Kinder einer Akademikerin. Kinder einer Frauengruppe, die immer seltener Kinder bekommt. Kinder, die eines Tages vermutlich ebenfalls studieren werden und dann von der Wirtschaft mit dem Schmetterlingsnetz eingefangen werden, weil sie Mangelware sind.
     Als merkwürdig fällt auf, dass Nordrheinwestfalen, das Bundesland, aus dem Joumana Gebaras Kinder stammen, die höchste Adoptionsquote Deutschlands hat. Überdies ergeben sowohl die erste Auswertung meiner eigenen online-Umfrage zu Erfahrungen der Bevölkerung mit dem Jugendamt als auch Mike Anackers statistische Erhebungen eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Kindern, die ihren Eltern in NRW durch Jugendamt und Familiengerichtsbarkeit entzogen sowie in Pflegefamilien oder Kinderheime verbracht wurden.
     Der Zusammenhang ist klar. Häufig nehmen Pflegeeltern nur deshalb Pflegschaften an, weil ihnen kein Kind zur Adoption übertragen werden kann, man ihnen aber eine Dauerpflegschaft zusichert oder eine spätere Adoption des Pflegekindes in Aussicht stellt. Dieses System scheint erfolgreich zur Adoptionsvermittlung.

Noch ungeklärte Frage

     Noch ungeklärt ist, ob es direkte Zusammenhänge zwischen Kindesentziehungen und Kinderbedarf in Kinderpflegeheimen gibt. Immer wieder bin ich bei meinen Recherchen auf Personen gestoßen, die behaupteten, dass mit gezielten Kinderbeschaffungen und Abkassieren bei Eltern und/oder öffentlichen Kassen ein lukratives Geschäft zwischen einzelnen Jugendamtsmitarbeitern und einzelnen Heimleitern abgewickelt werde.
Legt man hier Summen zugrunde, wie sie sich aus der Zahlungsverpflichtung etwa der Eltern Haase ergeben, nämlich 7 x 2 700 Euro pro Monat, kann man einen solchen Verdacht nicht spontan von der Hand weisen. Hier muss die Zukunft die Fakten weisen.

Von der behördlich geförderten Pflegefamilienwelt

     Journalisten und andere Interessierte aus dem Publikum haken nach. Stimmen Mikes Ergebnisse, wäre es kein Wunder, dass bei einer so üppigen Bezahlung meist Mann und Frau als Pflegeelternpaar tätig werden und dafür jede andere Erwerbstätigkeit aufgeben. Bei Gericht wird die "heile Familie" der Pflegeeltern als einer der guten Gründe bewertet, Kinder ihren allein erziehenden leiblichen Elternteilen weg zu nehmen.
     Endlich und erstmals, so hieß es auch im Fall der Kinder Gebara, werde den Kindern so eine intakte Familie geboten, die sie zum Kindeswohl brauchten.
     Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass viele Pflegefamilien aus den Reihen der Mitarbeiter sozialer Dienste kommen oder nach einem Tageselternpflegekurs aus der Arbeitslosenstatistik fallen oder Pflegekinder annehmen, weil sie gerade neu gebaut haben. Ganze Internetseiten werben für die lukrative Tätigkeit und an Kindern mangelt es auch nicht.
     Joumana Gebaras älterer Sohn musste mit seinen neuen Pflegeeltern sogar nach Russland fliegen, um einer vor dem Jugendamt dorthin geflohenen jungen Mutter ihr deutsch-russisches Kind weg zu nehmen, das sie angeblich nicht selbst versorgen konnte.

"Ohne Zweifel für unsere Freundin Joumana Gebara"

     Joumana Gebaras Anwaltsteam Flavio Moccia und Chiara Bombardelli ist leider für die nicht italienisch sprechenden Zuhörer nur schwer verständlich. Die Synchronübersetzer sind etwas unerfahren in juristischem Fachvokabular. Dennoch wird klar, dass sowohl Rechtsanwalt Moccia als auch Rechtsanwältin Bombardelli voll und ganz hinter ihrer Klientin stehen und die Handlungsweise des deutschen Jugendamts mitsamt der zugehörigen Familiengerichtsbarkeit als Menschenrechtsverletzungen und Menschenhandel verurteilen.

Ende der Podiumsdiskussion

     Als die Diskussion sich gegen 12 Uhr im Kreis zu drehen beginnt, keine Pressefragen mehr kommen und die persönliche Betroffenheit Einzelner das zentrale Thema an den Rand schiebt, ist es Zeit, das Podium aufzuheben und sich vor dem Hintergrund von Jazz&Soul des Akkustik-Duos "Jazz Fizz" bei einem Gläschen Prosecco und frischen Brezeln zum ungezwungenen Gedankenaustausch im Foyer zusammen zu finden.

Abspann bei Musik und gutem Gespräch

Die Presse verlangt ihr Recht

     Joumana Gebara gibt indessen letzte Interviews für die Presse. Das Filmteam von ARTE France holt sich Elterngruppen zusammen, um möglichst viele O-Töne Betroffener zu sammeln.

Die Musik löst die Anspannung der letzten Stunden auf

     Mit Argusaugen bewacht, kommen die Gebara- Kinder. Sie haben sich auf das Fest im Saal und besonders die Musik gefreut, wollten unbedingt dabei sein. Ernsthaft geben sie den vielen Leuten die Hand, lassen sich geduldig streicheln und umarmen, als ahnten sie, dass es stellvertretend für andere, nicht anwesende Kinder geschieht.
     Die Musik zieht sie an, vertreibt den Ernst. Valeria und ihre Freundinnen wünschen sich ein Autogramm von "Jazz Fizz". Natasha bestellt ein besonderes Lied, kramt Texte aus ihrer Tasche hervor. Erinnerungen an glücklichere Zeiten brechen durch. Lachen kommt auf. Die Anspannung der letzten beiden Stunden löst sich auf.

Ende der Pressekonferenz

     Fast eine Stunde später als geplant, ist die Pressekonferenz gegen 14 Uhr vorbei. Joumana Gebara und ihre Familie gehen mit einigen persönlichen Gästen zum Mittagessen nach Hause. Wir anderen suchen zusammen eine nette Trattoria auf.

Ein Interview von ARTE-France und mir

     Für Olivier Karrer, das ARTE-France-Team und mich steht nach dem Essen ein Interview auf dem Plan. In unserem Hotel stellt uns der Empfangschef das große Frühstückszimmer zur Verfügung. Niemand ist drinnen. Nur schwach dringen Geräusche aus der Küche herüber. Das Licht ist ein bisschen schwierig. Aber mit dem Rücken halb schräg zur Fensterfront geht es.
     Gescheite und zugleich brisante Fragen stellt er mir, der blonde ARTE-Filmemacher aus der Normandie. Respekt. Jean-Yves Cauchard hat in den Wochen, in denen er sich mit dem Thema auseinandersetzen musste, Zusammenhänge recherchiert und durchschaut, vor denen die Damen und Herren in den höchsten politischen Rängen den Kopf in den Sand stecken.
     Olivier übersetzt alles, was ich nicht spontan verstehe, ins Deutsche und umgekehrt meine Antworten ins Französische. Seine perfekte Bilingualität als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, der in Frankreich aufgewachsen ist und in Deutschland studierte, zeigt auf eindrucksvolle Weise, was seinem eigenen binationalen Kind durch die Selbstsucht der Mutter verloren geht.

Die Buchpräsentation

Europa-Buchhandlung, Bozen

     Kurz vor 17 Uhr in der EUROPA-Buchhandlung Frau Waibls angekommen, wartet das Buch-Publikum schon ungeduldig auf uns. Ursprünglich hatten wir bei "Athesia", der größten Buchhandlung Bozens wegen einer Buchpräsentation nachgefragt. Joumana Gebara hatte persönlich vorgesprochen. Ich hatte telefoniert. Mein Verlag hatte mit dem Chef gesprochen. Dennoch waren wir abgeblitzt. Der Aufwand für Lesungen lohne sich nicht, hieß es. Die Südtiroler seien desinteressiert an derartigen Angeboten. Für eine Handvoll Leute bemühe man sich nicht.
     Im Gegensatz dazu liefen wir bei Frau Waibl offene Türen ein. Spontan sagte sie zu, für uns eine Buchpräsentation zu veranstalten und das Buch schon vorab zu bewerben, sobald es vom Verlag an sie ausgeliefert werde.
     Die Auslieferung des druckfrischen Buches begann ab dem sechsten Februar 2006. Bis spätestens zum 28. sollte der Buchhandel komplett beliefert sein. Tatsächlich erhielt Frau Waibl ihre bestellten Bücher express schon Mitte Februar zugestellt. Gleich gestaltete sie ihr Schaufenster zur Präsentationsbühne um.
     Wenig später entwarf und druckte das Verlagshaus Lübbe Plakate, die zur Verteilung an Frau Gebara geschickt werden. Auch Frau Waibl erbat sich einige davon und hängte sie ins Schaufenster. Eine Bilddatei des Plakats nutzte sie überdies zur Werbung und Einladung auf ihrer hauseigenen Webseite.
     Ich selbst erhielt von Lübbe neue Autorenkarten mit genügend Platz für ein Autogramm sowie die Zusage für eine kleine finanzielle Unterstützung wegen der für die Veranstaltung anfallenden Kosten.

Eine Lesung als Festakt

     Als ich die Buchhandlung betrete, erfasse ich auf den ersten Blick, wie schön Frau Waibl alles für einen kleinen Sektempfang mit köstlichen Canapés hergerichtet hat. Die Buchhandlung ist proppevoll mit erwartungsvollen Gästen. Sie sitzen auf den Treppen und Podesten, drängeln sich neben den Bücherregalen, schauen und hören von der oberen Galerie zu. Als Joumana Gebara nach ihrem Buch greift und es aufblättert, breitet sich Schweigen aus.
     Das dunkle Auge der ARTE-Kamera verfolgt jede Regung mit, als sie zu lesen beginnt. Sie wählt Seiten über ihre Kindheit und Jugend aus. Wie begeistert sie und ihre Landsleute im Libanon von Deutschland waren. Eine stolze, starke Frau wie die Nachkriegstrümmerfrauen wollte sie werden, nahm sie sich vor. Nach Deutschland zu kommen, war wie eine Eintrittskarte ins Gelobte Land.
     Die Zuhörer lauschen, denken mit, fragen. Im Gespräch werden Zusammenhänge klar, obwohl diese nur angerissen werden können.
     Bald löse ich Joumana Gebara im Lesen ab. Ich wähle ein Kapitel aus, wie der Mutter bei ihrem ersten Auftritt vor Gericht begegnet wurde und was ihr älterer Sohn in den Pflegefamilien erlebte, in denen er versteckt gehalten wurde.
     Zwei mir gegenüber sitzende Damen, die anfangs durch skeptische Fragen auffielen, erblassen zusehends, schütteln nur noch den Kopf. Joumana sitzt gekrümmt. Ihr Gesicht ist nackt vor der schon wieder näher rückenden Kamera. Während ich lese, denke ich flüchtig daran, wie viel Leid der ARTE-Film bereits gespeichert hat. Aber ob die Verantwortlichen in Politik und Behörden ihn überhaupt wahrnehmen, ernst nehmen?

Die Diskussion nach der Lesung

Von Kindern als Humankapital

     Das moderne Deutschland ist nicht das Nachkriegsdeutschland, von dem Joumana Gebara im Libanon schwärmte, stellen wir in der Diskussion nach der Lesung fest. Damals, trotz Not und Wiederaufbauarbeit, gilt die Familie noch etwas. So wenige Kinder wie im heutigen Deutschland wurden zuletzt im Kriegsjahr 1945 geboren. Danach steigen die Zahlen rasch an. Alle Hände werden gebraucht. Damals geht es bergauf. Heute geht es bergab. Wie sehr bekommt Joumana Gebara zu spüren, als sie nach ihrem Studium arbeitslos ist und keine Chance hat, einen Arbeitsplatz zu finden, der sie und ihre drei Kinder ernährt.
     Obwohl sie mehrere Sprachen beherrscht und ein Betriebswirtschaftsdiplom in der Tasche hat, wird sie in Deutschland nicht gebraucht. Das Land spuckt sie quasi aus, schickt sie auf Jobsuche ins Ausland. Um sie als kostenintensive Arbeitslose los zu werden, finanziert man ihr nicht nur die Arbeitsplatzsuche, sondern auch die Wohnungssuche und vorübergehend eine Betreuungskraft für ihre Kinder. Arbeitsamt und Jugendamt agieren Hand in Hand. Sogar der Umzug wird bezahlt.
     Doch als Joumana Gebara das Unwahrscheinliche gelingt und sie mit einem gültigen Arbeitsvertrag nach Italien ausreisen will, legt Deutschland plötzlich die Hand des Jugendamts auf sein "Humankapital" und behält ihre Kinder zurück.
     Offiziell begründet das Jugendamt diese Maßnahme mit der Behauptung, die Mutter habe ihre Kinder seit Jahren vernachlässigt, weil sie erwerbstätig außer Haus gehe, obwohl sie dazu nicht verpflichtet sei, sondern Anspruch auf Fürsorgeleistungen habe. Sie habe durch ihre Arbeit die Kinder vernachlässigt und wolle lieber Geld verdienen, als Mutter sein. Eine geradezu absurde Behauptung in einem Land, dessen politischer Wille die Fremdbetreuung von Kindern um der Erwerbstätigkeit der Mütter willen schon fast erzwingt.
     Der Verdacht liegt nahe, dass in Wahrheit etwas ganz Anderes dahinter steckt. Nämlich eiskalt berechnendes politisches und wirtschaftliches Kalkül mit dem deutschen "Humankapital", das vom Aussterben bedroht ist und deshalb schon jetzt eine Massenflucht von Wirtschaftsunternehmen ins Ausland bewirkt, wo diese Art Kapital noch im Überfluss vorhanden ist.

Vom auf dem Kopf stehenden Bevölkerungsbaum

     Kinder und Familien waren seit Menschengedenken die wichtigste, daher beschützteste Keimzelle der Gruppe und später auch des Staates. Heute sind sie Mangelwaren in Deutschland. Der Bevölkerungsbaum steht Kopf. Die Überalterung steigt unaufhaltsam. Kinder braucht das Land. Die Bevölkerungswissenschaftler schlagen längst Alarm. In wenigen Jahren schon werde sich der Wirtschaftsstandort Deutschland wegen dieses Kindermangels und generellen Nachwuchsmangels nicht mehr in seiner derzeitigen Qualität halten lassen.
     Dennoch wollen und bekommen immer weniger Deutsche Kinder. Besonders Gebildete werden immer seltener Eltern. "Die falschen Leute" bekämen Kinder, wie die Politik beklagt und dem Beruf der Tagesmutter und Pflegeeltern durch staatliche Fördermaßnahmen Aufschwung verleiht, um auch Akademikerinnen und andere gut ausgebildete Frauen zu motivieren, trotz Karriere-Ehrgeiz Mutter zu werden.

"Schrumpfgermanen"

     Ohne den Zuzug von jährlich über hunderttausend gut ausgebildeten jungen Menschen werde Deutschland über kurz oder lang aussterben, verkündeten Bevölkerungswissenschaftler bereits vor Jahren. Anlässlich einer Diskussion über Familienpolitik und Bevölkerungsfrage, zu der ich auf der CEBIT in Hannover geladen war, wiesen die Experten darauf hin, dass die aktuelle Abtreibungsquote seit über drei Jahrzehnten alljährlich genau das Kinderdefizit ausmache, welche das Aussterben verhindern könne.

Kindermangel als Erziehungsergebnis und die Folgen

     Wie oft habe ich schon an die Instruktionen gedacht, die uns Jugendlichen während meiner Schulzeit und Studentenjahre erteilt wurden. Als erste Nachkriegsgeneration aufgewachsen, wurde uns von Lehrkräften in der Schule und später von den heute das Land regierenden "68er"-Revolte-Studenten klipp und klar gesagt, dass wir als Deutsche wegen der weltweiten Überbevölkerung auf eigene Kinder verzichten und lieber schwarze Kinder adoptieren sollten.
     Mit den großen Adoptionszahlen hat es nicht so geklappt. Aber mit dem Verzicht auf eigene Kinder umso besser. Erst vor wenigen Jahren verkündeten die Teilnehmerinnen des Weltfrauentages in Peking, dass das Wort "Mutter" eine Diffamierung der Frau darstelle. Frauenzeitschriften, die das Lob der "Business-Lady" verkündeten, spotteten über Mütter als "das Mutti". Radikale Feministinnen bekämpften Hausfrauen und nicht erwerbstätige Mütter öffentlich als "Schmarotzerinnen". Immer neue Studien führten jungen Leuten erschreckend vor Augen, wie unbezahlbar und Beziehungen störend Kinder seien. Elternversagen wurde zum Alltagsthema von Talkshows und der falsche Anschein erweckt, die Masse der Jugendlichen sei dumm, brutal, Alkopops verfallen und unerziehbar. Und auf großen Wahlplakaten derer, die "Familie ist out, Alleinerziehend ist in" proklamierten oder Väter in Bausch und Bogen als "Täter" abstempelten, stand in Berlin breit und rot zu lesen: "Falsch rum ist richtig rum."
     Vor dreißig, vierzig Jahren gehörten Kinder auch in Deutschland ganz selbstverständlich dazu. Inzwischen zeigen Studien, dass deutsche Eltern sich im weltweiten Vergleich am stärksten durch Kinder gestresst fühlen. Und 78 Prozent aller deutschen Mütter und 66 Prozent aller Väter haben so große Angst um ihre Kinder, dass immer mehr Menschen lieber auf Kinder verzichten, als sie in eine so gefährlich scheinende Welt hinein zu gebären, und immer mehr Minderjährige psychologische oder therapeutische Hilfe benötigen. Schon mit drei Kindern steht man verpönt im Verdacht, entweder asozial oder stinkreich zu sein. Und wer beim Jugendamt denunziert und aus dem Leben der eigenen Kindern ausgegrenzt wird, steht nur allzu oft plötzlich ganz ohne da und zahlt für eine Phantomfamilie.
     Selten wird öffentlich bekundet, dass die Wirtschaft längst auf derartige Hiobsbotschaften reagiert. Während in Deutschland gleichzeitig Massenarbeitslosigkeit und Facharbeitermangel herrschen, weil der Bildungsnotstand ausgebrochen ist, wie die schulischen Pisa-Studien zeigen, und folglich immer weniger Menschen erfolgreich eine qualifizierte Ausbildung absolvieren, stellen ins Ausland umgesiedelte deutsche Firmen manchmal an einem einzigen Tag und kurz darauf erneut tausend und mehr neue Arbeitskräfte ein. Nur so, teilen sie mit, lasse sich der wirtschaftliche Zusammenbruch in Deutschland verhindern.

"Kinderklau" statt Geburtensteigerung?

     Haben also ausländische Eltern, die ihre nach Deutschland verschwundenen Kinder nicht mehr sehen dürfen, mit ihrer Vermutung Recht? Lässt man in kinderarmen Zeiten wie diesen aus politischem Kalkül keine deutschen oder binationalen Kinder ins Ausland auswandern? Sind Kinder aus politischer und wirtschaftlicher Sicht nur mehr "Humankapital" und Wirtschaftsfaktoren? Wie berechnet man ihren Wert? Indem man die Investition der öffentlichen Hand in das Kind gegen die zu erwartenden Steuern und sonstigen Zwangsabgaben der erwachsenen Person aufrechnet?
     Die "Aufzucht" eines Kindes bis zur Volljährigkeit koste durchschnittlich ein luxuriöses Einfamilienhaus, führen diverse Studien aus. Hinzu kommen Leistungen der öffentlichen Hand für Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Betreuung, Bildung, Ausbildungsbeihilfen, Stipendien und vieles mehr. Ein Kindergartenplatz zum Beispiel verbrauche monatlich 2000 Euro pro Kind, heißt es. Immer mehr Kinder leben mit ihren Eltern am Rande der Armutsgrenze von sozialen Leistungen und aus der Armenküche sozialer Brennpunkte.
     Ist das der wahre Grund dafür, dass Joumana Gebaras Kinder in Deutschland bleiben sollten, obwohl sie selbst quasi ins Ausland abgeschoben wurde? Wenn sie als Arbeitslose ging, bedeutete das für Deutschland eine erhebliche Kostenersparnis. Wenn ihre Kinder gingen, würde es hingehen Verluste bedeuten. Immerhin hatte Deutschland nicht nur per Unterhaltsvorschuss und andere Leistungen in diese Kinder investiert. Es würde durch ihre Auswanderung auch um die zu erwartenden Einnahmen aus künftigen Abgabenleistungen der Kinder geprellt.

Der genormte Bürger als global einsetzbarer Arbeitnehmer?

     "Gilt diese Rechnung auch für alle die anderen binationalen Kinder?", fragen die Zuhörer in der Europa-Buchhandlung beklommen. "Verlieren deshalb immer mehr ausländische Elternteile jedes elterliche Recht und jeden elterlichen Umgang mit ihren in Deutschland zurück gehaltenen Kindern? Können diese nur ohne ihren ausländischen Elternteil, wie es in einem aktuellen Familiengerichtsurteil heißt, problemlos und vollständig "germanisiert" und als vollwertiges deutsches Humankapital genutzt werden?"
     "Und gilt diese Rechnung womöglich sogar für all jene deutsch-deutschen Kinder, die das Jugendamt ihren leiblichen Eltern entreißt, weil diese Eltern auf irgendeine bestimmte Weise nicht der ordentlichen deutschen Eltern-Norm entsprechen? Werden deshalb vorzugsweise sozial schwachen und kinderreichen, angeblich zu dummen oder gar behinderten Eltern ihre Kinder entzogen?"
     Familie Kutzner (http://www.vaeterfuerkinder.de/munsster.htm#Kutzner)war angeblich zu dumm, um ihre beiden Kinder selbst großziehen zu können. Familie Haase war angeblich unfähig, ihren sieben Kindern Grenzen zu setzen. Sabrina Meiering (http://www.jugendamt-opfer.de) war angeblich zu unfähig, ihren Haushalt allein zu bewältigen. Joumana Gebara war angeblich zu arbeitsgeil, um Mutter zu sein. Sabine Vander Elst verlor ihr Kind an den deutschen Vater, weil sie es angeblich im Stich gelassen habe. Natasha Chudoba hat kein Umgangsrecht mehr mit ihren beiden Kindern, weil sie an beiden Beinen amputiert ist und Spezialstiefel zum Gehen braucht. Angeblich kann sie als Behinderte ihre Kinder nicht angemessen versorgen. Die kleine Melly hat das Jugendamt ihren Eltern entrissen, weil der Vater blind und die Mutter sehbehindert ist und auch sie das Kind angeblich nicht richtig versorgen können.
Die Reihe der "irgendwie" nicht ins Bild der Familie Mustermann passenden Eltern, denen amtlicher Kindesentzug widerfuhr, ließe sich seitenlang fortsetzen. Warum? Stecken Jugendamt und Familiengerichte diese Kinder in amtlich ausgewählte, behördlich kontrollierte und bezahlte Bereitschaftsfamilien und Pflegefamilien, Kinderheime und betreute Wohngemeinschaften, damit sie in staatskonformen "heilen" Familien erzogen werden und eines Tages passgenaues staatliches Humankapital darstellen?

"Kinderklau" verheilt nie

     Ausländische Eltern behaupten auch, Deutschland "klaue" ihnen ihre binationalen Kinder, um Unterhaltsleistungen in die leeren Staatskassen zu fassen. "Humankapital", das im Ausland weg genommen und in Deutschland aufgenommen wird, sei zugleich ausländischer Verlust und deutscher Gewinn. Sie alle, rechnen sie vor, hätten ein Vermögen, oft ihre gesamte wirtschaftliche Existenz und Gesundheit verloren, weil der Rechtsstreit um ihre Kinder sowie die aus Deutschland erhobenen Unterhaltsleistungen sie ruinierten. Geld, das die deutsche Wirtschaft unterstütze, weil es aus dem Ausland zufließt und gleichzeitig die ausländische Wirtschaft schwäche, weil es ihr nicht zugute kommt.
     Schon hebt überall im Ausland die unvergessliche, nie verheilende Erinnerung an den Menschen verachtenden Himmler-Gedanken des Lebensborn-Vereins der Nazi-Zeit ihr Medusenhaupt. Damals schrie Himmler, er werde Kinder für das durch Krieg und Abtreibungen ausblutende Deutschland rauben, wo immer er sie kriegen könne. Den Feind durch Kinderverlust schwächen, heiße, Deutschland durch Kinderzugewinn stärken.
     Wenn heutige polnische Eltern, die in Deutschland leben, ihre binationalen Kinder nur deshalb nicht sehen dürfen, weil sie mit ihnen polnisch sprechen wollen, brechen unverheilte alte Wunden auf.
     Menschen, die einmal so deutschfreundlich waren, dass sie ein Kind mit einem deutschen Lebensgefährten bekamen, werden durch Kindesentziehung und Umgangsverweigerung zu unversöhnlichsten Feinden. Ihre Botschaft vom neuen deutschen behördlichen Kinderklau reicht in Zeiten des Internet täglich vielfach um die Welt

Mein Bozener Fazit

     Ganz sicher konnten wir in Bozen nicht alle Problemfelder aufdecken. Ohne Zweifel gibt es Überlegungen, die uns nicht in den Sinn kamen. Und leider konnten wir keine garantiert funktionierenden Lösungen zur Abhilfe erarbeiten. Dennoch haben wir alle zusammen etwas bewegt.
     Wir haben viele Menschen in Südtirol-Italien aufhorchen lassen und nachdenklich gestimmt. Wir haben ein großes Presse-und Medien-Echo ausgelöst. Anfragen aus anderen Teilen Südtirols zu Lesungen liegen bereits vor. Weitere Medienberichte werden folgen, werden andere Eltern erreichen, die ihre Politiker ebenfalls dazu anregen werden, Fragen zu stellen und Kinder zu schützen. Öffentlichkeit wie diese verpufft nicht unbemerkt.
Noch steht der Satz der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin im Raum, dass Deutschland keine eigenen Kinderrechte brauche und bekommen werde, da Kinderrechte im Elternrecht verankert seien. Doch auch Deutschland hat die UN-Kinderrechtkonvention unterzeichnet, die Kindern eigene Rechte zubilligt. Eines dieser Rechte ist das Recht aller Kinder auf die eigene Familie und die Unantastbarkeit ihrer Würde. Dafür sind wir in Bozen aufgestanden.

Ich danke allen, die mit uns waren.

Karin



Dank an Olivier Karrer, der meinen Bericht über die Pressekonferenz am 10. März 2006 in Bozen ins Franzsösische (pdf) übersetzte. Seine Übersetzung entspricht in verschiedenen Passagen nicht meinem Originaltext, sondern gibt seine persönliche Meinung und Sicht der Dinge wider.




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